Ernährung: Darauf kommt es wirklich an

| Interview: Anja Herrlitz | Foto: Thinkstock

Marcus Schall beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit dem Thema Sporternährung. Im Interview spricht der Buchautor darüber, warum viele Ernährungstrends gut, aber nicht für jeden passend sind. Und auf was man beim Thema gesunde Sport-Ernährung auf jeden Fall achten sollte.

Unser Experte: Marcus Schall

Sport spielte schon immer eine große Rolle im Leben von Marcus Schall. Neben seiner eigenen sportlichen Tätigkeit arbeitete er als Fitnesstrainer und im Vertrieb von Firmen im Sportbereich. Seit vier Jahren betreibt er die Plattform SuperGoodFood (SGF), eine Informationsseite zu gesunder Ernährung, neuesten Food-Trends und deren Hintergründen. Seit 2017 verlagert sich der Schwerpunkt seiner Arbeit mehr und mehr in Richtung Leistungssport und die individuelle Betreuung und Beratung von Sportlern. Außerdem hat er das Buch „Super Good Food“ veröffentlicht.

So natürlich wie möglich

Marcus Schall, es gibt immer wieder neue Ernährungstrends wie Low Carb, Vegetarisch, Vegan, Clean Eating, Paleo, Rohkost … Was hältst du von diesen Trends?
Grundsätzlich sind die meisten der Trends plausibel und bieten interessante Ansätze. Wenn man genau schaut, sind es aber oft nur Dinge, die man früher schon so gemacht hat: Bei Paleo ernährt man sich so wie in der Steinzeit. Und Clean Eating ist ja auch nichts anderes als zurück zu ursprünglichen Lebensmitteln und weg von Industrienahrung. Insgesamt sehe ich es als Vorteil, wenn solche Trends aufkommen. Denn es führt dazu, dass sich mehr Leute mit Nahrung und Ernährung auseinandersetzen. Und das ist ja schon lange überfällig und wichtig.

Ist es sinnvoll, sich komplett nach einem Trend zu ernähren?
Meiner Meinung nach nicht. Alles, was zu einseitig ist, ist immer problematisch. Und oft werden Ernährungskonzepte auch sehr unreflektiert hochgelobt und als das Allerbeste und einzig Wahre dargestellt. Aber jeder Körper und jeder Stoffwechsel sind individuell. Ich denke es ist am besten, sich aus den besten und plausibelsten Ernährungskonzepten das für sich optimale herauszusuchen und miteinander zu verbinden.

Das heißt, am besten schafft sich jeder sein eigenes Ernährungskonzept?
Ja. Das bedeutet natürlich einen gewissen Aufwand, man muss Dinge ausprobieren und in sich hineinspüren, schauen, was man verträgt und was im Alltag auch am besten umzusetzen ist. Für Sportler gilt es, das herauszufinden, was sie am leistungsfähigsten macht und am besten regenerieren lässt. Anders sieht es natürlich aus, wenn man einen anderen Beweggrund hat, als dass der Körper besonders leistungsfähig sein soll. Wenn man zum Beispiel aus ethischen Gründen keine Tiere essen will. Dann muss man sich auf das dazu passende Ernährungskonzept einlassen.

Du hast vor eineinhalb Jahren mit Super Good Food selbst ein Ernährungsbuch herausgebracht. Wie würdest du dein Ernährungskonzept beschreiben?
Wenn man von den bekannten Ernährungs-Bezeichnungen ausgeht, dann ähnelt es am meisten dem Clean Eating. Mittlerweile hat sich mein Ansatz bzw. meine Arbeit allerdings noch viel mehr in den Sport und Leistungssport entwickelt, daher hat sich Super Good Food weiter spezialisiert. Den aktuellen Ansatz beschreibe ich daher mit „All Natural Performance Nutrition“.

Viel Bio, wenig Weißmehl, Zucker und Süßstoffe

Was sind die Grundlagen deiner Philosophie?
Einer meiner Ansätze ist es, möglichst ohne oder mit nur möglichst wenig Supplements zu arbeiten, und auf naturbelassene, unverarbeitete Lebensmittel zurückzugreifen. Viel Gemüse und das – wie alle anderen Lebensmittel – möglichst in Bio-Qualität, frische Säfte, fermentiertes Gemüse. Möglichst keine Fertiggerichte. Außerdem versuche ich Leistungskiller wie Weißmehl, Zucker und Süßstoffe so weit wie möglich zu reduzieren.

Wie ist dein Standpunkt zum Thema Fleisch?
Fleisch ist ein Bestandteil meiner eigenen Ernährung, aber auch der Ernährung, die ich in der Arbeit mit Athleten umsetze. Für mich gehört es in einem vernünftigen Maß dazu. Ich bin ein Verfechter der Idee „Return of the Sonntagsbraten“: Einmal in der Woche Fleisch, dazu viel Gemüse. Bei Fleisch achte ich auf gute Bio-Qualität. Ich finde es auch wichtig, dass man sich nicht immer nur das Filet rauspickt, sondern alles vom Tier verwertet. Man kann zum Beispiel aus Knochen eine Brühe kochen, das ist ein extrem hochwertiges Lebensmittel für Sportler.

