Wer braucht eigentlich Läufer?

| Text: Heidi Schmitt | Fotos: Imago Images/Beautiful Sports, Imago

Warum brauchen wir eigentlich Eliteläufer wie Konstanze Klosterhalfen, die nächste Woche bei der Leichtathletik-WM in Doha für Deutschland um Medaillen kämpfen wird? Oder einen Eliud Kipchoge, der im Oktober den ersten Marathon unter zwei Stunden laufen will? Oder über 46.000 Laufenthusiasten, die am Sonntag in Berlin den Marathon in Angriff nehmen? Weil sie uns zeigen, dass wir zum Laufen geboren sind und dass die schnelle Fortbewegung auf zwei Beinen etwas ist, das den Menschen ausmacht. Findet unsere Kolumnistin Heidi Schmitt​.

Zum Laufen geboren: Eliud Kipchoge

Konstanze Klosterhalfen ist zu dünn. Das sagen zumindest alle und deshalb schreibe ich es auch einfach mal. Eliud Kipchoge hingegen ist nicht zu dünn, der gehört so. Der ist schließlich „zum Laufen geboren“, wie es immer so schön heißt. Konstanze Klosterhalfen ist demnach wohl nicht zum Laufen geboren, sondern vielleicht dazu, in einer Versicherung die Buchstaben G bis J zu bearbeiten. Oder um Krankenschwester oder Grundschullehrerin zu sein, denn die brauchen wir schließlich. Läuferinnen und Läufer braucht unsere Gesellschaft scheinbar nicht. Aber welche Sportler braucht man schon?

Unsere Kolumnistin: Heidi Schmitt

Heidi Schmitt, Läuferin und Autorin aus Frankfurt, schreibt und läuft in stetigem Wechsel. Am liebsten über und bei Volksläufen in der Provinz, wo Läufer zwar selten mit einer Medaille, dafür aber mit Streuselkuchen belohnt werden. Auf laufen.de schreibt sie ganz offen, was sie denkt. Und wer mehr Frau Schmitt will, wird hier fündig.

Nun ja, Fußballspieler, die brauchen wir. Nur mit Hilfe von Fußballspielern ist es möglich, dass Frauen wie Männer in der Öffentlichkeit weinen, ohne sich zu schämen. Fußballspieler sorgen dafür, dass wir unbeschwert mit einer Deutschland-Flagge herumlaufen können. Eine Stadion-Fankurve bietet Musik- und Urschreitherapie zum verhältnismäßig kleinen Preis. So hilft bereits das Zuschauen bei einem Fußballspiel gegen Burnout. Laufen kann all das nicht bieten. Zumindest hierzulande nicht. Anderswo sind Läufer durchaus für etwas gut. In Afrika etwa ist die gesellschaftliche Relevanz des Laufens offensichtlich. Der erfolgreiche Läufer führt Unternehmen und Hotels und schafft Arbeitsplätze im Land. Der erfolgreiche deutsche Läufer schreibt ein Buch, das nur wenige lesen wollen, es kennen ihn schließlich nur ein paar Freaks. Werden die Straßen einen halben Tag lang für einen Stadtmarathon gesperrt, rollen viele Anwohner mit den Augen. Hat Laufen also überhaupt irgendeine Relevanz für unsere Gesellschaft?

Laufen hat uns zum Menschen werden lassen

In seinem Buch „Born to Run“ (ein Klassiker, den erstaunlich viele Menschen gekauft haben), beschreibt Christopher Mc Dougall, dass der Mensch erst durch das Laufen zu dem wurde, was er ist. Denn die Mischung aus Ausdauer und Schnelligkeit machte seine Jagd erfolgreich, was die Eiweißzufuhr sicherte und damit die Gehirnentwicklung voranbrachte.

Heute sichern wir unsere Eiweißzufuhr durch eine Autofahrt zum Supermarkt. Aber sind wir dafür gemacht? Es ist wohl kaum das Auto, was uns mit unseren Urahnen verbindet. Und auch nicht der E-Scooter. Es ist die bärenstarke Kombination aus Ausdauer und Schnelligkeit auf zwei Füßen. Sie unterscheidet uns von allen Säugetieren und hat uns erst zum Menschen gemacht. Die Verbindung zu unseren Wurzeln ist vielleicht das Wichtigste, was wir haben.

Deshalb brauchen wir Läuferinnen und Läufer. Sie erinnern uns daran, wie alles anfing. Dass wir Menschen sind. Und dass wir nicht dafür geboren sind, uns Passwörter auszudenken oder die Tarife von Handyanbietern zu vergleichen. Wir sind geboren, um zu laufen. Konstanze, Eliud und wir anderen.

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