Elmar Sprink: Schritt für Schritt zurück ins Leben

Elmar Sprink gilt als fittester herztransplantierter Sportler der Welt. Innerhalb eines Jahres überquerte er zu Fuß und auf dem Mountainbike die Alpen.

Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, dass der Tod die Chance auf Leben birgt? Der im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Rio tödlich verunglückte Kanutrainer Stefan Henze hat mit seinen Organen vier Menschen gerettet – Henzes Herz schlägt jetzt im Körper einer Frau, auch seine Leber und seine Nieren lassen Menschen weiterleben. Die meisten Menschen schieben den Gedanken eher weg. Sie stellen sich die Frage gar nicht. Oder sie wollen auch im Tode irgendwie unversehrt bleiben. Weniger als 900 Organspender gab es zuletzt pro Jahr in Deutschland, Tendenz seit Jahren: stetig sinkend. Tragische Ereignisse wie der Tod des Kanutrainers Henze spülen das Thema kurzfristig ins öffentliche Bewusstsein, einige Menschen entschließen sich dann spontan, einen Organspenderausweis auszufüllen und ins Portemonnaie zu legen.

Und dann gibt es noch Menschen wie Elmar Sprink aus Köln. „Ohne Typen wie Henze“, sagt Sprink, „würde ich heute nicht hier rumspringen. Deswegen trommele ich überall dafür, dass die Leute einen Spenderausweis ausfüllen sollen.“ 
Elmar Sprink, westfälischer Humor, offener Blick, läuft durch den Stadtwald, federnd leicht, sein Herz schlägt 130-mal pro Minute, ein lockerer 15-Kilometer-Lauf. Einer von vielen Trainingsläufen für seine sportlichen Events. In diesem Jahr hat Elmar Sprink schon zwei legendäre Mountainbike-Rennen absolviert. Ende Juli 2017 fährt er ins Ziel der Transalp. 545 Kilometer mit über 18.000 Höhenmetern von Mayrhofen nach Riva – im Zweierteam auf Mountanbikes über die Alpen. „Es lief besser als erwartet“, erzählt Elmar Sprink, „vorderes Mittelfeld.“ 

Am Donnerstag vor dem Rennen musste sein Teampartner krankheitsbedingt absagen. „Ich hatte das Rennen schon fast abgehakt, als sich Peter Schermann abends bei mir telefonisch meldete“, so Sprink. Radsponsor Canyon hatte ihn mit dem 29-Jährigen zusammengebracht. „Peter ist viel stärker als ich, aber wir haben uns super verstanden und hatten sieben wundervolle Radtage in einer traumhaft schönen Bergkulisse.“ Ans Limit mussten beide nicht gehen.

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Elmar Sprink beim BIKE Transalp

„Mehrtagesrennen bestreite ich zu 90 Prozent im Grundlagenbereich“, sagt Elmar Sprink. Er achtet auf sein neues Herz. 
Die Transalp reiht sich in viele Ausdauer-Events ein, die der gebürtige Ostwestfale als erster Mensch mit einem Spenderherz bewältigt hat. Nach dem Ironman auf Hawaii (2014), dem Transalpine-Run 2016 (250 Kilometer mit 15.000 Höhenmetern von Garmisch-Partenkirchen nach Brixen zu Fuß über die Alpen) und dem Cape Epic in Südafrika im Frühjahr 2017, das zusammen mit der BIKE Transalp als härtestes MTB-Etappenrennen der Welt gilt, haben es dem in Köln lebenden Sprink in den vergangenen Jahren mehr und mehr Trailevents angetan. 
Wenn Elmar Sprink seine Leidensgeschichte erzählt, schütteln viele Menschen angesichts dieser Leistungen ungläubig den Kopf. Stark und gesund muss er gewesen sein, wahrscheinlich ein sehr guter Sportler – so stellt Sprink sich seinen Lebensretter vor.

