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Ein Lauf, den man nicht vergisst
Große Emotionen beim Ultra Trail du Mont Blanc

| Text: Andrea Löw | Fotos: UTMB

Der Ultra-Trail du Mont Blanc (UTMB) ist ein Traillauf der Superlative. Andrea Löw war bei dem Super-Event am Start und schreibt über wunderbare Landschaften und unvergessliche Erlebnisse.

UTMB – das Kürzel steht für den Ultra-Trail du Mont Blanc und damit für ein Trailrunning-Festival der Superlative in den französischen Alpen. Für Andrea Löw steht UTMB nach ihrem Lauf für wunderbare Begegnungen in traumhaften Landschaften. Für Aufregung und Euphorie. Für nachdenkliche und traurige Momente. Für allergrößte Anstrengung. Für Gedanken ans Scheitern. Aber vor allem für die Erfahrung, dass Grenzen verschiebbar sind.

Ich bin angemeldet für die drittlängste Distanz beim UTMB. Das Kürzel CCC steht für 101 Kilometer mit 6100 Höhenmetern. Voller Vorfreude packe ich meine Pflichtausrüstung zusammen. Am Mittwoch vor meinem Rennen fahren wir in München los. Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden längsten Distanzen des UTMB schon längst gestartet, der PTL (300 km mit 26.000 HM) und der TDS (145 km mit 9100 HM).

Kurz vor der Abfahrt dann die schlimme Nachricht: Beim TDS gab es in der Nacht einen Unfall, ein Läufer musste mit dem Hubschrauber geborgen werden, das Rennen wurde für alle dahinter liegenden Läuferinnen und Läufer abgebrochen. Wenig später bestätigt der Veranstalter die Befürchtungen: Der tschechische Läufer ist verstorben.

Der Veranstalter entscheidet sich, dass die Rennen des UTMB fortgesetzt werden. Auch ich beschließe zu starten. Vor den Rennen gibt es Gedenkminuten für den Läufer, er und seine Familie sind immer wieder Thema. Nein, wir sind nicht einfach darüber hinweggegangen, was da passiert ist. Aber wir laufen weiter.

Am Renntag bringen uns Busse von Chamonix durch den Mont-Blanc-Tunnel nach Courmayeur im italienischen Aostatal. Hier wird zwischen neun und zehn Uhr alle 15 Minuten ein Teil der gut 2000 Starterinnen und Starter auf die Strecke geschickt.

Der härteste Anstieg mit gut 1300 Höhenmetern am Stück steht uns direkt zu Beginn bevor. Es geht zunächst durch den Ort, dann auf eine breite Forststraße, dann auf einen Trail und in endloser Läuferschlange geht es hoch und immer höher. Die Landschaft wird schöner, der Blick weiter, die Sonne brennt. Der Anstieg nimmt kein Ende, dies ist eine Erfahrung, die wir in den nächsten vielen Stunden noch einige Male machen werden.

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Von Italien in die Schweiz

Irgendwann bin ich oben, auf dem Tête de la Tronche (2584 m), schaue mich um, freue mich, und ab geht‘s nach unten, runter bis zum Rifugio Bertone, wo die erste Verpflegungsstation ist. Es ist 2021, Corona. Maske auf, Hände desinfizieren, Cola trinken. In stetem Auf und ab zieht sich danach der Trail durch eine wunderbare Landschaft. Nach dem nächsten Checkpoint bei Kilometer 26 geht es steil bergan auf den Grand Col Ferret. Auf dem Pass auf gut 2500 Metern Höhe überschreiten wir die Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Aber bis dahin geht es immer höher, der inzwischen starke und immer kältere Wind scheint immer nur von vorne zu kommen.

Es zieht sich ziemlich, aber dann kommt er endlich, der lange Downhill bis zum nächsten Checkpoint nach 40 Kilometern in La Fouly. Im Ort werden wir fantastisch angefeuert, das gibt Kraft. Ich gehe davon aus, dass die nächsten 14 Kilometer nicht so schlimm werden, es geht die meiste Zeit bergab und dann nur einen kleinen Anstieg zum Checkpoint in Champex-Lac. Großer Irrtum, auf diesen 14 Kilometern durchlebe ich eine heftige Krise. Beim Downhill ist noch alles in Ordnung, dann durchlaufen wir ein Dorf, überqueren eine Straße, es geht wieder in den Wald und – bergauf. Steiler als ich dachte. Länger als ich dachte. Es ist schwerer als ich dachte. Mir ist schlecht, ich kann nicht mehr. Ich schleppe mich hoch, es nimmt kein Ende. Mir ist schlecht und schwindelig. Es wird dunkel.

