Trotz 14-Stunden-Tag: Marina finisht Berlin-Marathon

| Text: Norbert Hensen | Fotos: adidas

Marina Caldera (35) hat es geschafft. Sie hat den BMW Berlin-Marathon gefinisht. Ihre Vorbereitung war dabei alles andere als einfach. Die junge Mutter arbeitet bis zu 14 Stunden pro Tag in ihrem eigenen Restaurant. Ihre Tochter ist erst zwei Jahre alt. Marina war Teil des Projekts "Can't Stop Her" von adidas. Und hat bewiesen, dass Frauen stark genug sind, um Hürden im Leben zu überwinden. Wir haben Marina begleitet.

"Wenn wir stark sind, können wir alles schaffen"

Marina (Foto unten rechts) ist durchgefroren. Über vier Stunden lang war sie im strömenden Regen unterwegs. „Das war nicht optimal, aber heute ging es nur darum anzukommen“, sagt sie. Sie lächelt. Die 35-Jährige aus Venezuela lebt seit vielen Jahren in Berlin. Und war Teil des Projektes „Can’t Stop Her“, bei dem sich zehn Frauen fünf Monate lang intensiv auf den BMW Berlin-Marathon vorbereitet haben. Wie ihre neun Mitstreiterinnen will Marina Vorbild sein für andere. „Jede Frau hat ihre eigene Geschichte, die nicht immer einfach ist. Aber wenn wir stark und selbstbewusst sind, können wir alles schaffen.“

Es ist ein lauer Sommerabend. Marina sitzt in der Runbase in Berlin-Kreuzberg. Adidas hat diesen urbanen Community Space für Freizeit-Athleten vor vier Jahren hier eröffnet. Die Runbase ist längst eine Institution, hier treffen sich nicht nur die Mitglieder der adidas Runners, es ist auch eine Anlaufstelle für jeden, der Sport liebt und sich weiterentwickeln möchte. Gemeinsam laufen, an Workouts teilnehmen, sich Tipps der Coaches in Sachen Training, Ernährung und Regeneration holen oder sich in der medizinischen Sprechstunde beraten lassen. Manche nutzen die Runbase auch als aktiven Working Space.

Für Marina und die anderen Berliner Frauen, die adidas als Intitiator des Projektes „Can’t Stop Her“ ausgewählt hat, ist die Runbase in diesem Sommer eine zweite Heimat geworden. „Wenn ich mit dem Rad hierher fahre, tauche ich in eine andere Welt ein, diese Zeit gehört nur mir“, sagt Marina.

Der Begriff „Zeit“ spielt im Leben der 35-Jährigen eine große Rolle. Vor 12 Jahren verließ sie ihre Heimat Venezuela und zog nach ihrem Studium in Weimar nach Berlin. Sie wusste damals nicht, wie lange sie fern von zuhause sein würde. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin. Ihre Tochter wurde hier vor gut zwei Jahren geboren. Fast parallel dazu eröffnete sie mit ihrem Partner ihr eigenes Restaurant in der Hauptstadt.

So hat sich Marina auf den Marathon vorbereitet

„Die ersten Monate nach Eröffnung des Restaurants habe ich 14 Stunden am Tag gearbeitet – sieben Tage in der Woche“, sagt Marina und lächelt wieder. Heute kann sie darüber lachen, denn der Einsatz hat sich gelohnt. Das Restaurant läuft gut. Seitdem ihre Tochter vor zwei Jahren auf die Welt kam, versucht sie weniger zu arbeiten. „Manchmal gelingt das gut, wir sind aber ein Familienbetrieb, ohne perfektes Zeitmanagement funktioniert das nicht.“

Wenn sie läuft, ist Marina bei sich. Das hat sie schon immer gerne getan. „Laufen ist meine Quality-Time mit mir selbst“, sagt sie. „Das brauche ich, das braucht jeder Mensch.“ Es ist nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. „Man muss das wollen, dann geht es auch.“ Marina ist eine starke Frau. „Aber ich brauche auch manchmal Hilfe, das weiß ich.“ Auch deshalb war sie sofort begeistert, als sie vom Projekt „Can’t Stop Her“ erfuhr.

„Wir glauben, dass wir durch Sport die Kraft haben, Leben zu verändern“, so Eric Liedtke, Vorstandsmitglied der adidas Gruppe. Im Sport werden viele Grundlagen gelegt, die einem nicht nur auf der sportlichen Ebene weiterhelfen: Fairness, Respekt, Selbstvertrauen, Teamgeist, Kampfgeist oder beispielsweise Führungskompetenzen. Aus dieser Überzeugung heraus ist das „Can't Stop Her“-Projekt entstanden.

