Eisiges Vergnügen: 42 km über einen zugefrorenen See

| Text: Tom Rottenberg, Fotos: Tom Rottenberg, Icebug

Im Winter driften auf dem norwegischen Tisleifjorden Autos über das 80 Zentimeter dicke Eis des Sees. Beim Icebug Frozen Lake Marathon übernehmen die Läufer die für die Autos vom Schnee befreite Strecke auf dem Eis.

Irgendwo im norwegischen Nirgendwo, knappe 200 Kilometer nordwestlich von Oslo, 820 Meter über dem Meeresspiegel, liegt der Tisleifjorden. Ein gut 13 Quadratkilometer großer Stausee, der sechs Monate im Jahr zugefroren ist. Das Eis ist im März noch 80 Zentimeter dick. Dick genug, um mit Autos über die Eisfläche zu driften und zu rasen. Und das wird auch gemacht: Reifenhersteller testen hier Winterreifen, Polizeieinheiten und Autohersteller halten Drift-Workshops ab. Zu diesem Zweck wird auf dem See im Herbst ein verschlungener Kurs voll Kurven und Schleifen ausgesteckt und dann täglich von Schnee geräumt. Perfekte Bedingungen.

Auch für Läufer, dachte sich der Traillauf-Schuhspezialist Icebug, reservierte Eiszeit, lud ein paar Läufer ein und veranstaltete im April 2018 einen Testlauf. Dazu ließ man eine Drohne steigen und filmte den Spaß. Das Wetter war fantastisch. Die Bilder und Videos auch. Das Material streute das kleine, kultige Schuhlabel in sozialen Medien, lud zum Marathon und Halbmarathon im März 2019 ein und machte die Veranstaltung kurzer Hand zu den „First Official International Ice Running Championships“.

Das Teilnehmerfeld hielt Icebug bewusst klein. Zwar genügen schon wenige Zentimeter Eis, um ein eineinhalb Tonnen schweres Auto zu tragen. Aber wenn mehrere Hundert Füße in einem ähnlichen Rhythmus über eine gefrorenen See hämmern, kann im sogenannten Resonanzfall auch eine wesentlich dickere Eisschicht brechen. Kein Wunder also, dass man auf Nummer sicher ging und nur gut 180 Läuferinnen und Läufer eine Startnummer gewährte. Die meisten kamen aus Norwegen und Schweden, der kleine Rest überwiegend aus Europa.

Aus der Hitze Singapurs in die Kälte Norwegens

Aber daneben hatten auch ein Ecuadorianer, ein Inder und David Tay den Weg zum Tisleifjorden gefunden. Tay kommt aus Singapur. Für ihn war gerade die Kälte in Nordeuropa der entscheidende Grund für die weite Reise von Südostasien nach Nordeuropa: „Bei uns ist es immer heiß und feucht. Als ich von diesem Lauf gehört habe, wusste ich, dass ich dabei sein werde. Weil er an meinem 60. Geburstag stattfindet: Dieses Geschenk musste ich mir machen.“

Und Davids Wunsch nach Kälte wurde erhört: Am Tag des Laufs zeigte das Thermometer minus 10 Grad Celsius. Doch die klirrende Kälte machte den meisten Teilnehmern nichts aus.

Schließlich wurden sie reichlich entschädigt: Mit einem grandiosen Blick auf den See und die umliegenden Berglandschaften, einem Winterwonderland vom Feinsten. Dazu ein paar Wolken, aber immer wieder strahlender Sonnenschein. Und, zum Glück, kein Wind. Denn dem wären die Läufer auf dem See schutzlos ausgeliefert gewesen und bei minus 10 Grad braucht der gar nicht heftig zu blasen, damit der Windchill – also die auf der Haut gefühlte Kälte – brutal ist.

