Hannover: Im Halbmarathon geht es um die Titel

| Text: Artur Schmidt | Fotos: Imago, Veranstalter

In Hannover werden am Sonntag (8. April) beim HAJ Marathon auch die Deutschen Meister im Halbmarathon ermittelt. Hier liest du die große Vorschau auf alle Altersklassen.

Nach der grandiosen Meisterschaft im Vorjahr werden die Deutschen Halbmarathonmeisterschaften am 8. April erneut im Rahmen des 28. HAJ Hannover Marathons ausgetragen. Es sind die 42. Deutschen Meisterschaften im Straßenlauf und die 26. im Halbmarathon. Im Marathon rücken Gilbert Kirwa und Fate Tola vor dem HAJ Hannover-Marathon am Sonntag in den Fokus. Während sich der Kenianer nach einer längeren Phase mit Verletzungen auf der schnellen Strecke mit einer Streckenrekordjagd zurückmelden will, möchte die aus Äthiopien stammende Deutsche ihren Hannover-Sieg von 2017 wiederholen. Rahmenwettbewerbe hinzugerechnet, verzeichnen die Veranstalter eine Rekord-Meldezahl. Rund 25.000 Athleten haben für das Rennen gemeldet, das als einer von ganz wenigen deutschen Straßenläufen einen Label des internationalen Leichtathletik-Verbandes trägt und in die Silber-Kategorie eingestuft wurde.

1977 wurden die ersten Straßenlaufmeisterschaften über 25 Kilometer ausgetragen. Dem internationalen Trend folgend, fanden 1993 die ersten Deutschen Halbmarathonmeisterschaften in Chemnitz statt. Seit 1996 kämpfen die Senioren zusammen mit der Hauptklasse der Männer und Frauen in 23 Wertungsklassen um die Titel.

Die Meisterschaft ist auch in diesem Jahr wieder im offenen Halbmarathon integriert, in dem in diesem Jahr nahezu 10.000 Läuferinnen und Läufer an den Start gehen. Die Teilnehmer des Vorjahres lobten den schnellen Kurs und die Atmosphäre an der Leine. Hannover konnte bei den Athleten und Trainern auch mit Fernsehpräsenz punkten. Auch am kommenden Sonntag wird der HAJ Hannover-Marathon zusammen mit den Deutschen Halbmarathon-Meisterschaften im Fernsehen zu sehen sein. Der NDR überträgt von 9:30 bis 12:45 Uhr live.

Das und die gute Organisation des HAJ Marathons haben dazu geführt, dass die Meldezahlen für die Deutschen Halbmarathon-Meisterschaften 2018 sprunghaft angestiegen sind: Auf insgesamt 951 Meldungen. Der Großteil der DM-Starter (659) wird in den Altersklassen für über 35 Jahre alte Läufer antreten.

Ein weiterer Grund für das gestiegene Interesse ist eine gute Terminplanung: Der Termin der Halbmarathon-DM passt optimal ins Wettkampfprogramm der Ausdauersportler. Drei Wochen vor den Deutschen Marathon Meisterschaften in Düsseldorf gehen Athleten, die Marathon laufen wollen, gern noch mal über die halbe Distanz an den Start.

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Hendrik Pfeiffer zählt bei den Männern zu den Favoriten

Auch wenn der jahresbeste Homiyu Tesfaye und der Regensburger Philipp Pflieger zeitgleich den Halbmarathon in Berlin laufen – das Rennen um den Meistertitel verspricht Spannung. Vor Jahresfrist lieferte der Rostocker Philipp Baar im Trikot des ART Düsseldorf nach langem USA-Aufenthalt eine beachtenswerte Leistung ab, indem er Hendrik Pfeiffer um zwölf Sekunden schlagen konnte. Diese beiden sollten auch in diesem Jahr bei der Titelvergabe ein Wörtchen mitreden.

Mit fast einer Minute Rückstand folgten im Vorjahr fünf weitere Athleten. Im dichten Zieleinlaufgedränge gewann Andreas Straßner (ART Düsseldorf) die Bronzemedaille vor seinem Vereinskameraden Simon Stützel und dem jungen Simon Boch von der LG Telis Finanz Regensburg. Das Regensburger Team um Simon Boch, Jonas Koller, Cherif Ramdane und Dominik Notz konnten heuer schon mit guten Halbmarathonzeiten brillieren. Man sollte „die Blauen“ nie aus den Augen lassen. Jeder ist für eine Überraschung gut. Sehr zu beachten ist auch Jens Nerkamp, der beim Paderborner Osterlauf als bester Deutscher seine Bestleistung über zehn Kilometer auf beachtliche 29:20 Minuten verbessern konnte.

Sebastian Reinwand (ART Düsseldorf) will mit seinen Mannschaftskameraden Paul Schmidt auch wieder wie im Vorjahr (Rang acht) ganz vorne im Einzel und im Team dabei sein. Gespannt darf man auf das Auftreten des ehemaligen Hindernisläufers Steffen Uliczka sein. Keine Überraschung wäre es, wenn der Team Titel nach Regensburg gehen würde. Das ART Team aus Düsseldorf strebt eine Verteidigung des Vorjahrestitels an.

