Charity-Running: Wenn Laufen gut und Gutes tut

Charity-Running ist Trend. Allein beim BMW Berlin-Marathon kamen vergangenes Jahr Spendengelder in Höhe von 1,7 Millionen Euro zusammen. Das sind aber Peanuts im Vergleich zum Marathon in London. Wenn der am Sonntag von der Queen gestartet wird, steigt nicht nur einer der größten Läufe weltweit, sondern auch ein riesiges Spenden-Event. 2017 wurden 70 Millionen Euro gesammelt. Wir erklären die Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland, und du erfährst, wie du Spendenläufer werden kannst.

Anmeldeschluss verpasst? Bei der Verlosung keinen Startplatz bekommen? Keine Lust, eine komplette Marathonreise zu buchen? Dann bleibt immer noch die Möglichkeit, mit einer Spenden-Aktion zur begehrten Startnummer bei Top-Events wie dem Berlin- oder London-Marathon zu kommen. Und gleichzeitig etwas Gutes zu tun.

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Frank Sossenheimer lief in Berlin für die Rückkehr des Wolfs

Einer, der das zweimal geschafft hat, ist Frank Sossenheimer aus Kassel. 2015 und 2016 war er beim BMW Berlin-Marathon am Start. Und hat dabei Spenden für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu) gesammelt, der damals Charity-Partner der wichtigsten deutschen Laufveranstaltung war. „Von den Charity-Partnern war mir der Nabu am nächsten“, erinnert er sich. Er ist Inhaber eines Tierfutter-Geschäfts und hat deshalb viel mit Hunden zu tun. Und beim Nabu lief damals die Aktion „Willkommen Wolf“. „Da lag es nah, meine Spendenaktion mit den wieder in Deutschland ankommenden Vorfahren der Hunde zu verbinden.“

Er stellte eine Spendenbüchse auf der Theke seines Ladens auf, bat seine Kundschaft darum, etwas für den Wolf zu tun. So kam er auf eine Spendensumme von 500 Euro. Deutlich mehr als jene 150 Euro, die der Nabu mindestens haben wollte, um die Startnummer für den Berlin-Marathon garantieren zu können. Mit seiner Spendenseite im Internet hatte er dagegen viel weniger Erfolg. „Es ist gar nicht so leicht, an das Geld anderer Leute zu kommen“, war sein Fazit.

Vielleicht lag das aber auch daran, dass ein wildes Tier wie der Wolf in Deutschland polarisiert. Darunter kann die Spendenbereitschaft leiden, die in Deutschland sowieso viel geringer ausgeprägt ist als in Ländern wie Großbritannien oder Kanada.Beim Berlin-Marathon 2017 wurden tolle 1,7 Millionen Euro an Spendengeldern für gemeinnützige Aktionen wie beispielsweise den RTL Spendenmarathon für Kinder oder HelpAge Deutschland gesammelt.

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Beim Wings for Life World Run gehen alle Startgelder an die Rückenmarksforschung

Man kann auch bei Charity-Läufen mitmachen, bei denen das komplette Startgeld gespendet wird. Das funktioniert aber im großen Maßstab nur, wenn dahinter starke Unternehmen stehen. So wie beim Wings for Life World Run von Red Bull, bei dem am 7. Mai 2017 auf sechs Kontinenten insgesamt 155.000 Läufer starteten. Die Stiftung Wings for Life unterstützt die Rückenmarksforschung, damit irgendwann Querschnittslähmungen heilbar werden.

Sie kann aber nur deshalb 100 Prozent der Startgelder als Spende erhalten, weil der Lauf mit großer Unterstützung von Red Bulls Marketing-Maschinerie organisiert und beworben wird. So stehen hier einem Spendenerlös von rund 6,8 Millionen Euro kolportierte zwölf Millionen Euro Kosten für die Umsetzung des Events und die entsprechende Kommunikation gegenüber.

Der nächste Wings for Life World Run findet am 6. Mai gleichzeitig an zahlreichen Orten weltweit und über eine App statt. Jeder Teilnehmer startet zur gleichen Zeit, ob Tag oder Nacht. Dann laufen sie so weit wie möglich, bis sie von einer beweglichen Ziellinie, den allmählich schneller werdenden "Catcher Cars", überholt werden. Diese verfolgen die Läufer entlang der Strecke oder virtuell in der App, bis jeder Teilnehmer eingefangen ist.

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Wer beim London-Marathon laufen will, muss mindestens 1000 Euro Spenden sammeln

Verglichen mit dem, was in Großbritannien bei Laufveranstaltungen zusammenkommt, sind das alles eher Peanuts. Sagenhafte 70 Millionen Euro wurden 2017 allein beim London-Marathon für den guten Zweck gespendet.

