Arne Gabius: „Ich orientiere mich an 2:07:20 Stunden“

| Martin Neumann I Foto: Nike/David Daub

Arne Gabius (LT Haspa Marathon Hamburg) ist bereit für den Angriff auf den deutschen Marathon-Rekord. Im Interview mit laufen.de sagt der 34-Jährige, warum er sich am Sonntag beim Frankfurt-Marathon eine noch deutlich schnellere Zeit als die seit 27 Jahren bestehende Rekordmarke von Jörg Peter (2:08:47 h) zutraut, wie er trainiert hat und warum er selbst einen Olympiastart 2020 nicht ausschließt. laufen.de berichtet am Sonntag vom Frankfurt-Marathon und der darin integrierten, sehr gut besetzten Marathon-DM von 9:50 Uhr an im Live-Ticker.

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Arne, du machst einen extrem entspannten Eindruck so wenige Tage vor dem Frankfurt-Marathon.
Arne Gabius: Das stimmt, aber warum sollte es auch anders sein?

Hat dir der Kohlenhydrat-Verzicht durch die Saltin-Diät nicht die Laune verdorben?
Arne Gabius: Nein, damit komme ich gut klar. Ein extremes Hungergefühl ist gar nicht aufgekommen.

Warum ist diese spezielle Marathon-Vorbereitung in Sachen Ernährung überhaupt so wichtig?
Arne Gabius: Es geht darum, die Kohlenhydratspeicher zu optimieren. Mit normal gefüllten Speichern komme ich im Renntempo etwa 90 Minuten weit. Durch die Low-Carb-Ernährung in den Vorbereitungswochen baue ich diese Zeit auf etwa 100 Minuten aus. Die Saltin-Diät bringt – wenn man sie konsequent anwendet – noch einmal rund 25 Prozent. Der Körper bunkert durch die Mangelsituation deutlich mehr Kohlenhydrate. Damit wäre ich nach der Aufladung der Speicher bei rund 2:05 Stunden.

Und damit fast bei der Zeit, die du am Sonntag laufen willst: 2:08:47 Stunden peilst du an und damit den deutschen Marathon-Rekord …
Arne Gabius: … das stimmt. Die Vorbereitung ist super gelaufen. Ich bin bereit für das Rennen.

Du willst mit der Spitzengruppe die Halbmarathonmarke in 63:30 Minuten passieren. Das liefe auf eine Endzeit von 2:07:00 Stunden hinaus. Ist das nicht vielleicht ein wenig zu viel gewagt?
Arne Gabius: Nein. Der Sportliche Leiter Christoph Kopp hat mich gefragt, welche Zwischenzeit die Pacemaker laufen sollen. Er hat 63:50 bis 64:00 Minuten vorgeschlagen. Da habe ich ihm gesagt: „Christoph, das wird dann sowieso auf 63:30 Minuten hinauslaufen. Dann können wir auch gleich 63:30 Minuten sagen.“

Das ist eine mutige Ansage!
Arne Gabius: Ich sehe das so: Der Frankfurt-Marathon hat ein starkes Feld um mich herum aufgebaut. Vielleicht sind wir noch 15 bis 20 Läufer bei Kilometer 30. Ein solches Rennen wird mir wahrscheinlich nie wieder präsentiert.

Christoph Kopp hat dir die Startnummer 7 gegeben. Traditionell bekommt diese Nummer immer ein Läufer, dem der Sportliche Leiter eine ganz besonders starke Leistung zutraut. Motiviert dich das zusätzlich oder erhöht das den Druck?
Arne Gabius: Das ist Motivation pur, es ist eine große Auszeichnung. Bei den Asics Grand 10 vor zehn Tagen in Berlin durfte ich ja schon einmal üben. Da hatte ich auch die Nummer 7 und bin Bestzeit gelaufen.

