Steve Prefontaine: Die US-Lauflegende im Portrait

Steve Prefontaine fasziniert auch noch mehr als 40 Jahre nach seinem Tod die Sport-Welt. Wegen seines Laufstils und seiner Einstellung war er so beliebt. Wenn er trainierte, kamen bis zu 1000 Fans.

Im Portrait: Steve Prefontaine
Im Portrait: Steve Prefontaine

Steve Prefontaine war ein US-amerikanischer Mittel- und Langstreckenläufer geboren am 25. Januar 1951 in Coos Bay, Oregon.1975 verunglückte er in Eugene/Oregon mit seinem Sportwagen tödlich und wurde nur 24 Jahre alt. Er war bekannt als begnadetes Lauftalent, der ehrgeizig für seine Ziele arbeitete. Zu seinen größten Erfolgen zählt der Vierte Platz 1972 bei den Olympischen Spielen, sowie die US-Rekorde über 2000 und 10.000 Meter.

29. Mai 1975. Eugene, Oregon. Steve Prefontaine hatte beim Sportfest auf dem „Hayward Field“ (wie so oft) den 5000-Meter-Lauf gewonnen. Einige Starter trafen sich später im Haus des Hindernisläufers Geoff Hollister, um die guten Leistungen zu feiern. Kurz vor Mitternacht löste sich die Gesellschaft auf. Steve Prefontaine nahm Frank Shorter, den Marathon-Olympiasieger von 1972 in München, in seinem Auto mit, um ihn vor dem Haus eines befreundeten Läufers abzusetzen, wo Frank Shorter übernachten wollte.

Sie redeten noch lange, denn Prefontaine suchte prominente Unterstützung für seine Forderungen an den Verband Athletic Amateur Union (AAU). Die Amateurregeln sollten endlich gelockert werden. Damals beherrschte die AAU mit strengen Vorschriften fast das gesamte Leben der Athleten. So schrieb der Verband ihnen unter anderem vor, bei welchen Wettkämpfen sie zu starten hatten und wie sie dahin kommen sollten. Vor allem aber war es Amateuren untersagt, Antrittsgelder anzunehmen oder Werbeverträge abzuschließen – generell war es sehr schwer für die Sportler, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Prefontaine läutete das Ende der Amateur-Regel ein

So auch für Prefontaine. Bevor er der erste bezahlte Angestellte der damals kleinen Sportfirma Nike wurde, hauste er in einem Wohnwagen, lebte von Essensmarken und baute sein eigenes Gemüse an. Doch er suchte nach neuen Wegen für die Sportler. Immerhin trainierten sie professionell und erbrachten hervorragende Leistungen, hatten jedoch kaum Möglichkeiten, ihre Karriere zu finanzieren. Dazu mussten die rigiden Regeln des Amateursports gelockert werden. Shorter und er waren sich einig und vereinbarten, dass sie die Unterhaltung am nächsten Morgen bei einem gemeinsamen Trainingslauf fortsetzen wollten.

Doch dazu sollte es nicht kommen. Auf dem Nachhauseweg passierte es: Nach Zeugenaussagen, die jedoch dem offiziellen Polizeibericht widersprachen, kam Prefontaine auf einer kurvenreichen Strecke ein Wagen entgegen, der ihn zu einem Ausweichmanöver zwang. Prefontaines Wagen überschlug sich. Jede Hilfe kam zu spät. Der entgegenkommende Wagen fuhr weiter und wurde nie gefunden, obwohl es recht konkrete Hinweise auf den Fahrer gab. Einer der charismatischsten Läufer starb, noch bevor er sein größtes sportliches Ziel erreichen konnte: den ersehnten Sieg bei den Olympischen Spielen 1976. Ganz zu schweigen von seinen persönlichen Plänen: Im folgenden September wollte er seine langjährige Freundin Nancy Alleman heiraten. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hatte er als 21-Jähriger auf Rang vier eine Medaille noch ganz knapp verpasst.

„Wer nicht sein Bestes gibt, verschenkt sein Talent.“ Diese Einstellung war es, die Prefontaines kurzes Leben bestimmte. Wer ihn laufen sah, seinen totalen Fokus auf den Sieg und den unbedingten Willen, immer seine beste Leistung zu geben, merkte, dass dies nicht nur eine Floskel war – er lebte diese Einstellung. Aber nicht nur auf der Bahn. Durch seinen mitreißenden Enthusiasmus und seine persönliche Ausstrahlung nahm er seine Mitmenschen für sich ein. Aber er verschaffte sich auch Achtung durch seine direkte Art, Prefontaine nahm kein Blatt vor den Mund. Er war ganz fürs Laufen da. Er gründete einen Joggingclub – selbstverständlich lief er selbst mit –,  er ging in Schulen, um mit den Kindern übers Laufen zu sprechen und gründete sogar in einem Staatsgefängnis eine Laufgruppe.

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Sein Wettkampf-Spike von 1974 - Prefontaine war der erste Nike Athlet

Auch sein Engagement in den Anfangsjahren von Nike spiegelt diesen Enthusiasmus wider. Handgeschriebene Empfehlungen an andere Top-Läufer, diese neuen Schuhe auszuprobieren, aber auch ständig neue Ideen zur Entwicklung und zum Vertrieb gaben der jungen Firma wichtige Impulse. Geoff Hollister, zu dieser Zeit in führender Position bei Nike, wusste schon damals: „Wenn wir ihn zufriedenstellen können, können wir alle zufriedenstellen.“ 

