Bauhaus-Marathon in Weimar: Ein Rennen wie gemalt

| Text: Olaf Kaiser | Fotos: Andreas Schwarz

Der Bauhaus-Marathon zum 100-jährigen Jubiläum der weltberühmten Schule für Kunst und Architektur war eine Entdeckungsreise in Laufschuhen. Viele Strecken führen entlang von Sehenswürdigkeiten, doch nirgendwo konnte man sie bislang so intensiv erleben wie in Weimar. Dank eines neuartigen Konzepts verschwammen die Grenzen zwischen Sport und Kultur, zwischen Laufveranstaltung und Studienreise.

Den Mann mit dem Hammer kennt man. Irgendwo ab Kilometer 30 lauert er, wenn die Kohlenhydratreserven aufgebraucht sind und die Läufer urplötzlich einen dramatischen Ermüdungsschub erleben. Ein eher ungeliebter Zeitgenosse also, vor dem man am liebsten schnell wieder weglaufen würde. Im Gegensatz dazu war der Mann mit dem Pinsel beim einmalig ausgetragenen Bauhaus-Marathon in Weimar am Sonntag (28. April) eine ganz neue Erscheinung. Die meisten Läufer hatten ihm sogar regelrecht entgegengefiebert. Und sie mussten auch gar nicht allzu lang auf ihn warten.

Kultur intensiv erleben – ganz ohne Zeitverlust im Marathon

Treffen konnten sie ihn dort nämlich schon nach knapp sieben Kilometern bei der ersten von insgesamt neun Kulturauszeiten: Das waren Punkte entlang der Strecke, an denen die Teilnehmer des Laufes den Kurs verlassen konnten, um die Kultur am Wegesrand noch intensiver auf sich wirken zu lassen. Diese Kulturauszeiten waren es, die das Rennen zum 100-jährigen Jubiläum der weltberühmten Schule für Kunst und Architektur so einzigartig machten.

Dank eines intelligenten Zeitnahmesystems büßten die Läufer bei den Auszeiten noch nicht einmal Zeit ein – sie checkten an jeder Station quasi kurz aus und anschließend wieder ein, gewertet wurde am Ende nur die reine Laufzeit. Solange die Teilnehmer beim Marathon beziehungsweise über die halbe Distanz insgesamt nicht länger als 7:30 Stunden unterwegs waren, stand es ihnen frei, bei wie vielen Stationen sie unterwegs Pause machten, um die Höhepunkte aus 100 Jahren Bauhaus zu erleben.

Die Dorfkirche malen und das Bild mit der Startnummer signieren

Beim ersten Zwischenstopp in Niedergrunstedt konnten die Läufer – wie vor 100 Jahren Bauhauskünstler Lionel Feininger – ein Bild der Dorfkirche malen und das Kunstwerk anschließend mit ihrer Startnummer signieren. Später im Ziel bekamen sie es dann zurück. Ob mit Pinsel, Buntstift oder Pastellkreide: Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt.

„Das ist eine super coole Idee und macht das Ganze noch einmal abwechslungsreicher“, fanden nicht nur Hilde Teichmann und Cathleen Dost. Beide studieren zwar in Weimar, machten durch den Lauf aber trotzdem noch die ein oder andere Entdeckung. „Gerade die etwas außerhalb gelegenen Bauhaus-Stätten hatten wir in dieser Form noch gar nicht wahrgenommen. Aber jetzt kommen wir bestimmt noch einmal wieder, um sie uns genauer anzuschauen.“

Das Bauhaus erleben: Mit Führungen, Konzerten und szenischen Darstellungen

Bei den weiteren Kulturauszeiten wurden unter anderem thematische Führungen, Konzerte oder szenische Darstellungen mit Bauhaus-Bezug geboten. 35 Prozent aller Teilnehmer nahmen mindestens eines dieser Angebote wahr, mehr als ein Fünftel der Starter stoppten bei drei oder mehr Kulturzeiten, 51 Läufer sogar bei allen neun.

Am beliebtesten war die Auszeit an der Kirche in Possendorf, wo über 550 der insgesamt 2412 Teilnehmer die Dada-Performance genossen, die von Matthias von Hintzenstein und Norica Kimura aufgeführt wurde, also fast jeder Vierte. Die Verbindung von Sport und Kultur kam bei den Läufern sehr gut an, zumal die kleinen Pausen ja auch noch einen weiteren positiven Nebeneffekt hätten, wie Maike Noack aus Braunschweig bemerkte: „Die Kulturauszeiten sind eine prima Gelegenheit, um einmal kurz Luft zu schnappen, ohne dabei gleich ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.“

Die Frau am Empfang im Haus Hohe Pappeln war jedenfalls ganz erstaunt, wie wenig den meisten Teilnehmer die 17 Kilometer, die ihnen zu diesem Zeitpunkt bereits in den Beinen steckten, anzumerken waren. „Sie sehen alle noch so frisch aus“, sagte sie verwundert, während die Läufer der Musik lauschten oder mit Kurzführungen das Haus erkundeten.

