EM Spezial: Die Vorschau auf die Marathonrennen

| Text: Jörg Wenig | Fotos: Imago (2), Ruben Elstner

Am Sonntagmorgen werden die EM-Titel im Marathon in der Berliner City rund um den Breitscheidplatz vergeben. Im deutschen Team haben Philipp Pflieger und Katharina Heinig die besten Chancen auf eine vordere Platzierung. Meisterschaftsrennen über die Marathondistanz sind immer wieder offen und produzieren regelmäßig Überraschungen. Dass vor vier Jahren in Zürich der Italiener Daniele Meucci mit einer persönlichen Bestzeit die Marathon-Goldmedaille gewann, war vorher nicht zu erwarten. Ohne Tempomacher sind die Rennverläufe meist ganz anders als bei den hochklassigen City-Marathonläufen. Insofern ist auf dem mehrmals zu durchlaufenden Rundkurs durch die Berliner Innenstadt mit einem interessanten Rennen zu rechnen. Bei hohen Temperaturen kann ohnehin viel passieren.

Die Marathonrennen sind am Sonntag in voller Länge hier im Livestream der ARD-Sportschau zu sehen.

Sonntag (10:00 Uhr): Marathon-Europarekordler Sondre Moen in der Favoritenrolle

In Berlin gehen zwei Läufer gehen mit Bestzeiten von unter 2:07 Stunden an den Start. Und diese beiden könnten sich ein Duell liefern um den EM-Titel: Sondre Moen ist der europäische Marathon-Aufsteiger des vergangenen Jahres. Er gewann im Dezember 2017 den Fukuoka-Marathon mit einem sensationellen Europa-Rekord von 2:05:48 Stunden. Moen wollte bei der EM ursprünglich über 10.000 Meter antreten und dann einen Herbst-Marathon laufen, änderte seine Pläne jedoch kurzfristig. Sein vielleicht stärkster Gegner könnte der aus Eritrea stammende Schweizer Tadesse Abraham sein, der eine Bestzeit von 2:06:40 aufweist und sich langfristig auf den EM-Marathon vorbereitet hat. Weder Titelverteidiger Daniele Meucci noch der britische Langstrecken-Star Mo Farah, der mit 2:06:21 Stunden die europäische Jahresbestenliste anführt, werden in Berlin Marathon laufen.

Neben Moen und Abraham weisen drei weitere Läufer im EM-Feld Bestzeiten von unter 2:09 Stunden auf: Der Pole Henryk Szost (2:07:39 h), der Spanier Javier Guerra (2:08:36) und der Holländer Abdi Nageeye (2:08:16 h). Doch insgesamt haben nur sieben Läufer persönliche Rekorde von unter 2:10 Stunden. Damit ist die Breite in der Spitze nicht besonders stark, so dass auch der eine oder andere Läufer mit einer Bestzeit von über 2:10 eine starke Rolle spielen kann - speziell, wenn er gut mit höheren Temperaturen klar kommt.

Wie weit nach vorn läuft Marathon-As Philipp Pflieger?

Mit sechs Läufern ist das deutsche Team beim EM-Marathon am Start. Aufgrund der integrierten Mannschaftswertung dürfen im Marathon maximal ein halbes Dutzend Athleten einer Nation antreten. Der zuletzt mit Abstand stärkste und erfahrenste deutsche Läufer in Berlin ist der Regensburger Philipp Pflieger. Ausgehend von seiner Bestzeit von 2:12:50 Stunden könnte er am Sonntag unter den besten 20 sein.

Doch vielleicht ist auch mehr möglich für Philipp Pflieger. Bei für Sonntagmorgen vorhergesagten Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad wird es für die Deutschen darum gehen, sich die Kräfte bestmöglich einzuteilen, um dann eine gute Platzierung zu erreichen. „Wenn ich unter die Top 20 kommen kann, wäre ich schon mal zufrieden“, erklärt Philipp Pflieger, der nur begrenzt Erfahrung mit dem Marathonlaufen bei diesen hohen Temperaturen hat. „Das ist auch für austrainierte Sportler ein bisschen wie Roulette spielen.“