„Seine Pumpe, die seit fünf Jahren in mir schlägt, könnte wohl noch viel mehr leisten als mein Fahrgestell.“ Etliche Bergläufe, drei Ironman-Triathlons und rund 50 weitere Ausdauerwettkämpfe hat er mit dem fremden Herzen schon bestritten. Medizinern gilt der Kölner als Phänomen – weil sich rund um das neue Herz Nervenzellen gebildet haben, weil er seine alte Leistungsfähigkeit fast komplett zurückerlangt hat, ferner, weil er dreieinhalb Monate bei vollem Bewusstsein an einem einer Herz-Lungen-Maschine ähnlichen Apparat (ECMO) angeschlossen war, was nahe am Weltrekord sein dürfte. 

Sprink ist auch einer der am besten untersuchten Herztransplantierten der Erde – er ist Proband der Arlington-Universität in Texas, einer führenden Forschungsstätte für Menschen mit Herzfehlern oder transplantiertem Herzen. Während des Transalpine-Run 2016 wurden Sprink und sein nicht transplantierter Teampartner vor und nach jeder Etappe untersucht – EKG, Blut, Echokardiografie. Auch ein 24-Stunden-EKG. Die Forscher konnten die Herzfrequenz und das Lauftempo jedes Trainingslaufs später in Texas am Rechner nachvollziehen. „Elmar kann seine Herzfrequenz schnell steigern und die hohe Herzfrequenz über einen langen Zeitraum beibehalten, das ist sehr selten bei Herztransplantierten“, sagt Professor Mark Haykowsky von der Arlington Universität, der untersucht, wie Herz-Kreislauf- und Muskeltraining die Lebensqualität von Menschen mit transplantiertem Herzen beeinflusst. „ Elmar ist der fitteste lebende Herztransplantierte der Welt. Seine Zeit beim Ironman von Hawaii war nur 80 Minuten langsamer als die, die er mit seinem alten Herzen bei seinem ersten Ironman erreicht hat.

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Elmar der Ausnahme Athlet

„In der Regel", sagt Haykowsky, „müssen herztransplantierte Sportler ihre Trainingsumfänge und -intensitäten stark reduzieren, die meisten sind froh, wenn sie leicht joggen können. Elmar ist eine große Ausnahme — er muss allerdings von Kardiologen intensiv begleitet werden, weil es keine vergleichbaren transplantierten Ex-
tremsportler gibt.“

Warum er das Risiko extremer Belastungen in Kauf nehme? „Ich empfinde das gar nicht als Risiko, Bewegung gibt mir Sicherheit. Ich fühle mich beim Laufen, Schwimmen und Radfahren ganz gesund“, sagt Sprink. „Der Sport ist sicher auch eine Sucht. Aber eine gute Sucht. Er hilft mir, damit umzugehen, was passiert ist.“ 
Als der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard im Dezember 1967 das erste Herz transplantierte, überlebte der Patient nur 18 Tage – das fremde Organ wurde vom Körper abgestoßen. Längst ist eine Herztransplantation Routine, 96 Prozent der Patienten überstehen das erste Jahr, knapp 70 Prozent leben auch nach zehn Jahren noch. Als Elmar Sprink am 9. Juni 2012 im Herzzentrum Bad Oeynhausen der Brustkorb geöffnet wird, als die Herz-Lungen-Maschine an seine Hauptschlagader angeschlossen und sein krankes, ausgeleiertes Herz herausgenommen wird, ist eine Herztransplantation längst ein Routineeingriff. 15 bis 20 Jahre beträgt die durchschnittliche Lebensdauer mit transplantierten Herzen.

