Die Pollenplage: Das hilft gegen Heuschnupfen

| Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: Thinkstock, iStock

Sie fliegen wieder, die Pollen. Und wenn du Allergiker bist, weißt du, was jetzt folgt: Die Nase läuft, die Augen tränen, das Atmen fällt schwer, an laufen ist kaum zu denken. Hier erfährst du, was Heuschnupfen eigentlich ist – und was du dagegen unternehmen kannst.

Von unserem Experten Dr. Stefan Graf

Der studierte Mediziner und Biologe hat lange in den Bereichen Herz-Kreislauf- und Stoffwechselphysiologie geforscht und gelehrt. Mittlerweile ist der Berliner als Autor vorwiegend in den Bereichen Sportphysiologie, -medizin und -ernährung tätig. Er berät Athleten in Ausdauer- und Spielsportarten und ist selbst seit frühester Kindheit bekennender „Sportjunkie“ – passionierter Läufer, ehemaliger Drittliga-Fußballer und Tennisspieler.

„Hab Dich nicht so wegen des bisschen Nasetriefens!“ Wer unter Heuschnupfen leidet, kennt solche Bemerkungen. Deshalb sei es an dieser Stelle noch einmal deutlich gesagt: Heuschnupfen ist keine nervige Lappalie, sondern ungeheuer belastend und bisweilen unerträglich: Entzündete Bindehäute lassen die brennenden Augen tränen, die Nase läuft permanent, Kopf und Glieder schmerzen, das Atmen fällt schwer. Die Symptome reichen von dauerhafter Abgeschlagenheit über allergisches Asthma bis hin zur extremsten Über-empfindlichkeits-Reaktion, dem anaphylaktischen Schock mit lebensgefährdendem Kreislaufversagen. Auch wenn es die meisten nicht so hart trifft, können Heuschnupfen und Co. die Freude am Laufen gehörig trüben.

Fehler im System

Ursache von Allergien sind Fehlsteuerungen des Immunsystems. Eigentlich hat es die Aufgabe, Angreifer aller Art abzuwehren – Bakterien, Viren und Schadstoffe. Bei einer Allergie unterlaufen dem Immunsystem gleich zwei Bewertungsfehler: Zum einen stuft es einen eigentlich harmlosen Reiz als Angreifer ein. Zum anderen wird das Gefahrenpotenzial so stark überbewertet, dass die Abwehrreaktion völlig überschießt. Im Falle eines „Heuschnupfens“ sind die „Angreifer“ Pollen von Bäumen oder Gräsern. Das Resultat ist eine sogenannte Autoimmunreaktion – ein gegen den eigenen Körper gerichtete Abwehrreaktion. Gegen den harmlosen Eindringling werden Antikörper produziert, und zwar viel zu viele. Diese Antikörper machen besondere Abwehrzellen, sogenannten Mastzellen, „scharf“, worauf sogenannte Histamine und bioaktive Lipide freigesetzt werden. Die beiden Letztgenannten verursachen die allergischen Symptome.
 
Ein intaktes Immunsystem kann körpereigene von -fremden Stoffen unterscheiden. Es erkennt gefährliche „Fremdlinge“ anhand besonderer Oberflächenstrukturen, Antigene gennant, und macht sie durch Produktion passender Antikörper unschädlich. Diese „Waffen“ werden für jeden Eindringling maßgeschneidert und arbeiten hochspezifisch nach dem „Schloss-Schlüssel-Prinzip“. Von jedem Einsatz behält das Immunsystem einige „Gedächtniszellen“ zurück, die bei einem erneuten Angriff des gleichen Schadstoffs eine schnellere Immunantwort ermöglichen. Was im Falle eines echten Angreifers gut und sinnvoll ist, führt bei Allergikern dazu, dass die Reaktionen auf Kontakt mit dem Allergen immer schlimmer werden. Das Immunsystem reagiert künftig auf kleinste Konzentrationen des Allergens – wenige Pollen, einige Katzenhaare oder Nahrungsstoffe  – völlig überzogen.

