Halber „Marathon des Sables“ feiert Premiere

120 Kilometer, drei Etappen: Das ist der „Half Marathon des Sables“, der im September auf Fuerteventura seine Premiere feierte. Für Ultra-Läufer soll er der Testlauf für den „Marathon des Sables“ in Marokko sein, der über sechs Etappen und 250 Kilometer führt.

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Unruhige Nacht im Zelt

Der Wind rüttelt an der Zeltwand. Laut und stark. Von Nacht-„Ruhe“ kann keine Rede sein. Ich zumindest mache kaum kein Auge zu. Die Läufer des ersten „Half Marathon des Sables“ haben sich hingegen schon an die Nächte im Zelt und den Lärm gewöhnt. Während ich meine erste Nacht im Zelt verbringe, ist es für sie schon die dritte. Außerdem sind sie müde von über 90 Kilometern, die sie bereits durch die karge Landschaft Fuerteventuras gelaufen sind.

Der originale „Marathon des Sables“ ist der Traum vieler Ultraläufer. In sechs Etappen führt er über 250 Kilometer durch die marokkanische Sahara. Läufer müssen nicht nur diese Herausforderung schaffen, sondern auch noch ihr gesamtes Equipment samt Schlafsack und Isomatte bei den Läufen mit sich tragen. Und ihre Nahrung für das komplette Rennen mitbringen – und selbst zubereiten. Nur Wasser wird vom Veranstalter gestellt.

„Ich habe schon lange davon geträumt, noch mehr Läufern dieses Wüsten-Erlebnis zu ermöglichen“, erzählt Patrick Bauer, Gründer des „Marathon des Sables“ und bist heute Renndirektor. „Bei den Läufen spreche ich immer viel mit den Athleten. Ich will wissen, was sie bewegt, und was wir tun können, um sie glücklich zu machen“, erklärt er. „Dabei haben mir viele immer wieder gesagt, dass sie lange von einem Start beim ‚Marathon des Sables‘ geträumt haben. Sie haben sich bloß lange nicht getraut, sich anzumelden.“ Die Angst vor der großen körperlichen, aber auch mentalen, Herausforderung war einfach zu groß. So entstand die Idee, einen kürzeren Lauf ins Leben zu rufen.

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Fuerteventura: Karge Landschaft, tolles Erlebnis

Noch mehr Leute sollten erfahren, wie es ist, durch die Wüste zu laufen, mehr oder weniger auf sich allein gestellt. In der Wildnis im Zelt schlafen, ohne den Komfort eines Bettes. „Der ‚Half Marathons des Sables‘ ist praktisch eine Art Trainingscamp. Ein erster Schritt hin zur vollen Distanz.“ So wie viele Läufer auf der Straße erst einen Halbmarathon laufen, bevor sie sich an die 42,195 Kilometer wagen, gibt es deshalb jetzt mit dem „Half Marathon des Sables“ auch die halbe Version: Drei Etappen und rund 120 Kilometer statt sechs Etappen und 250 Kilometer.

Um aber das Original unangetastet zu lassen und seine Wertigkeit nicht zu verwässern, suchten die Organisatoren auch einen neuen Austragungsort. „Fuerteventura liegt auf der gleichen Höhe wie die marokkanische Wüste. Als wir hier die wilde und authentische Natur erlebt haben, war es Liebe auf den ersten Blick“, blickt Bauer auf den ersten Besuch auf Fuerteventura zurück.

Die Insel ist zwar die zweitgrößte der Kanaren, mit knapp 110.000 Einwohnern aber eher überschaubar besiedelt. Karge Landschaften, die irgendwo zwischen Halbwüste und Wüste anzusiedeln sind, bestimmen die Landschaft. Auch wenn es nicht so heiß ist, wie in der Sahara, liegen die Temperaturen trotzdem das ganze Jahr über bei durchschnittlich 25 Grad. Kalt wird es eigentlich nie, Regen fällt selten. Optimale Bedingungen für einen Lauf abseits der Zivilisation, der eine besondere Herausforderung für die Läufer ist – aber auch ein einmaliges Erlebnis.

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Anna Marie Watson siegt in der Frauen-Wertung

300 Läufer aus 40 Ländern und von allen Kontinenten haben sich für die Premiere angemeldet, 30 Prozent davon Frauen. Drei von vier Läufern sind „Marathon des Sables“-Novizen. Während viele von ihnen absolute Hobby-Sportler sind und große Teile der Strecken gehend zurücklegen, sind an der Spitze des Klassements Profis der Szene unterwegs. Der Peruaner Remigio Huaman Quispe ist am Ende der drei Etappen in 10:38:57 Stunden und mit mehr als einer Stunde Vorsprung mit Abstand der Schnellste.

