Marathon in Abu Dhabi: Die Strecke war zu kurz

| Text: Jörg Wenig | Fotos: photorun.net

Mit Weltklassezeiten hatte der Abu Dhabi-Marathon am vergangenen Freitag bei seiner Premiere für Furore gesorgt. Der Kenianer Marius Kipserem gewann mit 2:04:04 Stunden und schob sich damit in der Liste der schnellsten je gelaufenen Zeiten auf Rang zwölf nach vorne. Bei den Frauen triumphierte Ababel Yeshaneh (Äthiopien) mit hochklassigen 2:20:16. Nie zuvor gab es bei der Premiere eines Rennens über die 42,195 km derartig starke Zeiten. Nun allerdings gibt es immer mehr deutliche Hinweise darauf, dass bei dem Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten etwas mit der Strecke nicht stimmte. Offenbar wurde am Freitag nicht die komplette Distanz gelaufen. Nachdem zunächst von einer fehlenden Passage von mehreren hundert Metern die Rede war, kristallisiert sich nun heraus, dass wohl 120 bis 130 Meter fehlten.

Somit dürften sämtliche Zeiten bei dem Rennen nicht offiziell gewertet werden. Der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF hat die Ergebnisse bisher nicht in seine offiziellen Bestenlisten übernommen, was ungewöhnlich ist und auf ein Problem hindeutet. Eine Anfrage von Race News Service an die Veranstalter des Rennens bezüglich der Situation blieb bisher unbeantwortet. Auf der Webseite des Marathons findet sich kein Hinweis zu der Problematik. „Marius Kipserem lief persönliche Bestzeit“, steht stattdessen nach wie vor auf der Webseite.

Eine Wendemarke wurde zu früh aufgestellt

Beobachter vor Ort berichteten, dass eine Wendeschleife ausgelassen wurde und vermuteten zunächst, dass dadurch sogar bis zu 500 Meter zu den 42,195 km fehlen könnten. Offenbar musste die wohl korrekt vermessene Strecke verändert werden, da eine Passage am oberen Ende der Strecke nicht mehr durchlaufen werden konnte. Das Problem hätte leicht gelöst werden können, jedoch wurde dann auf der alternativen Passage eine Wendemarke zwischen Kilometer 33 und 34 offenbar zu früh aufgestellt.

Dies konnte der pensionierte Berliner Physik-Professor Helmut Winter, der seit Jahren für viele internationale Marathonrennen tätig ist und in erster Linie für die Zwischenzeiten-Anzeigen für die Spitzengruppe zuständig ist, mit seiner Analyse bestätigen. Er war auch im September in Berlin im Einsatz und hatte einen erheblichen Anteil daran, dass Eliud Kipchoge bei seinem Weltrekordrennen schnell das richtige und dann gleichmäßige Tempo fand.

Winter war zunächst aufgefallen, dass die Fünf-Kilometer-Zwischenzeit zwischen 30 und 35 Kilometer in Abu Dhabi nicht stimmen konnte. Für diese Passage wurden für die führenden Läufer, die Kenianer Marius Kipseram und Abraham Kiptum, 13:55 Minuten gestoppt. Dies wäre ein Marathontempo, das - durchgehend gelaufen - auf eine Zeit von deutlich unter zwei Stunden hinführen würde.

Mit Hilfe der Videoaufnahmen der TV-Übertragung und der Analyse der Längen der einzelnen Strecken-Passagen mittels „Google Earth“ konnte Winter bestätigen, dass alle Kilometerschilder korrekt standen, die Wendemarke zwischen 33 km und 34 km aber etwa 65 Meter zu früh platziert wurde. Die gesamte Strecke war damit 120 bis 130 Meter zu kurz. „Es gibt keinen Weg daran vorbei: Die Strecke war zu kurz. Das ist sehr schade angesichts der tollen Zeiten, und die Athleten tun mir leid. Ansonsten ist der Kurs in Abu Dhabi, ähnlich wie der im benachbarten Emirat Dubai, sicherlich einer der schnellsten Kurse auf dem Globus“, sagte Winter.

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