Hendrik Pfeiffer peilt Olympia-Norm an

| Interview: Norbert Hensen | Fotos: Imago

Hendrik Pfeiffer vom TV Wattenscheid will es wissen. Am kommenden Sonntag möchte er beim RheinEnergie Marathon Köln die Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden unterbieten. Das heißt für ihn: jeden Kilometer in einer Zeit von 3:07 min/km abspulen. „Meine Vorbereitung lief sehr gut, es wäre eine große Verbesserung meiner bisherigen Bestmarke von 2:13:11 Stunden, die ich 2016 in Düsseldorf aufgestellt habe“, sagt Hendrik Pfeiffer, den wir wenige Tage vor dem Rennen getroffen haben. Er sei so aufgeregt wie selten in seiner Karriere. „Aber meistens bin ich gut gelaufen, wenn der Druck besonders hoch war“, sagt der 26-Jährige, der als Jugendlicher oft die über zehn Kilometer lange Strecke von seinem Elternhaus zur Schule gelaufen ist. Im Interview erzählt er über die Renntaktik am Wochenende, seine lange Verletzungsmisere, die Zwei-Klassen-Gesellschaft im weltweiten Marathon-Geschäft und über seinen Traum, einmal bei Olympischen Spielen starten zu können.

 

Du hast in den vergangenen Wochen gleich zweimal eine neue Bestzeit im Halbmarathon aufgestellt. Warum zwei Läufe innerhalb so kurzer Zeit?
Der Abstand zwischen den beiden Läufen war mit drei Wochen groß genug. Es waren zwei wichtige Rennen auf dem Weg zum großen Ziel, am kommenden Sonntag beim Marathon in Köln zu gewinnen und die Olympia-Norm anzugreifen. Das erste Rennen war bei einem recht kleinen Lauf, dort lief es mit 63:18 Minuten sehr rund. Das Rennen bei dem IAAF Gold-Label Rennen in Usti Nad Labem in Tschechien war deutlich schwieriger. Es war heiß, windig und die Konkurrenz war stark. Dabei habe ich viel riskiert, bin mit 29:24 Minuten fast so schnell angelaufen wie meine 10-Kilometer-Bestzeit auf der Straße. Das Tempo konnte ich war nicht ganz halten, aber das Rennen gewinnen. Am Ende war ich mit 63:17 Minuten nochmal eine Sekunde schneller. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.

Viele loben deine mentale Stärke. Deine beiden bisherigen Marathons bist du in 2:13:11 und 2:13:42 Stunden gelaufen. Jetzt willst du fast zwei Minuten schneller sein. Wie geht das?
Mit vollem Risiko. Ich könnte natürlich auch sagen, eine 2:12er Zeit wäre super für mich. Aber davon habe ich nichts. Nur wenn ich die Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden schaffe, kann ich mir meinen Traum von einer Olympia-Teilnahme erfüllen. Und mein Trainer Tono Kirschbaum traut mir die Zeit zu – wenn alles optimal läuft. Meine Werte sind sogar etwas besser als die von meinem ehemaligen Teamkollegen Michael Fietz, der vor 22 Jahren mit 2:10:59 Stunden sogar unter 2:11 bleiben konnte. Ich sage mir: warum soll ich das nicht schaffen? Meine Form ist sehr gut. Und ich will es unbedingt! Aber eigentlich muss ich zwei Schritte auf einmal machen. Das ist eine große Herausforderung, es kann klappen, aber es kann auch schiefgehen. Wobei ich den letzteren Gedanken sehr verdränge.

Wie wird die Marschroute am kommenden Sonntag aussehen?
Es geht nur, wenn ich sehr gleichmäßig laufe. Von daher versuche ich von Beginn an, jeden Kilometer in 3:07 min/km abzuspulen. Wir wollen in 65:45 Minuten bei Halbmarathon durchgehen. Und dann hoffe ich, dass mein letzter Tempomacher bis etwa Kilometer 35 durchhält. Insgesamt werden mich drei Läufer begleiten und mir helfen, das Tempo möglichst gleichmäßig zu gestalten. Am Anfang müssen wir sehr diszipliniert sein.

Veranstalter rückt deutsche Läufer in den Fokus

Warum hast du dich für den RheinEnergie Marathon Köln entschieden? Du hättest auch in Berlin in einem starken Feld auf Normjagd gehen können …
Ich habe eine sehr enge Bindung zum Veranstalter in Köln. Hier bin ich 2013, 2015 und 2017 gelaufen. Zunächst zweimal den Halbmarathon, habe hier vor vier Jahren den deutschen U23-Rekord verbessert, vor zwei Jahren dann der Sieg im Marathon und die Qualifikation für die EM 2018 in Berlin. 2019 soll wieder mein Jahr werden. Ich schätze es auch sehr, dass der Veranstalter uns deutsche Läufer in den Fokus rückt, auch wenn wir eben keine Zeiten unter 2:10 Stunden anbieten können.

Du sprichst die EM 2018 in Berlin an. Trotz der sportlichen Qualifikation für den Marathon warst du am Ende nur Zuschauer. Kurz vor der EM musstest du am Fuß operiert werden, es wurde der Fersenknochen geglättet. Wie hast du die lange Zeit der Verletzung überstanden?
Ich habe mich sehr auf mein Studium konzentriert. Das war eine gute Ablenkung und ich bin in der Zeit der Reha auch schneller vorangekommen als das mit dem Hochleistungssport parallel zum Studium geklappt hätte. In einem Semester habe ich den Stoff von zwei Semestern durchgezogen. Dadurch hat sich meine Reha ganz sicher auch etwas in die Länge gezogen. Aber ich bin auch froh, dass ich die Zeit sinnvoll nutzen konnte. Mit dem Journalistik-Studium bin ich nun fast durch. Anfang 2019 bin ich dann wieder ins Lauftraining eingestiegen.

