Emotionale Events erleben
Berlin-Marathon: Katharina Heinig im Glück

| Text: Christian Ermert und Ralf Jarkowski (dpa) | Fotos: Imago, Norbert Wilhelmi
Berlin-Marathon 2016: Kenenisa Bekele und Wilson Kipsang verpassen den Weltrekord in einem epischen Duell knapp. Katharina Heinig läuft Selbstzweifeln weg

Der dreimalige Bahn-Olympiasieger Kenenisa Bekele ist jetzt auch ein Marathon-Star. Äthiopiens Lauf-Legende verpasst den Weltrekord am Sonntag in Berlin nur um sechs Sekunden. Der Sieger nimmt seinem großen Landsmann Haile Gebrselassie aber den Landesrekord ab. Und aus deutscher Sicht schreibt Katharina Heinig die Geschichte des 43. Berlin-Marathons. Die Frankfurterin steigerte nach einer langen Lauf-Misere ihre Bestzeit um über fünf Minuten und lief in 2:28:34 Stunden auf Rang fünf in Berlin und auf Rang zwei der deutschen Jahresbestenliste.

Wie das Rennen gelaufen ist, kannst du hier in unserem Live-Ticker nachlesen.

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So lief Katharina Heinig den Selbstzweifeln davon

Noch am Start des Rennens war Katharina Heinig voller Selbstzweifel. Im Frühjahr war sie beim Kältemarathon von Zürich nach 26 Kilometern zusammengebrochen, musste von Sanitätern wieder aufgewärmt werden. Und das, obwohl sie sich in Top-Form und bereit für die Qualifikation für Olympia fühlte.

Wenige Wochen später dann der Halbmarathon bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam. Wieder hatte die Athletin von der LG Eintracht Frankfurt „bombastisch“ trainiert, wollte ein starkes Rennen abliefern. Doch ein verdorbenes Abendessen vermasselte alles. Geschwächt von einer Lebensmittelvergiftung landete sie auf Rang 55 in 77:15 Minuten. Die 27-Jährige war am Tiefpunkt. Keine Olympia-Teilnahme, kein EM-Erfolg und ihre Marathon-Bestleistung war mittlerweile über zwei Jahre alt und stand bei 2:33:56 Stunden.

„Nach Amsterdam war ich schon ziemlich im Keller“, erinnert sie sich nach ihrem glanzvollen Berliner Rennen. „Ich habe mich gefragt, warum ich das alles mache.“ Als Läufer quält man sich ja nicht nur körperlich, sondern auch geistig. „Man ist so lange Zeit im Trainingslager, ist weit weg von der Familie und vom Lebenspartner, trainiert am Limit und muss auf vieles verzichten, das Freunde genießen können. Und wenn man alles dem Laufen unterordnet und dann nichts zurückbekommt, das tut schon verdammt weh.“

So manchen Dauerlauf konnte sie in dieser Zeit nur unter Tränen absolvieren. „Meine Motivation war weg.“ Ins Höhentrainingslager nach Davos zu fahren, war ein Muss für sie, aber nicht das, was sie innerlich wollte. Laufen ist ihr Job. Als Angehörige der Sportfördergruppe der hessischen Polizei wird sie dafür bezahlt. „In dieser Phase habe ich meinen Trainingsplan nur abgearbeitet. Mein einziger Antrieb war der Berlin-Marathon. Ich wollte die Trainingswochen nicht verlieren. Denn darüber hätte ich mich sehr geärgert, wenn die Lust am Laufen dann doch irgendwann wieder da ist.“

Den Spaß am Laufen fand sie erst kurz vor Berlin bei einem 35 Kilometer langen Trainingslauf wieder. „Der rollte echt gut und ich war schnell.“ Aber die Zweifel am eigenen Leistungsvermögen blieben. Eine Hilfe waren lange Gespräche mit ihrer Mutter, der ehemaligen Weltklasse-Läuferin Katrin Dörre-Heinig, die 1994 den Berlin-Marathon gewann. „Sie hat mir immer wieder in Erinnerung gerufen, was ich im Training und in zwei guten 10-Kilometer-Rennen dieses Jahr schon geschafft habe. Und sie erzählt mir immer von den Tiefs, die sie in ihrer Laufbahn hatte. Es hilft sehr, zu wissen, dass auch so erfolgreiche Athletinnen wie sie ähnliche Situationen voller Selbstzweifel erleben.“

