„Laufen am Limit“: Das Buch von Philipp Pflieger

| Fotos: Ruben Elstner, Edel Books Verlag

Philipp Pflieger zählt zu den besten deutschen Marathonläufern. Kurz vor seinem Start beim BMW Berlin-Marathon, wo er sich für Olympia 2020 in Tokio qualifizieren will, hat er sein erstes Buch veröffentlicht. In „Laufen am Limit“ gewährt er exklusive Blicke hinter die Kulissen des professionellen Marathonlaufens. Hier kannst du das erste Kapitel des Buches lesen, in dem Philipp Pflieger den Berlin-Marathon 2015 beschreibt. Bisher das „Rennen seines Lebens“ . Damals lief er seine immer noch gültige Bestzeit von 2:12:50 Stunden und legte damit die Grundlage zur Erfüllung seines großen Traumes vom Start bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio.

Philipp Pflieger war bei Olympia 2016 der schnellste deutsche Marathonläufer. Ein Jahr später sorgte er für Schlagzeilen, als er beim Berlin-Marathon seine Kräfte überschätzte und das Rennen abbrechen musste. Daraus hat er viel gelernt. Sein nächstes Ziel: Olympia 2020 in Tokio. In seinem Buch nimmt Pflieger uns mit hinter die Kulissen des professionellen Marathonlaufens. Er schreibt über die Faszination des Laufens, lässt uns Siege und Niederlagen miterleben, und gibt Tipps, was Amateure von den Profis lernen können. Er spricht über Motivation und mentale Vorbereitung, die richtige Taktik und Verpflegung, aber auch offen und ehrlich über Leistungsdruck, Doping und die Herausforderungen als deutscher Profi in einer traditionell von afrikanischen Läufern dominierten Sportart. Ein hochspannendes, leidenschaftliches Buch von einem Spitzenathleten über die faszinierende Welt des Marathonlaufs, der inzwischen so viele Läufer in seinen Bann zieht.

Laufen am Limit

256 Seiten
Klappenbroschur
13,5 x 21,0 cm
ISBN 978-3-8419-0672-4
18,95 € (D) / 19,50 € (A)

Die Einleitung: Das Rennen meines Lebens

Die Nacht sollte der Freund des Athleten sein. Der Körper regeneriert im Schlaf am besten. Doch diese Nacht ist die Hölle. Ich liege wach unter meiner Decke und schaffe es einfach nicht, das Gedankenkarussell zu stoppen. Immer wieder schaue ich auf mein Handy, um die Uhrzeit zu überprüfen. Wann hat dieses Warten endlich ein Ende? Frustriert sinke ich ins Kissen, weil die Ewigkeit nur eine halbe Stunde dauerte. Im Bett neben mir, in diesem Doppelzimmer im Berliner Hotel Intercontinental, liegt Jonas Fischer, mein langjähriger Teamgefährte und Freund. Ich höre ihn schlafen. Er weiß, was mir am nächsten Tag bevorsteht. Er weiß nicht, dass ich deshalb kein Auge zukriege. Aber was würde es helfen, wenn er es wüsste? Besser, er schläft, dann ist immerhin einer von uns beiden fit. Schließlich geht es um alles.

Genau das ist es, was mich vom Träumen abhält. Diese Endgültigkeit. Ich kann sehr konsequent und unbeugsam sein. Und in den Tagen vor diesem entscheidenden Rennen am 27. September 2015 war ich zu der Überzeugung gelangt, dass es besser ist, meine Karriere, für die ich fast 20 Jahre lang alles gegeben hatte, zu beenden, sollte es nicht funktionieren, sollte ich einen Marathon nicht so laufen können, wie ich es mir vorstellte. Dann wäre ein für alle Mal Schluss mit dem Laufen als Beruf, noch hier, in Berlin.

Um 4.30 Uhr wälze ich mich endlich aus dem Bett. Vor einem Wettkampf, der im Marathon klassisch am Morgen beginnt, steht der Athlet grundsätzlich früh auf. Der Kreislauf muss in Gang gebracht werden. Für mich ist es diesmal eine Erlösung. Mit Jonas gehe ich durch das noch dunkle Berlin Richtung Tiergarten. Die Morgenluft tut gut. Zum Frühstück würge ich mir zwei Semmeln rein. Ich habe keinen Appetit, Übelkeit schnürt mir die Kehle zu. Aber Jonas, der an diesem Tag die Verpflegung mit dem Fahrrad an den dafür vorgesehenen Stationen für mich bereithalten soll, zwingt mich zum Essen, zur Energiezufuhr. Ich würde am liebsten ihn fressen, aber ich weiß, ich sollte ihm dankbar sein.

Nach dem Frühstück gehen wir nochmal aufs Zimmer, bis der Shuttlebus uns vom Hotel in den Startbereich bringt. Wettkampfequipment kontrollieren, zusammenpacken. Die Fahrt ist wie der Weg zum Schafott: Was mache ich hier eigentlich? Warum tue ich mir das an? Neben dem abgesperrten Elitebereich, wo die Spitzenläufer ihre Sachen deponieren, hat die ARD ihren Übertragungspunkt aufgebaut. Ralf Scholt, der Moderator, und die Lauflegende Dieter Baumann, der als Experte fungiert, beobachten die ankommenden Athleten. In der Übertragung werden sie sagen, der Pflieger habe ängstlich ausgesehen – angesichts meines psychischen Zustandes halte ich das bis heute für eine freundliche Untertreibung.

