Alina Reh: So tickt unsere große Lauf-Hoffnung

| Text: Martin Neumann | Fotos: Norbert Wilhelmi

Mit gerade einmal 21 Jahren gehört Alina Reh zu den besten 10.000-Meter-Läuferinnen Europas. Im Herbst lief die EM-Vierte deutsche U23-Rekorde über 10 Kilometer und im Halbmarathon. Auf das von vielen heiß ersehnte Marathon-Debüt müssen die Fans noch warten. Wir haben Alina Reh daheim auf der Schwäbischen Alb besucht und erfahren, was sie so stark macht.

Immer in Bewegung

Konstante Minusgrade, tiefer Schnee, eisiger Wind: So sehen momentan die Trainingsbedingungen von Alina Reh auf der Schwäbischen Alb aus. Doch unterkriegen lässt sich die 21-Jährige von den Widrigkeiten nicht. Denn in den kommenden Wochen arbeitet sie zusammen mit ihrem Trainer Jürgen Austin-Kerl verstärkt an einer ihrer Schwächen: der Schnelligkeit.

Vor dem Tempotraining muss Alina Reh (SSV Ulm 1846) momentan Extra-Schichten schieben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Winter hat die Schwäbische Alb und damit auch ihren 755 Meter hoch gelegenen Heimatort Laichingen fest im Griff. Folglich muss erst einmal die Innenbahn der roten Kunststoffrunde vor dem Training mit dem Schneeschieber von der weißen Pracht befreit werden. „Das macht das Training natürlich nicht einfacher“, sagt die 21-Jährige. Doch die EM-Vierte über 10.000 Meter hat sich längst an die oftmals schwierigen Bedingungen auf der Alb gewöhnt. Und noch mehr: Sie liebt es draußen zu sein. Egal ob die Sonne scheint oder eben nicht.

Die 21-Jährige muss immer in Bewegung sein. Und das am liebsten lange und schnell. Ihr ganzes Können hat Alina Reh im Herbst aufblitzen lassen. Binnen einer Woche steigerte sie die deutschen U23-Rekorde im Halbmarathon um gleich fast zwei Minuten auf 69:31 Minuten und über 10 Kilometer auf 31:23 Minuten. Absolute Spitzenzeiten im europäischen Vergleich. Auf die 10-Kilometer-Zeit ist die Einzelhandelskauffrau besonders stolz: „Die Great 10k in Berlin waren das letzte Rennen der Saison. Da habe ich im letzten Kilometer alles reingelegt, was ich hatte“, erzählt die stets gut gelaunte Athletin. Nur 14 Läuferinnen – darunter 13 Afrikanerinnen – waren 2018 über 10 Kilometer weltweit schneller als Alina Reh. Eine bemerkenswerte Leistung mittendrin in der Weltspitze. Für Wettkampfreisen und Trainingslager genießt Alina Reh übrigens viele Freiheiten.

Halbtagsjob im Supermarkt der Mama

Als Einzelhandelskauffrau arbeitet sie etwa vier Stunden am Tag im heimischen Laichingen im Rewe-Markt ihrer Mutter Silke, kann sich die Zeit aber frei einteilen. Die Leistungen der 21-Jährigen sind umso erstaunlicher, da ein schwieriges Jahr hinter ihr liegt. Dezember 2017: Bänder­riss im linken Knöchel und mehrere Wochen Laufpause. April 2018: Ermüdungsbruch im rechten Wadenbein und mehrere Wochen Laufpause. Die Sommersaison mit den Europameisterschaften in Berlin als Höhepunkt schien gelaufen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Doch Alina Reh ist eine Kämpferin – auf und neben der Laufbahn. Zwar war das tägliche Aquajogging extrem frustrierend für die Laufliebhaberin. Ans Aufgeben dachte sie aber nie. „Mehrmals habe meine Krücken ins Wasser geworfen. Durchgezogen habe ich das Training trotzdem“, blickt sie zurück und lacht.

Mit nur wenigen Wochen Lauftraining gelang es Trainer Jürgen Austin-Kerl, seinen Schützling in EM-Form zu bringen. Auf die Qualifikation in letzter Sekunde folgte im Glutofen Berliner Olympiastadion bei knapp 40 Grad ein starker vierter Platz über 10.000 Meter in 32:28,48 Minuten. Obwohl es ihr erstes großes Rennen über die 25 Bahnrunden war, wählte Alina Reh eine clevere Taktik und machte im letzten Renndrittel Platz um Platz gut. Von der „Blechmedaille“ wollte die Läuferin dann auch gar nicht sprechen: „Ich habe Platz vier gewonnen, nicht die Medaille verloren.“

Alina Reh profitierte bei ihrem schnellen Comeback von ihrer überragenden Grundlagenausdauer und ihrer enormen Tempohärte. In der Vorbereitung auf den Halbmarathon in Köln absolvierte sie im Training Tempodauerläufe von bis zu 23 Kilometern Länge. Dafür benötigt sie keine 90 Minuten. Dabei machen ihr auch Wind und Wetter nichts aus. Auf der Schwäbischen Alb rund um ihren Heimatort Laichingen sind die Winter strenger und länger als im Großteil des Landes. Dazu kommen jede Menge Höhenmeter beim täglichen Training. Ein Pluspunkt für die Kraftausdauer, die sie im Dezember 2017 als U23-Crosseuropameisterin vor der zweiten großen deutschen Lauf-Hoffnung Konstanze Klosterhalfen ausspielte.

