Das ist die Marathon-Hoffnung Melat Kejeta

| Text: Christian Ermert | Fotos: imago images (2), Norbert Wilhelmi

Beim BMW Berlin-Marathon gelang der sechstplatzierten Melat Kejeta vom Laufteam Kassel ein fantastisches Marathondebüt: In 2:23:57 Stunden wurde sie auf Anhieb zur drittschnellsten deutschen Marathonläuferin aller Zeiten. Schnellere Zeiten erzielten lediglich die deutsche Rekordlerin Irina Mikitenko (2:19:19 in Berlin 2008) und Uta Pippig, die auf der allerdings nicht rekordkonformen Strecke in Boston 1994 eine Zeit von 2:21:45 erreicht hatte. Wir stellen dir die gebürtige Äthiopierin vor, die seit März die deutsche Staatsbürgerschaft hat.

Ihre Ankündigung vor dem 46. BMW Berlin-Marathon hatte für großes Erstaunen bei den Besuchern der Pressekonferenz gesorgt. In 2:22 Stunden wolle sie ihren ersten Marathon überhaupt finishen, hatte Melat Kejeta am Donnerstag angekündigt. So mancher Experte glaubte sogar an ein Missverständnis, weil Kejetas deutsch noch nicht akzentfrei und perfekt ist. Aber die Läuferin wusste genau, was sie da sagte. Und sie wusste auch, dass sie das kann. Denn das hatte ihr nach einem zweimonatigen Trainingslager in Kenia kein geringerer als Patrick Sang attestiert.

Der Kenianer schätzt ihr Marathon-Leistungsvermögen auf 2:19 bis 2:22 Stunden, nachdem er sie ein paar Wochen lang beim Training in Eldoret beobachtet hatte. Und Patrick Sang kennt sich aus. Schließlich ist der ehemalige Weltklasse-Hindernisläufer auch der Mann hinter den großartigen Leistungen von Eliud Kipchoge. Der Olympiazweite von 1992 coacht den Weltrekordler, der diesen Herbst als erster Mensch einen Marathon in unter zwei Stunden laufen will.

Ganz so schnell wie erhofft war Melat Kejeta dann auf den Berliner Straßen zwar nicht. Aber ihre 2:23:57 Stunden sind immer noch das schnellste Marathondebüt einer deutschen Läufer. Und mit Irina Mikitenko und Uta Pippig waren lediglich die zwei stärksten deutschen Marathonläuferinnen der vergangenen 30 Jahre überhaupt schneller als die Athletin vom Laufteam Kassel, die zwei Tage vor dem Berlin-Marathon ihren 27. Geburtstag gefeiert hat.

Geburtstagsständchen von einer Band an der Marathonstrecke

Das hatte auch eine der 92 Bands mitbekommen, die in Berlin am Straßenrand für Sportler und Zuschauer aufspielen. „Irgendwo bei Kilometer drei habe ich plötzlich einen Happy Birthday-Song gehört, da habe ich mich schon sehr gefreut“, erzählte die in Äthiopien geborene Läuferin, die seit März die deutsche Staatsbürgerschaft hat.

Danach war sie aber ganz schnell wieder vollkommen in ihrem Rennen. Lange Zeit lief sie in der Spitzengruppe der Frauen mit. Als die späteren Erstplatzierten Ashete Bekere, Mare Dibaba (beide Äthiopien) und Sally Chepyego (Kenia) ein Tempo aufnahmen, das Richtung 2:20 Stunden gehen sollte, lief sie tapfer ihr eigenes Rennen zu Ende. Richtig schwer wurde es erst bei Kilometer 37. „Da fingen meine Muskeln an zu schmerzen“, sagt sie. Aber die letzten fünf Kilometer können sich Marathonläufer eben durchbeißen.