Es widerstrebt mir kolossal, das Warm-up zu beginnen, denn es führt zwangsläufig an die Startlinie. Doch dann kommt die Wende. Bald merke ich: Die Beine fühlen sich gut an. Und das Wetter ist top! Kühl, aber sonnig, und vor allem windstill. So wie ich es mag. Zehn Sekunden Countdown bis zum Start, sie fühlen sich an wie eine Ewigkeit, aber als der Schuss fällt, bin ich bereit.

Nach der zweiten Verpflegungsstation oder zehn Kilometern bin ich voll im Rennen und komplett bei mir, befinde ich mich in dem sagenumwobenen Flow-Zustand. Nichts kann mich ablenken. Ich habe diesen Zustand nicht oft erreicht, doch an diesem Tag fühle mich als Herr der Lage, weiß, dass ich alles schaffen kann.

Der Knackpunkt kommt wieder nach 30 Kilometern. In unserer zwölfköpfigen Gruppe, die sich aus deutschen und internationalen Läufern zusammensetzt, sind drei Tempomacher. Als der letzte Hase aussteigt, passiert, was oft passiert, wenn die Tempomacher das Rennen verlassen und sich die Gruppe neu sortieren muss: Kilometer 31 ist zehn Sekunden langsamer als die Kilometerzeiten davor, was wir auf einer Uhr sehen, die auf dem vor uns fahrenden Führungsfahrzeug angebracht ist.

Plötzlich schießt ein Läufer aus der Gruppe an mir vorbei, ein weiterer folgt ihm. Es sind Willem van Schuerbeeck und Florent Caelen, zwei Belgier. Aus einem Reflex heraus nehme ich die Verfolgung auf. Schnell lassen wir die anderen neun hinter uns. Den 32. Kilometer laufen wir in 3:02 Minuten – ein Tempo, das einer Zielzeit von 2:08 Stunden entspricht. Das werde ich niemals durchhalten können. „Jetzt ist dein ganzer Rennplan hinüber“, schießt es mir durch den Kopf.

In Gruppen zu laufen, macht Sinn. Man teilt sich die Tempoarbeit und kann im Windschatten laufen. Jetzt bin ich die letzten elf Kilometer mit den beiden Belgiern unterwegs, deren Taktik sich mir nicht ansatzweise erschließt. Immer wieder verschärfen sie abwechselnd das Tempo. Wollen sie den anderen demotivieren? Und warum bleibe ich dran? Aus purem Trotz? Ein solch langer Dreikampf in der Endphase eines Marathons ist nicht gerade alltäglich. Aber der Rest der Gruppe machte keinerlei Anstalten, aufzuschließen, und so bleibt mir keine Wahl: Wenn ich eine starke Zeit laufen will, muss ich dranbleiben. Adrenalin schießt mir ins Blut.

Als das Brandenburger Tor in Sicht kommt, überflutet mich ein Glücksgefühl. Ich ziehe das Tempo noch einmal an, in der Überzeugung, dass hinter dem Berliner Wahrzeichen der Zieldurchlauf ist. Tatsächlich liegt er 400 Meter weiter. Mit fast 42 Kilometern in den Beinen können 400 Meter eine furchtbare Tortur sein. Mein ganzer Körper brennt. Aber es geht alles gut. Bei 2:12:50 Stunden bleibt die Uhr für mich stehen. Eine Sekunde vor mir läuft Willem als 15., eine Sekunde hinter mir Florent als 17. ins Ziel. Ich habe die Norm um 35 Sekunden verpasst. Aber es ist eine gute Zeit, und ich weiß: Ich werde weitermachen!

Auf der After-Show-Party erfuhr ich übrigens, was die beiden Belgier angetrieben hatte, wie um ihr Leben zu rennen. Sie waren beide der Auffassung, dass nur der Bessere von ihnen zu Olympia nach Rio fahren dürfe, da es in ihrem Team noch einen anderen Läufer gab, dem die Norm locker zugetraut wurde, der allerdings nicht in Berlin am Start war. Die Ironie des Ganzen war, dass ihr Landsmann die Norm verpasste und am Ende sie beide nach Brasilien fuhren. Ich traf sie bei den Olympischen Spielen in Rio wieder. Aber Berlin war das Rennen unseres Lebens, das uns irgendwie immer verbinden wird, da sind wir uns einig. Bis heute sage ich, dass es das wichtigste sportliche Ereignis meines Lebens war.

Aber warum war ich überhaupt in Rio dabei? Ich hatte die Norm doch, wenn auch knapp, verpasst? Was passierte nach dem Lauf im Anschluss an ein Interview mit ARD-Reporterin Jessy Wellmer? Und warum übt Laufen bei aller Plackerei, all der Schmerzen und Entbehrungen eine so riesengroße Faszination aus, auf so viele Millionen Menschen, weltweit? Das sind so Fragen, denen ich in diesem Buch nachgehen werde.

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