Zwei Läuferinnen, zwei Läufer. Ein Ziel: Schweden durchqueren

Zwei Läuferinnen, zwei Läufer. Ein Ziel: Schweden durchqueren. Von der Ost- zur Nordsee. 420 Kilometer in zehn Tagen. und dabei alles im rucksack haben, was unterwegs gebraucht wird. Hier liest du, was Andrea Diethers, Jan-Erik Kruse, Judith Havers und Thomas Pickelner auf ihrem Weg von Küste zu Küste erlebt haben.

Von Küste zu Küste, von Burg zu Burg. Das war der Weg, den Mitte Juni vier Läufer aus dem Asics Frontrunner-Team quer durch Schweden nahmen. Vom 800 Jahre alten Schloss Kalmar an der Ostseeküste bis zur Festung Varberg südlich von Göteborg an der Nordseeküste. Schloss Kalmar spielt in der schwedischen Geschichte eine wichtige Rolle: Denn nur wenige Kilometer südlich verlief früher die Grenze zu Dänemark. Es hieß, das Schloss sei der Schlüssel zum Reich.

Und genau hier startete das Projekt von Andrea Diethers, Jan Erik-Kruse, Thomas Pickelner und Judith Havers. Zehn Marathonläufe an zehn Tagen im schwedischen Mittsommer hatten sie sich vorgenommen. Übernachtet wurde in Hotels, Motels oder bei Privatleuten. Alles, was unterwegs gebraucht wurde, hatten die vier im Rucksack dabei. Plus die Tagesverpflegung – bestehend aus Wasser, Energieriegeln und was man sonst noch so gern isst auf einem langen Lauf.

Und eine war besonders aufgeregt: Judith Havers. Die Hamburgerin hat zwar 2016 den Transalpine Run quer über die Alpen gefinisht, aber der Lauf durch Schweden war ihre erste Erfahrung mit solch einem Etappenlauf im Frontrunner-Stil, wie er von Andrea Diethers und Jan-Erik Kruse regelmäßig durchgezogen wird. „Ich wusste ja nicht, wie mein Körper auf den ersten Marathon reagiert und wie sich der nächste Tag anfühlen wird.“ Zumal ihr Alltag in Hamburg ganz anders aussieht. Sie arbeitet bei Google, ist viel am Schreibtisch. „Aber ich bin natürlich auch da viel in Bewegung.“ In der Firma kann sie das Google-eigene Fitnessstudio nutzen. Morgens läuft sie zur Arbeit oder fährt mit dem Rad. „Und im Büro habe ich einen Stehtisch, um nicht zu viel zu sitzen.“

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Julia Havers und Andrea Diethers auf Entdeckungstour

Derart trainiert war ihr in Schweden schon bald klar: Die Sache fühlt sich gut an. Jeden Tag nach dem Frühstück brachen die vier auf, irgendwann zwischen acht und zehn Uhr am Morgen. Nachmittags war dann das Etppenziel erreicht, das die vier mittels GPS-Laufuhren fanden. Und unterwegs war vor allem viel Ruhe. Elche leben in Südschweden, Schlangen haben die vier gesehen, aber richtig vielen Menschen sind sie unterwegs nicht begegnet. „In Städten waren wir gar nicht“, erzählt Judith Havers, „manchmal waren wir sogar in Sorge, dass wir an gar keinen Häusern vorbeikommen, wo wir Wasser bekommen können.“

Denn in Schweden gibt es viel Wasser, aber das kann man nicht immer trinken. Und so machten die Wasservorräte den Großteil des Gewichts aus, das die vier jeden Tag bei ihren Marathons in Rucksäcken auf dem Buckel hatten. Sechs bis acht Kilo waren das. Neben Verpflegung und Wasser brauchten die vier nicht viel Gepäck. „Die Temperaturen waren angenehm. Kurze Sachen zum Wechseln. Das war‘s“, sagt Judith Havers, zwischendurch konnten die Sachen gewaschen werden. Dieses einfache Leben ist es, was für sie den großen Reiz eines solchen Laufurlaubs ausmacht. „Man läuft einfach und macht sich keine Gedanken – höchstens darüber, was man am Abend leckeres isst.“

