Das Neueste aus der Szene
Lauftreff am Bierkasten: Die Hash House Harriers

| Olaf Kaiser I Fotos: Andreas Schwarz
Sie organisieren Schnitzeljagden, bei denen gelaufen und getrunken wird: Die Hash House Harriers sind ein etwas anderer Lauftreff.

Machen wir uns nichts vor. Das Bier nach dem Laufen ist nicht immer und bei allen alkoholfrei. Schon gar nicht bei den Hash House Harriers. Sie organisieren Schnitzel-Jagden, bei denen gelaufen und getrunken wird. Wir haben den skurrilen Lauftreff besucht.

HashHouseHarriers
Der Spaß steht bei den Hash House Harriers an erster Stelle.
Ricardo Bartels, der Chef der Gruppe, hatte vor einigen Jahren während eines Work & Travel-Aufenthalts in Australien das erste Mal von dieser skurrilen Art der Freizeitbeschäftigung gehört. Unterwegs hatte er ein älteres Ehepaar kennengelernt, das ihn und seine Freundin zu sich nach Hause einlud und ihnen den ganzen Abend vom Hashing vorschwärmte. Mit netten Leuten eine schöne Zeit zu verbringen und dabei ein paar Bierchen zu zischen – das klang für Bartels nach etwas, das er zuhause in Berlin selbst einmal ausprobieren wollte. Er schaute ins Internet und fand die Gruppe der Berlin Hash House Harriers, aktiv seit 1979. Als er dort das erste Mal vorbeischaute, in langen Hosen und völlig untrainiert, da wäre er jedoch am liebsten gleich wieder gegangen. Auf dem Programm stand ein Lauf über zehn Kilometer. Dass zum Hashing auch das Joggen gehört – davon hatten ihm die Australier damals nichts erzählt.

Kurz gesagt geht es beim Hashing darum, dass ein oder mehrere Mitglieder der Gruppe eine Fährte legen, die dann von den anderen verfolgt wird. „Hashing ist ein bisschen wie Orientierungslauf, bloß ohne Kompass“, sagt Ricardo Bartels. Die Strecken, die während eines Hash zurückgelegt werden, variieren, doch sie sind selten länger als zehn Kilometer. Dabei spielt es keine Rolle, wer als Erster ankommt, denn die Hashers kennen keine Gewinner und keine Verlierer. Der Spaß steht im Vordergrund.

An diesem Tag ist Bartels höchstpersönlich für die Fährte verantwortlich. Der 34-Jährige hat blau gefärbtes Mehl dabei, das er in kleinen Klecksen auf dem Boden oder an den Bäumen am Streckenrand verteilt, um die Strecke zu markieren. Aus den USA sind Fälle bekannt, bei denen Hash House Harriers verhaftet wurden, weil man das Mehl für Pulver mit Milzbranderregern hielt, das 2001 für tödliche Anschläge verwendet worden war. In Deutschland sieht man die Sache deutlich entspannter: „Solche Probleme hatten wir jedenfalls noch nie“, sagt Bartels.

Erlaubt ist beim Markieren der Strecke fast alles: Einige Kleckse sind leicht zu finden, andere gut versteckt, manche von ihnen führen auf auch eine falsche Fährte. Zur Abwechslung baut Bartels unterwegs einige Besonderheiten in die Strecke ein: Einen „Boobie Check“, an dem nur die Frauen der Gruppe den weiteren Weg suchen dürfen, den „Fish Hook“, der die schnellsten fünf Läufer dazu verdonnert, bis zum Ende des Feldes zurückzulaufen – und ganz wichtig: den „Beer Stop“. Eine Art Boxenstopp zwischendurch, bei dem die Hash House Harriers ihre Kehlen mit Gerstensaft spülen, ehe sie weiterlaufen. Als die Meute die Station erspäht, ist der Jubel groß.

Die Mischung aus Sport, Spiel und Trinkerei hat ihre Ursprünge in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. 1938 gehörte das Land noch zum britischen Empire. Jeden Montagabend verabredete sich dort eine Gruppe von Soldaten und anderen Kolonialbeamten zum gemeinsamen Laufen, um auf diese Weise ihren Kater vom Wochenende loszuwerden und gleichzeitig „während des Laufs einen guten Durst zu generieren, um diesen anschließend mit Bier zu stillen“, wie es in einer späteren Satzung des Klubs hieß. Die Gruppe gab sich den Namen Hash House Harriers – eine Anspielung auf den Selangor Club, in dem die Männer verkehrten, der wegen seines einfachen Essens bloß „Hash House“ („Hackfleisch-Haus“) genannt wurde. Der Begriff „Harriers“ wiederum bezeichnet einen Jagdhund, er steht für die Läufer, die die Fährte verfolgen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Abzug der japanischen Besetzer setzten die Hash House Harriers von Kuala Lumpur ihre wöchentlichen Lauftreffen fort und verbreiteten die Idee später in alle Welt.