80 Prozent der rund 40.000 Startplätze werden dort an Läufer vergeben, die ihren Start mit einer Charity-Aktion verbinden. Wenn man weiß, dass sich 2017 sage und schreibe 386.000 Menschen für einen Startplatz in London beworben haben, versteht man gut, dass die meisten Charity-Partner Startplätze erst ab Spendensummen von über 1000 Euro vergeben.

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In diesem Jahr macht dabei auch Eugen Kling aus dem badischen Ettlingen mit. Genau wie Frank Sossenheimer war der 62-Jährige vergangenes Jahr zu spät dran, um an der Lotterie teilzunehmen, bei der die wenigen London-Startplätze verlost werden, die nicht an Charity-Partner und Reiseveranstalter gehen. Weil er aber unbedingt seinen ersten – und womöglich auch einzigen Marathon – in der Stadt laufen will, in der seine Tochter mit ihrem Mann wohnt, hat er sich für ein Charity-Projekt entschieden.

Er will den London-Marathon für „Sense“ laufen. Eine Organisation, die in Großbritannien Second Hand-Läden betreibt und mit den Erlösen Menschen unterstützt, die an komplexen Kommunikationsproblemen leiden. Dazu zählen Blinde und Gehörlose, aber auch viele andere Menschen, die krankheitsbedingt Schwierigkeiten haben, sich anderen mitzuteilen.

Die Mindestspendensumme, um beim London-Marathon für „Sense“ dabei zu sein, beträgt 1500 Pfund (umgerechnet knapp 1700 Euro). Wer viel Geld übrig hat, kann die Summe komplett selbst aufbringen. Die meisten Spendenläufer sammeln das Geld aber bei Unterstützern ein. Und so kommen oft viel größere Summen pro Läufer zusammen als die für den Startplatz geforderten Mindestbeiträge.

Eingesammelt wird das Geld über Spendenwebseiten, die sich jeder Charity-Läufer selbst einrichten kann. Die eigene Story, warum man gerade diese Charity-Aktion unterstützt, ein paar schöne Laufbilder – fertig ist die Spendenseite, auf der jeder mit Kreditkarte, Paypal oder anderen gängigen Online-Zahlungsmitteln zahlen kann. Das Geld landet auf einem eigens dafür eingerichteten Konto, von dort geht es dann an die unterstützte Organisation.

Eugen Kling hat sich allerdings noch ein paar besondere Aktionen einfallen lassen, um Geld für „Sense“ und seinen Start beim London-Marathon zu sammeln. Er ist in der badischen Laufszene so gut vernetzt, dass er von den Organisatoren des Marathons in Karlsruhe Gutscheine erhalten hat, die er an Spender verkaufen kann. Wer 20 Euro spendet, erhält einen Rabattcode im gleichen Wert für die Anmeldung zum Karlsruhe-Marathon. Wer 100 Euro gibt, zahlt für das Vorbereitungsprogramm auf den Baden-Marathon 99 statt 199 Euro. „Eine echte Win-Win-Situation“, sagt Eugen Kling.

Den London-Marathon für Menschen mit Kommunikationsproblemen laufen

Eugen Kling aus Ettlingen

Den London-Marathon für Menschen mit Kommunikationsproblemen laufen

Eugen Kling läuft nach zwei Halbmarathons als Spendenläufer jetzt beim London-Marathon. 1500 Euro muss er dafür sammeln. Wer spenden will, kann das hier tun. Einfach auf "mehr erfahren" klicken.

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Spendenläufer sind eine tolle Gemeinschaft

Dass das so gut funktioniert, hat sicher auch mit seiner Laufgeschichte zu tun, die den Menschen in seinem laufenden Umfeld imponiert: Vor drei Jahren hat der ehemalige Bundeswehr-Fallschirmspringer wieder begonnen zu laufen, nachdem er an sogenanntem „Weichteil-Rheuma“, der Fibromyalgie, und anderen lästigen Krankheiten litt. Seine letzte berufliche Station bei der Bundeswehr-Verwaltung musste er deswegen aufgeben.

Aber seit er regelmäßig läuft, geht es ihm viel besser – auch wenn die chronischen Schmerzen wohl nie mehr verschwinden werden. „Es schmerzt? Egal. Ignorieren. Weiterlaufen!“ Das sagt sein Arzt, Dr. Greiner. Und der weiß, dass sich die Krankheit zwar nicht besiegen lässt, man damit aber ganz gut leben kann. Dabei geholfen hat ihm das Laufprojekt „Von 0 auf 10.000“ des LT Ettlingen und die Slow-Runner der „KarlsRuniversity“. Mittlerweile ist er bei beiden auch als ehrenamtlicher Betreuer der langsamen Läufer aktiv.