„Es gibt noch viel Luft nach oben“, sagt der 45-jährige Kölner. Er selbst möchte mindestens noch 40 Jahre leben, noch mit 65 Marathon laufen. Vor knapp zwei Jahren hat Sprink Schlagzeilen gemacht, als er als erster herztransplantierter Sportler den Ironman-Triathlon (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42,195 km Laufen) auf Hawaii bewältigte. 
Über seine Geschichte redet er gern. Er hat sie aufgeschrieben. Sein Buch (Herzrasen 2.0) ist im Juli 2017 erschienen. Die Geschichte ist bewegend, aber Elmar Sprink erzählt sie selbstbewusst. Es ist die Geschichte eines Sportlers, der immer der Beste sein wollte und einen Herzstillstand nur überlebte, weil seine Frau zufällig zu Hause war und ein Arzt aus der Wohnung gegenüber ihn wiederbelebte, als er, vor dem Fernseher sitzend, blau anlief und kollabierte. Sprink hat heute vermutlich ein schwächeres Immunsystem als ein HIV-Infizierter. Er schluckt morgens exakt um 9 Uhr und abends um Punkt 21 Uhr jeweils drei Medikamente gegen die Abstoßung des fremden Herzens - bei Wettkämpfen, die vor 9 Uhr beginnen, nimmt er die Pillen mit und stellt sich die Uhr. „Ich versuche, die Tabletten jeden Tag exakt nach Plan zu nehmen.“ Die Wohnung von Sprink und seiner Frau ist aufgeräumt und sehr sauber. Als der 45-Jährige vom Trainingslauf kommt, desinfiziert er sofort seine Hände. Öffentliche Verkehrsmittel und Menschenmengen in Gebäuden meidet er seit der Transplantation. „Schon ein kleiner Virusinfekt könnte mein Leben gefährden.“ Es ist deswegen nicht paradox, dass Elmar Sprink zwar Extremsportler ist, aber erwerbsunfähig. Der Sport, sagt er, gebe ihm die Sicherheit zurück, die mit dem kranken Herzen irgendwann weg war.

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Besser als jeder Zieleinlauf

„Leistungsfähig zu sein und mich zu bewegen, gibt mir das Gefühl, komplett gesund zu sein. Der Sport hilft mir, psychisch zu verarbeiten, was geschehen ist.“ Klar: Seine Geschichte reicht für lebenslange Albträume (die ihn tatsächlich hin und wieder hochschrecken lassen) locker aus. Acht Wochen, bevor Elmar Sprink zu Hause kollabierte, ergab ein Belastungstest, dass sein Herz kräftig und gesund sei. Der Kardiologe bescheinigte Sprink, der sich bei Wettkämpfen unwohl gefühlt und deutlich schlechter als sonst abgeschnitten hatte, voll leistungsfähig zu sein. Als er am 12. Juli 2010 um 17:50 Uhr vor dem Fernseher saß und eine Bergetappe der Tour de France guckte, sackte er wie ausge-
knockt weg. Seine Frau sah ihn und holte den Nachbarn, der ihn wiederbelebte. Als er um 19:50 Uhr auf der Intensivstation aufwachte, hatte er einen Puls von 240. Eine Herzmuskelentzündung, lautete die vorläufige Diagnose. Der Ausdauerläufer rannte jetzt von Arzt zu Arzt. In der Charité wurde ein Herzstillstand simuliert und ein Defibrillator eingebaut, Gewebeproben entkräfteten die Entzündungsdiagnose. Stress, der ehrgeizige Vertriebler arbeite zu viel, vermuteten die Mediziner nun. Sie schlossen einen Herzfehler, eine Herzmuskelentzündung, einen Virusinfekt aus, die Ursache für den Herzstillstand fanden sie nicht. „Nicht zu wissen, warum man krank ist, ist extrem beunruhigend“, sagt Sprink, der sich immer gesund ernährt und nie geraucht hat. „Und nur zusehen zu können, wie es einem immer schlechter geht, das ist der Horror.“ 