Kurz vor dem Aufgeben

Endlich, als ich es schon fast nicht mehr für möglich halte, höre ich die Geräusche, die darauf hindeuten, dass ich gleich am Checkpoint bin. Ich wanke in das Zelt. Reizüberflutung. Es ist laut, voll, ein Gewimmel von Läufern und ihren Helfern. Mein Mann wartet hier auf mich. Ich murmele, dass es mir nicht gut geht, und gehe los, um etwas zu essen zu holen. Läufer essen Pommes, Nudeln, riesige Portionen von allem – mir dreht sich der Magen um. Ich lasse mir etwas Brühe in meine Tasse geben, sehe ein, dass das nicht reicht, also noch ein Löffel Reis dazu. Ich habe keine Lust auf die Suppe, weiß aber, dass ich etwas essen muss, wenn ich gleich wieder in die Nacht laufen will.

Insgesamt über eine Stunde sitze ich hier. Zum Glück habe ich genug Puffer zum Zeitlimit, nach dem man aus dem Rennen genommen wird (Cut-off). Es dauert lange, bis ich die Suppe mit Reis und einige Salzcracker essen kann. Ich schaue mir das Profil der verbleibenden Strecke an. Noch drei Gipfel rauf und wieder runter. Der Mut verlässt mich, ich jammere. Mein Mann erklärt mir, dass ich mich wochenlang ohne Ende ärgern und ihn wochenlang ohne Ende nerven werde, wenn ich jetzt aufgebe. Ich fürchte, er hat recht. Ich ziehe Beinlinge an, zwei Jacken, Handschuhe und laufe in die dunkle Nacht.

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Die Stirnlampen vermischen sich mit den Sternen

Der nächste Anstieg wirkt noch mal demoralisierend. Das Gelände ist steil, und ganz weit oben sind die Stirnlampen der anderen Läufer zu sehen. Die glitzernden Punkte vermischen sich mit den leuchtenden Sternen am klaren Nachthimmel. Ich habe das Gefühl, heute noch bis in den Himmel marschieren zu müssen. Aber irgendwann blinkt über mir nichts mehr. Ich bin oben. Nach einem langen Downhill im Schein meiner Stirnlampe erreiche ich die Gemeinde Trient und damit den Checkpoint bei Kilometer 70.

Ich nehme mir etwas Suppe, Isogetränk, Cola und gehe – nun wieder entschlossen und nicht mehr mutlos – weiter. Elf Kilometer bis zum nächsten Checkpoint, ich habe über zwei Stunden Zeitpuffer zum Cut-off, und muss jetzt halt irgendwie wieder knapp 900 Höhenmeter hoch, aber dann darf ich wieder hinunterlaufen. Und überhaupt, es sind nur noch 30 Kilometer.

Die letzten beiden Anstiege

Der nächste lange Anstieg fühlt sich besser an, vielleicht auch, weil wir in einer größeren Gruppe unterwegs sind, in der niemand mehr besonders schnell steigen kann, und so kämpfen wir uns gemeinsam hoch. Wieder freue ich mich wie verrückt, als ich oben bin. Das war er, der vorletzte Anstieg dieses Rennens.

So konzentriert wie möglich renne ich hinab ins Tal. Immer mal wieder stolpere ich, bleibe hängen, kann mich aber abfangen. Die Konzentration ist trotz der Müdigkeit da. Vallorcine, vorletzter Checkpoint, jetzt sind es nur noch knapp 20 Kilometer. 870 Höhenmeter, der letzte Anstieg klingt machbar, entpuppt sich aber wieder als sehr steil. Es wird hell, ich kann meine Stirnlampe ausschalten. Der Anstieg bleibt steil. Um mich herum Gekeuche. Nicht nur ich finde den Anstieg steil. Und wir haben alle schon über 80 Kilometer in den Beinen.

