Arne Gabius: Bereit für den Boston-Marathon

Arne Gabius ist der beste deutsche Marathonläufer und hält mit 2:08:33 Stunden den deutschen Rekord. Am Montag startet er beim Boston-Marathon – einem absoluten Klassiker. Wir haben den 37-Jährigen und seine Familie in der Vorbereitung in Stuttgart besucht.

Training an der JVA Stuttgart-Stammheim

Es ist der 18. Januar 2018. Orkantief Friederike zieht über Deutschland. Der Wetterdienst warnt vor allem in der Mitte des Landes vor dem Aufenthalt im Freien. Heftige Böen decken Dächer ab, entwurzeln Bäume. Menschen werden verletzt, acht sterben. Wer kann, bleibt zu Hause. Nicht so Arne Gabius. An diesem Donnerstagnachmittag steht ein Dauerlauf auf dem Programm. In Stuttgart wütet der Sturm nicht ganz so arg wie weiter nördlich. Doch er bringt den Spitzenläufer an seine Grenzen. Der Wind treibt Graupel und Regen über die Felder rund um Stuttgart-Stammheim. Arne Gabius stemmt sich dagegen, läuft weiter.

Auf seiner gewohnten Strecke läuft er kurz vor Schluss an einer hohen, mit Nato-Stacheldraht bewehrten Mauer entlang. Dahinter ein achtstöckiges Gebäude, aus dem oft Schreie zu hören sind. Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. In deren siebten Stock haben sich im Herbst 1977 die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe umgebracht. Ulrike Meinhof hatte sich bereits im Mai 1976 dort erhängt. Heute sind in Stammheim vor allem Untersuchungshäftlinge untergebracht. Und die versuchen, sich auszutauschen, indem sie von Fenster zu Fenster rufen. Diese Schreie hört jeder, der auf dem Weg entlang der Mauer geht oder läuft.

An diesem Nachmittag ist es allerdings Arne Gabius, der in der Endphase seines Laufes stöhnt und schreit. Vor Schmerzen. Der Sturm peitscht ihm die Kälte und die Graupelkörner ins Gesicht. „Das hat richtig wehgetan. Ich habe selten die heiße Badewanne so genossen, wie nach diesem Lauf“, erzählt er, als wir ein paar Tage später mit ihm zusammen in der gemütlichen Wohnung nur wenige hundert Meter von der JVA Stuttgart-Stammheim entfernt beim Frühstück sitzen.

Gefährlich sei der Sturmlauf aber nicht gewesen. Schließlich sei entlang seiner Strecke nur offenes Feld. „Da gibt’s keine Bäume und nichts, was umherfliegen kann“, sagt der 36-Jährige. Und weil in diesem Jahr für ihn jeder Kilometer zählt, lässt er nur sehr ungern ein Training ausfallen.

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Söhnchen Frederik gibt den Takt vor

„Im vergangenen Jahr konnte ich verletzungsbedingt längst nicht so viel laufen wie in den Jahren zuvor. Die schnellen Trainingsläufe gingen zwar sehr gut, aber ich habe dabei von den vielen Kilometern gezehrt, die ich in 20 Jahren Leistungssport gesammelt habe.“ Ein weiteres Jahr ginge das aber nicht gut, sagt der 36-Jährige. Und deshalb war er Ende Januar in seiner Vorbereitung auf den Boston-Marathon schon wieder bei 210 bis 220 Kilometern pro Woche angekommen.

Dieses Pensum schafft er, obwohl sich sein Leben seit dem 26. Oktober 2017 komplett verändert hat. An diesem Tag kam sein Sohn Frederik zur Welt. Und nur drei Tage später lief er beim Mainova Frankfurt-Marathon die 42,195 Kilometer in 2:09:59 Stunden. Es war sein dritter Start in Frankfurt – und immer finishte er mit einer Zeit unter 2:10 Stunden. Das schnellste Rennen gelang ihm 2015: In 2:08:33 Stunden verbesserte er den damals schon 27 Jahre alten deutschen Rekord von Jörg Peter. Ein Jahr zuvor hatte er sein Marathon-Debüt in 2:09:32 Stunden höchst erfolgreich beendet.

