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Kleines Tool, große Wirkung?
„Die Laufmaus vereinfacht die Verbesserung der Lauftechnik“

| von der Redaktion

Die „Laufmaus“ soll die Körperhaltung beim Laufen positiv beeinflussen. Was kann dieses kleine und leichte Tool wirklich? Wir haben einen Experten befragt.

Sven Kruse ist einer der bekanntesten deutschen Sportphysiotherapeuten, Betreuer zahlreicher Olympiasieger und Weltmeister sowie Inhaber des Rehazentrums Medivital in Hemer. Seit einigen Monaten arbeitet er in seiner Praxis mit der „Laufmaus“, ein ergonomisch geformtes und sehr leichtes Griffelement für die Hände. Laut Hersteller vereint sie wissenschaftliche Erkenntnisse aus Hirn-, Evolutions- sowie Verhaltensforschung mit den praktischen Erfahrungen vieler Anwender.

Sven Kruse

Durch ihre besondere Konstruktion werden mechanische und sensomotorische Stellreflexe in den Handinnenflächen initiiert, die die Hände in eine Vorhalteposition bringen. Dadurch wird der Oberkörper aufgerichtet und stabilisiert. Körperspannung und -kontrolle sollen sich verbessern. Und durch die Außenrotation der Hände soll sich der Hand-Arm-Schulter-Komplex und die Nackenmuskulatur des Anwenders entspannen.

Entwickelt wurde die „Laufmaus“ von Dr. med. Horst Schüler aus Münster. Ein schwerer Autounfall war für den Facharzt für Allgemeinmedizin sowie Sportmediziner und Osteopath der Auslöser für die Entwicklung. Der erfahrene Arzt war jahrzehntelang passionierter Läufer und Betreuer zahlreicher Spitzensportler, bis der Unfall ihn von jetzt auf gleich aus der Bahn warf. Die Folgen: Schädigung am Rückenmark, Lähmung und Bewegungsunfähigkeit. Eine schockierende Diagnose, die sein Leben, wie er es bis dahin kannte, abrupt beendete. Sein eiserner Willen, seine Bewegungsfähigkeit zurückzugewinnen, mündete in einem neu entwickelten Hilfsmittel: die „Laufmaus“. Im Interview erklärt uns Sven Kruse die Wirkweise dieses neuen Tools.

Herr Kruse, was ist eigentlich eine schlechte Körperhaltung?

Sven Kruse: Evolutionstechnisch und von unserer Genetik sind wir immer noch Jäger. Das bedeutet, dass wir unsere Schultern hochziehen, wenn wir uns im Jagdmodus befinden. Dadurch wird die Atemhilfsmuskulatur aktiviert, damit für den Sprint genügend Sauerstoff zur Verfügung steht. Nach getaner Arbeit, also nach erfolgreicher Jagd oder positivem Erfolgserlebnis, fällt die Anspannung, unterstützt durch die Ausschüttung von Endorphinen, wieder ab. In unserer heutigen Stressgesellschaft haben wir allerdings kein Ende der Jagd, da unablässig E-Mails, Anrufe und andere Reize auf uns einströmen, was dazu führt, dass wir permanent die Schultern hochziehen und die Muskulatur dauerhaft kontrahiert. Der Muskeltonus steigt, das Muskelgewebe wird fest und sauer und die Laufökonomie nimmt ab. Wenn man sich unsere modernen Lebensumstände und die heutige Arbeitsplatzgestaltung anschaut, sieht man: Wir verbringen täglich viele Stunden sitzend am Schreibtisch, im Auto oder vor dem Fernseher, anstatt uns zu bewegen. Dies hat Folgen für unseren Körper und unser Wohlbefinden. Die Folgen sind eine schlechte Körperhaltung, Beschwerden des Bewegungsapparates, ein Verschluss von Engstellen in den Gelenkbeugen, defizitäre Bewegungsmuster und infolgedessen eine Zunahme von Verletzungen.

Was kann man dagegen machen?