Es gab Ende September wieder eine kleine „Schrecksekunde“. Was ist passiert?
Ich hatte mir beim Halbmarathonrennen in Tschechien eigentlich nur etwas den Zeh aufgescheuert. Aber dadurch gab es eventuell eine Fehlbelastung auf den Oberschenkel. Der hat jedenfalls so zugemacht, dass ich danach keine 100 Meter mehr joggen konnte. Es war ein Schmerz wie Messerstiche. Nach fünf Tagen Pause und viel Physiotherapie geht es mir aber wieder gut. Ich bin überzeugt, dass meine Top-Vorbereitung darunter nicht gelitten hat.

Ich muss in Köln abliefern

Du hast sicher die WM in Doha im Fernsehen verfolgt. Wie froh bist du, dass du bei hoffentlich 18 Grad am Wochenende in Köln laufen kannst und nicht nachts auf einer menschenleeren Straße durch die Wüste rennen musstest?
Für jeden Leistungssportler ist es eine Ehre, im Nationaltrikot zu laufen. Von daher wäre ich auch gerne bei der WM dabei gewesen. Aber für mich war das dieses Jahr unmöglich, ich hätte mich bis zum Frühjahr qualifizieren müssen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die WM nicht im Sinne der meisten Athleten war. Ich habe mir den Marathon der Männer angeschaut, bin auf der Strecke auch selbst schon einen Halbmarathon gelaufen. Das hat kein Flair, das ist nicht das, was wir Läufer uns wünschen.

Wie hoch empfindest du den Druck nach drei Jahren, bei denen du zum Saisonhöhepunkt nicht starten konntest, nun die Norm für Tokio schaffen zu müssen?
Der Druck ist gerade sehr hoch. Es geht nicht nur um das eine Rennen, es geht um Kaderzugehörigkeit, es geht um Verträge. Ich denke, dass viele sehen, dass ich wieder in guter Form bin, aber ein guter Halbmarathon in Tschechien zählt halt am Ende nicht viel. Ich muss in Köln abliefern. Und ich hoffe, dass am Sonntag viele Menschen an der Strecke sind, um mir zu helfen. Bisher ist es mir aber immer gut gelungen, den Druck in positive Energie und Leistung zu wandeln. Ich habe noch eine offene Rechnung mit Olympia, die will ich begleichen.

Wie siehst du die Entwicklung in der Marathon-Szene, die Zeiten an der Spitze werden seit Jahren immer schneller …
… dafür gibt es keine einfache Antwort. Es ist ein vielschichtiges Thema. Ich verstehe, dass wir in Deutschland da sehr sensibel sind und ich mache mir auch viele Gedanken, wenn ich nun wieder sehe, was gerade in Marokko passiert. Auch die Nachrichten rund um das Nike Oregon Projekt führen dazu, dass die Zweifel am sauberen Sport wachsen. Als Zuschauer und sogar für mich als Insider wird es immer schwieriger zu beurteilen, was im Detail wirklich passiert. Dass im Hochleistungssport auch betrogen wird, wissen wir, so naiv darf keiner sein. Aber es werden auch im legalen Bereich Grenzen ausgelotet. Da zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist extrem schwierig. Für mich zählen daher nur die persönlichen Ziele. Wenn ich die erreiche, dann kann ich irgendwann sagen, dass ich eine erfüllte Karriere hatte.

Als Schüler um 6:30 Uhr in die Schule gelaufen

Aber für einen Läufer, der Tag für Tag hart, aber mit fairen Mitteln trainiert, muss das doch frustrierend sein, wenn man eine Art von Zwei-Klassen-Gesellschaft erlebt?
Ich habe meinen eigenen Schutzmechanismus entwickelt, denn sonst droht in der Tat, dass man resigniert und die Lust verliert. Mein Antrieb war immer, meine eigenen Grenzen kennenzulernen. Ich messe mich nicht mit der Weltelite, ich weiß, in welchem Umfeld ich trainiere und ich gehe neben dem Sport einer geregelten Tätigkeit nach. Mein Traum war immer die Teilnahme an Olympischen Spielen. Das kann ich schaffen. Eine Medaille ist völlig außer Reichweite für mich. Wenn ich die Teilnahme 2020 in Tokio schaffe, ist das für mich so viel wert, wie für andere eine Medaille.

Du bist auch ein Athlet, der von Nike unterstützt wird. Würde dich das Nike Oregon Projekt reizen?
Unter ethischen Gesichtspunkten finde ich es zweifelhaft, wie Alberto Salazar dort mit einigen Athleten umgegangen ist. Ich sage das mit großer Vorsicht, weil ich auch nur lese, was geschrieben wird. Aber als Athlet genießt man dort die besten und wohl professionellsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann. Wer hat schon die Gelegenheit, in einer Höhenkammer zu schlafen? Grundsätzlich kann ich jeden ambitionierten Athleten verstehen, der dort unter den bestmöglichen Bedingungen trainieren möchte.

In einem Punkt kannst du mit den Afrikanern mithalten. Du bist als Schüler zur Schule gelaufen. Wie kam es dazu?
Ich wollte das einfach so. Meine Mitschüler fanden das damals komisch, aber das war mir egal. Meine Mutter war Lehrerin an der Schule, sie hat zwei- bis dreimal in der Woche meine Schultasche mitgenommen. Ich bin dann um 6.30 Uhr losgelaufen, so rund 10,5 Kilometer. Da hatte ich sogar noch Zeit in der Schule zu duschen.

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