Unabhängig in den EM-Marathon: Unser ausführliches Porträt über Philipp Pflieger

EM-Starter im Video-Porträt: Tom Gröschel

Die letzten Sieger und das deutsche Team

Europameister 2014: Daniele Meucci (ITA)
Olympiasieger 2016: Eliud Kipchoge (KEN)
Weltmeister 2017: Geoffrey Kirui (KEN)
Europäische Jahresbestzeit: 2:06:21 Mo Farah (GBR)
Deutsche Starter: Philipp Pflieger (LG Telis Finanz Regensburg), Tom Gröschel (TC Fiko Rostock), Sebastian Reinwand (ART Düsseldorf), Marcus Schöfisch (lauftraining.com), Jonas Koller (LG Telis Finanz Regensburg), Philipp Baar (ART Düsseldorf)

EM-Starter im Video-Porträt: Sebastian Reinwand

In einem Meisterschaftsrennen ohne Tempomacher kann viel passieren. Vorhersagen zu treffen ist schwierig, Überraschungen gibt es immer wieder - vor allem bei Wetterbedingungen, wie sie am Sonntag zu erwarten sind. Auch wenn es nicht so heiß werden sollte wie zuletzt, so sind Temperaturen um und über 20 Grad bereits sehr warm für einen Marathonlauf.

Sonntag (09:05 Uhr): Katharina Heinig aussichtsreichste deutsche Läuferin

Vor vier Jahren hatte Christelle Daunay bei der EM in Zürich überraschend die Marathon-Goldmedaille gewonnen. Insgesamt ist das Niveau im europäischen Frauen-Marathon zurzeit nicht besonders hoch. Die Französin steht dieses Mal nicht auf der Startliste. Dadurch sind erneut Überraschungen möglich. Die schnellste Läuferin auf der Startliste ist auch die schnellste in diesem Jahr in Europa: Volha Mazuronak (Weißrussland) hat eine Bestzeit von 2:23:54 Stunden und gewann in diesem Jahr den Metro Marathon Düsseldorf mit einem Streckenrekord von 2:25:25. Sie kann auch bei warmem Wetter sehr stark laufen, was sie mit einem fünften Platz bei Olympia zeigte.

Volha Mazuronak ist wohl die Favoritin im Marathonfeld. Aber auch die Portugiesinnen Jessica Augusto und Sara Moreira werden zu beachten sein. Mazuronak ist allerdings die einzige Läuferin im Feld, die in diesem Jahr eine Zeit von unter 2:28 Stunden erreichte. Wer das Vermögen hat, Zeiten in diesem Bereich zu laufen, könnte in Berlin zumindest eine sehr gute Platzierung erreichen.

Wäre Anja Scherl in Topform, wäre sie dafür in Frage gekommen. Doch die Läuferin der LG Telis Finanz Regensburg muss verletzungsbedingt passen. So rückt aus dem deutschen Team Katharina Heinig (Eintracht Frankfurt) stärker in den Fokus. Sie lief ihre Bestzeit vor zwei Jahren beim BMW Berlin-Marathon mit 2:28:34. Vielleicht ist für Katharina Heinig eine Platzierung unter den Top Ten möglich. Während Franziska Reng (LG Telis Finanz Regensburg) ebenfalls passen muss, wird es für Fabienne Amrhein (MTG Mannheim) und Laura Hottenrott (TV Wattenscheid 01) bei ihrem ersten großen Meisterschaftsstart darum gehen, Erfahrungen zu sammeln und die bestmögliche Leistung abzurufen.

Fabienne Amrhein geht mit dem Handicap an den Start, vor wenigen Wochen einen Fahrradunfall erlitten zu haben. Sie war auf dem Weg zum Training und fuhr an einem parkenden Auto vorbei, als plötzlich die Tür aufging. „Ich konnte nicht mehr reagieren und lag auf dem Boden“, erzählt sie. Der Unfall ist aber glimpflich ausgegangen. Nach sieben Tagen konnte sie mit einer Schiene am rechten Arm wieder laufen. Ihr Ziel für den EM-Marathon? „Ich möchte einfach mein Bestes geben. Ich will im Ziel ankommen und wissen, ich habe wirklich alles aus mir herausgeholt.“

Die letzten Sieger und das deutsche Team (Kopie)

Europameisterin 2014: Christelle Daunay (FRA)
Olympiasiegerin 2016: Jemima Sumgong (KEN)
Weltmeisterin 2017: Rose Chelimo (BRN)
Europäische Jahresbestzeit: 2:25:25 Volha Mazuronak (BLR)
Deutsche Starterinnen: Katharina Heinig (LG Eintracht Frankfurt), Fabienne Amrhein (MTG Mannheim), Laura Hottenrott (TV Wattenscheid 01)

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