„Sollte ich den Rekord laufen, kann meine Dopingprobe gern jederzeit zur Nachkontrolle aufgetaut werden.“
„Sollte ich den Rekord laufen, kann meine Dopingprobe gern jederzeit zur Nachkontrolle aufgetaut werden.“

Rechnest du dir eigentlich eine Chance auf die Top drei oder sogar den Sieg aus?
Arne Gabius: Ich schließe nichts aus. Wenn allerdings nach Kilometer 30 ein Läufer plötzlich vom 3:00-Minuten-Schnitt auf 2:50-Minuten-Schnitt umschaltet, werde ich auf keinen Fall mitgehen. Ich möchte mein Rekordziel nicht gefährden.

Wobei wir noch einmal bei den 2:08:47 Stunden von Jörg Peter wären. Ich möchte aber noch eine andere Zeit ins Spiel bringen: 2:08:21 Stunden.
Arne Gabius: Da muss ich kurz überlegen. Ach ja: Das ist die Marathon-Bestzeit von Mo Farah.

Richtig. Es wäre doch sicherlich ein schönes Gefühl, schneller als der Doppel-Olympiasieger zu sein?
Arne Gabius: Ja, aber da orientiere ich mich mehr im Bereich von 2:07:20 Stunden.

Und damit an Zeiten von Athen-Olympiasieger Stefano Baldini (Italien) oder des Schweizer Ex-Europameisters Viktor Röthlin. Die würden auch besser zur angepeilten Halbmarathon-Zwischenzeit passen als der deutsche Rekord.
Arne Gabius: Genau. Ich glaube, dass solche Zeiten machbar sind. Man darf nicht vergessen: Als Jörg Peter 1988 den deutschen Rekord gelaufen ist, war der Weltrekord schon schneller als die Zeiten von Baldini und Röthlin. Und in den 27 Jahren hat sich einiges getan: in der Trainingslehre, in der Ernährung, bei der Ausrüstung. Speziell in Sachen Ernährung haben auch die Läufer aus Kenia noch ein großes Potenzial. Schöpfen sie dieses aus, werden die Zeiten in der Weltspitze noch schneller werden.

Solltest du in Frankfurt deutlich unter dem deutschen Rekord bleiben, wird die Diskussion losgehen, ob bei deiner Leistung alles mit rechten Dingen zugegangen ist …
Arne Gabius: … ich kann nur sagen, dass dem so ist. Wir reden hier nicht von 2:02 oder 2:03er-Zeiten. Es geht um Zeiten, die vier oder fünf Minuten darüber liegen. Sollte ich den Rekord brechen, muss ich ja auf jeden Fall eine Dopingprobe abgeben. Diese wird auf Betreiben des Frankfurt-Marathons acht Jahre lang eingefroren. Gern kann diese dann jederzeit zur Nachkontrolle aufgetaut werden.

Beim Berlin-Marathon Ende September war die Olympia-Norm für Rio 2016 von 2:12:15 Stunden das große Thema. Die Marke haben Philipp Pflieger (2:12:50 h) und Julian Flügel (2:13:57 h) recht knapp verpasst. Spielt die Zeit für dich irgendeine Rolle?
Arne Gabius: Ich will es so sagen: Sollte irgendetwas Unvorhergesehenes passieren und ich einige Minuten am Straßenrand stehen, habe ich noch ein weiteres Ziel, um den Marathon zu beenden.

Wie siehst du die Diskussion: Sollten deutsche Marathonläufer bei Olympia dabei sein, obwohl sie die nationale Norm knapp verpasst haben?
Arne Gabius: Ich bin dafür. Es ist ein klares Zeichen des Weltverbandes, der nur 2:17 Stunden als Olympianorm fordert. Und ich bin mir sicher: Der Sportfan in Deutschland sieht es genauso. Ein Land wie Deutschland sollte drei Marathonläufer zu den Olympischen Spielen schicken. Verzichtet man darauf und fordert die erweiterte Endkampfchance, beraubt man die Sportler der Chance, für eine Überraschung zu sorgen. Hätte man diese Regeln 1985 angelegt, wäre Boris Becker niemals Wimbledon-Sieger geworden.

