Marathon: Eliud Kipchoge verpasst 2 Stunden knapp

| Text: Christian Ermert | Fotos: Nike

Eliud Kipchoge ist bei dem Versuch, den ersten Marathon unter zwei Stunden zu laufen, nur knapp gescheitert. Der 32 Jahre alte Marathon-Olympiasieger aus Kenia war auf dem Formel-1-Rennkurs von Monza bis zur 35-Kilometer-Marke auf Kurs, eine der letzten großen Schallmauern im Sport zu durchbrechen. Ständig geführt von sechs Tempomachern spulte er bei perfekten Wetterbedingungen (12 Grad, Windstille und bewölkter Himmel während des gesamten Rennens) Kilometer um Kilometer in den geforderten 2:50 Minuten ab. Auf den letzten Runden des 2,4 Kilometer langen Kurses wurde er allerdings etwas langsamer, sodass er das Ziel erst in 2:00:25 Stunden erreichte. Hinter ihm kamen Zersenay Tadese (Eritrea) in 2:06:51 Stunden und Lelisa Desisa (Äthiopien) in 2:14:10 Stunden ins Ziel.

Die Video-Zusammenfassung des Rennens

Kein Weltrekord wegen Tempomachern und Verpflegung an allen Punkten der Strecke

Damit unterbot Eliud Kipchoge den Weltrekord von Dennis Kimetto um mehr als zwei Minuten. Der Kenianer war 2014 in Berlin 2:02:57 Stunden gelaufen. Weil das Rennen in Monza unter „Laborbedingungen“ stattfand, wird die Zeit nicht als neuer Weltrekord anerkannt. Das Sportartikel-Unternehmen Nike und vor allem Eliud Kipchoge wollten mit dem Projekt "Breaking2" Sport-Geschichte schreiben. Deshalb waren insgesamt 30 Tempomacher im Einsatz, die sich bis fast ins Ziel Runde für Runde abwechselten und so die Leistung des Athleten ermöglichten, der damit noch einmal unterstrich, dass er der beste Marathonläufer der Gegenwart ist.

Nachdem die drei Top-Läufer die ersten zehn Kilometer in 28:21 Minuten passiert hatten, erreichten sie die 20-Kilometer-Marke in 56:49 Minuten. Da war Lelisa Desisa schon zurückgefallen, kurz danach konnte auch Zersenay Tadese das extreme Tempo nicht mehr halten. Eliud Kipchoge dagegen spulte weiter Kilometer für Kilometer ab und erreichte die 30-Kilometer-Marke in 1:25:20 Stunden. Da war der erste Marathon unter zwei Stunden noch möglich. Erst nach 35 Kilometern deutete sich an, dass es nichts werden würde mit dem Durchbrechen der Schallmauer: 1:39:37 Stunden waren etwas langsamer als geplant. Einen großen Einbruch erlitt Kipchoge aber nicht, sodass er am Ende nur knapp über zwei Stunden ins Ziel kam. Er war auch nach dem Rennen überzeugt davon, dass sich der Marathon unter zwei Stunden bei optimalen Bedingungen nur realisieren lässt, indem über die komplette Distanz ein vollkommen gleichmäßiges Tempo gelaufen wird.

Ein Schuh für Eliud Kipchoge

Ab Juni kommen neuen Technologien auch in Schuhen für alle Läufer zum Einsatz

Ein Schuh für Eliud Kipchoge

Beim ersten Versuch, einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen, hat Eliud Kipchoge einen Schuh getragen, der ganz anders aussieht als alles, was wir an Rennschuhen bisher kennen. Der Nike Zoom Vaporfly Elite wurde speziell für ihn  entwickelt, um den bisher schnellsten Marathon zu laufen. Dieser Schuh ist im Handel nicht erhältlich. Seine Technologien kommen aber in drei neuen Nike-Modellen zum Einsatz, die ab Juni in den Sportgeschäften stehen.

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Gezeigt, dass es möglich ist, den Marathon unter zwei Stunden zu laufen

Entscheidend auch: In Monza wurden Getränke und Energiegels den Athleten immer dann gereicht, wenn sie es brauchten, und nicht nur an vorher festgelegten Verpflegungspunkten. Inhalt und Zeitpunkt der Verpflegung mit Wasser und Kohlenhydraten wurde vom Nike-Projektteam um Dr. Brett Kirby in Tests individuell auf die Top-Athleten abgestimmt. Mit den wechselnden Tempomachern und der Verpflegungsstrategie hat das Projekt gegen die Regeln des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF verstoßen, was eine Anerkennung von Kipchoges Zeit als Weltrekord verhinderte. In allen anderen Punkten – von der Streckenwahl und –Beschaffenheit über das Schuhwerk der Athleten bis hin zu den Dopingkontrollen war es allerdings regelkonform. Auch die Zeitmessung, die erstmals bei einem großen Marathon alle 200 Meter erfolgte.