Eis-Laufen ist nicht ohne

Über eine Eisfläche zu laufen, ist keineswegs einfach. Jeder, der schon einmal mit normalen Schuhen ein paar Schritte auf einem Eislaufplatz gehen musste, weiß das. Und auch wenn die Unterlage des „flachsten Marathon der Welt“ nicht überall so spiegelglatt war wie ein Eislaufplatz, erschloss sich jedem doch sofort, wieso beim Frozen Lake Marathon „Spikepflicht“ besteht. Ein oder zwei Läufer versuchten es mit Yaktrax, also auf Trailschuhe aufziehbaren „Schneeketten“, alle andern aber liefen mit Spikes. Natürlich hätte man es auch mit normalen Schuhen probieren können. Aber über 21 oder 42 Kilometer ist niemand so fokussiert, dass jeder Schritt sitzt. Und einmal Wegrutschen kann auf Eis böse Folgen haben.

Allerdings ist Eis-Laufen auch mit Spikes kein reines Vergnügen. Auf dem ersten und auch auf dem zweiten Kilometer fühlen sich die kleinen Nägel zunächst einmal einfach nur gut an. Wenn sie sich in den Boden bohren, gibt das Sicherheit und Stabilität. Und man kann die eigene Kraft beim Abdruck sehr präzise einsetzen. Beim Bahnlaufen mit Bahnschuhen und guter Technik ist das immer ein Vorteil. Aber für die meisten Hobbyläufer wird Laufen mit Bahn-Schuhen nach 400 oder 800 Metern richtig anstrengend. Auf dem Tisleifjorden aber war ein Halbmarathon zu absolvieren. Mindestens. Darüber hinaus ist Eis – im Gegensatz zu einer Laufbahn – steinhart. Wenn sich der Schuh mit den Spikes dann so im Boden festkrallt, dass er auch hält, geht das auf Kosten der Dämpfung. Mit anderen Worten: Marathonlaufen auf Eis ist schmerzhaft. Irgendwann beginnen die Fußballen zu rebellieren.

Dazu kam das weithin sichtbare Ziel – und das sich immer wieder davon wegschlängelnde eisige Band aus Eis, auf dem wir liefen. Eine harte Probe für die Psyche. Aber irgendwann ist auch die letzte Schleife geschafft und das Ziel nicht nur in Sicht sondern auch nah. Und dann steht man glücklich im Ziel, genießt den Blick über die im Sonnenschein glitzernde Schneelandschaft und spürt sofort, wie sehr minus 10 Grad beißen. Gut, dass es heiße Suppe gibt.

The day after

Am nächsten Morgen herrschte in der nahegelegenen Kleinstadt Gol, in der die meisten Teilnehmer ihre Unterkunft hatten, dichtes Schneetreiben. Daraus wurde ein Schneesturm. Keine fünf Meter Sicht. Beim Frühstück nickten die Eis-Läufer einander zu: So hätte es gestern auch aussehen können. Trotzdem werden 2020 wahrscheinlich mehr Läufer den Weg zum Tisleifjorden finden. Davon ist zumindest David Tay, der Mann aus Singapur, überzeugt: „Wir alle werden vom ersten Frozen Lake Marathon erzählen. Die Leute werden die Bilder sehen, die Videos. Und nächstes Jahr werden sie alle dabei sein wollen.“ Bis dahin wird Tay vielleicht auch eine Antwort auf eine Frage haben, die sich ihm gegen Ende des Laufs stellte: An der letzten Verpflegungsstation ertönte plötzlich seine Nationalhymne: „Ich wusste nicht, was ich machen sollte: Weiterrennen oder stillstehen? Was macht man, wenn man seine Nationalhymne irgendwo im norwegischen Nirgendwo hört?“

Weitere Informationen zum Icebug Frozen Lake Marathon und die Anmeldung zur nächsten Ausgabe 2020 findet ihr auf der Website des Veranstalters.

Der Held des Tages

Hakon Stokka war der Held des Tages. Stokka hängte nach seinem Marathon noch eine dritte 21-Kilometer-Runde an – um Ed Gamester zu begleiten. Es war Gamesters erster Marathon. Und sein erster Lauf über mehr als 12 Kilometer. Nach der ersten Runde war der Brite stehend k.o. Doch dann kam Stokka, alias „Viking by Blood“, und schwang seine Axt wie ein Wildling aus „Game of Thrones“. Gamester lief weiter und kam nach 5:41:31 Stunden ins Ziel, ein paar Minuten nach David Tay.

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