„Für mich ist der Marathon ein Geschenk“

| Interview: Norbert Hensen | Fotos: Imago, Nike

Sie ist eine Legende. Und Vorbild für viele hunderttausend Läuferinnen und Läufer auf der ganzen Welt. Joan Benoit war 1984 in Los Angeles die erste Olympiasiegerin im Marathon überhaupt. Bevor sie vor 35 Jahren in 2:24:52 Stunden Gold vor Grete Waitz aus Norwegen gewann, gehörte die 42,195-Kilometer-Distanz für Frauen nicht zum olympischen Programm. In diesem Jahr finishte Joan Benoit, mittlerweile 62 Jahre alt, zum ersten Mal den BMW Berlin-Marathon. Gut 40 Jahre, nachdem sie 1979 in Boston ihren allerersten Marathon gewonnen hatte.

In 3:02:21 Stunden verfehlte Joan Benoit in Berlin die Sub-3-Marke, die in ihrer langen Profi-Karriere nie ein Hürde für die Ausnahmeläuferin mit einer Bestzeit von 2:21:21 Stunden war, nur knapp. Wir haben die Lauflegende nach dem Berlin-Marathon zum Interview getroffen und sie hat uns verraten, dass sie noch längst nicht ans Aufhören denkt. Im kommenden Jahr möchte sie die Drei-Stunden-Barriere noch einmal unterbieten.

Joan, herzlichen Glückwunsch. Du bist ein tolles Rennen gelaufen. Wie war dein Rennen und die Stimmung an der Strecke?
Ich bin zufrieden mit meinem Rennen. Die ersten Kilometer bin ich zusammen mit meiner Tochter gelaufen. Bei Kilometer 35 hat sie mir gesagt: ,Lauf du jetzt dein Tempo.‘ Also bin ich die letzten sieben Kilometer nochmal etwas schneller gerannt. Die Stimmung an der Strecke war großartig. Berlin ist wirklich eine flache und sehr schnelle Strecke. Die Menschen sind sehr gastfreundlich.

Du bist mittlerweile 62 Jahre alt. Was glaubst du, was in deinem Alter noch möglich ist?
Im Frühjahr bin ich in Boston eine 3:04er Zeit gelaufen, jetzt in Berlin war ich zwei Minuten schneller. Ich bin sicher, dass ich nochmal unter drei Stunden laufen kann. Da habe ich in meinen 60er noch nicht geschafft. Mein Ziel ist es, alle sechs World Marathon Majors zu finishen. Die nächsten beiden Rennen sind Tokio und London. Für mich ist aber London wichtiger, dort will ich mir die Majors-Medaille holen und wenn möglich unter drei Stunden finishen.

Wie wichtig sind dir nach deiner so erfolgreichen und langen Karriere heute noch Zeiten?
Ich bin sehr glücklich, dass ich 40 Jahre nach dem Start meiner Marathon-Karriere immer noch die 42,195 Kilometer laufen kann. Das wichtigste sind mit heute nicht mehr die Zeiten. Ich bin einfach froh, dass ich diese Strecke immer noch durchlaufen kann. Das ist ein Geschenk. Ich trainiere nicht mehr professionell und muss auch auf meinen Körper achten, ich nehme das alles nicht mehr so ernst. Es ist ein Hobby.

Und der Körper braucht sicher etwas mehr Regeneration. Hast du Probleme mit Verletzungen?
Meine Knie haben in letzter Zeit immer mal wieder ein paar Probleme bereitet. Ich laufe deshalb nicht nur, sondern fahre auch Rad oder mache im Winter Skilanglauf, das tut mir sehr gut. Übrigens ein sehr gutes Ganzkörpertraining, das Läufern hilft stärker zu werden.

