Die Mär vom bösen roten Fleisch

Wir Läufer leben gesund, bewegen uns viel. Und auch beim Thema Ernährung geben wir unser Bestes. Aber das ist gar nicht so einfach. Oder vielleicht doch? Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht eine neue Ernährungsweise als Wunderwaffe für ewige Gesundheit und Top-Fitness angepriesen wird. Und genauso oft geistern Schreckensmeldungen durch die Medien. Der letzte Fall: Es bestehe ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und Darmkrebs. Sollten wir jetzt lieber ganz auf Wurst, Steak und Co. verzichten? Nein, sagt unser Experte Stefan Graf. Und erklärt wieso.

Statistisch gesehen isst jeder Deutsche über 1,1 Kilo Fleisch pro Woche. Rechnet man Vegetarier, Veganer, Babys und Personen heraus, die wenig Fleisch essen, erhöht sich die Menge für die restlichen Personen noch deutlich. Das liegt weit über der Wochenration von 300 bis 600 Gramm, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) als unbedenklich empfiehlt. Dass zu hoher Fleischkonsum besonders in Kombination mit zu wenig Bewegung der Gesundheit schadet, ist klar. Aber fördert er auch direkt die Darmkrebsentwicklung?

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Fleisch so gefährlich wie Asbest und Zigaretten?

Verarbeitetes rotes Fleisch wie Wurst und Schinken wurden Ende 2015 von der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) als „für Menschen krebserregend“ eingestuft. Und damit genauso in die höchste Gefahrenklasse einsortiert wie Asbest, Zigaretten, Alkohol und UV-Strahlung – auch wenn die Autoren der Studie betonen, dass von verarbeitetem Fleisch natürlich nicht die gleiche Gefahr ausgehe wie von den anderen Risikofaktoren. Nur wenig besser sehe es bei unverarbeitetem rotem Fleisch aus. Das sei „wahrscheinlich krebserregend“. Grundlage war dabei keine neue Studie, sondern eine statistische Auswertung von 800 älteren Untersuchungen (siehe Infokasten). Das Ergebnis: Statistisch gesehen steigt das Krebsrisiko mit der konsumierten Fleischmenge. Das Krebsrisiko derer, die 50 Gramm Fleisch pro Tag essen, ist geringfügig höher als das derer, die weniger oder kein Fleisch essen. Rauchen, Alkohol und Bewegungsmangel haben da viel drastischere Auswirkungen.

Weltweit werden 34.000 krebsbedingte Todesfälle pro Jahr mit dem Verzehr von verarbeitetem Fleisch in Verbindung gebracht. Luftverschmutzung fordert etwa 200.000, Alkoholmissbrauch circa 600.000 und Rauchen über 1 Millionen Krebstote. Statistisch ist somit bereits Atmen weit gefährlicher als Wurst zu essen.

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mäßig bewegt.

Beschäftigt man sich eingehender mit einzelnen der 800 in die Metaanalyse eingeflossenen Studien, wird klar, wie wenig aussagekräftig die statistische Gesamtauswertung ist. So vergleicht eine Untersuchung der Uni Graz (2004) die Daten von Vegetariern sowie Personen, die kaum, moderat oder viel Fleisch aßen. Das Resultat: Vegetarier zeigten vermehrt gesundheitliche Probleme einschließlich einer höheren Krebsrate gegenüber Nicht-Vegetariern.

Nach den Ergebnissen einer anderen Studie erkranken Vegetarier insgesamt etwa ebenso häufig an Krebs, aber deutlich öfter an Darmkrebs als Fleischkonsumenten. Allerdings ist die Aussagekraft objektiv gering. Denn es bleibt unbeantwortet, ob die Vegetarier aufgrund ihres Ernährungsverhaltens höhere gesundheitliche Beeinträchtigungen aufwiesen, ob andere Lebensstilfaktoren den Ausschlag geben oder ob ihre angeschlagene Gesundheit der Anlass war, sich vegetarisch zu ernähren.

Eine andere Analyse von 27 in den Jahren 2003 bis 2013 durchgeführten Studien aus Amerika, Asien, Europa und Australien kam zu dem Ergebnis, dass „noch nicht einmal ein klarer Zusammenhang zwischen verzehrter Menge von Rind-, Schweine- sowie Lammfleisch und der Dickdarmkrebsrate erkennbar ist“. So gibt es Länder mit hohem Fleischkonsum wie die Mongolei, Bolivien, Australien oder Botswana. die gleichzeitig eine sehr niedrige Dickdarmkrebsrate haben. Die Analysten schlossen daraus, dass rotes Fleisch ein unbedeutender Risikofaktor für Dickdarmkrebs sei.

Heißt das also, dass wir bedenkenlos so viel Fleisch – und vor allem auch rotes – essen können wie wir wollen? Auch hier ein deutliches Nein. Seit die Low-Carb-Welle den Irrglauben verbreitet, Kohlenhydrate seien „an allem schuld“, sind Kartoffeln, Reis und Nudeln als Lieferanten wertvoller Makro- und Mikronährstoffe von vielen Tellern verschwunden. Dafür kommt immer mehr Fleisch auf den Tisch. Eine fatale Entwicklung, denn die größte in die Metaanalyse eingeflossene „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition-Studie“ zeigt: Bei gleichzeitigem Verzehr gesunder Beilagen sinkt das krebsauslösende Potenzial von Fleisch.

Wer sucht, der findet – und zwar in jedem Lebensmittel Schadstoffe. Im Übermaß können auch Brokkoli und Tomaten zum Risiko werden. Und so gilt für alle Lebensmittel: Die Menge macht´s. Für den maßvollen Verzehr – in guter Qualität, schonend zubereitet – lässt sich kein Zusammenhang zwischen roten Fleischwaren und Darmkrebs nachweisen. Fleisch zu essen hat sogar Vorteile für die Gesundheit. Es liefert hochwertiges Eiweiß, B-Vitamine, Eisen, Zink und viele andere Mikronährstoffe. Maßvoller Verzehr bringt Vor- und Nachteile in die richtige Balance.

Eines ist auf jeden Fall sicher: Das Risiko des moderaten Rotfleischverzehrs ist weitaus geringer als das von Tabak- oder Alkoholmissbrauch. Dass jede einzelne Zigarette krebserregend ist, ist nachgewiesen. Den Fleischverzehr unabhängig von Menge und Qualität als isoliertes Krebsrisiko zu betrachten, entbehrt jeder Grundlage. Die mit so viel Wirbel produzierende Metastudie liefert keine Belege, dass ein Fleisch/Wurst-Konsum von insgesamt 300 bis 600 Gramm pro Woche das Darmkrebsrisiko erhöht.

Wie sieht es übrigens mit weißem Geflügelfleisch aus? Keine der 800 analysierten Studien widmet sich Hähnchen, Pute und Co. Deren fettarmes Fleisch mit viel Eiweiß ist aber nicht unbedingt besser als rotes. Gerade Geflügel wird oft in Massentierhaltung produziert und mit Antibiotika behandelt. Hier sollte man besonders auf die Herkunft achten.