New York, Boston, Chicago, London, Berlin, Tokio und ein Berliner

In der Mathematik ist die Sechs die kleinste vollkommene Zahl. Im Laufsport gilt das ebenso, seit sich die sechs wichtigsten Marathonläufe der Welt zu den World Marathon Majors zusammengeschlossen haben. Es gibt nicht viele Menschen, die an allen sechs Rennen in New York, Boston, Chicago, London, Berlin und Tokio teilgenommen haben. Und noch weniger, die jeden der großen Marathonläufe mindestens einmal unter drei Stunden absolviert haben. Ein gutes Dutzend ist es weltweit, nur einer kommt aus Deutschland: Christoph Gill aus Berlin.

Der 51-Jährige ist gebürtiger Saarländer. Als Jugendlicher hatte er zunächst Handball gespielt. Während die meisten seiner Mitspieler die Waldläufe im Training verfluchten, blühte er in Laufschuhen erst so richtig auf. „Ich bin eigentlich immer schon gelaufen“, sagt Gill. 1986 ging er zum Medizinstudium nach Berlin, heute arbeitet er dort als Orthopäde. Laufen ist für ihn eine willkommene Abwechslung zum Job. Am liebsten ist er an den Flüssen und Kanälen Berlins oder im Tiergarten unterwegs, oft zusammen mit seiner Laufgruppe, der „SCC Maulwürfe“. Seinen ersten Marathon lief er 2008 in Potsdam. Im Ziel waren die Füße voller Blasen, doch das änderte nichts an seinem Hochgefühl. „Ich war einfach nur glücklich“, sagt er.

Noch im selben Jahr startete er erstmals beim Berlin-Marathon und blieb zunächst noch knapp über drei Stunden. 2010 knackte er in Berlin erstmals die magische Marke – die damals erzielten 2:54:28 Stunden sind bis heute seine Bestzeit –, wenige Wochen später gelang ihm das auch in New York (2:57:17 Stunden). So wuchs der Plan, einmal alle World Marathon Majors unter drei Stunden zu schaffen. Damals waren es nur fünf Veranstaltungen – Tokio stieß erst 2012 dazu. Christoph Gill nahm jedoch auch diese zusätzliche Herausforderung an.
2013 lief er in London im zweiten Anlauf 2:57:54 Stunden, nachdem er ein Jahr zuvor noch wegen einer Sehnenentzündung aufgeben musste. „Das muss man immer einkalkulieren, dass es auch mal nicht klappen kann“, sagt er. Dann dürfe man nicht verkrampfen, denn „je mehr man etwas erzwingen will, desto größer ist die Gefahr des Scheiterns“, so der 51-Jährige. Ebenfalls 2013 beendete er den Chicago-Marathon in 2:55:07 Stunden. Im Februar 2014 folgte Tokio mit 2:57:11 Stunden, im April 2014 Boston mit 2:59:02 Stunden – damit war die Mission erfüllt. Es war das Jahr nach dem verheerenden Bombenattentat beim Boston-Marathon, doch selbst davon ließ sich Christoph Gill nicht aufhalten.

Boston ist für ihn eine der schwersten Strecken innerhalb der World Marathon Majors. Der berüchtigte Heartbreak Hill trage seinen Namen nicht zu Unrecht. Auch New York sei äußerst anspruchsvoll, vor allem die Anstiege an den Brücken und die wellige Fifth Avenue. „Ich habe viele gesehen, die dort von Krämpfen geplagt wurden“, sagt Gill. Trotzdem zählen die drei Marathons in den USA wegen der grandiosen Stimmung am Streckenrand allesamt zu seinen schönsten Erlebnissen. Beim Rennen in Chicago war auch seine damals 20-jährige Tochter dabei, die ebenfalls völlig begeistert war. „Danach hat sie Lust bekommen und selbst angefangen zu laufen“, erzählt Christoph Gill. 
Zwei Jahre später starteten beide gemeinsam in New York. Auch die Stimmung beim London-Marathon sei sensationell, meint Gill: „Wenn man auf die letzten zwei Meilen entlang der Themse abbiegt, stehen dort Massen von Menschen und schreien einen regelrecht ins Ziel. Da hat man überhaupt keine Möglichkeit noch stehenzubleiben.“

Das fällt ihm ohnehin schwer. „Laufen ist Passion, eine Art Meditation“, sagt er. „Für mich ist jeder Schritt ein Genuss. Ich habe einfach Spaß beim Laufen – es ist ein Stück Lebensqualität“, so Gill. Seine Reisen zu den großen Marathonläufen dieser Welt verbindet er stets auch mit einem Kurzurlaub in der jeweiligen Stadt. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf die Klassiker: Gill war auch schon in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator am Start, als einer von nur einer Handvoll Europäern. Es war ein einziges Abenteuer: Zwar hatte sich die Gruppe vorher per E-Mail angemeldet, doch die endgültige Startbestätigung gab es erst vor Ort. Im Rennen waren dann nach der Hälfte der Strecke plötzlich die Streckenposten teilweise verschwunden. „Wir sind ein bisschen herumgeirrt, aber wir haben alle das Ziel erreicht“, erinnert sich der Berliner.

Trotz New York, London und Chicago: Christoph Gill hat die Bodenhaftung nicht verloren. Er startet immer noch gern bei den kleineren Veranstaltungen in Berlin. Sein nächstes großes Ziel ist der Rennsteig-Lauf. „Den will ich unbedingt noch einmal laufen“, sagt er. Auch wenn es dort wegen der Streckenlänge und des anspruchsvollen Terrains nicht für eine Zeit unter drei Stunden reichen wird.

Seine Botschaft: „Je Mehr man etwas erzwingen will,  desto größer ist die Gefahr des Scheiterns"