Und lecker war das Abendessen immer. Vor allem dann, wenn die vier nicht im Hotel, sondern bei Privatleuten untergekommen sind. „Wir haben herzallerliebste Menschen getroffen“, schwärmt sie von der Gastfreundlichkeit der Schweden. Die hätten perfekt Rücksicht genommen auf die Ernährungsgewohnheiten der vier: Die beiden Mädels essen vegan, die Jungs sind Vegetarier. „Erst waren unsere Gastgeber immer ganz besorgt, was sie uns zu essen machen können. Und dann war es immer super lecker.“

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Das Gefühl von Freiheit

Das Gefühl von Freiheit wurde noch einmal verstärkt durch die schwedische Landschaft und die langen, hellen Tage im schwedischen Mittsommer. Südschweden ist flach. „Das hat mich teilweise ans Emsland erinnert, wo ich aufgewachsen bin“, sagt Judith Havers. Aber die Weite ist dann doch größer in Schweden. Und in den Wäldern leben Elche. „Wir haben jeden Tag darauf gehofft, aber keinen gesehen.“ Dafür Schlangen. Obwohl die ja für Skandinavien nicht gerade typisch sind. Nur drei Arten gibt es dort, eine ist giftig – die auch in Deutschland lebende Kreuzotter. 
 
Von ihrer schönsten Seite zeigte sich die schwedische Natur im Nationalpark Store Mosse. Der Weg der Vier führte durch eins der größten Moorgebiete in Schweden. Klares Wasser, Uferbewuchs und Schilfbereiche locken Vogelarten wie Singschwäne, Zwerkschnepfen, Goldregenpfeifer und sogar den seltenen Fischadler an. Dort hätten sie in der Dämmerung außer Elchen auch Füchse, Dachse oder Luchse in deren natürlichen Lebensraum beobachten können.
 
Aber die Dämmerung setzt im Juni in Schweden für Läufer zu spät ein, um dann Tiere zu beobachten. Zu diesem Zeitpunkt waren sie längst in ihren Unterkünften, um sich für den nächsten Tag auszuruhen. Judith Havers hatte sich wegen der hellen Nächte sogar extra eine Schlafbrille für die Tour gekauft – aus Furcht, nachts nicht schlafen zu können. Aber ganz so hell war es dann doch nicht. „Das war mehr wie in Hamburg als wie am Polarkreis“, meint sie, „aber die Sonne ging schon früh auf, so gegen drei Uhr war es hell.“
 
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Tempo statt Trail

Ein echter Trailtrip war der Lauf allerdings nicht. Meistens ging es auf Schotterpisten und asphaltierten Wegen übers Land. „Ab und zu haben wir uns im Wald die Singletrails zwischen den Bäumen gesucht“, blickt Judith Havers zurück. Und so waren die vier in recht hohem Tempo unterwegs. Meistens haben sie fünf bis sechs Minuten pro Kilometer gebraucht. „Aber wenn es uns gepackt hat, sind wir auch mal schneller als vier Minuten pro Kilometer gelaufen.“ Kein großes Problem für sie – ihre Marathonbestzeit steht bei 3:12 Stunden. 

Klingt so, als sei das Laufen gar keine Schwierigkeit gewesen im Vergleich zu einem Phänomen, das fast alle Schweden-Urlauber kennen: Massen von Mücken. „Die waren schon nervig. Genau wie die Bremsen und Fliegen. Die Mücken kamen vor allem abends, wenn wir Interviews für den Film gegeben haben, der von Asics über das Projekt gedreht wurde.“ Und während des Laufens haben die vier kaum mal echte Pausen gemacht, in denen sie sich zum Essen hingesetzt hätten. Sofort waren die Insekten da. „Aber das hat uns ja auch auf Trab gehalten“ sagt Judith Havers lachend. „Wenn man läuft, kamen die Mücken nicht. Das war ein guter Ansporn.“

Damit haben alle vier bis zur Nordsee durchgehalten, wo es dann an der Festung Varberg einen großen Empfang gab – organisiert von Freunden des Schweden Thomas Pickelner. „Es gab Prosecco und dann haben wir Mittsommer auf traditionell schwedische Art gefeiert“, erinnert sich Jan-Erik Kruse, „Wir haben getanzt wie Frösche und Hunde.“ Und das bleibt den vier sicher genauso gut in Erinnerung wie der lange Lauf.

Die schönsten Impressionen der Tour findet ihr unserer Bildergalerie.