Wie bist du zu deiner Ernährungsphilosophie gekommen?
Das war ein langer Prozess, ich beschäftige mich schon seit rund 30 Jahren mit dem Thema. Damals habe ich mit Fitness angefangen und habe mich seitdem viel mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt. Ich habe später im Vertrieb von Firmen gearbeitet, die in den USA tätig waren, und war deshalb auch oft für längere Zeit in den USA. Dort habe ich viele Trends, wie grüne Smoothies oder Chia-Samen, schon sehr früh mitgemacht. Ich habe in Kalifornien viel Zeit in Health Cafés verbracht und auch ab und zu mal hospitiert. Auf Basis eigener Erfahrungen und von Literaturrecherchen habe ich mein eigenes Konzept entwickelt, das sich aber auch immer weiterentwickelt.

Viele verbinden mit gesundem Essen immer noch, dass es langweilig und fade Schmeckt. Was entgegnest du denen?
Ich kann das oft nachvollziehen. Wenn beim Kantinenessen das einzig einigermaßen Gesunde totgekochtes Gemüse ist oder ein Salat mit einem Tütendressing – dann schmeckt das wirklich nicht. Dann ist das Schnitzel oder die Currywurst wahrscheinlich wirklich handwerklich besser. Aber mittlerweile tut sich ja in den Kantinen und Städten einiges. Und man kann Essen ja auch daheim zubereiten. Man muss einfach grundsätzlich die Bereitschaft mitbringen zu kochen. Und dann ausprobieren, mit Zutaten experimentieren, auch mit Kräutern. Dann schmecken auch gesunde Dinge erstaunlich gut und alles andere als langweilig.

Spielt nicht auch das Thema Gewöhnung eine Rolle?
Definitiv! Wenn jemand immer McDonalds-Milchshakes getrunken hat, dann kannst du demjenigen die beste frische Bananenmilch machen, er wird wahrscheinlich immer sagen: schmeckt nicht. So jemanden muss man an natürliches Essen erst wieder heranführen. Und man muss sich darauf einlassen und sich an Geschmack über einen gewissen Zeitraum gewöhnen. Das ist wahrscheinlich wie bei einem Raucher, der mit dem Rauchen aufhört und dann wieder ein ganz anderes Geschmacksempfinden bekommt.

Viele Anhänger von Ernährungstrends treten sehr missionarisch auf und meinen, man müsse sich unbedingt auch so ernähren. Wie stehst du dazu?
Mit dem erhobenen Finger ranzugehen, klappt in den seltensten Fällen. Da erreicht man eher das Gegenteil und die Leute wenden sich ab. Gerade Essen ist ein sehr emotionales Thema. Wenn man aber gesunde Alternativen bietet und die auch schmecken, dann erreicht man viel mehr, als wenn man gleich etwas Ungesundes verbietet. Man muss eine Tür aufmachen und den Leuten freistellen, ob sie durchgehen.

Die richtige Balance ist wichtiger als die pure Askese

Schaffst du es, dich jeden Tag gesund zu ernähren?
Daheim essen wir schon weitestgehend sehr gesund und frisch. Aber manchmal haben wir auch Lust auf ganz normale Weizenmehl-Nudeln, gehen auch mal einen Burger essen und trinken ein Glas Wein oder ein Bier. Ich denke Hobbysportler sollten auch nicht so in Askese verfallen, das geht irgendwann in die Hose. Viel besser ist, eine gute Balance zu finden: Die größte Zahl der Mahlzeiten pro Woche sollte gut und gesund sein, dann können auch mal zwei oder drei dabei sein, die nicht so top sind, wie eine Pizza. Wenn man das langfristig umsetzt, hat man sicherlich ein gutes Konzept für sich gefunden. Bei Top-Athleten sieht das anders aus. Die sollten sich in der heißen Vorbereitungsphase keine Ausrutscher leisten. Die setzen ja auch nicht einfach eine Woche mit dem Training aus, wieso sollten sie mit dem Essen schludern?

Gibt es generelle Tipps, die du Sportlern im Hinblick auf die Ernährung geben würdest?
Das ist schwierig, weil es ein sehr individuelles Thema ist. Aber generell sollte man extrem auf die Lebensmittelqualität achten. Die sollte man so hoch schrauben wie möglich. Wenn man dann noch auf unverarbeitete Bio-Lebensmittel Wert legt und auf den Nährstoffgehalt achtet sowie das ganze langfristig anlegt, dann hat man schon einiges richtig gemacht. Einen ganz wichtigen Tipp kann ich allerdings geben: Man sollte seiner Ernährung einen ähnlich hohen Stellenwert einräumen wie den anderen Faktoren, z.B. Training, Regeneration oder Physiotherapie. Denn die Ernährung ist definitiv eine tragende Säule des Erfolges, vor allem langfristig.

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