Ein Gedicht für jeden Kilometer

| Text und Foto: Magdalena Nellessen

Mit 56 Jahren lief Dieter Franke seinen ersten Marathon. Mittlerweile ist er 83 Jahre alt und läuft immer noch die vollen 42,195 Kilometer. Jetzt veröffentlichte der studierte Psychologe seinen Gedichtband „Marathon, ein ernstes Spiel“, in dem er seine Marathon-Erlebnisse und Gedanken aus dem Training verarbeitet. Wie er auf diese Idee gekommen ist, hat er unserer Mitarbeiterin Magdalena Nellessen verraten.

Vor dem Start ist nach dem Training,
Ankunft nur ein Hoffnungswert. Erst ein Tiger, dann ein Hering – selten läuft es umgekehrt.

So wie dieses vom Tiger und vom Hering klingen die Gedichte von Dieter Franke. Der 83-Jährige reimt übers Laufen. Und hat jetzt in einem kleinen Büchlein 42,195 seiner Werke veröffentlicht. Wie bitte? 42 ganze Gedichte und eins, das nur zu 19,5 Prozent fertig ist? „Nein“, erklärt er. In dem Band sollte jeden Meter des Marathons zu Poesie werden. „Und weil nach 42 Kilometern und 42 Gedichten noch jene 195 Meter übrig waren, habe ich den Band mit einem knappen Zweizeiler beendet“, erklärt der gebürtige Berliner, der seit vielen Jahrzehnten im rheinischen Grevenbroich lebt.

Endorphine?
Ja – al fine!

Im Marathonziel endet auch der Gedichtband auf Italienisch. Der passionierte Hobbyläufer Dieter Franke will seinen Wortwitz, aber auch eine gute Portion Ernsthaftigkeit, nutzen, um Läufer und solche, die es vielleicht noch werden wollen, für die faszinierende Welt des Marathons zu begeistern.

Zu der gehört Dieter Franke seit 1991. Zwei Jahre nach dem Mauerfall kamen er und sein Freund Matthias Hintz, der auch das Cover für seinen Gedichtband gestaltet hat, auf die Idee, einen Marathon zu laufen. Gemeinsam gingen sie in Berlin an den Start. Fünf Mal ist er inzwischen in seiner Heimatstadt gelaufen, 2005 und 2015 kam er gar als Dritter seiner Altersklasse ins Ziel. „Wenn ich durch das Brandenburger Tor laufe, erinnert mich das an meine Kindheit, als ich in den letzten Kriegstagen dorthin spaziert bin. Das ist einfach ein ganz besonderes Erlebnis“, beschreibt Franke die Faszination des Berlin-Marathons. Doch der Diplom-Psychologe war auch schon in Rom, New York, London, Paris und Boston am Start. „Das sind alles großartige Städte. Wenn man dort läuft, fühlt es sich an, als werde man ein Teil der Stadt“, schwärmt er.

Dieter Franke wurde 1935 in Berlin geboren und wuchs im Zentrum der Stadt bei seinen Großeltern auf. In seiner Jugend war er Leichtathlet, lief Strecken von 1000 bis 5000 Metern. Er studierte in Bonn Psychologie, lernte dort seine Frau kennen und hängte seine Laufschuhe vorerst an den Nagel. 1962 gründete er ein Institut für Markt- und Sozialforschung, das er fünfzig Jahre lang leitete. Mit 65 Jahren lief er den Marathon de Sables, einen Lauf über 235 Kilometer mit 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken durch die marokkanische Sahara. Es war wohl hart, wenn man darüber diese Zeilen dichtet:

Das Ziel zu weit
wozu die Qual
die Hoffnung sinkt
ich geb fast auf

Und dann löst
sich auch meine
Seele ganz

„Der Lauf durch die Wüste war das Beeindruckendste, das ich beim Laufen erlebt habe“, sagt er darüber.

Aber wie ist dann die Idee entstanden, seine Erlebnisse in Form von Gedichten zu verarbeiten? „Mir war aufgefallen, dass mir beim Laufen oft zahlreiche Gedanken, häufig völlig zusammenhangslos, durch den Kopf schießen“, erinnert er sich. Die wollte er festhalten. Er begann, sich Notizen zu machen und sie gemeinsam mit seinen Marathon-Erlebnissen in Gedichten zu verarbeiten. Immer wieder orientierte er sich dabei an seinen poetischen Vorbildern Goethe, Grünbein, Grass und Mörike, von denen er 125 Gedichte auswendig kann.

Dieter Franke hat über das Laufen einen Weg zu sich selbst gefunden: „Man läuft einerseits von sich weg und kann seine Probleme verarbeiten. Andererseits läuft man aber auch zu sich hin, lernt sich selbst besser kennen. So gelingt es, die eigenen Grenzen zu überschreiten.“ Mit seinen Gedichten möchte er auch andere zum Marathonlauf motivieren. Der Familienmensch selbst hat seinen nächsten Marathonstart für 2020 fest eingeplant, dann möchte er gemeinsam mit drei seiner neun Enkelkinder wieder in Berlin laufen. „Ich bin dann 85 Jahre alt, vielleicht machen die Veranstalter ja eine neue Altersklasse M85 auf, die gab es bisher noch nicht.“ Und vielleicht klappt es dann sogar mit dem ersten Sieg.

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