Im Blog: Ilka Groenewold und ihr Wunder von Biel

| Text: Ilka Groenewold | Fotos: Text: Ilka Groenewold/Inger Diederich

Einmal musst du nach Biel. Und 100 Kilometer durch die Nacht laufen. Ilka Groenewold hat's gemacht. Und berichtet in einem Blog auf laufen.de darüber.

Unsere Bloggerin: Ilka Groenewold
Unsere Bloggerin: Ilka Groenewold

Die gelernte Journalistin Ilka Groenewold ist eine Allround-Künstlerin. Ihr Geld verdient sie mit Moderation und Coaching. In ihrer Freizeit läuft sie. Von zehn Kilometern bis zu den 100 Kilometern ist sie auf allen Strecken zu Hause. Sie liebt es, über ihre Läufe zu berichten und so andere zu motivieren. 2014 wurde sie von der laufen.de-Community zur Läuferin des Jahres gewählt.

Irgendwann musst du nach Biel

Vom 8. bis 10. Juni 2017 fanden bereits zum 59. Mal die Bieler Lauftage in der Stadt Biel/Bienne statt. Biel, die größte zweisprachige Stadt und zehntgrößte Stadt der Schweiz - die Stadt, welche die meisten Menschen mit der Uhren-Weltmetropole verbinden. Doch für Läufer gibt es noch einen anderen Grund diese Stadt zu kennen.

Denn der passionierte Läufer Werner Sonntag veröffentliche 1978 das Buch „Irgendwann musst du nach Biel“. Sonntag berichtete in seinem Buch über das Laufen in Biel, von der Wahrnehmung des Selbst und der Beschäftigung mit innerseelischen Prozessen. Auch wenn dieses Buch im Jahre 2017 nicht mehr erhältlich ist, lebt der Mythos Biel weiter und lockt Jahr für Jahr zirka 2000 Teilnehmer aus aller Welt mit dem Ziel 21,1, 56 oder 100 Kilometer zu laufen, zu den Bieler Lauftagen.

Auch ich habe mir seit Jahren immer wieder auf die Fahne geschrieben: „Irgendwann musst du nach Biel“. Der Reiz ist zu groß, wissen zu wollen, was der Weg mit einem macht. Und ich muss zugeben, ich war bereits zweimal für Biel gemeldet und jedes Mal kam etwas beruflich bei mir dazwischen. Doch 2017 - da sollte es anders sein, da schaffe ich es, meine Mission zu erfüllen. Doch warum läuft man eigentlich 100 Kilometer durch die Nacht am Stück? Was ist der ganz persönliche Antrieb?

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Im Gepäck: Zehn Salztabletten und eine Playlist für 18 Stunden

Als ich vor Jahren immer wieder hörte „Ilka, Biel, da musst du mal dabei sein“, „Biel ist eine tolle Erfahrung“ leckte ich Blut und stellte mir selbst die Frage: „100 Kilometer? Wie willst du das schaffen? Reicht denn nicht die Marathon Distanz von 41, 195 Kilometer? Wie kann man denn bitte schön mit einem vollen Kalender für 100 Kilometer trainieren?“

Wer mich kennt, weiß, ich nehme Herausforderungen dankend an und drehe nicht auf halber Strecke um. Ich setzte mir fest in den Kopf: „Ilka, die 100 Kilometer schaffst du!“ Auch, wenn es vielleicht ein wenig länger dauert als erwartet. Und so überlegte ich mir in den letzten Wochen eine Strategie, wie man mental eine Distanz von 100 Kilometern bezwingen kann. Denn Fakt ist, bei einem 100 Kilometer Lauf zählt die Jahresform, nicht alleine die Tagesform. Sprich, ein paar Tage oder Wochen vorher für Biel zu trainieren, wäre für die Katz. Letztendlich zählt bei einem gesunden Körper der Kopf, ob er bereit ist 100 Kilometer durch die Nacht zu laufen.