In diesen Dimensionen will er fortan als Familienvater unterwegs sein. „Es gibt ja Leute, die behaupten, dass man keinen Leistungssport machen kann, wenn man Kinder hat. Das stimmt überhaupt nicht“, ist er überzeugt. Im Gegenteil, er sieht viele positive Effekte aufs Laufen: „Man ist noch effektiver, organisiert seinen Tag noch besser und vermeidet Leerlauf.“ Auf Facebook und Instagram ist er beispielsweise nur noch, um selbst etwas zu posten. „Ich schaue kaum noch, was in den sozialen Medien sonst so passiert.“

Das reale Leben in der eigenen Familie ist ja auch viel spannender. Und da ist Arne Gabius ein Papa, der sich trotz Leistungssport voll für seinen Sohn und seine Frau einsetzt. Auch nachts. „Wir schlafen alle in einem Zimmer, und natürlich wache ich auf, wenn er Hunger hat oder unruhig ist. Ich stehe auch mal auf, um die Windeln zu wechseln.“ Und wenn er dann am Tag danach im Anschluss an einen langen Lauf mehr Schlaf braucht, legt er sich eben nachmittags noch mal hin. „Frederik gibt den Takt vor und bestimmt, wann was passiert. Das ist sein gutes Recht.“

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Natürliche, gesunde Ernährung als wichtiger Leistungsfaktor

So organisiert er zusammen mit seiner Frau Anne das Familien- und Laufleben situationsabhängig. Wenn die Nacht sehr unruhig war, wird’s auch schon mal später, bevor er nach dem Frühstück zum ersten Lauf des Tages aufbricht. Normalerweise läuft Arne Gabius allerdings morgens früh ohne Frühstück.

Einer dieser viel diskutierten Nüchtern-Läufe, um den Fettstoffwechsel anzukurbeln, sei das aber nicht: „Wenn man am Abend vorher kohlenhydratreich gegessen hat, kann man ohne Probleme 20 Kilometer laufen, ohne davor zu frühstücken. Man läuft ja mit gefüllten Speichern los. In der Nacht beim Schlafen entleert der Körper die Speicher ja nicht, sondern füllt sie auf, nachdem das Abendessen verdaut ist.“

Nach einem Tee läuft er los. Ein Frühstück braucht er nur, wenn er länger als 20 Kilometer laufen will. Apropos Tee: Davon trinkt Arne Gabius eineinhalb Liter pro Tag. Am liebsten in den Sorten Kamille, Schafgarbe und Pfefferminz. „Das beruhigt den Magen, der durch die hohen Belastungen mit den vielen und schnellen Laufkilometer schnell unter Stress gerät“, verrät er. 

Im Februar und März lebte die ganze Familie für gut sechs Wochen in Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona. Dort absolvierte Arne Gabius in Höhen zwischen 2.000 und 2.200 Metern die härteste Phase seiner Marathonvorbereitung. Mit hohen Umfängen und großer Intensität. „Es lief alles super. Ich hatte auch kein Schlafdefizit, denn Frederik schreit nie.“

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Mit der kompletten Familie im Trainingslager

Ohne Familie ins Trainingslager zu reisen, kommt nicht in Frage. „Ich will nichts verpassen und den Alltag mit den beiden auch in dieser Phase verbringen.“ Und so ging es diesmal in die USA statt nach Kenia, obwohl Arne Gabius das Laufen mit den ostafrikanischen Läufern eigentlich liebt. „Wenn wir als Familie mit einem Säugling unterwegs sind, ist es wichtig, dass die Gesundheitsvorsorge optimal ist – das ist in den USA so, aber nicht in Kenia.“

Arne Gabius hat das Trainingslager komplett selbst organisiert und in Flagstaff ein Haus gemietet – auf eigene Kosten. Denn vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) wird er nicht mehr gefördert. Vergangenes Jahr hat ihm der Frankfurt-Marathon ein Trainingslager im schweizerischen Pontresina bezahlt, in dem er sich auf seinen Jahreshöhepunkt vorbereiten konnte.

