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Yanni Gentsch im Interview
„In einer utopischen Welt könnte ich einfach draufloslaufen“

| Interview: Maria Nil Hauser

Ein Jahr ist vergangen, seit Yanni Gentsch beim Joggen im Kölner Grüngürtel gegen ihren Willen gefilmt wurde. Laufen.de fragt nach, was seitdem passiert ist und wo es noch Luft nach oben gibt.

Ein Jahr ist es her, seitdem Yanni Gentsch beim Joggen im Kölner Grüngürtel sexuell belästigt wurde. Ein Mann filmte die Läuferin gegen ihren Willen – Yanni filmte zurück, stellte ihn zur Rede und machte den Vorfall öffentlich. Was sich seitdem im Bereich Frauensicherheit im öffentlichen Raum getan hat erzählt die 31-jährige im Interview mit Laufen.de.

Februar 2025. Ein ungewöhnlich klarer Tag für diese Jahreszeit. Yanni Gentsch ist gerade auf dem Rückweg von ihrer Laufrunde, als sie einen Schatten dicht hinter sich wahrnimmt. Ein älterer Mann fährt ihr auf dem Fahrrad hinterher und filmt sie offenbar gezielt von hinten. Als Yanni ihn zur Rede stellt, bestreitet er zunächst, sie gefilmt zu haben, rechtfertigt sich dann jedoch mit den Worten: „Warum hat man denn so eine Hose an?“ „Weil ich laufen gehe“, entgegnet Yanni. Natürlich muss sich Yanni Gentsch nicht für ihre Kleidung rechtfertigen. Und dennoch zeigt der Vorfall, wie häufig Belästiger enganliegende Kleidung – etwa Laufleggings – als Vorwand für übergriffiges Verhalten heranziehen. Wir haben mit Yanni über ihre Erfahrungen und Vorstellungen für einen sichereren öffentlichen Raum für Frauen gesprochen.

Yanni, Laufen gilt ja immer noch als recht niedrigschwelliger Sport. Theoretisch braucht man nur Schuhe und bequeme Klamotten und kann dann durchstarten. Dein Fall macht darauf aufmerksam, was viele Sportlerinnen am eigenen Leib schon erfahren haben – Sport in der Öffentlichkeit ist für manche Menschen sicherer als für andere. Hattest du schonmal das Gefühl, dass Sorgen um deine Sicherheit, dich als Frau im Sport eingeschränkt haben?

Ja, auf jeden Fall. Zeig mir eine Frau, die das noch nicht gefühlt hat. Gibt es bestimmt auch, aber das ist wohl eher die Ausnahme. Besonders wenn wir jetzt über Läufe am Abend, oder im Winter schon nachmittags sprechen, überlegt man sich das zweimal. Meine Laufstrecke ist nicht ausgeleuchtet. Das heißt, es gibt wirklich keine einzige Straßenlaterne weit und breit. Und direkt an der Straße läuft man eben auch nicht gerne. Das schränkt schon sehr ein. Jetzt höre ich schon manche sagen: „Dann geh doch im Fitnessstudio aufs Laufband, das geht immer.“ Mal abgesehen davon, dass es im Gym auch zu Übergriffen kommen kann, macht es den Sport für Frauen einfach weniger zugänglich.

Yanni Gentsch läuft in Köln

Ich bekomme sehr oft gesagt „Yanni, ich hätte nie so mutig sein können!“ Aber das stimmt nicht, der Mut steckt in uns allen.

Yanni Gentsch über ihre schnelle Reaktion

Was würdest du Frauen raten, die sich in einer ähnlichen Situation wie deiner wiederfinden?

Das ist schwierig zu beantworten. Der größte Rat, den Ich mitgeben kann, ist, dass es in dieser Situation kein richtig oder falsch gibt. Wie man reagiert, ist stark abhängig vom Charakter. Wie sehr ist man es gewohnt aus sich herauszukommen und für sich einzustehen? Und dann kommt auch die Tagesform dazu. Selbst wenn man sonst sehr selbstbewusst auftritt, kann es an einem schlechten Tag eben tausendmal schwerer sein dagegenzuhalten. Es gibt nicht die eine Art und Weise, wie man sich verhalten sollte – weil man sich eben nicht immer so verhalten kann. Ich bekomme sehr oft gesagt „Yanni, ich hätte nie so mutig sein können!“ Aber das stimmt nicht, der Mut steckt in uns allen. Es braucht einfach diesen bestimmten Mix an Faktoren, um in so einer Situation selbst-ermächtigend zu handeln. Und ich glaube sich zu vernetzen und andere dabei zu sehen, wie sie das tun ist schon sehr ermutigend.

Wenn es darum geht mehr Sicherheit beim Laufen zu schaffen wird oft mit Prävention argumentiert. Frauen sollen „sichere Routen“ wählen, nicht allein und lieber nicht im Dunkeln Laufen gehen, Selbstverteidigungskurse besuchen oder „Sicherheitsgadgets“ dabeihaben. Wie stehst du zu diesen Tipps?

Ich verstehe schon, woher sie kommen. Diese Gadgets oder Maßnahmen geben einem wenigstens die Illusion von Sicherheit und damit auch eine andere Haltung. Trotzdem kann es rechtlich, je nach Pfefferspray zum Beispiel im Ernstfall auch schwierig werden. Und wenn man auf die sportliche Leistung schaut, läuft man ausgerüstet mit all den „Sicherheitsmaßnahmen“ quasi mit Gewichtsweste. Und das ist wiederum eine Einschränkung für die sportliche Leistung. Was meiner Meinung nach wichtig ist zu betonen: Diese Ratschläge sind wieder nur ein Herumwerkeln auf Seiten der Betroffenen. Damit wird die Verantwortung zum großen Teil auf die Seite der Opfer geschoben. Wo sind die Forderungen nach Kursen für Männer, wie sie Frauen keine Angst im Dunkeln machen? Oder sich nicht übergriffig verhalten? Da braucht es in der Diskussion und strukturell einfach noch eine große Veränderung.