Zwei seiner ersten Halbmarathons hat er auch in London absolviert, ebenfalls als Charity-Läufer für den guten Zweck beim „Royalparks Halfmarathon“, jedes Jahr im Oktober.  Dabei hat ihm besonders gefallen, dass alle, die für eine Wohltätigkeits-Organisation laufen, das Event gemeinsam erleben. Man trifft sich vor dem Start, kann sich hinterher massieren lassen und feiert am Ende den gemeinsamen Lauf in einem Pub. „Da entsteht ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl“, schwärmt Eugen Kling.

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Beim BMW Berlin-Marathon wird für Omas gesammelt, die in Afrika ganzen Familien Rückhalt geben

Darauf setzt auch HelpAge Deutschland. Die Organisation ist bereits seit sieben Jahren Charity-Partner beim Berlin-Marathon. 2017 waren 154 Läufer für die Organisation in der Hauptstadt am Start. Jeder von denen musste mindestens zehn Euro pro Kilometer sammeln, um dabei sein zu können. Beim Frühstückslauf am Tag vor dem Marathon haben sich die meisten kennengelernt. Abends vor dem Lauf wurden bei einer Pasta-Party die Bekanntschaften intensiviert. Unmittelbar vor dem Start gab’s das gemeinsame Foto mit dem Kanzleramt als Hintergrund. Und bei Kilometer 31 ließen sie sich auf der HelpAge-Fanmeile von Freunden und Verwandten feiern und nahmen eine Extraportion Motivation mit auf das letzte Marathon-Viertel. Fast 81.000 Euro haben die Läufer für das HelpAge-Projekt „Jede Oma zählt“ gesammelt.

Mit diesem Spruch auf dem Shirt ist bei einem Lauf natürlich Aufmerksamkeit garantiert und die Neugierde geweckt. Viele Fragen nach den Omas müssen beantwortet werden. Und die gibt jeder gern, der für das Projekt läuft: In vielen Entwicklungsländern sind Großeltern (und besonders die Omas) eine große Stütze der Familie, ohne die es den Kindern viel schlechter gehen würde. Im Süden Afrikas sind sie sogar oft das wichtigste Glied für den Zusammenhalt der Familie – vor allem wenn die Eltern ausfallen, was aufgrund von HIV/Aids, aber auch durch andere Krankheiten und Migration häufig vorkommt.

Die Omas sind die stillen Heldinnen Afrikas, die ihre todkranken Kinder pflegen und ihre verwaisten Enkel versorgen und großziehen. Nahezu die Hälfte der zwölf Millionen Aidswaisen hat bei ihren Großmüttern ein neues zu Hause gefunden. Darauf will HelpAge mit der Kampagne nicht nur aufmerksam machen, sondern konkret helfen. Die beim Laufen gesammelten Spendengelder werden eingesetzt, um ältere Menschen in Tansania, Süd-
afrika und Äthiopien zu unterstützen. Gesammelt wird das Geld über eine Online-Spenden-Box, die stark der Spendenwebseite ähnelt, die sich Eugen Kling für den London-Marathon erstellt hat.

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In Deutschland hat Charity-Running noch große Reserven

Dass Charity-Running in Deutschland noch große Reserven hat, zeigt allerdings nicht nur der Vergleich des Berlin-Marathons (1,7 Millionen Euro Spendengelder) mit dem London-Marathon (70 Millionen). Auch in Berlin wurde der Großteil der erlaufenen Spenden nicht von einheimischen Läufern für deutsche Organisationen gesammelt. Sondern von Läufern aus den angelsächsischen Ländern, die über das Unternehmen „The Realbuzz Group“ zahlreiche Charity-Organisationen in ihren Heimatländern unterstützen und sich so einen Startplatz beim begehrten deutschen Marathon sichern. Über diesen Weg kamen in Berlin 2017 fast 900.000 Euro zusammen.

Realbuzz hat sich darauf spezialisiert, die Online-Anmeldung für Sportevents mit Spendenaktionen zu verknüpfen. Auf dem britischen Markt wurden so 2017 mit den 25 größten Events insgesamt 120 Millionen Pfund (134 Millionen Euro) gesammelt. Eine gigantische Summe, die von Jahr zu Jahr wächst. „Von 2016 auf 2017 gab es einen Zuwachs von elf Prozent“, erklärt Tom Shepherd von Realbuzz, „und das liegt nicht daran, dass es immer mehr Teilnehmer gibt, sondern daran, dass die vorhandenen Teilnehmer immer mehr spenden.“

In Deutschland wird man aber wohl kaum in diese Dimensionen vordringen – hier verlässt man sich ja traditionell viel stärker auf den Staat, wenn es darum geht, Benachteiligten zu helfen. Die private Spendenbereitschaft ist geringer – man hat seinen Anteil bereits mit den Steuern und Sozialabgaben geleistet. Und doch sind es gerade wir Läufer, die zeigen, dass noch mehr geht. Denn in welchen anderen Sportarten kann man gleichzeitig sich selbst und anderen so viel Gutes tun?