Während andere Läufer mit Wut und Frust auf eine Situation reagieren, in der noch nicht einmal der deutsche Marathon-Rekordler vom zuständigen Verband intensiv gefördert wird, bleibt Arne Gabius entspannt. Er verfügt über eine – für einen Profiläufer – große Unabhängigkeit. Trotz der hohen Kosten für Trainingslager wird er auch 2018 mit dem Laufen Geld verdienen. Mit einem abgeschlossenen Medizinstudium hat er andere Zukunftsoptionen, als im Sport aktiv zu sein. Und seine Frau ist Juristin. Sie hat bis kurz vor der Geburt ihres Sohnes als Rechtsanwältin für CMS Hasche Sigle in Stuttgart gearbeitet – die größte deutsche auf Kartellrecht spezialisierte Kanzlei, die große und internationale Unternehmen beispielsweise bei Fusionen und Übernahmen berät.

So sagt Arne Gabius auch im Gespräch mit laufen.de ganz offen, was seines Erachtens schief läuft im deutschen Sportsystem. Er befürchtet, dass der Marathon in der Leichtathletik bald gar nicht mehr gefördert wird. „Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und den DLV zählen nur noch Medaillen auf Weltniveau.“ Und von denen ist selbst der beste deutsche Marathonläufer meilenweit entfernt. Mit seinen 2:09:59 Stunden belegt Arne Gabius Platz 148 in der Weltbestenliste des Jahres 2017.

Dass seine Disziplin deshalb nicht mehr gefördert werden soll, hält er dennoch für schwer vermittelbar. Denn der Wert des Straßenlaufs für die Leichtathletik lasse sich nun mal nicht allein an internationalen Medaillen messen. „Straßenlauf ist der größte Zugang der Menschen zur aktiven Leichtathletik“, sagt er. Deshalb glaubt er, dass der Straßenlauf auch ohne den DLV prima funktionieren würde, die Leichtathletik als Ganzes aber ohne ihn Probleme bekäme.

„In Deutschland hätten wir die Möglichkeit, den Marathon auch außerhalb des DLVs aufzubauen, wenn der Verband bereit wäre, seine Macht abzugeben, die er beispielsweise bei den Nominierungen für internationale Meisterschaften hat. Konsequenterweise müsste er irgendwann sagen: ,Wenn ich nicht mehr fördere, kann ich auch nicht mehr fordern.‘“

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Traum vom EM-Start über 10.000 Meter

Als Beispiel führt er den Triathlon an. „Da ist genau das ja schon passiert. Die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii ist längst als kommerzielle Veranstaltung ein Riesenerfolg und findet außerhalb der Verbandsstrukturen statt. Ich denke, dass die Entwicklung im Marathon genau dahin geht.“ Gut findet er das nicht. „Das kann die Leichtathletik zerreißen.“

Die Sportart könne aber nur überleben, wenn ihre Vielfalt erhalten bleibt. Attraktiv sei sie vor allem deshalb, weil in ihr so unterschiedliche Typen wie Kugelstoßer und Marathonläufer zusammentreffen. Er erinnert sich noch gut an ein Zusammentreffen mit Ex-Weltmeister David Storl bei der Hallen-WM 2012 in Istanbul: „Während ich anderthalb Stunden vor meinem 3000-Meter-Rennen nur noch an meiner Wasserflasche genuckelt habe, zog er sich kurz vor dem Wettkampf noch ein Stück Cremetorte rein.“

Arne Gabius plant für 2018 auch einen Start über 10.000 Meter bei den Europameisterschaften in Berlin „25 Runden im vollen Olympiastadion – da gibt’s nichts Besseres“, schwärmt er. 2009 war er bei der Heim-WM an gleicher Stelle bereits am Start, schied aber über 5000 Meter im Vorlauf aus. Das soll im August 2018 besser laufen – wenn er es schafft, sich nach dem Boston-Marathon zu qualifizieren. 28:55,00 Minuten sind gefordert. Das sollte funktionieren, immerhin liegt die Bestzeit von Arne Gabius über eine Minute darunter: 27:43,93 Minuten.

