New York: Erster US-Sieg seit 1977 durch Shalane Flanagan

Eine US-Amerikanerin hat überraschend den New York-Marathon gewonnen: Shalane Flanagan stoppte die Siegesserie von Mary Keitany und gewann in 2:26:53 Stunden klar vor der Kenianerin, die nach 2:27:54 Stunden im Ziel war. Es ist der erste Sieg einer Amerikanerin beim New York-Marathon seit 1977. Damals gewann Miki Gorman in 2:43:10 Stunden, allerdings hatte der internationale Frauen-Langstreckenlauf in den 70er-Jahren längst nicht das heutige Niveau. Bei guten Wetterbedingungen feierte der 24-jährige Geoffrey Kamworor im Männer-Rennen nach mehreren Anläufen seinen ersten Marathonsieg.

Für die 36-jährige Shalane Flanagan, die beim olympischen Marathon 2016 Platz sechs belegt hatte und bereits 2004 Olympia-Silber über 10.000 m gewonnen hatte, war es der größte Sieg ihrer Karriere. Keitany, die im Frühjahr den London-Marathon in der Afrika-Rekordzeit von 2:17:01 gewonnen hatte und in New York zum vierten Mal in Serie gewinnen wollte, war am Sonntag offensichtlich nicht in Topform. Die große Favoritin rettete aber noch Platz zwei ins Ziel vor Mamitu Daska (Äthiopien/2:28:08 Stunden).

Es war nicht der Tag der Titelverteidiger beim 47. New York-Marathon: Vorjahressieger Ghirmay Ghebreslassie (Eritrea) lief lange in der Spitzengruppe, gab dann jedoch knapp fünf Kilometer vor dem Ziel auf. Bei guten Wetterbedingungen feierte der 24-jährige Geoffrey Kamworor nach mehreren Anläufen seinen ersten Marathonsieg. Der amtierende Halbmarathon- und Crosslauf-Weltmeister aus Kenia gewann das Rennen in 2:10:53 Stunden knapp vor seinem Landsmann Wilson Kipsang. Der frühere Weltrekordler hatte auf dem letzten Kilometer noch einige Sekunden gut gemacht, konnte Kamworor aber nicht mehr ganz erreichen und wurde schließlich in 2:10:56 Stunden mit nur drei Sekunden Rückstand Zweiter. Platz drei belegte Lelisa Desisa (Äthiopien) in 2:11:32 Stunden. 

Über 50.000 Läufer beteiligten sich an dem Marathon-Spektakel mit Start auf der Verrazano Narrows Bridge und Ziel im Central Park. Deutsche Topläufer waren in New York nicht am Start.

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Das Rennen der Frauen

Beim New York-Marathon finden die Eliterennen traditionell ohne Tempomacher statt. Dadurch entwickeln sich dort meistens Rennen mit einem lange Zeit verhaltenen Tempo und wenig Bewegung in der Spitzengruppe. Am Sonntag war das Tempo noch langsamer als üblich. Zwischenzeiten von 19:09 Minuten bei 5 km beziehungsweise 36:52 Minuten bei 10 km deuteten auf Endzeiten von zunächst über 2:40 Stunden und dann immer noch über 2:35 Stunden hin. Nach 1:16:18 Stunden erreichte die 18-köpfige Spitzengruppe die Halbmarathonmarke. 

Der 25-km-Punkt wurde nach 1:30:07, 30 km nach 1:47:05 Stunden erreicht. Erst in dieser Phase des Rennens wurde es an der Spitze merklich schneller. Knapp zehn Kilometer vor dem Ziel lösten sich Titelverteidigerin Mary Keitany, Mamitu Daska und Shalane Flanagan. Rund vier Kilometer blieb das Trio zusammen, dann konnte sich Shalane Flanagan etwas absetzen. In der Folge vergrößerte die Amerikanerin ihren Vorsprung. An der 40-km-Marke lag sie bereits 24 Sekunden vor der großen Favoritin Mary Keitany, die weiter an Boden verlor und schließlich fast elf Minuten langsamer lief als noch in London im April. „Ich hatte gestern Nachmittag ein Problem“, erklärte Mary Keitany, ohne weitere Details zu nennen. „So ist das Leben. Dadurch konnte ich heute nicht meine Leistung bringen.“

Eine Überraschung gelang in New York nicht nur der Siegerin. Die fünftplatzierte US-Amerikanerin Alliee Kieffer war mit einer persönlichen Bestzeit von 2:44:44 Stunden ins Rennen gegangen. Sie war diese Zeit 2016 bei einem Hallenrennen in New York auf einer 200-m-Rundbahn gelaufen. Am Sonntag wurde sie Fünfte und verbesserte sich um gut eine Viertelstunde auf 2:29:39 Stunden. Hinter ihr lief die italienische Debütantin Sara Dossena auf Rang sechs zeitgleich ins Ziel.

