Mit dem Laufen begonnen, den Krebs besiegt

Vom übergewichtigen Kettenraucher zum Halbmarathon-Läufer. Auf dem Weg in ein neues Leben hat Stephan seinen Alltag aufgeräumt und den Krebs bezwungen. Hier erzählen wir seine Geschichte.

Marathon in Köln. Stephan steht an der Strecke und schaut den Läufern zu, wie sie ins Ziel laufen. „Ich dachte geil, das will ich auch mal erleben. Wenn andere das können, muss das bei mir doch auch gehen.“ Allerdings: Er wiegt zu diesem Zeitpunkt 97 Kilo bei einer Größe von 1,77 Metern. Und raucht täglich rund zwei Schachteln Zigaretten.

Dass er unsportlich ist, kann man allerdings nicht sagen. „Ich habe immer Sport gemacht und habe auch mal hauptberuflich als Fitnesstrainer in Köln gearbeitet.“ 2005 macht er sich dann allerdings als Vermögensberater selbständig und der Sport wird erst einmal hintenangestellt. 92 Kilo trainierte Masse werden zu 92 Kilo untrainierter Masse. Später kommen noch einmal fünf Kilo dazu. Um ein wenig Gewicht zu verlieren, dreht er regelmäßig mit dem Mountainbike seine Runden. Laufend ist er allerdings nicht unterwegs.

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Erst müssen die Pfunde purzeln, dann wird gelaufen

Stephan
"Fast alles im Leben ist Kopfsache. Mit einer positiven Einstellung und dem richtigen Willen ist alles zu schaffen" - und Stephan weiß, wovon er redet. ©JörgSchüler

Vor vier Jahren will er dann aber etwas Abwechslung zum Radfahren und beginnt zu laufen. „Schon nach kurzer Zeit haben mir die Knochen wehgetan.“ Der Gedanke, das Laufen sein zu lassen, ist da. So richtig davon verabschieden will sich Stephan aber doch nicht und legt erst einmal eine Pause ein. Das erste Problem ist schnell behoben: Die alten Laufschuhe, die er noch daheim hatte, ersetzt er nach einer Laufbandanalyse durch für ihn passende Treter.

Das zweite Problem ist nicht ganz so schnell gelöst: Die Pfunde müssen purzeln. „2011 habe ich von einem auf den anderen Tag mit dem Rauchen aufgehört. Rund 30 Zigaretten habe ich zu dem Zeitpunkt täglich mindestens geraucht.“ Die Nachbarn feiern die Geburt des Kindes, Stephan feiert mit und raucht so viel, dass er sich am nächsten Morgen grässlich fühlt und keine Zigarette mehr anrührt. „Auch wenn die ersten Tage hin und wieder etwas haarig waren.“ Die Glimmstängel sind verbannt, dafür ist Haribo seine alte und neue Leidenschaft. „Ein Kilo in zwei Tagen war schon machbar.“ Problemlos setzt er auch zwei Kilo in zehn Monaten an. „Da habe ich beschlossen, was an der Ernährung zu drehen“, erzählt er. Mit dem Konzept des Tänzers und Choreographen Detlef D! Soost, bekannt vor allem aus der TV-Castingshow „Popstars“, nimmt er innerhalb von zehn Wochen elf Kilo ab. Irgendwann schafft er es sogar bis auf 80 Kilo.

Also steht dem Laufen nichts mehr im Wege. „Am Anfang habe ich mir gedacht, wenn du fünf Kilometer schaffst, dann ist das schon cool. Irgendwann bin ich zehn gelaufen und habe mich gefühlt wie nach einem Halbmarathon“, blickt er schmunzelnd auf seine Laufanfänge zurück. Mit einem Bekannten unterhält er sich über den Bonn-Marathon – und meldet sich einfach an. Das Ziel ist gesetzt: 6. April 2014. Das Training beginnt. Zu diesem Zeitpunkt weiß er nicht, dass er an diesem Tag gegen etwas ganz anderes kämpfen wird als gegen den inneren Schweinehund und müde Beine.