Meisterschaftsrekord: 1:02:47 Carsten Eich (LAC Quelle Fürth)
Deutscher Rekord: 1:00:34 Carsten Eich (DhfK Leipzig)
Deutsche Jahresbestzeit: 1:01:20 Homiyu Tesfaye (LG Eintracht Frankfurt)
Vorjahressieger: 1:04:57 Philipp Baar (ART Düsseldorf)

In der U23 kommt der Titelanwärter Nummer eins aus Wattenscheid

Julius Scherr (TV Wattenscheid 01), der Schützling von Tono Kirschbaum, gilt in der Nachwuchswertung als Favorit. Ebenfalls um die Medaillen kämpfen sollten Leif Gunkel, David Valentin und Steven Orlowski (alle LGO Dortmund) und Moritz Beinlich (LG Telis Finanz Regensburg). Die Schützlinge von Pierre Ayadi aus Dortmund gelten zudem als Favoriten in der Team Wertung der U 23. Hier sind Überraschungen sehr wohl möglich

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Anja Scherl fehlt genauso wie Vorjahressiegerin Sabrina Mockenhaupt

Bei den Frauen fehlt neben der verletzten Titelverteidigerin Sabrina Mockenhaupt (LT Haspa Marathon Hamburg) nun auch die Vorjahres-Zweite Anja Scherl (LG Telis Finanz Regensburg). Beim Halbmarathon-WM-Rennen in Valencia, wo sie Rang 75 belegte, bekam Anja Scherl vor zwei Wochen ein Fußproblem, das zurzeit keinen Wettkampf zulässt. Fabienne Amrhein (MTG Mannheim), Franziska Schenk und Corinna Harrer scheinen die Favoritinnen zu sein, doch Insider trauen Miriam Dattke (alle LG Telis Finanz Regensburg) eine Überraschung zu..

Kommen sie alle durch, so ist der Deutsche Team-Rekord von 3:40:45 Stunden aus dem Jahr 1995 der LAC Quelle Fürth in Gefahr. Ebenfalls wieder am Start die Vorjahresfünfte Mayada Al Sayad. Ihr ist es zusammen mit Fabienne Amrhein am ehesten zuzutrauen, in die Phalanx der Regensburgerinnen hineinzulaufen.

Meisterschaftsrekord: 1:09:41 Katrin Dörre (SC DHfK Leipzig)
Deutscher Rekord: 1:07:58 Uta Pippig (SCC Berlin)
Vorjahressiegerin: 1:10:54 Sabrina Mockenhaupt (Lauf Team Haspa Hamburg)

In der U23 sind die Läuferinnen aus Regensburg tonangebend

Mit einer Bestzeit von 1:12:33 Stunden – erzielt 2016 in Barcelona – reist Franziska Reng (LG Telis Finanz Regensburg) in die Stadt an der Leine. Die junge Miriam Dattke hat sich in die Regensburger Gruppe auch hervorragend integriert. Eine starke Vorstellung bei den Deutschen Cross-Meisterschaften in Ohrdruf und ein starkes 10.000-Meter-Resultat bei den oberfränkischen Meisterschaften lassen eine gute Halbmarathonzeit erwarten. Zusammen mit Marina Rappold und Thea Heim, deren Start noch nicht sicher ist, sollte das LG Telis Finanz Team Regensburg das Teamgold ebenfalls als Ziel vor Augen haben.

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Frauen ab 35: Olympia-Marathonläuferin Susanne Hahn ist wieder da

In den Frauenaltersklassen ist auffallend, dass die Siegerinnen aus dem Vorjahr von der W35 bis zur W60 alle wieder am Start sind. In der W35 gilt die Vorjahressiegerin Julia Galuschka auch 2018 wieder als Anwärterin auf den Titel. In der W40 startet mit Susanne Hahn (TV Meckenheim; auf dem Bild ganz links), eine alte Bekannte, die 2008 und 2012 bei den Olympischen Spielen in Peking und London für Deutschland im Marathon am Start war. Die 13-fache DM-Medaillengewinnerin hatte 2014 ihren Rücktritt vom Leistungssport erklärt.

Nunmehr erscheint sie in Hannover in der W40 wieder auf der nationalen Bühne. „ Ich bin einige Jahre für TK Hannover gestartet. Ich habe gute Erinnerungen an die Stadt und freue mich auf das Rennen“, sagt sie. Sie dürfte sich ein spannendes Rennen mit der Vorjahressiegerin Simone Raatz (ASC Darmstadt) liefern, die nach ihrem Sieg bei den Deutschen Cross-Meisterschaften in guter Verfassung ist. Eine Zeit unter 1:20 Stunden ist denkbar. Im Vorjahr gewann sie in 1:20:03 Stunden.