Kreuzallergien

Allergien kann man in jedem Alter und gegen alles entwickeln. Aber gerade Heuschnupfen-Geplagte reagieren oft zusätzlich auf Stoffe allergisch, die vordergründig gar keine Ähnlichkeiten mit der jeweiligen Pollenart aufweisen. Solche in charakteristischen Kombinationen auftretenden Überempfindlichkeiten werden Kreuzallergien genannt und betreffen oft Nahrungsmittel. Birkenpollen sind auf diese Weise oft mit Baumobst liiert, Gräserpollen mit Getreideprodukten und Kräuterpollen mit Gewürzen beziehungsweise mit bestimmten Gemüsesorten. Die Ursache derartiger Kreuzreaktionen liegt in strukturellen Ähnlichkeiten bestimmter allergener Eiweißstoffe in den Pollen mit Eiweißstoffen in den jeweiligen Früchten oder Gemüsen.

Heuschnupfen schon im Januar?

Seit einigen Jahren zeichnet sich der Trend ab, dass die Blühsaison früher im Jahr beginnt und länger andauert. Überdies haben Messungen der TU-München in 13 europäischen Ländern besonders in Städten eine Zunahme der Pollenmengen gezeigt. Als treibende Faktoren werden steigende Mengen an Kohlendioxid (CO2) und pollenbindende Schmutzpartikel angenommen. Die Wissenschaftler sehen klare Korrelationen mit dem Klimawandel und urbaner Luftverschmutzung. Darüber hinaus scheinen einige Pollenarten – zum Beispiel Birkenpollen bei erhöhten Ozonwerten deutlich aggressiver zu werden. Besondere Sorge bereitet die Ausbreitung der aus Nordamerika stammenden Beifuß-Ambrosie, deren europäische Varianten aggressiver sind. Klimamodelle prognostizieren für die kommenden Jahrzehnte eine Pollenbelastung bis zum Spätherbst oder gar Winteranfang. Keine rosigen Aussichten für Allergiker.

Laufen, wenn weniger Pollen fliegen

  • In der Stadt ist die Pollenkonzentration morgens, bis circa 8 Uhr, am niedrigsten, auf dem Land nach 19 Uhr.

  • Wenn es geregnet hat, denn mit dem Regen werden die Pollen aus der Luft geschwemmt. Ausnahme: Nach einem Gewitter oder einem sehr starken Regenguss, sollten Allergiker nicht im Freien trainieren. Diese Wetterlagen verursachen einen sogenannten osmotischen Schock: Pollenkörner quellen auf, platzen und jede Menge Allergene entweichen in die Luft.

  • Wer weiß, auf welche Pollen er allergisch reagiert, sollte die Pollenflugvorhersage beachten und – sofern möglich – an Tagen mit besonders hoher Belastung auf Indoor-Sport umsteigen.

     

Top-Tipp: Der Allergie davonlaufen!

Wer kann, sollte seinen Urlaub so planen, dass der Heuschnupfen keine Chance hat. Am besten so: In den Urlaub fahren, wenn die Pollen, auf die du allergisch reagierst, Hochsaison haben. Und dann ans Meer. Dort bläst der Wind meist aus Richtung Wasser – und da sind keine Pollen unterwegs. Viele Ratgeber empfehlen auch Urlaub in den Bergen. Die aber sind nicht immer ein sicherer Zufluchtsort. Heuschnupfensymptome bergwandernder Allergiker motivierten Forscher aus München per Flieger in bis zu 2.000 Meter Höhe auf Pollensuche zu gehen. Sogar dort oben fanden sich besonders Pollen von Kiefern- und Eichengewächsen in beträchtlicher Konzentration. Pollen scheinen von ihrem Emissionsort kilometerweit nach oben zu steigen, um regelrechte „Aeroallergen-Wolken“ zu bilden.

Zurück