Das Gebäude wurde vom Belgier Henry van de Velde entworfen – von der Architektur über die Gartengestaltung bis hin zu Möbeln und Leuchtkörpern trägt dort alles die schnörkellose, funktionale und elegante Handschrift, die für das Bauhaus so typisch ist. Die Bauhaus-Schule bedeutete vor 100 Jahren einen kulturellen Aufbruch, der bis heute weltweit Spuren hinterlassen hat.

Helmut Krauß hat's sich ausgedacht, Ex-Weltklasseläuferin Uta Pippig ist begeistert

„Das Bauhaus ist eine Marke, die weit über Deutschland hinausstrahlt“, meinte Uta Pippig, in den Neunzigerjahren mehrfache Siegerin des BMW Berlin-Marathons sowie des Boston-Marathons. In Weimar gab die 53-Jährige zunächst den Startschuss und begab sich anschließend selbst noch auf die Halbmarathonstrecke.

Bereits als Kind hatte Pippig Bekanntschaft mit dem Bauhaus gemacht: Das Haus ihrer Mutter war ganz in diesem Stil eingerichtet. Später war sie häufiger im Gropius-Haus in Lincoln im US-Bundesstaat Massachusetts zu Gast, weil ein Bekannter – der Amerikaner Jack Fultz, Boston-Sieger von 1976 – ganz in der Nähe wohnte. „Als Läufer sind wir ohnehin ständig unterwegs, um Neues zu erkunden. Aber der Bauhaus-Marathon treibt das gewissermaßen auf die Spitze“, sagte die ehemalige Spitzensportlerin.

Ausgedacht hatte sich das Konzept Helmut Krauß. Auf seinen Touren durch die Stadt war dem 59-Jährigen vor fünf Jahren der Gedanke gekommen, einen Lauf zu organisieren, der Sport und Kultur auf einzigartige Weise vereint. Der Weimarer wandte sich an SCC Events aus Berlin als erfahrenen Laufveranstalter und stieß dort auf offene Ohren. Die Veranstaltung war als einmaliges Event im Bauhaus-Jubiläumsjahr angelegt, doch Helmut Krauß hätte große Lust, ein ähnliches Konzept auch anderswo umzusetzen.

2020 würde in Bonn der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven begangen, im Jahr darauf in Erfurt die Bundesgartenschau, wo er sich einen Buga-Lauf mit Sport, Kultur und Gartenkunst gut vorstellen könnte. „Solche Jubiläen eignen sich hervorragend, um ein ganz besonderes Lauferlebnis zu kreieren“, sagte er.

Stretch it like Bauhaus am Haus am Horn

Am liebsten hätte er die Läufer auch durch den Ilmpark geschickt, doch dagegen sträubte sich die örtliche Klassikstiftung aus Sorge um die wertvollen Gehölze. Dabei hätte es wirklich gut gepasst: Auf den Wiesen am Ufer des Flusses trieben die Bauhäusler schon vor 100 Jahren Sport. Bewegung war ihnen wichtig, wenngleich eher in Form von Gymnastik als laufenderweise. Vor allem Johannes Itten als einer der ersten Lehrenden am Staatlichen Bauhaus ließ seine Schützlinge sich vorab lockern, ehe sie zu Stift und Papier griffen.

„Stretch it like Bauhaus“ lautete deshalb auch das Motto am Haus Am Horn. Das Musterhaus für die radikalen Wohnideen des Bauhauses wurde 1923 eröffnet – es handelte sich um das erste Bauwerk der berühmten Hochschule und das einzige am Gründungsort. Klar, dass es dazu viel zu erzählen gab. Gebannt lauschten die Läufer den Ausführungen, betrachteten alte Fotoaufnahmen, studierten genauestens den Grundriss.

Bei so viel spannender Kultur ist der Mann mit dem Hammer chancenlos

Viele Marathonstrecken gleichen heutzutage einer Sightseeingtour, vorbei an den Sehenswürdigkeiten der Stadt, doch nirgendwo sonst konnte man sie bislang so intensiv erleben wie beim Bauhaus-Marathon. In Weimar verschwammen die Grenzen zwischen Sport und Kultur, zwischen Laufveranstaltung und Studienreise. „Wir machen beides gern, von daher war das die perfekte Kombination“, sagten Thomas und Sylwia Platena aus Detmold. Die Kulturauszeiten würden den Lauf strukturieren – die Zeit auf der Strecke könne man derweil nutzen, um die Gedanken zu ordnen.

So sah es auch Uta Pippig, die im Halbmarathon nach 1:41:34 Stunden und vier Kulturauszeiten als fünftschnellste Frau ins Ziel kam. „Wer nicht immer bloß stur auf die Straße schaut, sondern zwischendurch auch einmal den Blick für die Umgebung hat, kann während des Rennens Geist und Körper entspannen. Das war früher auch immer mein Erfolgsrezept“, sagte sie. Auf diese Weise lasse sich ein Marathon deutlich besser durchstehen. Der Mann mit dem Hammer werde sozusagen von der Kultur verdrängt, so Pippig.

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