Wie stark Alina Reh ist, mussten viele ambitionierte Läufer beim Halbmarathon in Köln erfahren. Als es auf dem sonst flachen Kurs durch die Unterführungen ging, nahm Alina Reh der männlichen Konkurrenz gleich einige Meter ab. „Vor der Unterführung waren wir noch eine Gruppe, nach der Unterführung war ich plötzlich allein“, schmunzelt Alina Reh, die in Köln nur zwölf Männern den Vortritt ließ. „Sie läuft die Anstiege einfach unter sich weg“, beschreibt Jürgen Austin-Kerl das Phänomen. Der 48-Jährige war selbst ein Läufer der nationalen Spitze mit einer Halbmarathon-Bestzeit von 64:22 Minuten und einer Marathon-Bestzeit von 2:18:37 Stunden. Obwohl der Trainer immer noch fit und drahtig ist, kann er längst nicht mehr alle Einheiten mit seiner Athletin absolvieren.

Liebe zur Natur und zur Bewegung im Freien

Das Duo Alina Reh und Jürgen Austin-Kerl harmoniert extrem gut. Dabei arbeiten beide erst seit gut zwei Jahren zusammen. Dass sie die einzige Athletin ist und immer allein trainiert, stört Alina Reh nicht. Im Gegenteil: „Ich bin im Training eine kleine Diva, brauche die Rückmeldungen und Bestärkungen“, beschreibt sie ihren Trainingsalltag. Jürgen Austin-Kerl legt dabei großen Wert darauf, dass nicht nur die Stärken forciert werden, sondern auch an den Schwächen gearbeitet wird.

Die liegen bei Alina Reh in der Schnelligkeit. „Alina hat durch die Verletzungen leider unheimlich viele Tempoeinheiten verpasst“, sagt Jürgen Austin-Kerl. Deshalb soll die EM-Vierte 2019 wieder verstärkt Bahnrennen über 1500 und 3000 Meter absolvieren. „Das Hauptaugenmerk liegt aber auf den 5000 und 10.000 Metern. Und zum Abschluss der Saison darf es auch wieder ein Halbmarathon sein“, sagt Alina Reh. Sofern dieser in den Terminkalender passt. Denn die WM in Doha als Saisonhöhepunkt der Leichtathleten wird erst Anfang Oktober 2019 stattfinden und damit parallel zum Straßenlauf-Herbst.

Alina Reh im Video-Porträt

Der Marathon muss auf Alina Reh noch warten

Bei den starken Zubringerleistungen über 10 Kilometer und im Halbmarathon (nur vier deutsche Läuferinnen waren jemals schneller als Alina Reh) fragt sich die deutsche Laufszene natürlich: Wann gibt Alina Reh ihr Marathon-Debüt? Experten glauben fest daran, dass die 21-Jährige der nächste deutsche Marathon-Star werden kann. Die 2:25-Stunden-Marke muss keine Schallmauer für Alina Reh sein. „Klar wird es irgendwann so weit sein. Schließlich bin ich der Ausdauertyp und liebe das lange Laufen“, blickt Alina Reh voraus. Doch das Marathon-Debüt wird erst nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ein Thema sein. „Vorher muss ich auf den kürzeren Distanzen stabiler werden“, sagt sie.

Denn sie weiß auch um eine weitere Schwäche: Mit 21 Jahren wurde sie schon von drei Ermüdungsbrüchen ausgebremst. Deshalb werden von nun an einige Laufeinheiten durch Aquajogging ersetzt, um den Bewegungsapparat zu entlasten. „Beispielsweise fällt der langsame Dauerlauf am Nachmittag nach einem Tempoprogramm am Vormittag weg. Diese leeren Kilometer bringen mich nicht weiter.“ Momentan kommt die 21-Jährige im Training auf bis zu 130 Wochenkilometer, in der Marathon-Vorbereitung würde sich der Umfang deutlich erhöhen. Das kann nur ein gesunder Körper verkraften.

Wie man die 42,195 Kilometer erfolgreich meistert und welche Krisen man im Rennen erlebt, weiß ihre Mutter sehr genau. Silke Reh lief früher selbst Marathon, die Tochter begleitete sie mit dem Rad beim Training. Ohnehin war Alina Reh als Kind viel draußen unterwegs, erkundete die Natur und begann schon mit acht Jahren mit dem Lauftraining. „Davon profitiere ich noch heute“, sagt sie. Und noch heute ist sie am liebsten draußen. Ein Hobby von ihr: lange Wanderungen von acht Stunden und mehr. „Die erste Stunde ist immer etwas zäh. Aber danach kann ich nicht mehr genug bekommen“, sagt Alina Reh. Während der Wanderungen ist das Smartphone übrigens nur für den Notfall dabei. Anders als viele Gleichaltrige kann sie auch gut ohne den Dauerblick auf den Bildschirm leben. Gleiches gilt für Facebook, Instagram und Co – auch wenn sie seit kurzem unter alina_reh auf Instagram unterwegs ist.

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