Körperlich stehe ich dieses Jahr top da, Bestzeit auf der Halbmarathon-Distanz in Warschau, Bestzeit auf der Marathon-Distanz in Hamburg, zwei Marathons in zwei Wochen. Das sieht doch schon mal gut aus. Und nachdem ich in Foren gestöbert habe und erfahre Ultra-Läufer ausgequetscht habe, was ich denn noch in Sachen Vorbereitung tun kann, beschloss ich drei Wochen vorher, als endlich zu 99% feststand, dass ich Biel laufen kann (ja, durch meinen Job kann immer was dazwischen kommen), eher weniger zu tun als man vielleicht erwartet. Man könnte schon fast von der Tapering Phase sprechen. Viele erfahrene Ultra-Läufer sagten mir, zwei Marathons als Vorbereitung reichen, um in der vorgegebenen Zeit von 21 Stunden ins Ziel zu kommen. Ich beschäftigte mich demnach mit Alternativtraining wie Schwimmen oder Radfahren und behielt im Hinterkopf, dass der Körper bereits auf Biel durch ein gutes Training im Winter vorbereitet ist. Es gab also keine 60-Kilometer-Läufe, keine Nachtlauf-Vorbereitung wie sie vielleicht der eine oder andere als Einstimmung auf Biel macht. Einen Tag vor der Anreise bekam ich noch den Tipp, Chlorid-Tabletten aufgrund des hohen Salzverlustes während des langen Laufens einmal die Stunde mit viel Wasser aufzunehmen. Diese erhält man für zirka 5,50 Euro in der Apotheke. Ich füllte mir zehn Tabletten in einem kleinen Tütchen und verstaute es in meiner Laufhose.

Was fehlte noch? Ach ja, gute Musik im Ohr. Dafür legte ich eine 18 Stunden Playlist an. Jetzt nur noch den Wetterbericht checken, die Stirnlampe bereithalten und Koffer packen. Am 8. Juni 2017 ging es dann mit dem Nachtzug von Hamburg nach Basel, um von dort mit dem regionalen Zug zum Startpunkt nach Biel/Bienne zu fahren. Um acht Uhr morgens war ich dann an dem Ort, der darüber entscheiden sollte, ob aus mir eine Ultra-Läuferin wird.

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Abends fällt der Startschuss, davor wird in der Turnhalle gepennt

Um gut gerüstet für die Nacht zu sein, schlief ich den ganzen Tag. Ob am See oder nachmittags in der Turnhalle, die vom Veranstalter für alle Läuferinnen und Läufer als Rückzugsort inklusive Massage, Toiletten, Duschen etc. zur Verfügung gestellt wurde. Gegen 20 Uhr wurde dann die Startnummer geholt und langsam alles für den Startschuss vorbereitet – Massage, Kleidung und die Abgabe der Tasche für Kilometer 56 (dort gibt es die Möglichkeit sich umzuziehen). Um 22 Uhr war es dann so weit. Der Startschuss fiel – das Rennen konnte beginnen. Und so lief und lief ich durch die Nacht. Immer im Hinterkopf auf keinen Fall zu Beginn zu schnell zu laufen, denn das könnte dich nach hintern raus „zerstören“. Eine genaue Pace kann ich hier leider nicht nennen, grob war ich mit einem Sechser-Schnitt unterwegs.

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Wahnsinns-Stimmung schon am Start

Die Stimmung war der Wahnsinn. Kinder, Jugendliche und Eltern waren bis drei Uhr Nachts auf den Straßen zu sehen und feuerten uns an. Alle fünf Kilometer gab es eine Verpflegungsstation, wo wir von herzlichen Menschen empfangen wurden. Sie sprachen uns Mut zu und präsentierten uns nahezu ein ganzes Verpflegungsbuffet. Das war wirklich der Wahnsinn! Bei so viel positiver Stimmung kann man den Lauf nur genießen. Wer möchte kann sich zusätzlich von einem Fahrrad begleiten lassen. Allerdings ist dies nicht durchgehend auf der 100-Kilometer-Strecke möglich.

An dieser Stelle übrigens noch ein Tipp für all diejenigen, die den Worten von Werner Sonntag folgen möchten. Auch wenn ihr keinen Hunger habt, solltet ihr an jeder Verpflegungsstation essen und viel Flüssigkeit aufnehmen. Es ist wichtig, dass der Körper und vor allem die Muskulatur ausreichend für so eine anstrengende Belastung versorgt werden.