Für Shalane Flanagan könnte der New York-Sieg der krönende Abschluss ihrer Karriere sein. Auf die Frage, ob dies ihr letzter Marathon war, antwortete sie ausweichend: „Wir müssen in nächster Zeit einige Entscheidungen treffen.“ Doch zunächst wollte sie ihren Sieg genießen, nachdem sie im Frühjahr verletzungsbedingt auf den Start beim Boston-Marathon verzichten musste. „Ich war damals am Boden zerstört, aber ich habe mir gesagt: Es gibt irgendwann eine ausgleichende Gerechtigkeit“, sagte Flanagan. „Ich habe von einem Moment wie heute geträumt seit ich ein kleines Mädchen war. Das bedeutet mir unheimlich viel. Sieben Jahre Arbeit stecken in diesem Moment.“

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Das Rennen der Männer

Auch bei den Männern lief die Spitzengruppe lange Zeit ein Tempo, das sich für diese Athleten fast wie schnelleres Jogging angefühlt haben muss. Die ersten Zwischenzeiten deuteten auf eine Zielzeit von über 2:15 Stunden hin. Bis zur Halbmarathonmarke, die nach 66:09 Minuten erreicht war, wurde das Rennen nicht wesentlich schneller. Zwar verkleinerte sich die Spitzengruppe zunächst auf sieben Läufer - darunter waren neben den drei am Ende Erstplatzierten auch Titelverteidiger Ghebreslassie und der Schweizer Tadesse Abraham - doch in der Folge fanden andere wieder den Anschluss.

Nach 35 km (1:49:36 Stunden) liefen immer noch neun Athleten in der ersten Gruppe. Zwei Kilometer später hatte sich ein Quartett abgesetzt: Kamworor und Kipsang bildeten nun gemeinsam mit den Äthiopierin Desisa und Lemi Berhanu die Spitzengruppe. Kurz vor Kilometer 40 verschärfte dann Geoffrey Kamworor das Tempo und konnte schnell einen Vorsprung von sieben Sekunden herauslaufen. 

Doch es blieb im Rennen um den prestigeträchtigen New York-Sieg spannend. Denn Wilson Kipsang, der Ende September beim BMW Berlin-Marathon das Rennen nach 30 km aufgegeben hatte und nun einen neuen Anlauf nahm, blieb seinem Landsmann auf den Fersen. Auf den letzten paar hundert Metern lief Kipsang sogar schneller als Kamworor und holte Sekunde um Sekunde auf. Doch für Kipsang, der in New York vor drei Jahren gewonnen hatte, kam die Ziellinie rund 150 Meter zu früh. Er kam nicht mehr an seinem Konkurrenten vorbei. „Ich habe meinen Schlussspurt etwas zu spät angesetzt, ansonsten hätte ich ihn eingeholt. Aber ich gratuliere Geoffrey zum Sieg und zu einem starken Rennen“, sagte Wilson Kipsang, der im vergangenen Februar den Tokio-Marathon gewonnen hatte.

„Ich habe Wilson kommen gesehen und habe mich nur darauf konzentriert so schnell wie möglich zu laufen. Ich weiß, dass ich als Bahn-Langstreckler eine sehr gute Grundschnelligkeit habe und dachte mir, dass das reichen könnte, um zu gewinnen“, sagte Geoffrey Kamworor. „Es ist fantastisch für mich, im sechsten Marathon erstmals zu siegen.“

Auch in New York konnten sich, wie schon vor einer Woche in Frankfurt, drei europäische Läufer unter den Top Ten platzieren: Der aus Eritrea stammende Schweizer Tadesse Abraham wurde Fünfter in 2:12:01 Stunden vor dem Holländer Michel Butter (2:12:39 Stunden). Als Achter folgte Koen Naert (Belgien) mit 2:13:21 Stunden. 

Seinen letzten Marathon als Profi lief der US-Amerikaner Meb Keflezighi. Der 42-Jährige hatte bei Olympia 2004 in Athen überraschend die Silbermedaille gewonnen und triumphierte dann sowohl in New York (2009) als auch Boston (2014). Er wurde am Sonntag Elfter in 2:15:29 Stunden.