Berlin-Marathon am Sonntag: Gleich zwei Weltrekorde?

| Text: Jörg Wenig | Fotos: Imago

Gibt es am Sonntag beim Berlin-Marathon erstmals zwei Weltrekorde innerhalb eines Rennens? Eliud Kipchoge (Kenia) bei den Männern und Tirunesh Dibaba (Äthiopien) bei den Frauen könnten die bisherigen Bestmarken knacken.

Zehnmal wurde beim Berlin-Marathon bereits ein Weltrekord gebrochen – so oft wie bei keinem anderen Marathon weltweit. Am Sonntag könnte es beim 45. BMW Berlin-Marathon eine weitere Krönung geben. Denn sowohl der Weltrekord bei den Männern als auch bei den Frauen ist in Gefahr.

Am Start steht mit Eliud Kipchoge einmal mehr der wohl beste Marathonläufer aller Zeiten. Der kenianische Titelverteidiger kehrt mit einem klaren Ziel nach Berlin zurück: Er will im dritten Anlauf endlich den Weltrekord brechen, den sein Landsmann Dennis Kimetto mit 2:02:57 Stunden vor vier Jahren in Berlin aufgestellt hat. Der Weltrekord würde Eliud Kipchoge endgültig zum größten Marathonläufer der Leichtathletik-Geschichte machen.

Tirunesh Dibaba auch gut für einen Weltrekord

Doch damit nicht genug: Denn an den Start gehen wird am Sonntag auch die wohl beste Langstreckenläuferin aller Zeiten: Tirunesh Dibaba. Die dreimalige Olympiasiegerin aus Äthiopien kommt nach Berlin, um auf der schnellen Strecke so schnell zu laufen wie nie zuvor. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Tirunesh Dibaba am Sonntag ebenfalls versuchen wird, den Weltrekord anzugreifen.

Vor 15 Jahren lief die Britin Paula Radcliffe in London mit 2:15:25 Stunden eine Zeit, an die bisher keine andere Läuferin herankam. Doch Tirunesh Dibaba ist eine der ganz wenigen Athletinnen, der man zutrauen kann, in derartige Bereiche vorzustoßen.

Es kann am Sonntag in Berlin also erstmals eine doppelte Weltrekordjagd geben. Damit könnte der Rekord-Marathon Berlin am Ende für ein weiteres Novum sorgen: Denn nie zuvor wurden in der Geschichte des Marathonlaufes beide Weltrekorde in einem Rennen gebrochen. Allerdings gilt zu berücksichtigen, dass das Rennen durch die deutsche Hauptstadt während des sehr warmen Spätsommers und auch noch zwei Wochen eher stattfindet als sonst. Bei Temperaturen um 20 Grad oder darüber hinaus, wird es schwierig, Rekorde zu brechen.

Wilson Kipsang fordert Eliud Kipchoge heraus

Eliud Kipchoge ist der Mann, den es zu schlagen gilt. Lediglich einem Athleten ist es bisher gelungen, in einem Marathonrennen vor dem Olympiasieger im Ziel zu sein: Wilson Kipsang, der am Sonntag Eliud Kipchoge erneut herausfordern wird. Er gewann in Berlin 2013 mit der Weltrekordzeit von 2:03:23 Stunden vor Kipchoge, der damals allerdings erst seinen zweiten Marathon lief und noch nicht in der außerordentlichen Marathonform war, mit der er jetzt von Erfolg zu Erfolg eilt.

Zehn seiner elf Rennen über die 42,195 Kilometer hat Eliud Kipchoge mittlerweile gewonnen. Während er in den letzten Jahren alle großen Konkurrenten besiegt hat und 2016 Olympiasieger wurde, fehlt ihm in seiner Erfolgssammlung nur eines: der Weltrekord. Am Sonntag will Eliud Kipchoge endlich die Marke von 2:02:57 Stunden unterbieten.

Zwei erfolglose Rekordversuche hat Eliud Kipchoge in Berlin bereits unternommen: 2015 stoppte ihn ein Materialfehler seiner Schuhe, im vergangenen Jahr der starke Regen. Beide Male gewann er trotzdem mit Weltklassezeiten von 2:04:00 beziehungsweise 2:03:32 Stunden. 2016 in London war er sogar noch schneller und lief in 2:03:05 Stunden – nur Kimetto und der Äthiopier Kenenisa Bekele (2:03:03 h) waren je schneller.

Spannendes Duell bis zur Ziellinie?

Wilson Kipsang Bestzeit ist nur acht Sekunden langsamer: Er steigerte sich 2016 in Berlin auf 2:03:13 Stunden und musste sich damals nur knapp dem äthiopischen Superstar Kenenisa Bekele geschlagen geben. Obwohl Kipchoge in einem nicht regelkonformen Marathonrennen bereits sensationelle 2:00:25 Stunden erreicht hat, ist Kipsang ein Athlet, dem man zutrauen kann, Kipchoge zu gefährden. Vielleicht entwickelt sich also am Sonntag auch ein spannender Zweikampf zwischen zwei ganz großen kenianischen Marathonläufern.

Mit Eliud Kiptanui (2:05:21 h), Amos Kipruto (beide Kenia/2:05:43 h) sowie Abera Kuma (Äthiopien/2:05:50 h) gehen drei weitere Athleten ins Rennen, die bereits hochklassige Zeiten von unter 2:06 Stunden erreicht haben. Dass sie allerdings Kipchoge oder Kipsang gefährden können, erscheint eher unwahrscheinlich.