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Der Kampf gegen den Krebs beginnt

Ende Januar 2014 geht er mit einem Kollegen laufen. Sie starten an ihrem Büro in Nideggen bei Düren in der Eifel. Als Stephan danach unter der Dusche steht, fühlt er einen Knoten am Hoden. Einer seiner Kunden in seinem Alter hatte vor ein paar Jahren Hodenkrebs, seitdem ist Stephan für das Thema sensibilisiert. Danach geht alles ganz schnell: „Am 5. Februar war ich beim Urologen. Beim Ultraschall wurde ein Tumor gefunden. Am nächsten Tag habe ich im Büro meine Vertretung organisiert, am 7. Februar wurde der Hoden operativ entfernt. Drei Tage später war ich wieder daheim.“ Doch das Thema ist damit nicht ausgestanden. Die Ärzte raten ihm zu einer Chemotherapie. Am besten sofort. „Zuerst stand ich da, habe angefangen zu heulen und mich gefragt, wieso ausgerechnet ich. Ich habe dann recherchiert und rausgefunden, dass Männer, die als Kind einen Hodenhochstand hatten, zur Risikogruppe gehören. Das war bei mir so.“

Stephan erbittet sich eine kleine Schonfrist. Anfang März hat er mit seiner Frau und Freunden ein Haus gemietet, zusammen wollen sie ein schönes Wochenende verbringen. Die Ärzte geben ihr Okay. Am Montag nach dem gemeinsamen Wochenende, am 10. März 2014, beginnt seine Chemotherapie im Krankenhaus in Düren. Unterstützung erhält er nicht nur von seiner Frau und Familie, sondern auch von Kollegen, die ihn im Gemeinschaftsbüro vertreten. „Die Ärzte haben gesagt, wir hauen mit allem drauf, was wir haben, sie sind jung, sie sind fit. Wir geben Vollgas, wir bekommen sie wieder gesund“, erinnert er sich.

Auch während der Chemotherapie immer in Bewegung

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Auf diese Medaille ist Stephan besonders stolz: 2014 finishte er – nur fünf Monate nach seiner letzten Chemotherapie-Infusion – seinen ersten Halbmarathon in Köln. ©Jörg Schüler

Über einen zentralen Venenkatheter in der Halsschlagader laufen über den ganzen Tag fünf Liter Flüssigkeit in seinen Körper. Jeden Tag von Montag bis Freitag. Und Stephan wartet darauf, dass es ihm schlecht geht. Doch erst am Freitag, am Tag bevor er nach Hause darf, setzen leichte Nebenwirkungen ein. Durchfall, Bluthochdruck. Am Samstag ist er daheim, aber es geht ihm so schlecht, dass er sich am Sonntag von seiner Frau wieder in die Klinik bringen lässt. Dort muss er wegen schlechter Blutwerte auch am Montag bleiben, normalerweise wäre er an diesem Tag nur ambulant in der Klinik gewesen. Auch seinen Geburtstag verbringt er wegen schlechter Blutwerte isoliert im Krankenhaus. Der 6. April, der Tag seines geplanten Halbmarathonstarts in Bonn, fällt voll in seine Chemotherapie. Mit seiner Frau fährt Stephan trotzdem in die ehemalige Bundeshauptstadt und schaut sich die Veranstaltung an. „Da habe ich mir gesagt, dann laufe ich halt im Herbst in Köln.“

