Heiße Runde: Trailrunning auf Menorca

Marathon-Vorbereitung mal ganz anders: Tinka Uphoff (Bestzeit 2:43:50) und Andrea Diethers (Bestzeit 2:44:24) haben in der August-Hitze Menorca umrundet. Eine Reportage über 188 Kilometer Trailrunning als Training für den zwei Monate später folgenden Frankfurt-Marathon 2015.

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Gemeinsam wagen sie sich in ein neues Abenteuer: 188 Kilometer über die Mittelmeerinsel Menorca stehen für Andrea Diethers (links) und Tinka Uphoff auf dem Programm.

„Einmal zum GR 223 bitte.“ Die Ansage der beiden jungen Frauen im knappen Lauf-Outfit hat den Taxifahrer am Flughafen von Menorca echt überrascht. Keine Zwischenstation im Hotel, kein großes Gepäck – die beiden deutschen Läuferinnen Tinka Uphoff und Andrea Diethers wollen keine Zeit verlieren und auf dem kürzesten Weg aus dem Flugzeug zum Cami de Cavalls. Der Wanderweg führt unter der Bezeichnung GR 223 rund um die Baleareninsel und bietet insgesamt 188 Kilometer Trailrunning vom Feinsten.

In fünf Tagen wollen die Marathon-Spezialistinnen Menorca umrundet haben. Deshalb steht gleich zum Auftakt ein Marathon auf dem Programm – Wanderer planen für diese Strecke drei Tagesetappen ein. Um halb drei nachmittags ist das Flugzeug gelandet, eine gute Stunde später laufen die beiden schon. In der Gluthitze des Hochsommers am Mittelmeer. Auf schattenlosen Trails. Mit 1,5 Litern Wasser im Trinkrucksack und Reserven, die sie in Flaschen mit sich tragen. „Wir haben vorher genau recherchiert, wo wir am Weg Wasser kaufen können“, erzählt Andrea Diethers. Aber grade im dünn besiedelten Norden der Insel, wo ihre Tour startete, gibt es nur wenige Geschäfte oder Brunnen. Deshalb muss viel Wasser geschleppt werden, um bei Temperaturen von mehr als 35 Grad nicht zu dehydrieren.

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Neben dem straffen Lauf-Programm haben die Mädels sich aber natürlich auch Zeit genommen, die atemberaubenden Ausblicke zu genießen.

Tinka Uphoff hat damit Probleme. Sie ist eine erfahrene Marathonläuferin. In Hamburg verbesserte sich die 32 Jahre alte Frankfurterin im vergangenen Frühjahr auf 2:43:50 Stunden. Aber Trailrunning mit Rucksack ist Neuland für sie. Auf der vorletzten Etappe bekommt sie Schwierigkeiten. 42 Kilometer am ersten Tag, 55 am zweiten und jeweils 30 am dritten, vierten und fünften Tag – das ist der Plan des Duos.

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Die Verlockung ist groß: Kurze Abkühlungen im Meer gehören dazu.

Aber nach drei Tagen ist Tinka fast am Ende. Der Rücken ist aufgescheuert vom Rucksack, Beine und Kopf sind müde. „Das Bergablaufen über Geröll und Felsen hat mich so viel Konzentration und Muskeleinsatz gekostet“, stöhnt sie schon nach vier Kilometern. Sie kann das Tempo ihrer Partnerin nicht mehr laufen. Und weil das Ganze ja kein Wettkampf ist und die beiden glücklicherweise nicht ganz allein unterwegs sind, sondern in Begleitung von zwei erfahrenen Trailläufern, entscheiden sie gemeinsam, dass Tinka die Etappe mit einem von ihnen in ihrem eigenen Tempo zu Ende läuft.

„Auch wenn es kein Wettkampf war, sondern eine Vorbereitungsmaßnahme für den Frankfurt-Marathon im Herbst — für mich war dieser Etappenlauf eine Riesenherausforderung und ein echt harter Einstieg ins Trailrunning“, erinnert sich Tinka Uphoff, als sie wieder zu Hause in Frankfurt ist. Die Juristin räumt ein, die Belastung ein wenig unterschätzt zu haben. Sonst hätte sie wohl kaum am Sonntag vor der Abreise noch einen Triathlon über die Olympische Distanz absolviert, bevor am Montagmorgen mit dem Weckerklingeln um 4:30 Uhr das Abenteuer Menorca für sie begann. Um fünf Uhr startete sie mit dem Auto Richtung Düsseldorf, von wo der Flieger abhob, mit dem sie dann zehn Stunden nach dem Aufstehen auf Menorca landete. Dann ein Trailmarathon und abends um kurz vor zehn war sie im Hotel. Und essen musste sie ja auch noch was, bevor es ins Bett ging.