Heute gibt es weltweit über 200.000 Hashing-Fans auf allen sieben Kontinenten. „Wir sind die größte Laufsportgruppe der Welt“, sagt Ricardo Bartels. Sogar in der Antarktis haben schon Schnitzeljagden stattgefunden. In fast jeder größeren Stadt existiert mindestens eine Gruppe – in Deutschland außer in Berlin zum Beispiel in Frankfurt am Main, Hannover, Köln, Düsseldorf, München, Stuttgart, Essen und Dresden. Die Teilnehmer sind bunt gemischt, sowohl was das Alter angeht als auch die Lauferfahrung. Einige der Berlin Hash House Harriers starten auch bei Marathonveranstaltungen oder Ironmans, anderen genügt das wöchentliche Beisammensein mit der Gruppe. „Bei uns ist jeder willkommen“, so Bartels.

Was die Hashers verbindet, ist ihr Hang zur Geselligkeit. „Wir sind sehr soziale Menschen“, sagt der Chef der Berliner Abteilung. Genau das war es, was auch Sophie Heitz überzeugte sich dem Laufklub anzuschließen. Die 31-Jährige stammt ursprünglich aus Straßburg, lebt aber aus beruflichen Gründen seit einigen Jahren in Berlin. „Am Anfang kannte ich niemanden. Hashing war ein gutes Mittel, um neue Leute kennenzulernen“, erzählt sie. Die Französin schwärmt regelrecht vom Zusammenhalt der Gruppe: „Einmal habe ich eine Rundmail geschickt mit der Frage, ob mir vielleicht jemand beim Umzug helfen kann. Ich hatte vielleicht mit ein, zwei Leuten gerechnet – gekommen sind dann zehn.“ Die Hash House Harriers fühlen sich einander verbunden, auch über Ländergrenzen hinweg: „Ich könnte nach Uganda oder nach Kambodscha fliegen und die dortige Hashing-Gruppe besuchen und wäre sofort akzeptiert“, sagt Ricardo Bartels.

Der traditionellen Gruß der Hash House Harriers, „On-on“ – was so viel heißt wie „Folge mir“ –, ist weltweit verständlich.
Doch obwohl Hashing ein weltweites Phänomen ist, ist das Hobby hierzulande noch relativ unbekannt. Das liegt zum einen an der Sprache. Sämtliche Begriffe im Hashing sind Englisch, ebenso die Lieder, die dabei gesungen werden. „Das schreckt sicher einige ab“, meint Ricardo Bartels. Dabei würden schon Grundkenntnisse aus der Schule ausreichen, um die wichtigsten Wörter zu verstehen. „Niemand wird ausgelacht, wenn die Worte mal nicht so sitzen“, versichert der 34-Jährige. Neben der Sprachbarriere sorgt aber auch die besondere Struktur der Hashing-Szene dafür, dass nicht mehr Menschen diese Art des Laufens praktizieren. Die Hash House Harriers machen keine Werbung für sich und lassen sich auch nicht von einem Unternehmen für eben solche einspannen, auch wenn die Zusammenarbeit mit einer Brauerei naheliegend wäre. Zudem gibt es keine feste Mitgliedschaft, alles ist unverbindlich – daher auch der oft verwendete Begriff der „World’s Largest Disorganisation“. „Wer erst um 12 Uhr mittags aufwacht und merkt, dass er an dem Tag keine Lust hat, der bleibt eben zuhause“, sagt Bartels. Das unterscheidet die Hashers von den „serious runners“, wie sie die anderen Läufer etwas spöttisch bezeichnen.

ANZEIGE

Wie alle Hash House Harriers, hat auch er eine zweite, eine Hashing-Identität. Bei ihren Treffen nennen sich die Teilnehmer nicht beim richtigen Namen, sondern verwenden Spitznamen. Die dürfen sie sich allerdings nicht selbst aussuchen – stattdessen entscheidet die Gruppe, welcher Spitzname die Person am besten beschreibt. Ricardo Bartels etwa heißt „Ring Piece“, wegen seines Lippenpiercings; Sophie Heitz ist „Hot Climax“, weil sie beruflich in der Klimapolitik tätig ist. Ein anderer Mann namens „Mighty Tighty“ bekam seinen Namen verliehen, weil er bei seinem ersten Besuch eine doch ziemlich enge Hose an hatte. „Eine gewisse Portion Selbstironie muss man schon mitbringen, sonst ist man beim Hashing fehl am Platz“, sagt Ricardo Bartels.

Im Berliner Tiergarten ist es spät geworden. Die Berlin Hash House Harriers haben ihren Lauf beendet und stellen sich zum Abschluss noch einmal im Kreis auf, dem sogenannten „Circle“. In diesem Rahmen werden die Spitznamen vergeben, die nächsten Treffen bekanntgegeben und einzelne Teilnehmer gelobt oder bestraft, weil sie unterwegs etwa eine unerlaubte Abkürzung genommen haben.