Nach sieben Kilometern kommt die erste Steigung von Port nach Bellmund. Nachdem diese gemeistert worden ist, ging es weiter in Richtung Aarberg. Vor Lyss erscheint dann die 20-Kilometer-Marke und in meinem Kopf kommen Gedanken auf wie „Ilka, du willst wirklich noch 80 Kilometer über Berg und Tal heute Nacht laufen?“ Und meine innere Stimme erwidert: „Ja, ich will und werde 80 weitere Kilometer laufen.“ Gesagt, getan. Bei Kilometer 30 kommt die Verpflegung bei Scheunenberg, danach geht es auf in Richtung Buechhof – über Balm, Oberramsern und Mülchi. Meine Gedanken sind bei Kilometer 45 bei „hey, die Hälfte ist gleich geschafft.“

Motivation kommt auf. Auch der Aufstieg, der mich zum Marschieren zwingt kann mich nicht davon abhalten den Zieleinlauf von Biel klar vor Augen zu haben. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Auf geht es nach Kirchberg, Kilometer 56, wo auch mein Beutel mit Utensilien wie meiner Stirnlampe hinterlegt ist. Da es eine Vollmond-Nacht war, entschloss ich mich, zunächst ohne Stirnlampe zu laufen und mir im Zweifelsfall von Mitläufern den Weg erleuchten zu lassen. Das klappte auch ganz gut und so verzichtete ich auf meinen Beutel und lief weiter.

Bis ich auf einmal nichts mehr sah. Ich war auf dem berühmt berüchtigten Ho-Chi-Min-Pfad angekommen. Hier ohne Licht oder Begleiter auskommen zu wollen, ist trotz Vollmondnacht eher utopisch. Und wie sollte es anders sein, ich stolperte. Frank, ein Läufer vor mir, hörte es, hielt an und beschloss, gemeinsam mit mir durch die Dunkelheit zu laufen. Er hatte glücklicherweise eine Stirnlampe dabei und half mir die zirka zehn Kilometer in Dunkelheit zu bezwingen. Das war meine Rettung. Ich wollte mich sofort revanchieren und gab Frank bei der nächsten Verpflegungsstation meine Wunderwaffe die Salztablette. Es lief gut mit Frank und mir.

Mittlerweile ist es sechs Uhr morgens, und die Sonne ist aufgegangen. Mal laufen wir nebeneinander, mal überlege ich in den Geh-Modus zu wechseln. Doch, was ich auch tue, an der nächsten Station treffe ich Frank wieder und plaudere kurz mit ihm über unsere Verfassung. Wir sind beide gut drauf – doch, was uns unterscheidet ist das Ziel, das wir uns von Anfang an gesetzt haben. Während bei mir das gesunde Ankommen im Ziel in einer Zeit von zirka 14 Stunden (denn dann fährt der Zug ab) auf dem Plan steht, möchte Frank eine gute Zeit hinlegen.

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Bei Kilometer 70 ist es schon wieder hell

Für mich war nach 70 Kilometern in den Beinen klar, wenn ich jetzt anfange in den Gehmodus zu wechseln, bin ich immer noch in unter 14 Stunden im Ziel. Doch Frank hatte in dieser Nacht wohl einen großen Einfluss auf mich. Nachdem wir nach einer Verpflegungsstation zirka 500 Meter gegangen sind, sagte er, wenn er jetzt nicht wieder anfängt zu joggen, dann muss er bis ins Ziel gehen.

Und an dieser Stelle stellte ich mir die Frage: „Ilka, willst du jetzt wirklich sechs Stunden pilgern oder doch lieber joggend in drei Stunden im Ziel sein?“ Denn Dank der Verpflegung und den Salztabletten war muskulär alles paletti, es war also nur der Kopf, der jetzt eine Entscheidung treffen musste. Ich entschloss mich für das Joggen. Und es lief. Ich hätte nie gedacht, dass man ab Kilometer 60 geschweige denn 70 noch so locker und flockig joggen kann, aber es geht. Dieser Weg zeigt mir, der Mensch ist zu Unglaublichem fähig, wenn er sich nicht selbst im Weg steht. Der Glaube an die Leistung und die Freude am Laufen brachten mich ins Ziel.