Weil er offiziell nur gestresst war, ging Sprink wieder ins Büro und machte Sport. Im Januar 2011 erlitt er einen Rückfall: Herzrhythmusstörungen, Notarzt, der Puls war auf 23 Schläge pro Minute abgesackt. Sein Herz sah jetzt aus wie ein ausgeleierter Fußball. Die Ursache fand niemand. Sprink versuchte es mit Blutwäsche und ging schließlich zu einer Wunderheilerin, der er 4000 Euro für angeblich heilsame Tropfen zahlte. Im August 2011 schaffte es der Ironman-Triathlet nicht mehr allein auf seinen Dauerkartenplatz beim 1. FC Köln im Oberrang des Rhein-Energie-Stadions. Im Sommer 2011 lag die Pumpleistung seines Herzens bei 30, im Dezember noch bei elf Prozent. Endlich kam er auf die Dringlichkeitsliste für Herztransplantationen. 

Als er Mitte Februar an das ECMO-Gerät angeschlossen wurde und drei Monate lang liegend und verkabelt auf ein Spenderherz wartete, sagte der verantwortliche Arzt seinen Eltern: „Ohne das Gerät hätte ihr Sohn höchstens noch zwölf Stunden überlebt.“ Die Monate an der Maschine bezeichnet Sprink immer wieder als seine „längste Langdistanz“. Nach 169 Tagen an der Maschine, die ihn am Leben hielt, stand er am 20. Juni 2012 mit neuem Herzen in der Brust auf, ging drei Schritte und weinte. „Besser als jeder Zieleinlauf!“, schrieb er seiner Frau Karin. Drei Wochen später stieg er aufs Ergometer. Zwei Jahre später der Ironman auf Hawaii. Elmar Sprink läuft entlang des Decksteiner Weihers in Köln, er überholt eine Gruppe Joggerinnen und erzählt von den Vorbereitungen auf seinen nächsten Lauf. Er vergleicht sich nach wie vor mit anderen Sportlern – wie viele Ausdauerathleten es manisch tun – sagt aber im nächsten Atemzug, dass es „mir nicht mehr um Leistung geht, sondern um dosierten Sport“. 

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Nur jeder Vierte überlebt die Wartezeit

10.000 Menschen warten in Deutschland auf eine Organspende - viele von ihnen vergeblich. Statistisch gesehen muss ein Mensch, der ein Spenderherz braucht, 500 Tage darauf warten - nur jeder Vierte überlebt die Wartezeit.

877 Organspender 2015 in Deutschland, das ist bei 925.239 Sterbefällen eine verschwindend kleine Zahl. „Den meisten Menschen fehlt der Bezug dazu, viele haben auch eine diffuse Angst“, sagt Sprink. Was Angst tatsächlich bedeutet, weiß Sprink seit seinem Herzstillstand, für den die Mediziner keinen Grund fanden. 

Sprink läuft am Geißbockheim vorbei, vor dem Trainingsplatz machen die FC-Stars Selfies mit ihren Fans. Über 100 Medien haben seit dem Ironman auf Hawaii über ihn berichtet, viele Millionen Menschen kennen seine Geschichte. Er ist jetzt selbst so etwas wie ein Prominenter – über seine Sponsoren und Gönner würden sich einige Halbprofis freuen. Sprink freut sich über das Interesse. Aber es geht ihm nicht vorrangig um Anerkennung, er hat genug Freunde und eine Frau, die er liebt. Elmar Sprink, der herztransplantierte „Leistungssportler“ mit dem Schwerbehindertenausweis, hatte schon vor seiner Herz-Operation einen Organspendeausweis. Er hat ihn immer noch. Niere, Leber, alle Organe mit Ausnahme des Herzens könnte er spenden. Er läuft und erzählt auch deswegen so viel, weil er ein paar Menschen dazu bewegen möchte, einen Organspendeausweis auszufüllen. Wenn Elmar Sprink seinen nächsten Trainingslauf startet, wird er wie so oft dankbar an seinen Lebensretter denken, der ihm sein starkes Herz und ein zweites Leben geschenkt hat.