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Kein Wunder, dass sie zusammen mit Andrea Diethers zur nächsten, 55 Kilometer langen Etappe nicht in den kühlen, frühen Morgenstunden des nächsten Tages aufbricht, sondern erst gegen Mittag. Und das pendelt sich dann auf allen weiteren Etappen so ein. In der Hitze des Nachmittages werden die Badebuchten mit ihrem türkisblauen Wasser immer verlockender, an denen die beiden ständig vorbeikommen. Und natürlich haben sie Pausen gemacht und sich ins Wasser gestürzt, manchmal sogar ohne vorher die Laufschuhe auszuziehen. Diese Buchten waren die absoluten Highlights des Laufes. „So ein Wasser habe ich noch nie gesehen“, schwärmt Andrea Diethers rückblickend. „Aus der Distanz wirkt es türkisblau, sobald man drin ist, ist es glasklar. Das war wunderschön, fast wie eine Filmkulisse.“

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Menorca ist mit 700 Quadratkilometern etwa so groß wie Hamburg. Bei den traumhaft schönen Trails und den Ausblicken über das Meer kann die Hansestadt aber natürlich nicht mithalten.

Sie hatte mit den langen Läufen im schwierigen Terrain kein Problem – obwohl sie in Hamburg lebt und den Großteil ihres Trainings auf den topfebenen Wegen rund um die Außenalster absolviert. „Ich kann so ein Trail-Abenteuer in der Marathon-Vorbereitung nur empfehlen“, sagt sie. Beim Laufen im Gelände wird die Muskulatur am ganzen Körper völlig anders gefordert als auf der Straße. „Und die stundenlange, unrhythmische Belastung ist ideal, um Grundlagen für die Marathonvorbereitung zu legen.“

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"Ich kann so ein Trail-Abenteuer in der Marathon-Vorbereitung nur empfehlen." - Andrea ist begeistert vom Laufen auf Menorca.

Sie schränkt allerdings ein, dass dies nur für bereits sehr gut trainierte Läufer gilt und nicht für Einsteiger, die sich ihre Ausdauer für solche Belastungen erst langsam erarbeiten müssen. Zu ihren größten Herausforderungen zählte es, den Rucksack für die fünf Tage Menorca zu packen. Normalerweise reist sie mit größerem Gepäck. Diesmal beschränkte sie sich auf eine zweite Garnitur Laufklamotten, ein Paar Schuhe für abends, einige vegane Energieriegel, Studentenfutter, Nüsse und Salztabletten.

„Wenn du mit so wenig auskommen musst, lernst du wieder, die einfachen Dinge zu schätzen“, sagt Andrea, „da ist dann ein Glas kalte Apfelsaftschorle am Abend im Hotel ein göttliches Getränk.“ Und beim Essen nach den kalten Getränken wurden die beiden auf Menorca immer wieder daran erinnert, wofür sie das Ganze eigentlich machten: Die langen Trails sollten Spaß machen, aber vor allem dienten sie dazu, Ausdauergrundlagen für den Frankfurt-Marathon am 25. Oktober zu legen. Dort wollten beide ihre Bestzeit angreifen. Für Tinka Uphoff hieß das, schneller als 2:43:50 Stunden sein. (Sie schaffte es nach 2:42:06 Stunden als DM-Vierte ins Ziel.) Andrea Diethers wollte den 2:40 Stunden noch näher kommen. (Sie musste verletzungsbedingt bei Kilometer 33 aufgeben.) An ihr großes Ziel wurden die beiden Läuferinnen bei jedem Blick in eine Speisekarte auf Menorca erinnert: Überall gab es mindestens ein Gericht mit dem Namen „Frankfurt“. „Meistens war das eine Pizza“, erinnert sich Tinka Uphoff, „auf der lagen dann angeblich Frankfurter Würstchen, aber eigentlich war das eher Bratwurst.“

MENORCA: MALLORCAS KLEINER NACHBAR

Die Mittelmeerinsel Menorca gehört zu den Balearen und ist mit circa 700 Quadratkilometern in etwa so groß wie Hamburg. Die größte Ausdehnung der Insel beträgt nur 50 Kilometer von Ost nach West und gut 20 Kilometer von Nord nach Süd. Der höchste Berg, der El Toro, ragt 358 Meter über das Meer. Die Insel ist völlig anders als der große Nachbar Mallorca, wo es hohe Berge und echten Massentourismus gibt. Menorca wurde 1993 von der Unesco komplett zum Biosphärenreservat erklärt. Auf der kleinen Insel gibt es Beispiele für fast alle Ökosysteme im Mittelmeerraum mit der entsprechenden Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Sieben Prozent der Pflanzen auf der Insel kommen nur auf Menorca vor. Die Küste präsentiert sich zum größten Teil unberührt und so, wie sie im Laufe der Jahrtausende von den gestalterischen Bewegungen von Meer und Wind geformt wurde. Diese einzigartige Natur erleben Trailrunner und Wanderer am besten auf dem Camí de Cavalls (GR 223), einem historischen Weg, der an der Küste entlang Menorca umrundet.