So schlecht es ihm während der Chemotherapie-Behandlung teilweise geht, Stephan bleibt die ganze Zeit über in Bewegung. „Ich bin kein einziges Mal zu meinem Zimmer im dritten Stock mit dem Aufzug gefahren, sondern habe immer die Treppe genommen. Ohne das regelmäßige Training vorher wäre das nicht möglich gewesen.“, erzählt er. Wann immer es möglich ist, geht er während der Behandlung spazieren. Beim zweiten Chemo-Zyklus ist er von Montag bis Freitag im Krankenhaus, danach noch zweimal montags ambulant. Alles läuft nach Plan. „Dann war die Nummer durch und die Blutwerte wurden langsam besser. Bis zum 14. April ging die Chemotherapie, und am 25. April habe ich bei der Nachuntersuchung gefragt, ob ich wieder laufen darf.“ Die Ärzte geben ihm grünes Licht, mit der Einschränkung, auf die Erschöpfungssignale des Körpers zu achten. Das geht am Anfang auch gar nicht anders. „Die ersten fünf Kilometer haben sich angefühlt wie 15.“

Auch wenn Stephan das Laufen am Anfang schwerfällt, es hilft ihm, alles zu verarbeiten, was passiert war. „Es hat mir gezeigt, dass ich wieder gesund bin. Und ich habe relativ schnell Fortschritte gemerkt. Ein bis zwei Wochen bin ich fünf Kilometer gelaufen, dann sieben. Das Laufen hat mir sehr viel gegeben. Ich war draußen und konnte schön frei ein- und ausatmen. Das Erleben der Natur und gleichzeitig das Hinarbeiten auf etwas, haben mir Kraft gegeben“, erzählt er. So viel Kraft, dass er am 14. September, genau fünf Monate nach seiner letzten Chemo-Infusion, tatsächlich zusammen mit einem Bekannten in Köln beim Halbmarathon am Start steht. „Bis Kilometer 17 haben wir noch Witze erzählt, irgendwann habe ich dann einen Tunnelblick bekommen und nicht mehr geredet. Ab Kilometer 19 ist mir dann bewusst geworden, was da passiert ist. Das war schon ganz schön emotional“, weiß er noch heute genau, wie er sich gefühlt hat. „Der Zieleinlauf war gigantisch, vor allem wegen des Blicks auf den Dom.“

Heute fühlt er sich unglaublich fit

2015 holt er dann das nach, was ihm im Jahr zuvor wegen der Behandlung im Krankenhaus durch die Lappen ging: der Start in Bonn. „Das war Ehrensache.Bonn war in einer gewissen Weise schon emotional, weil ich da im Jahr davor nicht laufen konnte, aber Köln hat mich noch mehr geflasht. Gerade weil es der erste Halbmarathon war.“ Es sollen noch so einige Läufe folgen. „Irgendwann will ich den Halbmarathon unter zwei Stunden laufen. Aber viel schneller muss es nicht sein, ich will ja auch ein bisschen was von der Stadt sehen“, erzählt er schmunzelnd. Und auch einen Start über die komplette Marathondistanz will er nicht ausschließen. „Nächstes Jahr werde ich 40, vielleicht ist das ja der richtige Zeitpunkt.“

Eins ist jedenfalls sicher: Auch wenn die Rückstände der Chemotherapie erst nach zehn Jahren komplett aus dem Körper heraus sind – schon heute fühlt er sich unglaublich fit. Nicht zu vergleichen mit der Zeit, als er noch regelmäßig rauchte und an den 100 Kilo kratzte. Und anstatt einer Zigarette hat er heute auch viel lieber die Laufschuhe in der Hand – um sich für den nächsten Lauf fertigzumachen.

Stephans Tipp für Lauf-Einsteiger
Stephans Tipp für Lauf-Einsteiger

Fast alles im Leben ist Kopfsache. Mit einer positiven Einstellung und dem richtigen Willen ist alles zu schaffen.  Man sollte jedoch immer auf seinen Körper hören. Wenn mir nicht nach laufen ist, lasse ich es sein. Außerdem: Den Einstieg sollte man möglichst so gestalten, dass er einfach ist. In einen vernünftigen Laden gehen und eine Laufschuhanalyse machen lassen, um ordentliche Schuhe zu kaufen. Und dann: Ziele setzen, um dranzubleiben.