Für Eliud Kipchoge war dieses Rennen das bisher wichtigste seiner Karriere – auch wenn er nicht als erster Läufer in die Geschichte eingehen wird, der die klassischen 42,195 Kilometer in weniger als 120 Minuten gelaufen ist. Für ihn zählen die 26 Sekunden, die er zu lange unterwegs war, nicht wirklich. „Ich habe gezeigt, dass es möglich ist, den Marathon unter zwei Stunden zu laufen und dass es für Menschen keine Grenzen gibt. Das ist für mich genauso wichtig wie der Olympiasieg in Rio“, sagte er nach dem Rennen, zu dem nur Journalisten und von Nike geladene Gäste Zugang hatten.

Auf den letzten Kilometern huschte immer wieder ein Lächeln über sein Gesicht. Trotz der Anstrengung und der Gewissheit, das ursprüngliche Ziel „Breaking2“ nicht mehr realisieren zu können. „Glücklich sein ist für mich essentiell beim Laufen“, sagt er. Den Schmerz und die Anstrengung auf den letzten Kilometern einfach weglächeln – das können nur so mental starke Athleten wie Eliud Kipchoge, der jetzt wohl bei einem klassischen Stadtmarathon den offiziellen Weltrekord angreifen wird. Viel spricht dafür, dass dies schon im Herbst in Berlin passieren könnte.

Die Jagd auf die zwei Stunden geht weiter - bei den großen Stadtmarathons

Auch Sponsor Nike wird jetzt den großen Stadtmarathons die weitere Annäherung an die magische Zwei-Stunden-Marke überlassen, die als eine der letzten großen Barrieren im Sport gilt. Ein zweiter Versuch unter Nike-Regie ist wohl ausgeschlossen. Laut Medienberichten hat das Projekt „Breaking2“ insgesamt 30 Millionen Euro gekostet. In seinem Engagement sieht die größte Sportartikelfirma der Welt aber nicht nur eine Marketing-Aktion, sondern vor allem ein großes Investment in den Marathon und in den Laufsport allgemein.

„Wir wollten zeigen, dass es möglich ist, den Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Das ist gelungen, auch wenn am Ende noch 26 Sekunden fehlten“, sagte Dr. Brad Wilkins, der das Projekt wissenschaftlich leitete und bei Nike die großen Zukunftsfragen und ihre Auswirkungen auf Produkte erforscht. Das Projekt habe jede Menge neue Erkenntnisse geliefert: über Training, Ernährung, psychische Stärke, die Gestaltung des optimalen Rennens und natürlich auch zur Ausrüstung von den Schuhen bis zu Trikots, Hosen, Socken, Arm-Sleeves und den aerodynamischen Tapes, die an den Waden getragen wurden. Von denen sollen jetzt Athleten, Trainer und Rennveranstalter profitieren, sodass die Annäherung an die zwei Stunden viel schneller gehen könnte als bisher gedacht.

Er, Eliud Kipchoge und das ganze „Breaking2“-Team sind überzeugt, mit dem Versuch in Monza jede Menge Läufer inspiriert zu haben, die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit nicht nur zu erforschen sondern auch auszuweiten. Und damit meinen sie nicht nur die besten Läufer des Planeten sondern auch ganz normale Menschen, die ihre ersten Laufschritte, ihren ersten Zehner oder ihren ersten Marathon laufen wollen.

Noch mehr Infos zum Projekt Breaking2 findest du hier.

Mehr geholfen als geschadet

Unser Kommentar zum Rennen von Monza

Mehr geholfen als geschadet

Der Marathon von Monza, in dem Eliud Kipchoge nur 26 Sekunden zum Unterbieten der Zwei-Stunden-Marke fehlten, ist ein heiß diskutiertes Thema. Hier kommentiert unser Chefredakteur Christian Ermert. Er meint: Das Projekt hat der Marathonszene mehr geholfen als geschadet. Und: Bis die Zwei-Stunden-Marke in einem regulären Marathon fällt, dauert es noch, auch wenn das Projekt viele neue Erkenntnisse geliefert hat.

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