Sven Kruse: Eigentlich ganz einfach: Die beste Therapie für Beschwerden am Bewegungsapparat ist das Gehen und Laufen. Dabei kommt der Bewegungsökonomie eine besondere Bedeutung zu. Wichtig ist eine minimale Belastung des Bewegungsapparates, um Überbeanspruchungen zu reduzieren. Bewegungen wie Gehen und Laufen sind regulierende Bewegungen, die den Körper wieder in Balance bringen.

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Die Laufmaus stellt im übertragenen Sinn eine Art sensomotorische Einlage für die Hände dar."

Sven Kruse, Sportphysiotherapeut

Wie kann ein kleines Tool wie die Laufmaus dabei helfen?

Sven Kruse: Die Laufmaus vereinfacht die Verbesserung der Lauftechnik und führt durch die distale Stellung des Daumen-Finger-Kontinuums über die Hand und den Armkomplex zur Aufrichtung des Oberkörpers. Dabei rotieren die Hand und der Unterarm nach außen und das Schulterblatt wird näher zur Wirbelsäule gezogen. Das hat zur Folge, dass die Brustwirbelsäule sich aufrichtet (BWS-Aufrichtung). Dadurch wird die Natürlichkeit der Bewegung gefördert. Durch die aufgerichtete BWS stellt sich die Halswirbelsäule ebenfalls richtig ein, was zu einem besseren Blickwinkel führt. Hierdurch werden Belastungen des Laufens reduziert und ökonomisiert. Diese Verbesserung des natürlichen Laufstils sehen wir mittlerweile auch bei unseren Patienten auf dem Laufband. Wir setzen die Laufmaus hier schon postoperativ in der frührehabilitativen Phase oder bei Patienten mit Gangstörung ein. Diese verspüren durch den Druck in den Handinnenflächen eine sofortige Verbesserung von Sicherheit und Stabilität.

Könnten nicht einfach Nordic-Walking-Stöcke diese Arbeit verrichten?

Sven Kruse: Kurze Antwort: nein, definitiv nicht. Lange Antwort: In der Praxis sehen wir immer wieder, wie Patienten ohne richtige Schulung im Umgang mit Nordic-Walking-Stöcken eine Problematik im Schulter-Nacken-Bereich entwickeln. Dies liegt unter anderem am aktiven Stockhub. Hierbei entstehen Verspannungen im Trapezius der Halswirbelsäule und Affektionen in der Bizepssehne durch aktives Heben. Beim Stockaufsatz mit Kraft, also wenn der Stock beispielsweise vibriert oder hängen bleibt, treten im Bereich des Ellenbogengelenkes Epikondylitiden und in der Hand Sensibilitätsstörungen auf. Der Nerv reagiert auf Erschütterung mit weniger Umsatz oder weniger Übertragung der Reize. Dieses Phänomen tritt auch bei Patienten auf, die mit Schlagbohrmaschinen arbeiten oder Holz hacken. All diese möglichen negativen Einflüsse gibt es beim Einsatz der Laufmaus nicht.

Warum spielen ausgerechnet die Hände eine so große Rolle beim Laufen?

Sven Kruse: Sowohl das Gehen als auch das Laufen sind biomechanische Meisterleistungen unseres Körpers. Kopfdrehung und Haltung der vorderen oberen Extremitäten sind für die Stellung des Schulter-Arm-Komplexes, für die Körperspannung und Richtungsstabilität enorm wichtig. Für eine maximale Laufbeständigkeit, Bewegungsökonomie und Gesundheit muss physiologisch vieles im unteren und oberen Körperbereich perfekt zusammenspielen. Für die Orientierung des Körpers im Raum stehen uns unsere Gleichgewichtsorgane und unsere Füße mit ihrer Erdung zum Boden zur Verfügung. Dies macht den Lauf zu einer sehr komplexen Aufgabe für uns Menschen. Die Hände wissen nicht, wo sie im Raum stehen. Wenn diese allerdings etwas in der Hand halten, bekommen plötzlich auch unsere Hände und Schultern eine Orientierung im Raum.

Woran liegt das?

