Marathon: 2-Stunden-Barriere soll in Monza fallen

| Text: Christian Ermert | Fotos: Nike

Der erste Marathon unter zwei Stunden soll am ersten Mai-Wochenende realisiert werden. US-Sportartikel-Hersteller Nike wird drei Weltklasse-Athleten in ein maßgeschneidertes Rennen auf dem Formel-1-Rennkurs im norditalienischen Monza schicken, um unter der letzten großen Barriere in den Laufdisziplinen zu bleiben. Ein Testrennen über die Halbmarathon-Distanz beendeten Marathon-Olympiasieger Eliud Kipchoge (Kenia) und Zersenay Tadese (Eritrea) Anfang März bei starkem Wind in 59:19 bzw. 59:40 Minuten.

"Der Wind hat gestört, aber ich habe heute auch nicht viel mehr als 60 Prozent gegeben", erklärte Eliud Kipchoge nach dem Testlauf. Er ist extrem zuversichtlich, dass es gelingen wird, die Zwei-Stunden-Grenze zu knacken. Auch wenn der Rekordversuch für Nike das ist, was für die NASA 1969 die erste Mondlandung war. Im Sport wohl nur vergleichbar mit der Traummeile. Jenem Lauf, in dem Roger Bannister am 6. Mai 1954 als erster Mensch die 1609 Meter unter vier Minuten gelaufen ist.

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Die Athleten: Desisa, Kipchoge, Tadese

Drei Athleten hat Nike ausgewählt, die dieses Vorhaben 2017 realisieren sollen. Darunter Eliud Kipchoge. Der 32 Jahre alte Kenianer gilt als bester Marathonläufer der Gegenwart. Er hält zwar nicht den Weltrekord – den hat Dennis Kimetto in 2:02:57 Stunden 2014 in Berlin aufgestellt. Aber Eliud Kipchoge gewann vergangenes Jahr den London-Marathon in 2:03:05 Stunden – der Kurs ist weitaus schwerer als der in Berlin. Und Eliud Kipchoge wurde in Rio Olympiasieger.

Dazu kommen mit Zersenay Tadese aus Eritrea und dem Äthiopier Lelisa Desisa zwei weitere Ostafrikaner, von denen Nike glaubt, dass sie in der Lage sind, als erste Menschen 42-mal hintereinander einen Kilometer in 2:50 Minuten zu laufen. Denn das ist das für den Marathon unter 2 Stunden geforderte Tempo

Nike hat dafür zahlreiche Läufer gecastet. Maximale Sauerstoffaufnahme. Ökonomischer Laufstil. Die Fähigkeit, über lange Zeit ein hohes Tempo laufen zu können. Das waren die ausschlaggebenden Kriterien. Aber auf die drei hätte man auch durch einen Blick in die Statistiken kommen können. Zersenay Tadese ist zwar den Marathon noch nicht schneller als 2:10:41 Stunden gelaufen, aber der 34-Jährige hält den Weltrekord über die halbe Distanz in 58:23 Minuten.

Und Lelisa Desisa – erst 26 Jahre alt - ist seinen ersten Marathon 2013 direkt in 2:04:45 Stunden in Dubai gelaufen und hat danach zweimal in Boston gewonnen. Beim Testrennen in Monza kam er nach 62:55 Minuten ins Ziel. Er war allerdings vor vier Wochen beim Training aufs Knie gestürzt und konnte deshalb in der letzten Zeit nicht nach Plan trainieren.

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Die Strecke: Das Motodrom von Monza

Schauplatz des Rekordversuchs wird allerdings kein klassischer Stadtkurs sein. Sondern die 2,4 Kilometer lange Asphaltrunde von Monza, auf der jedes Jahr vor den Toren Mailands die Formel 1 den Großen Preis von Italien austrägt. Die Strecke ist topfeben. Noch flacher als der Weltrekordkurs von Berlin. „Und der Rundkurs gibt uns die Möglichkeit, ganz genau zu analysieren, was im Rennen passiert und darauf zu reagieren“, sagt Brad Wilkins, der bei Nike das Projekt „Breaking 2“ leitet.

Ein Testrennen über die Halbmarathon-Distanz beendeten Eliud Kipchoge und Zersenay Tadese bei starkem Wind in 59:19 bzw. 59:40 Minuten. Dabei kamen auch Tempomacher zum Einsatz und es wurde ausprobiert, in welcher Formation die für ein optimales Ergebnis laufen.

