Läufer unter Druck: Was Kompression wirklich bringt

Die einen schwören drauf, die anderen empfinden sie als einengend und störend: Kompressionssocken bei Läufern. Bringen die eigentlich was oder ist das nur Placebo? Im Interview haben wir laufen.de-Experte Professor Dr. Helmut Lötzerich dazu befragt, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt und die wichtigsten Fakten liefert.

Im Portrait: Dr. Helmut Lötzerich
Im Portrait: Dr. Helmut Lötzerich

Professor Dr. Helmut Lötzerich forscht und lehrt am Institut für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der 59-Jährige war früher ein guter 400-Meter-Läufer und verschrieb sich später dem Radsport. In den vergangenen Jahren betreute er verschiedene Forschungsprojekte zu Kompression im Sport. Im Interview sagt er, ob und was der gezielte „Druck auf die Muskeln“ bringt.

Herr Professor Dr. Lötzerich, tragen Sie gerade Kompressionsstrümpfe?
Was glauben Sie? (Zieht das Hosenbein nach oben.) 

Tatsächlich! Warum tragen Sie die Strümpfe während der Büroarbeit?
Es gibt unterschiedliche Gründe. Generell empfinde ich es als sehr angenehm, auch wenn ich keinen Sport treibe. Es gibt Tage, da sitze ich acht Stunden am Stück am Schreibtisch. Da hat man abends dicke Beine. Die Strümpfe verhindern das. Gleiches gilt für lange Reisen im Auto oder im Flugzeug. Dazu haben wir auch eine Studie durchgeführt.

Mit welchen Ergebnissen?
Wir haben Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen mit sitzenden und stehenden Tätigkeiten untersucht. Am Ende des Tages ging es der Gruppe mit Kompressionsstrümpfen psychisch deutlich besser als der Kontrollgruppe. Außerdem hat das Beinvolumen nicht so stark zugenommen. Sprich: Weniger Blut und Wasser sind in die Beine gesackt.

Tragen Sie die Strümpfe denn auch beim Sport?
Sehr gern, speziell im Winter, weil sie dann natürlich auch wärmen. Ein anderer Punkt ist der Einsatz nach dem Sport. Ich setze die Strümpfe bewusst zu Regenerationszwecken ein. Wenn ich beispielsweise lange Rennrad gefahren bin, ziehe ich die Strümpfe danach an und trage sie drei bis vier Stunden.

Merken Sie selbst eine Leistungssteigerung durch diese speziellen Strümpfe?
Das lässt sich schwer quantifizieren. Man fühlt sich einfach besser, das haben schon viele Studien gezeigt. Bei den biologischen Parametern wird’s allerdings schwierig. Es gibt keine Studie die sagt, dass man mit Kompressionsstrümpfen über 10 Kilometer eine Prozentzahl X schneller ist als ohne.

Können Sie denn sagen, ob Freizeitsportlern Kompression etwas bringt oder nicht?
Mit Sicherheit. Unsere Studien haben gezeigt, dass der Abtransport des Blutes verbessert wird. 

Wer profitiert stärker von der Technik: Profi-Sportler oder Freizeitsportler?
Wenn man die gesamte Studienlage und Literatur zusammenfasst, ergibt sich eine Tendenz: Je schlechter ein Sportler trainiert und jede älter er ist, desto größer sind die Effekte der Kompression.

Sie haben Mitte Februar bei den „Bonner Venentagen“ zum Thema Kompression referiert. Der Titel des Vortrags hieß: „Was ist belegt?“. Wie lautet Ihr Ergebnis?
Es gibt mittlerweile einige Studien zum Thema. Man darf aber nicht vergessen, dass Kompression im Sport noch ein sehr junges Forschungsfeld ist. Leider sind viele Studien nicht gut angelegt, weil die falschen Parameter untersucht werden, beispielsweise Laktat. Die Laktatbildung wird natürlich nicht durch das Tragen von Kompressionstextilien gehemmt. Eine sehr gute Studie ist die von Professor Kemmler aus Erlangen. Er hat nachgewiesen, dass bei einem Stufentest die Leistung mit Kompressionskleidung besser ist als ohne.

In welchen Bereichen hilft Kompression am effektivsten?
Die besten Ergebnisse gibt’s in der Regeneration. Sportler haben dort einen geringeren Leistungsverlust. Das betrifft die Kurzzeitregeneration, beispielsweise bei Bahnsprintern mit drei Läufen an einem Tag. Auch einige Studien in der Langzeitregeneration belegen das. Allerdings werden dort mehrere Parameter untersucht, von denen dann zum Teil sich nur einer positiv verändert. Ganz deutlich wird der Effekt bei den subjektiven Parametern wie Erschöpfungszustand oder Muskelkalter. Da hat Kompression einen positiven Effekt. Und es ist doch schön, wenn wir uns am Tag nach einem harten Training wieder fit fühlen.