„Am 16. März 2014 wurde ich zum Marathonläufer.“
„Am 16. März 2014 wurde ich zum Marathonläufer.“

Bei deinem Marathon-Debüt 2014 in Frankfurt hast du mit 2:09:32 Stunden selbst die meisten Experten überrascht. Kannst du deine Vorbereitung 2015 mit der vom Vorjahr vergleichen?
Arne Gabius: Das ist nicht einfach, weil sich in meinem Training die einzelnen Elemente nicht zwangsläufig wiederholen. Was ich sagen kann: Die langen Läufe sind mir deutlich leichter gefallen als 2014. So hatte ich einen Lauf über 46 Kilometer dabei. Bei der Marathonmarke hatte ich 2:27 Stunden. Darin integriert waren sieben Zwei-Kilometer-Intervalle, die ich zwischen 5:52 und 5:55 Minuten absolviert habe.

Und wie sieht es bei den Wochenumfängen aus?
Arne Gabius: Die sind deutlich gestiegen. Aber ich bin kein Läufer, der krampfhaft noch eine Fünf-Kilometer-Runde drehen muss, nur um auf 200 Kilometer pro Woche zu kommen.

War dem Läufer Arne Gabius eigentlich schon immer klar, dass er irgendwann auf der Marathonstrecke landen würde oder gab es einen bestimmten Tag, der den Ausschlag gegeben hat?
Arne Gabius: Es gab den Tag – und der liegt noch gar nicht so lange zurück. Es war der 16. März 2014. Der Tag meines ersten Halbmarathons. Bei Minusgraden, Wind und einer nicht sehr schnellen Strecke bin ich in New York 62:09 Minuten gelaufen. Danach kam der österreichische Trainer Wilhelm Lilge auf mich zu und hat gesagt: „Nun hat Deutschland endlich wieder einen 2:08-Marathonläufer.“ Das habe ich nicht nur als nettes Kompliment aufgefasst. Für mich war seit diesem Tag klar: Ja, das will ich erreichen.

Apropos Halbmarathon: Dein Ziel für 2016 ist der Olympia-Marathon in Rio. Zuvor steht in Amsterdam die EM-Premiere im Halbmarathon an. Spielt das Rennen in deiner Planung eine Rolle?
Arne Gabius: Ganz klar ja. Ich finde es sehr gut vom DLV, dass er dort ein Fünfer-Team an den Start schicken will, sofern zwei Läufer die Einzelnorm von 63:45 Minuten schaffen. Hendrik Pfeiffer hat diese schon unterboten. Ich bin mir sicher, dass es noch weitere schaffen werden und wir fünf deutsche Läufer und Läuferinnen in Amsterdam sehen werden. Das wäre ein gutes Zeichen für alle Läufer und ein Mutmacher für unsere Talente.

Zwei Jahre später steht die EM in Berlin an. Wird man Arne Gabius, dann 37 Jahre alt, 2018 noch als Profiläufer sehen?
Arne Gabius: Ich dachte du würdest eher nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio fragen!

Also gut, planst du weiter bis 2020?
Arne Gabius: Ich bin noch nicht an meine Grenzen gestoßen. Ich glaube, dass mein biologisches Alter deutlich unter dem in meinem Ausweis liegt. Außerdem spielt der Körper mit. Ich habe keine gravierenden Probleme. Zudem wäre es natürlich etwas Besonderes, im laufverrückten Japan beim olympischen Marathon zu starten.

Bei laufen.de könnt ihr am Sonntag live verfolgen, ob die Rekord-Jagd von Arne Gabius gelingt, wie die besten deutschen Läufer bei der Marathon-DM abschneiden und wie Tausende Freizeitläufer den Frankfurt-Marathon erleben. Wir berichten am Sonntag ab 9:50 Uhr im ausführlichen Live-Ticker mit vielen Hintergründen, Statistiken und Reaktionen. Im Anschluss gibt's eine große Bildergalerie von Norbert Wilhelmi.

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