Aber wenn es in London nochmal unter drei Stunden gehen soll, musst du dich doch etwas spezieller vorbereiten?
Ich laufe maximal die Hälfte der Umfänge, die ich während meiner Profikarriere absolviert habe. Ich muss vor allem gesund bleiben und vernünftig sein. Ich hätte in Berlin noch etwas schneller laufen können, wollte aber nicht an die Grenzen gehen. Vielleicht hebe ich mir das für London 2020 auf. Ich bin gespannt. Drei Monate vorher beginnt die Vorbereitung auf den Lauf. Das Rennen in Tokio ist deshalb nicht optimal. Ich werde es ohne spezielle Vorbereitung angehen. Tokio will ich einfach nur genießen und gesund ins Ziel kommen.

In den USA ist der Marathon bei Frauen sehr populär. Bei vielen der großen Stadtmarathons liegt die Frauen-Quote schon über 50 Prozent. Hast du eine Erklärung dafür?
Ich sehe, dass viele Frauen ihre eigene Fitness mittlerweile sehr ernst nehmen. Und Laufen ist für die meisten Frauen, die vielleicht auch noch Job und Familie managen müssen, der beste Weg, sich fit zu halten. Deshalb ist das Laufen ja überhaupt so populär geworden. Andere Sportarten wie Tennis oder Golf sind oft keine Alternative, weil der Aufwand ungleich höher ist.

Sind Frauen vielleicht sogar die besseren Marathonläufer?
Ich würde nicht sagen, dass sie besser sind. Ich erkenne aber, dass Frauen in den USA sehr fokussiert sind, wenn sie sich ein Ziel gesetzt haben. Vielleicht haben sie die größere Passion.

Die heutige Generation an Top-Läufern profitiert auch von großen Fortschritten beim Equipment. Dein Partner Nike hätte mit dem Vaporfly Next % in Berlin beinahe wieder dazu beigetragen, dass der Weltrekord gebrochen wird. Wie beurteilst du die heutigen Laufschuhe?
Die Schuhe, mit denen ich meine Bestzeit von 2:21:21 Stunden gelaufen bin, sind mit den heutigen nicht vergleichbar. Vielleicht wäre ich schneller gewesen. Heute freue ich mich, weil meine Laufschuhe mir helfen, meinen Sport weiter ausüben zu können. Ich bin in Berlin auch den Vaporfly Next % gelaufen. Das hat sich sehr gut angefühlt und heute habe ich keine Probleme. Heute gibt es sogar einen Laufschuh wie den Nike Joyride, den du nach dem Marathon zur Regeneration tragen kannst. Das fühlt sich wie eine Massage für die Füße an. Das gab es leider früher noch nicht.

Der Marathon ist heute viel kommerzieller als zu deiner Zeit vor 30 Jahren. Wie betrachtest du die Entwicklung? Und wie stehst du dem Sub-2-Projekt von Eliud Kipchoge, der noch im Oktober als erster Mensch, die 42,195 Kilometer in einem inoffiziellen Rennen schneller als zwei Stunden absolvieren will?
Kipchoge tut das, was er für richtig hält. Ich möchte darüber nicht urteilen. Wenn er hier in Berlin angetreten wäre, hätten wir wahrscheinlich einen neuen Weltrekord erlebt. Ich finde es inspirierender für die vielen Läufer in so einem Rennen, wenn Rekorde auch bei diesen großen Events gebrochen werden.

Was fasziniert dich seit über 40 Jahren am Mythos Marathon?
Der Marathon ist für mich eine Art Metapher fürs das Leben. Du weißt nie, wie es ausgeht. Du kannst dich noch so gut vorbereiten, aber du hast nie alles unter Kontrolle. Du kannst in der Form deines Lebens sein und es endet in einer Enttäuschung. Ein Marathon ist für mich immer eine Reise. Ich fühle mich frei. Alles ist möglich. Ein Teilnehmer gestern fragte mich: wie lange willst du noch Marathon laufen. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Oft ist es ein Kampf. Aber als ich die Ziellinie erreicht hatte, wusste ich, dass ich es kaum abwarten kann, wieder an der Startlinie zu stehen.

Wie viele Marathons bist du schon gelaufen?
Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich so um die 50. Dieses Jahr bin ich zum 20. Mal in Boston gelaufen. Das ist mein Wohnzimmer, der Heartbreak Hill wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

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