Sven Kruse: Durch die Laufmaus bekommt der Anwender einen Input. Der Organismus denkt, er arbeitet in einem geschlossenen System ähnlich wie im Vierbeinstand, bei dem auch die oberen Extremitäten mit dem Boden verbunden sind. Somit bekommt das System plötzlich eine Rückmeldung von vier, anstatt nur von zwei Punkten. Die empfundene Unterstützungsfläche vergrößert sich und die Stabilität und empfundene Sicherheit nehmen zu. Das ist wie beim Festhalten an einem imaginären Geländer. Man erfährt durch sie eine höhere Stabilität, weil sich die Unterstützungsfläche vergrößert. Die Laufmaus stellt damit im übertragenen Sinn eine Art sensomotorische Einlage für die Hände dar. Mit dieser üben wir eine konsensuelle Wirkung auf die Handflächen aus. Also eine reflektorisch ausgelöste Reaktion, die zur Verbesserung der Stabilität führt.

Das erinnert ein bisschen an Kleinkinder, die sich erst mal überall festhalten, wenn sie die ersten Schritte wagen...

Sven Kruse: ... der Vergleich ist gar nicht schlecht. Wenn Kinder dies tun, können sie eigentlich bereits laufen, sie haben zu diesem Zeitpunkt nur einfach noch Angst, zu fallen. Ähnlich ist es nach einer langen Immobilisation, wenn man das Laufen wieder „neu“ erlernen muss. In diesem Fall muss die Beinachse koordinativ neu eingestellt werden, weil das inter- und intramuskuläre Zusammenspiel nicht mehr stimmt und man intuitiv versucht, eine Entlastungsbewegung auszuführen. Bei unseren postoperativen Behandlungen stellen wir die Patienten deshalb zunächst aufs Laufband, auf dem sie sich festhalten. Im nächsten Schritt löst die Laufmaus das Festhalten ab. Dadurch steigt die Sicherheit beim Patienten und wir erzielen schneller Fortschritte.

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Die Laufmaus unterstützt durch die Aufrichtung des Oberkörpers die richtige Stellung des Beckens, sodass die Beinachse besser eingestellt ist."

Sven Kruse, Sportphysiotherapeut

Wird die Laufmaus während des Laufens nicht als Fremdkörper, also als störend empfunden?

Sven Kruse: Nein, denn die Laufmaus hilft dabei, den natürlichen Bewegungsablauf subkortikal, also im Unterbewusstsein, oder nicht willentlich einzustellen. Sie unterstützt durch die Aufrichtung des Oberkörpers die richtige Stellung des Beckens, sodass die Beinachse besser eingestellt ist.

Sie plädieren dafür, die Laufmaus schon bei Kindern einzusetzen. Warum ist Ihnen das wichtig?

Sven Kruse: Wenn ich an die vergangenen zwölf Monate denke, dazu noch an die Zeit, die vor uns liegt, laufen wir Gefahr, Kinder in bestimmten Altersklassen dauerhaft als „verlorene Generation“ zu schädigen. Viele Corona-Kinder haben bereits eine Entwicklungsretardierung. Das viele Lernen im Präsenzunterricht, im Homeschooling, sitzend am Schreibtisch, liegend im Bett zum einen. Die geschlossenen Sportvereine, ausgefallenen Bewegungsveranstaltungen, fehlende körperliche Betätigung über Monate zum anderen. Das alles zusammen führt zu einer geistigen, seelischen und vor allem körperlichen Verzögerung der natürlichen Entwicklung bei den Kindern. Im schlimmsten Fall bilden sich Muskulatur und motorische Fähigkeiten zurück. Und das alles verstärkt ja ohnehin nur eine zweifelhafte Entwicklung, in der moderne Lebensumstände die Bewegungsradien der Kleinen ohnehin immer mehr einschränken. Die Folge sind defizitäre Bewegungsmuster. Die Laufmaus hilft dabei, den natürlichen Laufstil, der in uns gespeichert ist, schneller abzurufen und natürliche Bewegungsmuster schneller zu erlernen. Deshalb ist die Laufmaus speziell bei Kindern genauso wie bei Laufanfängern im Allgemeinen, Wiedereinsteigern, postoperativ oder bei defizitären Bewegungsmustern besonders gut anzuwenden.