Während ich im ersten Streckenabschnitt die Atmosphäre an der Strecke und meine Playlist im Ohr genossen habe, werde ich nun in Richtung Büren ein wenig sentimentaler und gehe mehr in das Innere meines Körpers. Für mich war alles, was ab Kilometer 80 passierte, unfassbar. Ich lasse die Nacht Revue passieren, freue mich über all die schönen Begegnungen auf der Strecke, die optimalen Laufbedingungen (Vollmond, regenfrei, 15 Grad) und sehe immer mehr das Ziel klar vor Augen. Eine körperliche Grenzerfahrung habe ich bisher nicht gemacht. Von Müdigkeit keine Spur. Ja, ich sage ja, die Salztabletten sind meine Geheimwaffe (Danke Jens Abernetty für den Tipp) und verhindern Krämpfe und körperliche Erschöpfung.

Es geht entlang des Nidau-Büren-Kanals. Frank sagte zu mir: „Ilka, jetzt muss du nur noch am Wasser lang laufen und dann bist du schon im Ziel.“ Und in meinem Kopf geht wieder das Rechnen los.

Kennt ihr das? Ich mache das bei jedem Wettkampf. „Hey, es sind nur noch 10 Kilometer, Ilka, das sind weniger als deine Hausstrecke von 14 Kilometern Distanz. Das packst du locker.“ Ich muss zugeben aber bei Kilometer 90 bin ich dann ein wenig größenwahnsinnig geworden. Ich stellte mir immer wieder vor, ich sei Forrest Gump. Für mich gibt es nur eine Mission: Laufen! Ich schaue was die Uhr sagt und rechne wieder weiter. „Hey, du schaffst das mindestes in 11,5 Stunden. Das ist doch genial.“

Hoch motiviert bewege ich zügig ein Bein vor das andere. Es ist acht Uhr morgens, mittlerweile bin ich alleine unterwegs und bin voller Vorfreude auf den Zieleinlauf. An den Straßen stehen wieder Menschenmassen. Jetzt jubeln sie nicht mehr, sondern verbeugen sich und schenken einem durch unterschiedliche Gesten den größten Respekt.

Ich fange an zu weinen. Ich hinterfrage, was ich selbst gerade geschafft habe. Ich bedanke mich bei allen, und danke innerlich mir selbst. Ich danke mir für dieses wunderbare Leben! Denn dass ich heute gehen kann, ist ein medizinisches Wunder. Dank einer erfolgreichen OP tauschte ich den Rollstuhl gegen die Marathon-Strecke. Und, dass ich 100 Kilometer ohne Schmerzen bezwingen kann, ist für mich einfach nur der Wahnsinn.

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Mit der Finisher-Medaille zurück in der Turnhalle: Einfach nur glücklich

Auf den letzten fünf Kilometern gebe ich noch mal Alles. Und das, obwohl es gerade auf den letzten zwei Kilometern dank ein paar Anstiegen noch ordentlich anstrengend wurde. Für eine Hamburgerin waren da noch mal ordentlich Höhenmeter angesagt. Doch dann kommt die Belohnung. Nur noch 200 Meter. Ich gebe Vollgas. Adrenalin. Ekstase. Ich glaube, wer am Rand stand, glaubt nicht, dass ich zuvor 99,8 Kilometer gelaufen bin. Ich sehe eine Zeit von 11:02:28 unter dem Zieleinlauf und bin einfach nur glücklich.

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Und dann auch noch die Altersklasse gewonnen!

Was mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, dass ich den ersten Platz in meiner Altersklasse W30 belegt hatte. Und das mit zwei Stunden Vorsprung zur Zweitplatzierten. So ging es für mich wenige Stunden später auf die Bühne, es gab´ erneut Applaus, Präsente, Ruhm und Ehre. Für mich ist das immer noch wie in einem Traum. Wie ein Wunder - mein ganz persönliches „Wunder von Biel“.

Ilka´s Tipps für die ganz langen Läufe wie in Biel

  • langsam angehen
  • Chlorid Tabletten
  • Keine Liegepausen, maximal Gehpausen
  • An jeder! Verpflegungsstation Flüssigkeit und Nahrung aufnehmen

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