Aber ganz weg waren die Zweifel erst, als der Startschuss in Berlin gefallen war. „Ich habe mir vom Start weg immer wieder selbst gesagt: Genieße den Lauf und guck dir die Stadt an. So habe ich auch ganz viel vom Geschehen am Rand der Strecke mitbekommen. Kostümierte Fans, die uns angefeuert haben. Ein altes Mütterchen auf einem Balkon im zweiten Stock, das mit einer Rassel Lärm gemacht hat. Und das hat funktioniert. Ich habe es genossen, meine Bestzeit um über fünf Minuten gesteigert und einen Riesenschritt aus dem Loch heraus gemacht, in dem ich seit Amsterdam gesteckt habe.“

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Kenenisa Bekele: Weltrekord verpasst, zum Marathon-Star gekrönt

Einen großen Schritt nach vorn – natürlich auf einem ganz anderen Niveau – hat in Berlin auch Kenenisa Bekele gemacht. Der Äthiopier steigerte seine Marathon-Bestzeit nach zwei Jahren um zwei Minuten auf 2:03:03 Stunden. Nur um sechs Sekunden verpasste er den Weltrekord und die Chance, die Bestmarken über 5000, 10.000 Meter und im Marathon in seinen Besitz zu bringen.

Dennoch krönte sich der dreimalige Bahn-Olympiasieger nach irren 42.195 Metern am Brandenburger Tor auch zum Marathon-Star. Auf den Spuren seines legendären Landsmanns Haile Gebrselassie triumphierte er in Weltjahresbestzeit, noch in Sichtweite des Ziels schien der zwei Jahre alte Weltrekord des Kenianers Dennis Kimetto (2:02:57 Stunden) greifbar.

Etwa anderthalb Kilometer vor dem Ziel eines spannenden Rennens setzte sich Bekele im Duell der Giganten vom großen Favoriten Wilson Kipsang aus Kenia ab; der Sieger von 2013 wurde diesmal in 2:03:13 Stunden Zweiter. Als Dritter kam sein Landsmann Evans Chebet in 2:05:31 Stunden ins Ziel.

„Das ist fantastisch für mich - ich bin so froh und glücklich, dass ich nach langer Verletzung so eine schnelle Zeit laufen konnte“, sagte Bekele und strahlte. Rundum glücklich war er dennoch nicht. „Am Schluss bin ich aber doch ein bisschen enttäuscht, dass ich den Weltrekord so knapp verpasst habe“, sagte Bekele, der von seinem Verband nicht für Olympia in Rio nominiert worden war und seinem großen Vorbild Gebrselassie nun den Landesrekord abnahm.

Der Äthiopier strich 70.000 Euro Preisgeld ein: 40.000 Euro für den Sieg und 30.000 Euro für eine Zeit unter 2:04 Stunden. Für den Weltrekord hätte es noch einmal 50 000 Euro obendrauf gegeben. Der viermalige Berlin-Sieger Gebrselassie hatte unter anderem 2008 in der damaligen Weltrekordzeit von 2:03:59 Stunden gewonnen.

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Wilson Kipsang unterliegt in einem epischen Duell

Eigentlich war Kipsang auf Weltrekord aus, der 34-Jährige lag auch lange auf Kurs, hatte dem unwiderstehlichen Schlussspurt Bekeles aber nichts mehr entgegenzusetzen. „Das war ganz schön eng, ich habe die ganze Zeit Druck gemacht. Aber das Rennen hat so viel Energie gekostet, und am Ende konnte ich mit Kenenisa nicht mehr mithalten“, sagte der Sieger von 2013 und gratulierte seinem Freund.

Der frühere Hindernis-Spezialist Steffen Uliczka wurde in 2:15:02 Stunden 16. - gut fünf Minuten unter seiner bisherigen Bestzeit. „Ich kann mir nichts vorwerfen“, sagte er. „Ich bin hart gelaufen.“

Bei den Frauen trug sich am (Sonn)Tag der Äthiopier trug Aberu Kebede schon zum dritten Mal in die Siegerliste ein. Nach ihren Erfolgen 2010 und 2012 schloss die 27-Jährige in 2:20:45 Stunden zu den Rekord-Siegerinnen Uta Pippig (Leipzig) und Renata Kokowska (Polen) auf. Kebede krönte den äthiopischen Dreifach-Coup vor ihren Team-Gefährtinnen Birhane Dibaba (2:23:58) und Ruti Aga (2:24:41).