Doch endgültige Zufriedenheit und Genugtuung gab ihm letztendlich vor allem seine eigene Leistung auf der Bahn. Es war nicht seine Art, sich in einem Rennen einfach mitziehen zu lassen und dann im Endspurt zu gewinnen. Der kurze, harte Spurt war ohnehin nicht sein Ding. Er war es, der sich nach dem Startschuss an die Spitze des Feldes setzte und erbarmungslos Tempo machte – meist fielen seine Gegner zermürbt zurück, einer nach dem anderen. Sein Credo: „Die anderen können mich vielleicht schlagen, aber dafür werden sie bluten müssen.“

Diese Art, seine Rennweise dermaßen martialisch zu formulieren, die selbstbewusste, fast schon provozierende Art, sein T-Shirt mit der Aufschrift „Stop Pre“ auszuziehen und sich an der Startlinie zu präsentieren, nötigte seinen Gegnern mindestens Respekt ab. Sie wussten: Wenn es gegen „Pre“ geht, müssen sie alles geben, denn er wird noch mehr aus sich selbst herausholen als sie. Er kannte nur ein Tempo: Vollgas. Auch ließ er nie, selbst bei großem Vorsprung, ein Rennen „austrudeln“, um sich zu schonen. Er lief immer „all out“, bis zur Ziellinie.

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Er wurde in „Seinem“ Stadion nie besiegt

So kommt dieser unglaubliche Rekord zustande, dass er in seinen vier Jahren an der Universität von Oregon in „seinem“ Stadion nie besiegt wurde. Alle Rennen jenseits der Meile sahen ihn als Sieger. Im „Hayward Field“ konnte ihn niemand besiegen, denn er lief für „seine Leute“, wie er sie nannte, sein Publikum, das ihn verehrte und ihn antrieb. Daraus zog er seine Energie, für die lief, kämpfte und gewann er. Mehr als 10.000 Zuschauer kamen zu den Wettkämpfen in Hayward, selbst wenn er trainierte, waren teilweise 1000 Zuschauer auf den Tribünen. Es war für alle ein besonderes Ereignis, ihn laufen zu sehen. Und sie wussten, sie kamen nicht umsonst. 

An einem Tag waren gerade die umliegenden Stoppelfelder nach der Ernte von den Bauern zur Düngung abgebrannt worden. Die Bahn konnte man vor Qualm kaum sehen. Doch Steve wollte in Vorbereitung eines Wettkampfs noch eine schnelle Testmeile (ca. 1609 m) laufen. Trotz dieser widrigen Luftbedingungen wollte er seine Leute nicht hängen lassen und prügelte die Meile in 3:58 Minuten herunter. Im Ziel waren seine Lungen entzündet und er musste Blut spucken. Trotzdem griff er sich ein Megafon und dankte seinen Zuschauern für ihre Unterstützung. 

Das waren die Gesten, die seine Leute an ihm schätzten. Er war einer der ihren. Jeglicher Starrummel war ihm zuwider. In jungen Jahren wurde er wegen seines smarten Erscheinungsbildes mit James Dean verglichen: „Der James Dean der Laufbahn“. Zwar nahm er die angenehmen Seiten des Images mit – die Mädchenherzen flogen ihm zu. Doch mit dem Rest wollte er nichts zu tun haben. So ließ er sich die Haare lang wachsen und machte den „Outlaw“-Schnauzbart zu seinem Symbol. Er wurde vielfach gefeiert wie ein Rockstar – doch das wollte er nicht sein. Ebenso der Name „Pre“ gefiel ihm nicht. Der war für seine Gegner. Für seine Freunde wollte er nur Steve sein.

Für alle aber war er der, der zeigte, was möglich war, wenn man seine Ziele kennt und sie konsequent verfolgt. Neben seiner unbändigen Lust am schnellen Laufen („Ich möchte, dass die Leute sagen: Ich habe noch niemals jemanden so laufen gesehen.“) war es vor allem der leidenschaftlich ausgetragene Kampf gegen die mächtige AAU. Kein Athlet legte sich so kompromisslos mit den Offiziellen dieser „athletenfeindlichen“ Organisation an wie er.

Leichtathletik-Meeting erinnert an die Lauf-Legende

Eine davon ist heute der Schauplatz für den jährlichen „Prefontaine Memorial Run“, der vorwiegend von seiner Schwester und ehemaligen Weggefährten organisiert wird. Vielfach erinnert die kleine Stadt an ihren berühmten Sohn – im Museum, in der Stadt auf einer Serie von Bronzetafeln mit seinen Rekorden und Zitaten, natürlich ist das Stadion nach ihm benannt.

In Eugene, wo er mit seinem Trainer Bill Dellinger seine größten Erfolge feierte, wird alljährlich mit dem hochklassigen Sportfest „Prefontaine Classic“ an ihn erinnert. Jeden Mai trifft sich hier die Weltelite der Leichtathletik – die Leistungen, die erzielt werden, sind oft nicht weit von den entsprechenden Weltrekorden entfernt. Und Top-Leistungen sind ihm die Athleten von heute auch schuldig: Zu seiner Zeit hielt Prefontaine alle US-Rekorde von 2000 bis 10.000 Meter. Er gewann viermal in Folge die bedeutenden US-Hochschulmeisterschaften über 5000 Meter – das schaffte vor ihm keine anderen Läufer. Auf Strecken, die länger als eine Meile waren, verlor er über fünf Jahre kein Rennen gegen US-Konkurrenten. Er war besonders: als Läufer und als Mensch. Sein Andenken wird bestehen.

Nur zwei Jahre nach seinem Tod wurden die Amateurstatuten der AAU geändert und den Athleten mehr Freiheiten eingeräumt sowie Möglichkeiten zugestanden, ihr finanzielles Auskommen durch den Sport zu sichern. Auch wurde das Laufen inzwischen nicht nur vor Top-Athleten betrieben, sondern die Bewegung erfasste eine breite Masse, die den Sport für sich entdeckte. Steve Prefontaine hatte einen großen Anteil daran.