Auf die Anfeuerung durch ein Millionen-Publikum wie bei den großen Stadtmarathons mussten die Athleten allerdings verzichten. Und so wird es auch am ersten Mai-Wochenende sein: Das Rennen findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Jeder kann das Rennen aber trotzdem verfolgen, und zwar im Livestream. Moderiert wird dieser von Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe, dem ehemaligen Mittelstreckenläufer Craig Masback, dem US-amerikanischen TV-Moderator Sal Masekela und Comedian Kevin Hart.

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Und auch wenn die knapp drei Minuten von 2:02:57 auf 1:59:59 Stunden der größte Sprung in der Entwicklung des Marathon-Weltrekordes wären, der seit 1953 realisiert wurde, als der Brite Jim Peters die Bestmarke des Koreaners Yun Bok-Suh von 2:25:39 auf 2:18:41 Stunden steigerte – unabhängige Wissenschaftler halten das nicht für unmöglich. Leichteres und besseres Equipment, der optimale Einsatz von Pacemakern und Windschattenlaufen bei optimaler Stecke und Wetter sind für die Forscher der US-Unis in Colorado und Houston die wichtigsten Faktoren, die eine solche Steigerung um 2,5 Prozent zu ermöglichen.
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Der Schuh: Nike Zoom Vaporfly Elite

Nike wäre nicht der weltgrößte Hersteller von Sportartikeln, würde er nicht seinen Athleten neue und weiter optimierte Bekleidung und Schuhe zur Verfügung stellen, um den Traum von dem Marathon unter zwei Stunden zu realisieren.

Die Athleten werden einen Schuh tragen, der ganz anders aussieht als alles, was wir an Rennschuhen bisher kennen. Der Nike Zoom Vaporfly Elite wurde über mehr als zwei Jahre langer Entwicklung komplett neu kreiert. „Zunächst haben wir geglaubt, so etwas wie einen Spikeschuh für Asphalt schaffen zu müssen“, sagt Stefan Guest, Senior Design Director bei Nike, „aber durch die intensiven Gespräche mit den Athleten wurden wir eines besseren belehrt." Der Schuh für den ultimativen Marathon muss nämlich nicht nur superleicht sein, er muss auch dämpfen und schützen.

„Ich möchte die Straße nicht spüren. Asphalt tut weh.“ Dieses Zitat eines Nike-Athleten beschreibt die Anforderungen ziemlich genau. Und so entstand der Zoom Vaporfly Elite. Ein ganz neu bei Nike entwickeltes Schaummaterial für die Zwischensohle ermöglicht ein Höchstmaß an Dämpfung, ohne dass der Schuh schwerer wird. Das Material ist 40 Prozent leichter als EVA, das in herkömmlichen Laufschuhen oft zur Dämpfung eingesetzt wird. So wiegt der Vaporfly Elite trotz üppiger Zwischensohle nur 185 Gramm. Für Rennschuhe ein durchaus üblicher Wert.

Der Clou des Schuhes ist aber ein ultraleichtes und sehr steifes Karbon-Element, das sich über die gesamte Zwischensohle erstreckt und dem Schuh zu hoher Festigkeit verhilft. Es verhindert tatsächlich, dass der Läufer den Asphalt zu sehr spürt und gleichzeitig hilft es dem Spitzenläufer so auf dem Vorfuß abzurollen, wie es für extrem hohen Tempo notwendig ist. „Man hat das Gefühl, ständig bergab zu laufen“, sagt ein Athlet, der den Schuh bereits getestet hat.

Und das bestätigen auch Untersuchungen in den Labors von Nike: Mit dem Vaporfly Elite erreichten Testläufer auf dem Laufband die gleichen Geschwindigkeiten mit geringerem Sauerstoffverbrauch als in herkömmlichen Wettkampfschuhen.

Der Schuh wird im Handel nicht erhältlich sein, mit dem Zoom Vaporfly 4%, dem Zoom Fly und dem Air Zoom Pegasus 34 wird Nike aber ab Juni 2017 allen Läufern drei Modelle anbieten, in denen des System des Vaporfly Elite um Einsatz kommt.

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