Der Fall Yanni Gentsch – Eine rechtliche Perspektive

Als die Kölnerin die Belästigung bei der Polizei zur Anzeige bringen will, stößt sie auf geschlossene Türen. Denn für die Frage, ob eine sexuelle Belästigung strafbar ist, ist in Deutschland Paragraf 184i Strafgesetzbuch entscheidend. Dieser besagt, dass sich nur strafbar macht, wer eine andere Person gegen ihren Willen in sexueller Weise körperlich berührt. Filmen, Fotografieren oder Starren fallen demnach nicht unter diesen Strafbestand. Die einzige Ausnahme bilden in Deutschland das Filmen von „Genitalien, dem Gesäß, der weiblichen Brust oder der diese Körperteile bedeckenden Unterwäsche einer anderen Person“. Zum Beispiel beim sogenannten „Upskirting“, dem schnellen Fotografieren unter den Rock einer Frau. Doch auch unter diese Regelung dieser Regelung unter Paragraf 184k des StGB fällt der Fall von Yanni nicht –  da sie beim Vorfall bekleidet war.

Ein Weg strukturell etwas zu ändern, sind Gesetze. Du hast deine Petition, die fordert Voyeur-Aufnahmen unter Strafe zu stellen im August ans Justiz-Ministerium übergeben. Mehr als 160.000 Menschen haben bis jetzt unterschrieben. Was ist seitdem passiert?

Viel, aber wirklich nur Gutes. Der größte messbare Erfolg ist definitiv der persönliche Austausch mit Bundesjustizministerin Stefanie Hubig. Damit gibt es eine realistische Aussicht auf eine Gesetzesänderung. Und von Minute eins haben sich so viele Frauen bei mir gemeldet und erzählt, dass sie sich durch meine Geschichte weniger allein fühlen. Und auch, dass sie selbst mit einer neuen Selbstsicherheit auf ähnliche Situationen reagieren konnten.

Woran glaubst du liegt das?

Ich denke es hat damit zu tun, dass der Begriff so viel bekannter geworden ist. Dadurch, dass ich meinen Fall öffentlich gemacht habe, werden Voyeur Aufnahmen gesellschaftlich viel mehr besprochen. Und das hilft Betroffenen in der Situation weniger perplex zu sein, und sich in ihrem Handeln sicherer zu fühlen. Dann ist der erste Impuls vielleicht nicht mehr das Weglächeln, oder die Schuld im eigenen Verhalten zu suchen, sondern das Erkennen, dass das gerade ein Übergriff ist. Aber das kriegen wir eben nicht von klein auf beigebracht. Ich habe als junges Mädchen nie gehört, wie jemand sagt: Egal wo, wie spät oder was du anhast, manche Dinge sind nicht okay. Und das verändert sich gerade.

Das verändert sich gerade

Seitdem Yanni die Petition im Sommer an NRW-Justizminister Benjamin Limbach von den Grünen übergeben hat ist auch rechtlich einiges passiert. Im November hatte Limbach das Thema erstmals auf die Tagesordnung der Justizministerkonferenz der Länder gesetzt - allerdings erfolglos. Denn der gemeinsame Antrag aus NRW und Hamburg fand zu diesem Zeitpunkt keine Mehrheit. Jetzt wollen NRW und Niedersachsen über den Bundesrat versuchen, eine Gesetzesänderung herbeizuführen. Unterstützung sichert auch Bundesjustizministerin Stefanie Hubig von der SPD zu. Sie hat noch für das Jahr 2026 eine Änderung des Strafrechts angekündigt.

Yanni Gentsch am See

In einer idealen Welt: Wie denkst du fühlt sich Sport machen im öffentlichen Raum für Frauen an?

Ich glaube es fühlt sich mühelos an. Wenn ich abends Sport machen will, vielleicht weil der Tag besonders stressig war oder ich mich mit jemandem gestritten habe, dann geht das gerade nicht. Jedenfalls nicht ohne sich vorher Gedanken zu machen. In einer utopischen Welt stelle ich mir vor, dass ich nicht darüber nachdenken muss, wann, wie oder wo ich das Bedürfnis nach Bewegung habe. Ich könnte dann einfach draufloslaufen, im Wissen, dass ich sicher bin.

 

Frauensicherheit im öffentlichen Raum - ein Thema das bleibt

Diese Leichtigkeit fehlt vielen Frauen bis heute. Yannis Fall steht exemplarisch für eine Erfahrung, die weit über den Einzelfall hinausgeht: Für einen großen Teil der Bevölkerung ist Bewegung im öffentlichen Raum mit Abwägungen, Vorsicht und Einschränkungen verbunden. Damit wird Frauensicherheit zwangsläufig auch zu einem Thema für die Lauf-Community.

Gleichzeitig gibt es bereits Ansätze, diese strukturellen Unterschiede anzugehen – etwa durch Gleichstellung in der Stadtplanung, präventive Bildungsangebote für junge Männer oder geschützte Laufangebote für Frauen. So hat SCC Events in Berlin in diesem Winter erstmals die Aktion „Women who run in the dark“ ins Leben gerufen. Die Laufserie richtet sich ausschließlich an Frauen und soll es ermöglichen, auch abends in der Großstadt ohne Angst Sport zu treiben – etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.