Tipps von Profi-Athletin Ruth Spelmeyer

Mareike Dottschadis - die alle nur Mari nennen - hat Marina und die neun anderen Frauen des Projektes als Coach über fünf Monate begleitet. Das Coaching umfasste mehr als „nur“ Trainingspläne, um fit für den Marathon zu werden. Neben dem Kraft- und Tempotraining gab es jede Woche eine Mindset-Session, in denen an mentalen und emotionalen Themen gearbeitet wurde.

„Zudem haben wir Persönlichkeiten aus dem Sport wie die Sprinterin Ruth Spelmeyer oder die Läuferinnen Anna und Lisa Hahner eingeladen, die ganz offen über Motivation, Mindset, aber auch spezielle Frauen-Themen wie Leistungsfähigkeit von Frauen während der Menstruation und Verhütung gesprochen haben“, sagt „Mari“. Auch viele Einzelgespräche wurden geführt. „Es gab keine Tabuthemen, wir haben in allen Lebenslagen unsere Hilfe angeboten“, sagt die Trainerin.

Sportlich ging alles hochprofessionell zu. Ob Ernährungsberatung oder eine Leistungsdiagnostik in der Charité zu Beginn des Projektes – Marina und Co. wurden wie Profi-Sportlerinnen betreut. „Unser Ziel ist es, dass alle den gleichen Zugang zum Sport bekommen können – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder gesellschaftlicher Stellung. Durch den Abbau von Barrieren im Sport wollen wir die nächste Generation von Athletinnen, aber auch weibliche Führungskräfte fördern“, sagt Juliane Hennig von adidas, die in den vergangenen Monaten das Projekt in Berlin begleitet hat.

Marina: "Ich werde die anderen vermissen"

Letzter Sonntag im September. Es regnet. Seit Stunden. Marina hat es geschafft. Sie ist glücklich. Nach 4:40:43 Stunden hat sie das Ziel beim BMW Berlin-Marathon erreicht. „Ich weiß, dass ich schneller laufen kann, aber darum ging es heute nicht“, erzählt sie. Die vergangenen Wochen waren nicht einfach. „Zwei Wochen lang konnte ich nicht trainieren“, sagt Marina. Sie zweifelte kurz, ob sie es überhaupt schaffen würde. „Aber aufzugeben war für mich keine Option“, sagt Marina.

So soll es auch in Zukunft bleiben. Marina plant schon wieder. „Nächstes Jahr möchte ich den Halbmarathon in Berlin laufen, aber jetzt werde ich mich erstmal erholen und viel Zeit mit meiner Familie verbringen“, sagt sie. Sie ist traurig, dass das Projekt vorbei ist. „Ich werde alle anderen vermissen, aber ich bin auch sicher, dass wir uns wiedersehen.“ Darauf freut sie sich. Und auf alles andere, was das Leben ihr noch zu bieten hat ebenfalls.

Was sie aus dem Projekt mitgenommen hat? „Dass Job und Erfolg nicht alles sind, aber dass man vieles schaffen kann, wenn man nur will.“ Marina läuft weiter. Sie wird so schnell niemand stoppen.

 

Coach „Mari“: Selbstbewusstsein geben

Mareike Dottschadis (Foto), die alle nur „Mari“ nennen, ist Kopf des Projekts „Can't Stop Her“.  Sie ist nicht nur selbst eine gute Marathonläuferin, Mari ist auch Trainerin und angehende Sportpsychologin. Hin und wieder muss die 28-Jährige ihre starke Schulter hinhalten. „Die Arbeit mit den zehn Mädels hat mir unglaublich viel gegeben, es war eine sehr intensive Zeit. Manchmal anstrengend, aber meistens unglaublich inspirierend“, sagt Mari. Sie sei sich sicher, dass fast alle weiterlaufen werden.

„Es muss ja nicht gleich der nächste Marathon sein. Ich wäre super stolz, wenn alle die Kraft des Sports weiter nutzen, um stark und selbstbewusst durchs Leben zu gehen.“ Genau das war die Intention von „Can't Stop Her“. Mari und all die anderen Menschen, die im Hintergrund das Projekt gemeinsam mit adidas ein halbes Jahr lang begleitet haben, sind stolz auf die Frauen, von denen acht ins Ziel kamen. Zwei Teilnehmerinnen hatten sich kurzfristig verletzt.  Mari: „Sport schafft eine so feste Verbindung. Jetzt brauchen wir alle etwas Erholung. Aber ich bin sicher, dass wir uns schon in wenigen Tagen gegenseitig vermissen werden.“

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