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Doping in Russland: Hajo Seppelt im Interview

| Martin Neumann
Die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ hat die Sportwelt Ende 2014 in Aufruhr versetzt. Der Beitrag zeigt gelen

Die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ hat die Sportwelt Ende 2014 in Aufruhr versetzt. Der Beitrag zeigt gelenktes, flächendeckendes Doping in Russland. Unsere Redaktion hat nach der Veröffentlichung mit Autor Hajo Seppelt über den Mut der Informantin Yuliya Stepanova (Foto) und die Reaktionen der Funktionäre gesprochen. Aufgrund des aktuellen Bezugs durch den gerade veröffentlichten WADA-Bericht zu Doping in Russland veröffentlichen wir das Interview noch einmal.

Hajo Seppelt, ein staatsnaher russischer TV-Sender hat berichtet, dass Ihre Recherche nur ein Racheakt auf das schlechte deutsche Abschneiden bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi sei. Russlands Leichtathletik-Chef Valentin Balakhnichev behauptet zudem, dass alle Aussagen falsch seien, obwohl Sie Beweise in den Händen halten. Was denken Sie über solche Reaktionen?
Der Beitrag im russischen Fernsehen war ja schon fast eine Komödie. Gleichzeitig stimmt es mich bedenklich, wenn staatsnahe Medien offenkundig ohne Recherche solche abenteuerlichen Erklärungen in die Welt setzen. Dazu kommt ein weiterer Punkt, der in russischen Medien angedeutet wurde: Wir sollen im Auftrag der Bundesregierung gehandelt haben. Da fragt man sich, auf welchem Stern sie leben.

Um den Aufwand klarzumachen: Wie lange hat Ihre Recherche gedauert, wie viele Kollegen waren beteiligt?
Begonnen hat es im März nach den Olympischen Spielen in Sotschi, allerdings als ergebnisoffene Recherche und nicht als einstündiges Filmprojekt. Aufgrund früherer Beiträge zu Doping-Themen wie „Full Size MGF“ oder „Xenon“ wurden in Russland Informationen an mich herangetragen. So zog das Thema immer weitere Kreise. Zunächst war ich mit einem Kamerateam und einem Übersetzer in Russland unterwegs, dazu hatte ich Unterstützung in der WDR-Doping-Redaktion durch Jochen Leufgens. Zum Schluss waren drei, vier Leute ständig am Thema dran. Da geht es parallel zum Film auch um juristische Fragen und exakte Übersetzungen. Am Ende war es ein sehr, sehr aufwendiger Film.

Wie kam es zum Kontakt mit Yuliya Stepanova und Liliya Shobukhova?
Bei Shobukhova habe ich einen Hinweis aus Leichtathletikkreisen bekommen und sie kontaktiert. Das Ehepaar Stepanov ist auf mich aufmerksam geworden und hat sich an mich gewandt.

„Für mich sind die Stepanovs die wichtigsten Whistleblower der Sportgeschichte.“

Das Ehepaar Stepanov hat mit ihrem Sohn aus Angst Russland verlassen. Hat die ARD dabei geholfen, ihnen im Ausland ein neues Leben aufzubauen?
Das war eine Entscheidung der Familie, wir hatten damit nichts zu tun. Sie wollten sauberen Sport, das war in Russland nicht möglich. Wir haben die Stepanovs auch weder aufgefordert noch dafür bezahlt, dass sie uns Video- oder Audiobeweise zur Verfügung stellen. Die haben sie uns vorgelegt, weil sie wussten, dass sie ihre Anschuldigungen beweisen müssen. Die ersten Beweise haben sie übrigens schon 2013 gesammelt, also lange vor dem ersten Kontakt zu mir. Unterstützung gab es für die Familie von Dritten. Zum Glück gibt es Menschen in Europa, die Leuten wie den Stepanovs helfen wollen. Für mich sind sie die wichtigsten Whistleblower der Sportgeschichte.

In Deutschland kommt ein Anti-Doping-Gesetz. Eine Kronzeugenregelung fehlt allerdings im Gesetzentwurf. Verbaut man sich damit die Chance, an stichhaltige Beweise von geständigen Dopern oder Whistleblowern gegen Doping-Drahtzieher zu gelangen?
Das ist eine kluge Frage. Der Fall Russland sollte uns nachdenklich machen, ob wir ein Defizit in der Gesetzgebung haben werden und nicht so schnell wie möglich die Kronzeugenregelung implementieren sollten. Denn: Negative Dopingtests sind kein Beleg für sauberen Sport. Das hat das Beispiel Russland mit aller Deutlichkeit gezeigt.

IAAF-Sprecher Nick Davies hat den Beitrag als „Schande für den Sport“ bezeichnet, da Ihr Informant geheime Daten gestohlen hat und es sich um individuelle Werte handelt …
… das ist völliger Unsinn. Es sind eine Reihe von Blutwerten enthalten. Hämatokritwerte, Hämoglobinlevel, Retikulozytenwerte und auch noch der kombinierte Off-Score. Also vier Parameter, die in vielen Fällen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Mit dieser Reaktion – so glaube ich – soll von den Fakten abgelenkt werden. Das Spiel der Sportorganisationen ist immer dasselbe und wenig überraschend.
Schafft sich die Leichtathletik ab, wenn höchste Trainer- und Funktionärskreise involviert sind?
Die Leichtathletik hat ein ähnlich großes Dopingproblem wie der Radsport. Der Radsport-Weltverband UCI hat gezeigt, dass man irgendwann auf der Rasierklinge reitet. Wenn das IOC und die IAAF mutig und konsequent handeln würden, müssten sie aufgrund der Beweise Russland für einen Zeitraum von Wettkämpfen ausschließen.

Letzte Frage: Kann man noch sauber um Olympiamedaillen mitlaufen?
Mitlaufen kann man, gewinnen wird man aber wohl eher keine.

Hier gibt's alle Infos über den WADA-Bericht zu Doping in Russland.

In voller Länge: Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht

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