Nur wer in dieser Klasse die Vorjahressiegerin Sandra Morschner (PSV Grün-Weiß Kassel) bezwingen kann, wird am Ende Deutschlands Beste sein. Ihr ist es sogar zuzutrauen, die Deutsche Seniorinnen-Bestleistung von Petra Maak von 1:18:45 Stunden aus dem Jahr 2010 zu unterbieten.

In den Klassen W50 bis W60 treten jeweils die Titelverteidigerinnen an: Bianca Weide(Spvgg. Groß Bülten), Sybille Möllensiep (SUS Schalke 96) und Christine Sachs (TV Mettenheim) wollen auch dieses Jahr wieder ganz vorn landen. In den Altersklassen W65 bis W75 werden die Titelverteidigerinnen fehlen. Hier ist mit Renate Hofmann aus Hannover auch die älteste Läuferin am Start. Sie wurde 1939 geboren.

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Männer ab 35: Der unverwüstliche Clemens Wittig in der M80

Bei den Männern ist das Teilnehmerfeld bei den „Oldies“ so groß wie schon lange nicht mehr. „Wo man einmal war und gut gelaufen ist, da will man wieder hin“, lobt Altmeister Clemens Wittig den Hannover-Marathon. Er startet als Titelverteidiger in der M80.

Im Vergleich zu den Frauen sind jedoch bei den Männern weniger Titelverteidiger am Start. Einige „Heroen“ wie Dr. Matthias Koch, Reimund Hobmeier, Hugo Mann oder Windfried Schmidt sind oder waren verletzt. Einige wenige konzentrieren sich voll auf die Deutschen Meisterschaften drei Wochen später in Düsseldorf.

Seinen Titel verteidigen will aber Valentin Harwardt (VfL Wolfsburg) in der M 40. Der gebürtige Kasache, der bei VW in Wolfsburg arbeitet hat sich mit einer ganzen Reihe von guten Läufern auseinanderzusetzen. Jörg Heiner (LG Wenden) war im Vorjahr Dritter in der M 40. Aufgestiegen in die M 45 rechnet er sich Chancen aus. Er trifft auf einen erfahrenen Marco Schwab (PSV Grün-Weiß Kassel), der das Gefühl kennt, als Deutscher Meister gefeiert zu werden.

In den vergangenen Jahren wurde die M50 von Matthias Koch und Reimund Hobmeier dominiert. In ihrer Abwesenheit besteht für andere Athleten die Chance, sich in der stärksten Klasse (87 Meldungen) ins Rampenlicht vor dem Hannoveraner Rathaus zu laufen. Läufer wie Marcus Imbsweiler (Heidelberg) oder der Schleswiger Miguel Molero-Esswein könnten diese wohl einmalige Chance neben weiteren schnellen „50ern“ nutzen. Zu denen gehört auch Markus Pingpank aus Hannover. Der Spitzenläufer der 90er-Jahre (PB: 10.000 Meter: 28:36,88 min; Halbmarathon: 1:06:30 h) nutzt das Heimspiel in Hannover zu einem Start. Was am Ende dabei herauskommt ist noch offen. Mit Sicherheit wird er durch seinen immer noch leichten und lockeren Laufstiel dem Publikum auffallen.

In der M55 zählen Roland Geissler (SWV Lauchammer) und der Vorjahreszweite Daniel Ghhebreselasie (PSV Grün-Weiß Kassel) zu den Favoriten. Für den Cöthener Egbert Zabel könnte es in der M60 in diesem Jahr vielleicht zu einem DM-Titel reichen. Oftmals war er in den Vorjahren Dr. Hugo Mann (Penzberg) unterlegen. Der fehlt allerdings in der Meldeliste. Völlig offen ist der Ausgang in der M 70. Hier haben 13 Sportler gemeldet.

In der M75 wird ein heißes Rennen auf Augenhöhe zwischen dem Deutschen Marathonmeister Werner Stöcker (LG Wittgenstein) und dem Mühlheimer Siegfried Kalweit erwartet. „Siggi“, der Vorjahreszweite, will unbedingt den Titel . Sind wir gespannt auf dieses Duell der „Veteranen“.

In der M80 startet der schon legendäre Clemens Wittig aus Dortmund als Titelverteidiger. Eine Aufzählung seiner WM-, EM- und DM-Titel würde den Rahmen sprengen. In dieser Saison alleine hat er seine Titelsammlung um vier Deutsche Meisterschaften und drei Europatitel erweitert. „Mir fehlen noch ein wenig die langen Läufe. Dennoch will ich in Hannover unbedingt laufen, um mich dann auch für den Marathon in Düsseldorf in Form zu bringen. Im Vorjahr bin ich knapp an der europäischen Seniorenbestleistung vorbei gelaufen. Ich weiß wohl, dass ich ein Jahr älter geworden bin, aber vielleicht  wachsen mir ja an der Leine Flügel“, so der immer gut aufgelegte Clemens Wittig. Der älteste Starter ist er jedoch nicht. Egbert Müller (TV Warzen) gehört dem Jahrgang 1934 an.

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