Gleiches gilt auch für den Halbmarathon-Weltrekordler Zersenay Tadese (Eritrea/58:23 min), der sein enormes Potenzial nie auf die Marathonstrecke übertragen konnte. Seine Marathon-Bestzeit von 2:06:51 Stunden lief er bei einem nicht bestenlistenfähigen Rennen. In London hatte er 2012 offizielle 2:10:41 Stunden erreicht.

Tirunesh Dibaba: Streckenrekord oder sogar Weltrekord

Es spricht viel dafür, dass am Sonntag auch eine Frau eine große Rolle spielen wird. Denn am Start ist mit Tirunesh Dibaba eine Athletin, die das Vermögen hat, sogar den Weltrekord von 2:15:25 Stunden zu brechen. Dreimal war sie bereits Olympiasiegerin über die Langstrecken: 2008 gewann sie in Peking als erste Frau in der olympischen Geschichte beide Strecken, die 5000 und die 10.000 Meter, vier Jahre später verteidigte sie in London ihren Titel über die längere Distanz.

Wenn die 32-jährige Äthiopierin in Topform ist und die Wetterbedingungen stimmen, ist zumindest mit einer sehr deutlichen Verbesserung des 13 Jahre alten Streckenrekordes zu rechnen, den die Japanerin Mizuki Noguchi mit 2:19:12 Stunden aufstellte.

Mit ihrem persönlichen Rekord von 2:17:56 Stunden ist Tirunesh Dibaba hinter Weltrekordlerin Paula Radcliffe (2:15:25 h) und der kenianischen Afrika-Rekordlerin Mary Keitany (2:17:01 h) die drittschnellste Marathonläuferin aller Zeiten. Bisher ist Tirunesh Dibaba aber erst viermal bei einem Marathon an den Start gegangen – und keines dieser Rennen war dabei mit Tempomachern direkt auf sie zugeschnitten.

Bestes Berliner Frauenfeld aller Zeiten

Doch in einem Marathon kann viel passieren. Wenn Tirunesh Dibaba auf der Berliner Weltrekordstrecke volles Risiko geht und sich eventuell übernimmt – dies passierte ihr bei allerdings sehr warmem Wetter im April in London, wo sie nicht ins Ziel kam –, können andere profitieren.

Die größte Herausforderin von Tirunesh Dibaba dürfte Vorjahressiegerin Gladys Cherono sein. Die Kenianerin lief auch ihre hochkarätige Bestzeit von 2:19:25 Stunden in Berlin. 2015 gewann sie mit dieser Zeit das Rennen. Mit einem dritten Sieg könnte Gladys Cherono sogar zu den Berliner Rekordsiegerinnen aufschließen: Aberu Kebede (Äthiopien), die Berlinerin Uta Pippig und Renata Kokowska (Polen) haben das Rennen dreimal gewonnen.

Neben Dibaba und Cherono formen noch zwei weitere Läuferinnen mit Bestzeiten von unter 2:20 Stunden das beste Frauenfeld, das jemals für den BMW Berlin-Marathon verpflichtet wurde: Die Äthiopierin Aselefech Mergia hat einen persönlichen Rekord von 2:19:31 Stunden und Edna Kiplagats Bestzeit steht bei 2:19:50 Stunden. Die Kenianerin war zweimal Marathon-Weltmeisterin (2011 und 2013) und gewann sowohl den London- als auch den Boston-Marathon.

Kein nationales Elitefeld

Zu beachten sein werden auch die Vorjahres-Zweite Ruti Aga (Äthiopien), die in Berlin vor einem Jahr ihre Bestzeit von 2:20:41 Stunden erreichte, und eine Gruppe von japanischen Läuferinnen. Diese wird angeführt von Mizuki Matsuda, die in diesem Jahr ihr Marathon-Debüt in Osaka mit einer starken Zeit von 2:22:44 Stunden gewann.

Aufgrund der Europameisterschaften, die erst vor einem Monat in Berlin stattfanden, ist am Sonntag kein nationales Elitefeld mehr vorhanden. Nach mehreren Absagen startet nur noch eine deutsche Läuferin im Topfeld, die bisher weitgehend unbekannt ist: Anke Esser kommt aus dem Freizeitsportbereich. Die Läuferin aus Ostbevern (Nordrhein Westfalen) gehört bisher nicht einmal einem Verein an. Sie verbesserte sich 2017 in Berlin um über zehn Minuten auf 2:43:14 Stunden und peilt nun ein Ergebnis im Bereich von 2:35 Stunden an.

Die zehn Weltrekorde von Berlin

1977: Christa Vahlensieck (Wuppertal) – 2:34:48 *
1998: Ronaldo da Costa (BRA) – 2:06:05
1999: Tegla Loroupe (KEN) – 2:20:43
2001: Naoko Takahashi (JPN) – 2:19:46
2003: Paul Tergat (KEN) – 2:04:55
2007: Haile Gebrselassie (ETH) – 2:04:26
2008: Haile Gebrselassie (ETH) – 2:03:59
2011: Patrick Makau (KEN) – 2:03:38
2013: Wilson Kipsang (KEN) – 2:03:23
2014: Dennis Kimetto (KEN) – 2:02:57

* = bei den Deutschen Meisterschaften, die am selben Tag nach dem Berlin-Marathon auf der gleichen Strecke stattfanden

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