Frankfurt nimmt die 2:20-Barriere ins Visier

| Text: Jörg Wenig | Foto: photorun.net

Erstmals in der Geschichte des Frankfurt-Marathons könnte die 2:20-Stunden-Barriere bei den Frauen geknackt werden. So sind am Sonntag gleich mehrere Athletinnen im Rennen, die das Potenzial haben, diese Zeit zu unterbieten. Lonah Salpeter und Titelverteidigerin Meskerem Assefa sind die Top-Favoritinnen.

Zeiten von unter 2:20 Stunden bedeuten im Frauen-Marathon absolute Weltklasse. Nachdem sich viele Jahre lang die besten Läuferinnen der Welt vergeblich an der 2:20-Stunden-Barriere versucht hatten, fiel die Marke erstmals in Berlin 2001. Damals lief die Japanerin Naoko Takahashi 2:19:46 Stunden. Viele Jahre lang blieben Zeiten von unter 2:20 jedoch die Ausnahme im Marathon. Erst in der letzten Zeit drängten die besten Läuferinnen der Welt mit Macht in diese Bereiche vor. So fiel vor knapp zwei Wochen schließlich auch der Weltrekord, den die Britin Paula Radcliffe 2003 in London mit 2:15:25 aufgestellt hatte. Die Kenianerin Brigid Kosgei lief in Chicago 2:14:04 Stunden. Die internationale Spitze im Frauen-Marathon ist in den letzten Jahren deutlich breiten geworden. Und so könnte am Sonntag auch erstmals in der Geschichte des Mainova Frankfurt-Marathons die 2:20-Barriere fallen.

„Wir haben ein sehr interessantes Feld zusammengestellt, ich erwarte tolle Rennen. Dabei können auch Debütanten überraschen. Die Wettervorhersage ist gut - vor allem haben wir im Gegensatz zu den letzten Jahren dieses Mal offenbar kein Windproblem. Bei den Frauen geht es um die erste Zeit in Frankfurt unterhalb der 2:20-Barriere“, sagt Race-Direktor Jo Schindler bei der Pre-Race-Pressekonferenz im Frankfurter Mövenpick Hotel am Freitag.

Lonah Salpeter, die für Israel startet, ist mit ihrer Bestzeit von 2:19:46 Stunden die schnellste Läuferin, die jemals auf der Startliste des Mainova Frankfurt-Marathon stand. Titelverteidigerin Meskerem Assefa (Äthiopien), die 2018 den Streckenrekord auf 2:20:36 verbesserte, ist ebenso bereit für ein schnelles Rennen wie Valary Aiyabei (Kenia/2:20:53), die unter 2:20 laufen will, sowie Bedatu Hirpa (Äthiopien/2:21:32), die im vergangenen Jahr in Frankfurt bereits Dritte war. Eine starke Leistung darf man Megertu Kebede (Äthiopien/2:22:52) zutrauen. Die Siegerin des Rom-Marathons will die erste Rennhälfte sogar in 69:00 Minuten anlaufen. „Die Läuferinnen sind in Top-Form und wir dürfen gespannt sein. Das Motto muss lauten, Vernunft walten zu lassen, um am Anfang nicht zu überpacen“, sagt Christoph Kopp, der das Elitefeld zusammengestellt hat.

Motto von Kipchoge motiviert Salpeter

Im Rennen am Sonntag wird möglicherweise Megertu Kebede zunächst den Ton angeben. Die Äthiopierin hat am 15. September in Kopenhagen mit einer starken Halbmarathon-Bestzeit von 66:43 Minuten auf sich aufmerksam gemacht. Sie will die erste Hälfte in 69:00 Minuten anlaufen und sagt klar: „Ich traue mir eine Zeit unter 2:20 Stunden zu.“ Die Vorjahressiegerin Meskerem Assefa erklärte: „Ich bin stärker als letztes Jahr.“

Lonah Salpeter, die sich erst kurzfristig für einen Start in Frankfurt entschieden hat, bringt viel Spannung in das Elitefeld und stärkt die Hoffnung auf eine Zeit unter 2:20 Stunden. Sie ist mit ihrer Marathonbestzeit von 2:19:46 Stunden, die sie im Mai in Prag erzielt hat, die drittschnellste Europäerin aller Zeiten hinter Paula Radcliffe (Großbritannien/2:15:25) und Irina Mikitenko (Deutschland/2:19:19). In der Leichtathletik zählt der israelische Verband zu Europa. Nachdem sie bei den hammerharten Wetterbedingungen in Doha den WM-Marathon bei Kilometer 32 vorzeitig aufgegeben hatte, fühlt sie sich stark genug für Frankfurt: „Es war nicht schwierig für mich, nach der WM wieder zu trainieren. Ich werde mein Bestes geben und dann sehen was dabei herauskommt.“

Die aus Kenia stammende Läuferin ist nicht wie viele Athletinnen von einer anderen Nationen abgeworben worden. Ihre Karriere begann auch nicht in Kenia sondern in Israel. Dorthin kam sie als Babysitterin eines Mitarbeiters der kenianischen Botschaft im Jahr 2008 als 19-Jährige. In Tel Aviv ist Lonah Salpeter, die vor ihrer Hochzeit in Israel Lonah Chemtai hieß, zum Jogging in den Park gegangen. Zufällig entdeckte dort ein Trainer ihr Talent und brachte sie zu einem Verein. „Das war damals Amateursport. Ich lief 10 km in 47 Minuten. Doch dann steigerte ich mich auf 35 Minuten, habe Rennen gewonnen und sagte mir: Oh, ich bin gut“, erzählt Lonah Salpeter.

Doch der Anfang ihrer Marathon-Karriere war schwierig. Auch nach dem vierten Rennen hatte sie noch keine Bestzeit von unter 2:40 Stunden. „Ich trainierte damals nicht seriös genug“, sagt Lonah Salpeter jetzt zurückblickend. Vor einem Jahr gelang ihr dann ein großer Sprung: Lonah Salpeter gewann den Florenz-Marathon in 2:24:17, nachdem sie zuvor bei der Leichtathletik-EM in Berlin Gold über 10.000 m gewonnen hatte. Diesen Aufwärtstrend setzte die 30-Jährige im Mai in Prag eindrucksvoll fort. Dort gewann sie das Rennen in 2:19:46 Stunden. Zuvor hatte sie sich im Halbmarathon mit 66:09 als zweitschnellste Europäerin aller Zeiten etabliert. Das Motto von Eliud Kipchoge, der in Wien vor kurzem in einem inoffiziellen Rennen die Zwei-Stunden-Marke unterbot, motiviert auch Lonah Salpeter: „Kipchoge sagt ,No human is limited’. Die psychologische Seite spielt eine große Rolle, du musst an dich glauben und natürlich trainieren. Dann musst du bereit sein für das Rennen.“ Man darf gespannt sein, was Lonah Salpeter in Frankfurt am Sonntag erreicht.

Bei den Männern führt Junioren-Weltrekordler Tsegaye Mekonnen aus Äthiopien mit einer Bestzeit von 2:04:32 Stunden das Feld an. Acht Läufer gehen mit persönlichen Rekorden von unter 2:08 Stunden an den Start, darunter der 43-jährige Masters-Weltrekordler Mark Kiptoo aus Kenia, der diese globale Bestzeit für Läufer über 40 Jahre in Frankfurt vor einem Jahr mit 2:07:50 aufgestellt hat und dieses Mal weiter steigern will.

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