Breaking2: Der Kommentar zum Rennen von Monza

| Text: Christian Ermert | Foto: Nike

Der Marathon von Monza, in dem Eliud Kipchoge nur 26 Sekunden zum Unterbieten der Zwei-Stunden-Marke fehlten, ist ein heiß diskutiertes Thema. Hier kommentiert unser Chefredakteur Christian Ermert. Er meint: Das Projekt hat der Marathonszene mehr geholfen als geschadet. Und: Bis die Zwei-Stunden-Marke in einem regulären Marathon fällt, dauert es noch, auch wenn das Projekt viele neue Erkenntnisse geliefert hat.

Die zwei Stunden Marke wurde nicht gebrochen. Eliud Kipchoge hat auf dem Formel-1-Rennkurs von Monza in 2:00:25 Stunden einen großartigen Marathon unter Laborbedingungen abgeliefert. Aber obwohl die äußeren Umstände perfekt waren, hat er etwas mehr als 120 Minuten für die 42,195 Kilometer gebraucht. Für die Marathon-Szene ist dies das bestmögliche Ergebnis des von Nike initiierten und finanzierten Breaking2-Experimentes.

Denn so wurde gezeigt, dass der Marathon unter zwei Stunden für hochbegabte und optimal trainierte Läufer möglich ist. Aber die Faszination einer der letzten großen Schallmauern im Sport bleibt erhalten. Vor allem für die großen Stadtmarathons ist das wichtig. Denn wäre Eliud Kipchoge in Monza unter zwei Stunden geblieben, hätte dies die Bedeutung jedes neuen Weltrekordes geschmälert. So bleibt aber nur eine Zeit stehen, die zwar deutlich unter dem aktuellen Weltrekord liegt, aber keine wirkliche Bedeutung hat, weil sie eben in keiner Rekordliste geführt wird.

So ist es gelaufen

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So ist es gelaufen

Eliud Kipchoge ist bei dem Versuch, den ersten Marathon unter zwei Stunden zu laufen, nur knapp gescheitert. Der 32 Jahre alte Marathon-Olympiasieger aus Kenia war auf dem Formel-1-Rennkurs von Monza bis zur 35-Kilometer-Marke auf Kurs, eine der letzten großen Schallmauern im Sport zu durchbrechen. Ständig geführt von sechs Tempomachern spulte er bei perfekten Wetterbedingungen (12 Grad, Windstille und bewölkter Himmel während des gesamten Rennens) Kilometer um Kilometer in den geforderten 2:50 Minuten ab.

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Gigantische öffentliche Wahrnehmung

Dennoch haben Nike und besonders Eliud Kipchoge mit diesem Experiment dem Marathonlauf zu wahrscheinlich noch nie da gewesener öffentlicher Wahrnehmung weltweit verholfen. Das Projekt wurde überall im Web weltweit von Millionen Menschen angeschaut. Es wurde in den sozialen Netzwerken aber auch in realen Gesprächen heiß diskutiert und von hunderten Journalisten analysiert und diskutiert. Dass das Ganze auch dazu dient, Schuhe zu verkaufen – geschenkt. Wer Nike deshalb an den Pranger stellt, müsste konsequenterweise ganz aufhören, Spitzensport als Zuschauer zu konsumieren. Denn überall geht es beim Sport auch darum, Produkte zu präsentieren.

In vielen Kommentaren war zu lesen, dass Nike mit diesem Versuch angesichts der Doping-Verseuchung des Ausdauersports und der Diskussion um die Streichung aller bisherigen Rekorde in der Leichtathletik auf dem Irrweg sei. Ich finde das nicht. Es sei denn, man geht davon aus, dass Nike mit dem kompletten Spitzensport auf dem Irrweg ist. Aber dann dürften wir uns ja auch beispielsweise beim Berlin-Marathon nicht mehr über Weltrekorde freuen.

Gerade weil bei Breaking2 die Leistungsverbesserung eben nicht durch angebliche, große Verbesserungen im Training und der Ernährung der Spitzensportler erzielt wurde, sondern durch die Optimierung der Bedingungen am Wettkampftag, ist die Leistung von Eliud Kipchoge von Monza nicht mehr oder weniger verdächtig als die von beispielsweise Kenenisa Bekele, Dennis Kimetto oder seine eigene von London vor einem Jahr. Und der Olympiasieger hat ja selbst erklärt, dass er vor dem Rennen in Monza nicht anders trainiert hat als beispielsweise vor dem Marathon in London, wo er 2016 in 2:03:05 Stunden sein unvergleichliches Leistungsvermögen unter Beweis stellte.

Allerdings: Nike hätte sich im Kampf gegen Doping innerhalb des Projektes stärker engagieren können, wenn nicht sogar müssen. Mehr Kontrollen als die von der IAAF und der Wada veranlassten wären ein wichtiges Signal gewesen. Warum das Unternehmen dies nicht gewagt hat, bleibt als offene Frage nach diesem Experiment.

Die Bedingungen jedenfalls waren am frühen Samstagmorgen wirklich zu 100 Prozent perfekt. Kein Wind, ideale Temperaturen, ein bewölkter Himmel, aber kein Niederschlag. Da hatten Eliud Kipchoge und Nike einfach auch Glück, nachdem sie mit der Wahl des topfebenen Rundkurses inmitten eines riesigen, grünen Parkes mit vielen Bäumen eine außergewöhnliche Strecke gefunden hatten. Es wird schwer werden, solche Bedingungen noch einmal herzustellen. Und deshalb wird auch so schnell der Marathon-Weltrekord nicht unter zwei Stunden gedrückt werden.

Unser Experte: Chefredakteur Christian Ermert
Unser Experte: Chefredakteur Christian Ermert

Christian Ermert leitet die Redaktion von laufen.de. Der ehemalige erfolgreiche Mittelstreckenläufer begleitet die Leichtathletik und die Lauf- und Marathonszene seit fast 20 Jahren als Fachjournalist.

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