Bei den Frauen setzt sich die Britin Anna Marie Watson (13:51:26 h) – 14. der Gesamtwertung – durch. „Vor 17 Jahren habe ich erstmals vom ‚Marathon des Sables‘ gehört. Da sah ich am Flughafen lauter Leute in Flipflops, die kaum laufen konnten“, erzählt sich lachend. „Jemand meinte anerkennend: ‚Die sind den Marathon des Sables gelaufen. 250 Kilometer.‘ Und ich fragte mich nur: Wieso sollte man so etwas machen, das ist verrückt.“ Die Idee ließ Watson aber nicht los, auch wenn sie damals noch nicht einmal einen Marathon gelaufen war. Sie trainierte – und lief 2015 selbst mit. Und wurde gleich Zweite. Jetzt geht sie als Siegerin der Premiere auf Fuerteventura in die Geschichtsbücher ein.

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Herausfordernde Strecke

Nur ein paar Minuten langsamer als ist in der Gesamtwertung der beste Deutsche: Marc Schneider läuft in 14:00:41 Stunden auf den 16. Gesamtrang. „Der Rennsteig-Marathon war bislang mein längster Lauf“, erzählt er. Für den kommenden Sommer hat er aber den „Gobi March“ in der Mongolei geplant, 250 Kilometer in sieben Tagen.

Der „Half Marathon des Sables“ ist praktisch sein Testlauf. Und er besteht in mit Bravur. „Von der Landschaft habe ich leider nicht ganz so viel gesehen, dafür war ich ein bisschen zu schnell“, erzählt er schmunzelnd. Kein Wunder, wenn man trotz des schwierigen Untergrunds gut 8 Kilometer in der Stunde schafft. Und dass, obwohl Schneider erst vor zweieinhalb Jahren mit dem Laufen begann und sich im Juni noch das Schlüsselbein brach.

Trotzdem meistert er die drei anspruchsvollen Etappen gut. Die ersten 25 Kilometer läuft er wie die anderen bei mehr als 30 Grad. Teilweise geht es sandige Dünen hoch, viele gehen hier schon an ihre Grenzen. Auf der zweiten Etappe, die über 66 technisch anspruchsvolle Kilometer führt, und die viele in der Nacht laufen, sind 1700 Höhenmeter und eine hohe Luftfeuchtigkeit zu bewältigen. Freunde und Familie können von daheim verfolgen, wo sich die Läufer auf der Strecke befinden. Ein Transponder lädt alle fünf Minuten ihre Position über Satellit, das kann im Internet verfolgt werden.

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Patrick Bauer: „Die Freude der Läufer steht im Vordergrund“

Am letzten Tag steht noch einmal ein Halbmarathon an, mit einem herausfordernden Anstieg ganz am Ende. Die letzten Meter führen über den Strand und sind noch einmal schwer zu laufen. Ist im Ziel aber alles vergessen. Dort wartet Patrick Bauer. Der Renndirektor empfängt und beglückwünscht jeden einzelnen Teilnehmer herzlich und hängt ihnen die Finishermedaille um. Einige Läufer jubeln und machen Freudensprünge, andere weinen vor Freude und Erschöpfung. Anna Marie Watson, die in den letzten Tagen so schnell unterwegs war, geht die letzten Meter und genießt ganz bewusst das Ende des Rennens. Zwei Italiener schultern kurz vor dem Ziel ihre Mitläuferin.

„Ich habe wieder mit vielen Teilnehmern gesprochen“, sagt Patrick Bauer am Abend nach der Siegerehrung. Das Wohl, die Wünsche und die Freude der Läufer liegen dem herzlichen Organisator am Herzen. „Wir wollen das Gute behalten und anderes verbessern“, erklärt er. Deswegen sucht er das offene Gespräch mit den Läufern. Jedem soll Freude haben, wenn er an seinem Lauf teilnimmt, das ist ihm wichtig.

Deswegen werden der „Half Marathon des Sables“ und der im November erstmals ausgetragene „Marathon des Sables“ in Peru erst einmal die ersten neuen Rennen sein. „Wir können uns schon vorstellen, irgendwann auch Rennen auf anderen Kontinenten zu veranstalten. Aber wir wollen langsam wachsen, Schritt für Schritt.“ Nur so ist das besondere Erlebnis bei den „Marathon des Sables“-Rennen garantiert. Und wenn es in einem Zeit besteht, das nachts im Wind wackelt.