Beim Laufen scheint auf den ersten Blick durch die große Beanspruchung der Beine der größte Nutzen von Kompression zu bestehen. Stimmt das?
Subjektiv mit Sicherheit. Allerdings wird Kompression auch in anderen Sportarten eingesetzt, beispielsweise im Fußball. Dort sieht man es halt nicht sofort, weil die Strümpfe unter den Stutzen getragen werden. Selbst beim Reiten werden sie getragen, allerdings nicht aus Gründen der Leistungssteigerung. Durch die Kompression wird der Kontakt zwischen Bein, Stiefel und Pferd besser. Man sieht: Je nach Sportart gibt es unterschiedliche Gründe für den Einsatz von Kompression.

Es gibt seit Jahren auch „Strümpfe ohne Füße“ auf dem Markt, sogenannte Sleeves. Erzielen die eine vergleichbare Wirkung wie Kompressionsstrümpfe?
Ja, da gibt es keinen Unterschied, da der Druckverlauf bei Kompressionsstrümpfen erst über dem Knöchel einsetzt. So sind sie von der Wirkung mit Sleeves vergleichbar. Der Druck über dem Knöchel ist am größten und nimmt dann Richtung Knie ab. So kann das Blut besser aus den Beinen abfließen.

Es gibt auch Oberteile und Tights, die Druck aufs Gewebe ausüben. Gibt es Unterschiede in der Wirkung der Kleidungsstücke und welche sind zu empfehlen?
Den Einsatz von Strümpfen, Tights und Squads für die Oberschenkel kann ich nachvollziehen. Beim Oberkörper werden Sleeves für die Arme gern beim Basketball eingesetzt. Die Spieler versprechen sich dadurch eine verbesserte Koordination bei Ermüdung. Was ich persönlich schwieriger finde, ist die Kompression des Oberkörpers. Die behindert meiner Meinung nach die Atmung. Da hört bei mir das Wohlfühlgefühl auf.

Von 6 bis 66 Euro: Kompressionsstrümpfe sind in allen Preisklassen erhältlich. Auf welche Punkte sollte man beim Kauf achten?
Dass sie richtig passen. Ganz wichtig: Kompressionsstrümpfe werden nicht nach Schuhgröße verkauft, sondern nach dem Umfang der Wade an verschiedenen Stellen. Nur so ist sichergestellt, dass das richtige Maß an Kompression erreicht wird. Wenn es mal wieder beim Discounter Modelle gibt und diese nur nach Schuhgröße angeboten werden, kann es mit der Kompression gar nicht klappen. 

Das meint Martin Lüchtefeld von Laufsport Bunert in Köln
Das meint Martin Lüchtefeld von Laufsport Bunert in Köln

Kompression für Läufer ist für uns schon seit gut zehn Jahren ein Thema – und es wird immer wichtiger. Das merken wir täglich beim Gespräch mit den Kunden. Auch wenn eine Leistungssteigerung um einen bestimmten Prozentsatz nicht nachweisbar ist, mögen Läufer das angenehme Gefühl von Kompressionskleidung. Wichtig ist: Socken, Hosen & Co. müssen die richtige Größe haben, damit Kompression wirkt. Deshalb verwenden wir viel Zeit, um den Kunden zu vermessen und das individuell beste Produkt zu finden.

Kompression im Detail

In der Medizin wird Kompression schon seit rund 150 Jahren angewandt. Kompression im Sport ist dagegen noch immer ein recht junger Bereich. Generell unterstützt Kompressionsbekleidung die Muskelpumpe, auch Venenpumpe genannt,  des Körpers. Durch den Druckverlauf in der Kleidung – bei Strümpfen nimmt er vom Knöchel bis zum Knie stetig ab – wird das Blut besser zurück zum Herzen zurücktransportiert und „versackt“ nicht mehr in den Beinen. Das Gefühl „dicker Beine“ tritt erst verspätet oder gar nicht auf.

Nach aktueller Studienlage steigert das Tragen von Kompressionskleidung zwar nicht direkt die Leistung beim Laufen. Doch Untersuchungen haben ergeben, dass sich Kompression in folgenden Bereichen positiv auswirkt:

  • Die Regeneration (Kurz- wie Langzeit) wird beschleunigt.
  • Ältere und schlechter trainierte Sportler profitieren mehr als junge und gut trainierte Sportler.
  • Sportler fühlen sich nach intensivem Training weniger erschöpft und sind früher wieder belastbar.