Das hat Melat Kejeta auch in Kenia gelernt. Trainingsläufe bis zu 40 Kilometern hat sie dort in Höhen von über 2000 Metern absolviert – und das immer mit den stärksten Trainingspartnern, die sich weltweit finden lassen. Ihr Wochenpensum waren 180 bis 200 Kilometer. Und sie hat sich sogar an Ugali gewöhnt, jenen legendären Maisbrei, der das Grundnahrungsmittel der Kenia-Läufer ist.

Normalerweise bevorzugt sie Kartoffeln. Pellkartoffeln mit Spinat sind ihr Leibgericht, da ist sie schon sehr deutsch geworden, seitdem sie vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen ist. In Äthiopien hatte ihre Familie mit der politischen Situation zu kämpfen. Deshalb blieb sie nach einem Wettkampf in Italien, kam nach Deutschland und beantragte Asyl. Ihrem Antrag wurde stattgegeben. Später lernte sie im Regionalexpress zwischen Kassel und Frankfurt ihren Ehemann kennen. Auch mit dem Sport begann sie wieder.

Dann wurde der ehemalige Marathon-Bundestrainer Winfried Aufenanger auf sie aufmerksam. In ihrer neuen Heimat Kassel wird sie seitdem von ihm trainiert. Ihren bis dahin größten Erfolg feierte sie 2018 mit dem Triumph beim Berliner Halbmarathon. Wenige Wochen zuvor war sie in Venlo in 1:18:41 Stunden Halbmarathon-Bestzeit gelaufen.

Jens Nerkamp: Auch der schnellste deutsche Läufer in Berlin kommt aus Kassel

Ermöglicht wird die Entwicklung von Melat Kejeta auch von einem Hobbyläufer aus Kassel, der mit seinem Immobilien-Unternehmen Spitzenläufer in seiner Heimatstadt unterstützt. Lars Bergmann ist Eigentümer der Immovation AG und steckt so ziemlich den kompletten Sponsoring-Etat seines Unternehmens in den Kassel-Marathon und das Laufteam Kassel, dem neben Melat Kejeta auch Jens Nerkamp angehört.

Der 30-Jährige war nach dem vorzeitigen Ausstieg Philipp Pfliegers (Rückenprobleme, die ins rechte Bein ausstrahlten) in Berlin der beste Deutsche. Auf Platz 37 in 2:14:54 Stunden, mit denen er seine alte Bestzeit (2:17:18 h) geradezu pulverisierte. Der Student (Germanistik und Politikwissenschaften) war etwas enttäuscht, in Berlin quasi anonym ins Ziel gelaufen zu sein. „Normalerweise gibt es für den schnellsten Deutschen ja noch mal ein Zielband, aber als ich ins Ziel gekommen, hat das wohl keiner der Verantwortlichen bemerkt“, meinte der 30-Jährige.

Für Melat Kejeta dürfte dieser Berlin-Marathon der Startschuss für eine Karriere in ganz anderen Sphären sein. Dass sie für die ganz langen Strecken gemacht ist, weiß sie allerdings schon viel länger. „In Äthiopien hat mein Coach mal zu mir gesagt: Du hast Marathon-Beine.“ Seitdem träumt sie von den ganz großen Marathonrennen. Und von Anfang an wollte sie viel mehr als nur dabei sein.

Als Teenager hat sie in den Nuller-Jahren verfolgt, wie die Dibaba-Schwestern Tirunesh und Ejegayehu reihenweise Olympia- und WM-Medaillen für Äthiopien geholt haben. „Ich wollte immer so werden wie sie“, schwärmt sie noch heute. In Berlin hat sie einen Schritt in diese Richtung gemacht. Mit dem Unterschied, dass sie nicht für Äthiopien sondern für Deutschland erfolgreich laufen wird. Das Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio dürfte sie mit der Leistung von Berlin gelöst haben. Und auf dem Weg dahin will sie im Frühjahr noch in London Marathon laufen. Mit kleinen Zielen gibt sie sich nicht ab. Das dürften nach diesem Berliner Marathon-Wochenende alle verstanden haben.

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