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Unfassbare Schönheit nach harten Strapazen

Der Anstieg ist nicht nur steil, er ist auch endlos. Zwischendurch ist mir danach, etwas gar nicht mehr so Positives über die Berge zu brüllen, aber ich lasse es. Wenig später hüllt die aufgehende Sonne alles in ein warmes Licht und ich kann die unfassbare Schönheit dieser Landschaft trotz meiner Müdigkeit und Erschöpfung erkennen. Ich bin kaputt, aber glücklich. Das hier, das ist es. Die letzten Kilometer vor dem letzten Checkpoint sind technisch anspruchsvoll und ich bin zu erledigt, um schnell zu laufen. In einem Mix aus Marschieren und langsamen und vorsichtigen Laufen komme ich weiter. Es zieht sich. Dann endlich, noch ein kleiner Anstieg, oben sehen wir die Verpflegungsstation, gemeinsam mit einer französischen Läuferin fluche ich darüber, dass es nochmal hoch geht. Aber dann sind wir da. Von nun an geht es bergab. Bergab, bis nach Chamonix. Bergab bis ins ersehnte Ziel.

Und ab geht‘s. Ich laufe los, wundere mich, dass meine Beine das noch völlig okay finden. Ich überhole tatsächlich noch einige Läuferinnen und Läufer auf diesen letzten Kilometern, es fühlt sich so unfassbar gut an, dass das Ziel immer näher kommt. Inzwischen kommen uns von unten immer mehr Leute entgegen und feuern uns an. Mir schießen Tränen in die Augen.

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Emotionale letzte Meter

Der Wald spuckt uns aus, dann geht es in den Ort. Ich sehe vertrautes Terrain, es kann nicht mehr weit sein. Vorbei an der Startnummernausgabe, an der Messe, jetzt nach rechts über die Brücke, Menschen klatschen, jubeln, schreien, Autos hupen. Gänsehaut, wieder kommen mir die Tränen. Das hier war so hart, aber jetzt laufe ich durch die Straßen von Chamonix.

Ich genieße jeden einzelnen Meter, Emotionen wirbeln in meinem Kopf herum, ich bin gleich da, ich habe es gleich geschafft. Da, um eine Kurve noch, dann sehe ich den Zielbogen. Tränen, lachen, laufen, Arme hoch, verstrahlt in die Gegend schauen, lachen und dann bin ich da. Im Ziel. Ich habe es geschafft, nach 24:32 Stunden. Ich bin müde. Ich bin fertig. Ich bin unfassbar erleichtert und stolz und glücklich.

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François d‘Haene gewinnt zum vierten Mal

Am nächsten Tag fahren wir mit der Seilbahn auf die gut 3800 Meter hohe Aiguille du Midi, um diese wunderbare Berglandschaft noch einmal von oben zu bestaunen. Während ich dort oben das Nichtstun genieße, kämpfen sich weiter unten immer noch Läuferinnen und Läufer ins Ziel, die den UTMB mit seinen 170 Kilometern laufen. Was für eine Leistung, ich bin voller Bewunderung. Die Eliteläufer und -läuferinnen waren über 170 Kilometer schneller als ich über 100 Kilometer. Der Franzose François d‘Haene gewann in 20:45 Stunden bereits zum vierten Mal, bei den Frauen hat die Amerikanerin Courtney Dauwalter in 22:30 Stunden das zweite Mal gewonnen und finishte als Gesamt-Siebte.

Und während mein Mann am Checkpoint in Champex-Lac bei Kilometer 54 auf mich gewartet hat, konnte er auf einer Leinwand sehen, wie der erste 100-Kilometer-Finisher noch im Hellen das Ziel erreicht hat. Der Franzose Thibaut Garrivier hat in 10:23 Stunden gewonnen, schnellste Frau war die Spanierin Marta Molist Codina, die 12:50 Stunden brauchte.

Viele andere waren episch lang unterwegs, auch konnten nicht alle ihr Rennen beenden. Auch wegen der nächtlichen Kälte und des eisigen Windes in der Höhe haben hunderte Starter den UTMB und den CCC abgebrochen. Das kann eine sehr gute und kluge Entscheidung sein. Ich bewundere jede und jeden, der und die sich an den Start getraut hat, der es gewagt hat, zu Fuß auf eine solch lange Reise am Fuße des Mont Blancs zu gehen.