„Aber ich muss natürlich erstmal den hügeligen Boston-Marathon gut verkraften“, sagt der Läufer, wohlwissend, dass zwischen dem Boston-Marathon mit dem berühmten Heartbreak Hill am 16. April und dem Nominierungsschluss am 1. Juli nicht extrem viel Zeit für Erholung und die Vorbereitung auf ein schnelles 10.000-Meter-Rennen bleibt.

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Fokus auf Boston

Vorläufig sind seine Gedanken aber sowieso ganz auf den traditionsreichsten Marathon der Welt ausgerichtet, der 2018 seine 122. Auflage erlebt. „Diese Rennen war immer ganz oben auf der Liste der Dinge, die ich als Läufer erleben will. Und ich will endlich auch mal einen anderen Zieleinlauf erleben als die Frankfurter Festhalle. Die ist toll, aber wenn man bisher nur dort einen Marathon gefinisht hat, will man doch mal was anderes sehen.“

Und deswegen freut er sich so auf Boston – trotz durchwachsener Wettervorhersage: Regen, böiger Wind und vielleicht sogar Gewitter werden erwartet. Doch das alles kann Arne Gabius die Laune nicht verderben. Um eine bestimmte Zeit geht es Arne Gabius in Boston auch gar nicht. Eine möglichst gute Platzierung ist das Ziel bei diesem prestigeträchtigen Rennen, bei dem es zuletzt durch Uta Pippig einen deutschen Sieg gab. Zwischen 1994 und 1996 gewann die Berlinerin sogar dreimal in Folge.

Zu den Favoriten zählt Arne Gabius in Boston nicht, doch vielleicht ist eine gute Platzierung möglich. „Ein Platz unter den Top sechs wäre super“, sagt Arne Gabius. Aber auch ein Rang unter den ersten zehn Läufern wäre ein beachtlicher Erfolg.

„Ich bin in Hamburg aufgewachsen - da weiß ich, was Regen ist“, sagt Arne Gabius zur Wettervorhersage, die für ihn auch aus einem anderen Grund günstig sein könnte. Bei den voraussichtlich schlechten Bedingungen ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass einer der Favoriten frühzeitig das Tempo forciert und damit das Feld auseinander reißt.

Ein verhaltenes Anfangstempo bei dem eine größere Spitzengruppe zumindest bis zur Halbmarathonmarke zusammen bliebe, wäre gut für Arne Gabius. „Ich schaue auf keinen bestimmten Konkurrenten und werde versuchen, einfach mitzulaufen und mich bei Tempowechseln auf den ersten 25 Kilometern weitestgehend herauszuhalten“, sagt Arne Gabius und fügt hinzu: „Boston ist wie ein Meisterschaftsrennen: Ohne Tempomacher und von Taktik geprägt. Zudem muss man quasi mit den Hügeln laufen, versuchen, einen Rhythmus zu finden und dann auch noch die Gegner im Blick haben - das ist schon eine große Herausforderung, die ich so noch nicht hatte. Aber das macht es auch sehr spannend.“

Die Strecke mit dem berüchtigten Heartbreak Hill nach rund 32 Kilometern hat sich Arne Gabius am Donnerstag aus einem Bus heraus angeschaut. „Es ist schon wichtig, sich das alles vorher anzusehen.“ Und auch die Läufe in der Vorbereitung danach zu richten. „Das Training war aufgrund der Gegebenheiten in Boston anders als sonst“, erzählt Arne Gabius, der viele Bergauf- und Bergab-Passagen sowie Tempowechsel einstreute. Und dabei konnten ihn weder Sturm noch schmutzige Windeln davon abhalten, richtig hart dafür zu trainieren.