Massensterben oder Chance auf eine starke Zukunft?

| Interview: Christian Ermert | Fotos: SCC Events, imago images

Eigentlich wollten die Veranstalter des BMW Berlin-Marathons bei ihren großen Events zwischen April und Oktober 2020 circa 180.000 Läufer auf die Straßen Berlins schicken. Doch wegen Corona mussten der Generali Berliner Halbmarathon, der Avon Frauenlauf, die Berliner Wasserbetriebe Teamstaffel, die Adidas Runners City-Night und auch der für den 27. September geplante BMW Berlin-Marathon abgesagt werden. Wir haben mit Jürgen Lock, dem Geschäftsführer der SCC Events GmbH, über die Auswirkungen von Covid19 auf sein Unternehmen, aber auch auf die gesamte Laufszene in Deutschland gesprochen.

Jürgen Lock: „Ich halte es für wahrscheinlich, dass 2020 gar keine großen Lauf-Events mehr stattfinden“

Jürgen Lock, gibt es eigentlich noch irgendeine Chance auf einen BMW Berlin-Marathon im Jahr 2020?
Bis zum 24. Oktober wird es ihn definitiv nicht geben. Wir prüfen derzeit ob es machbar ist, den Marathon in einem veränderten Format danach stattfinden zu lassen. Viele Alternativen gibt es definitiv nicht. Dabei müssen wir alle Risiken im Blick haben. Schon allein aufgrund der Witterungsbedingungen und der immer kürzer werdenden Tage ist es sehr schwierig, den BMW Berlin-Marathon noch dieses Jahr auszutragen. Hinzu kommt die Unsicherheit, welche Auflagen zu einem späteren Zeitpunkt noch gelten werden. Die Frage, ob Athleten bis dahin wieder international reisen können, können wir jetzt auch nicht beantworten …

… und es gibt ja auch keine Sicherheit, dass ab dem 24. Oktober Großveranstaltungen überhaupt wieder erlaubt werden.
Wir müssen uns jetzt einfach noch ein paar Wochen Zeit geben, in denen wir sehr genau abwägen, ob wir einen Berlin-Marathon in irgendeiner Form planen können oder ob solche Planungen obsolet sind. Planungssicherheit werden wir erst wieder haben, wenn es einen wirksamen Impfstoff oder Medikamente gegen Covid19 gibt. Ich persönlich halte auch ein Szenario für wahrscheinlich, in dem 2020 gar keine großen Laufveranstaltungen mehr stattfinden können, weil Impfstoffe und Medikamente noch nicht verfügbar sind.

„Wenn alle Teilnehmer ihr Startgeld zurückfordern, droht ein Massensterben von Events“

Gerade bei den oft früh ausgebuchten Berliner Veranstaltungen haben fast alle Teilnehmer das Startgeld bereits bezahlt. Erhalten die jetzt ihr Geld zurück?
Im Falle des eigentlich für den 5. April geplanten Generali Berliner Halbmarathon haben wir den Teilnehmern eine Wahlmöglichkeit angeboten: Entweder konnten sie sich das Startgeld zurückzahlen lassen oder ihren Startplatz kostenlos auf 2021 übertragen. Nach den ersten Wochen sieht es so aus, als ob beide Angebote in etwa gleich gut angenommen werden.

Andere Veranstalter haben in der Vergangenheit versucht, die Rückzahlung von Startgeld im Falle einer Veranstaltungsabsage aufgrund höherer Gewalt mit ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen kategorisch auszuschließen …
… das gibt die bisherige Rechtslage aber nicht her. Hier wird dem Verbraucherschutz ein so hoher Wert zugemessen, dass Veranstalter bereits gezahlte Startgelder immer zurückzahlen müssen, wenn das Event – aus welchen Gründen auch immer – nicht stattfindet. Das könnte sich allerdings jetzt angesichts der beispiellosen Coronakrise ändern, weil die Bundesregierung die sogenannten „Gutscheine“ ermöglichen will. Für uns Laufveranstalter hieße das: Es muss kein Startgeld zurückgezahlt werden. Der Teilnehmer hätte dann lediglich den Anspruch auf einen kostenlosen Start bei dem entsprechenden Event im kommenden Jahr. Dieses Vorhaben der Bundesregierung muss allerdings noch von der EU genehmigt werden. Wenn das so kommt, werden wir bei den abgesagten Events auch nur noch die Übertragung des bereits bezahlten Startplatzes auf 2021 anbieten.

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Aber auch in diesem Fall fehlt das Startgeld für ein Jahr in den Kassen der Veranstalter …
… ja. Natürlich fallen durch die Nichtausrichtung des Events auch Kosten weg, aber man kann sich vorstellen, dass bei Veranstaltungen, die fast ein ganzes Jahr lang geplant und organisiert werden müssen, auch dann hohe Kosten entstehen, wenn das Event nicht stattfinden kann. Wenn die Teilnehmer einigermaßen mitdenken und auch nach der Coronakrise noch bei Veranstaltungen mit der gleichen Qualität und Vielfalt wie davor laufen wollen, werden sie davon absehen, ihr Startgeld zurückzufordern. Denn wenn Startgelder in hohem Maß zurückgezahlt werden müssen, droht ein Massensterben von Laufveranstaltungen im Laufland Deutschland, weil auch renommierten Veranstaltern dann ganz schnell das Geld ausgehen kann.

Ist die Situation auch für die SCC Events GmbH existenzbedrohend?
Ich gehe davon aus, dass SCC Events auch 2021 die großen Berliner Läufe mit einem hohen Erlebniswert anbieten wird. Aber auch wir müssen diese harte Zeit überbrücken. Da wir aktuell keine Veranstaltungen organisieren können, ist ein Großteil unserer 70 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Nur ein kleiner Kern arbeitet annähernd „normal“ weiter, um die abgesagten Events abzuwickeln und erste Vorbereitungen fürs nächste Jahr zu treffen. Jetzt geht es aber zunächst auch für uns darum, die Krise so sozialverträglich wie möglich zu überstehen.

„Wir müssen jetzt anfangen, Einsteiger an Laufevents heranzuführen“

Auf der anderen Seite sind die Parks derzeit voll von Läufern. Es scheint, als ob mehr Menschen als je zuvor liefen, weil es eine der wenigen Sportarten ist, die noch machbar sind. Ist es vorstellbar, dass dieser „Boom“ auch ohne die Motivation durch Triebfedern wie den Berlin-Marathon und andere Events anhält?
Ich habe auch beobachtet, dass aktuell viele laufen, die gerade damit begonnen haben. Es gibt dazu zwar noch keine Studien, aber darunter sind sicher viele, die sonst im Fitnessstudio trainieren. Unsere Herausforderung ist jetzt, diese Menschen abzuholen und nachhaltig weiter fürs Laufen zu begeistern. Ohne Events ist das schwieriger, denn viele laufen ja, weil sie konkrete Ziele bei Veranstaltungen haben. Aber es bleibt unsere Herausforderung, diesen Menschen auch in Corona-Zeiten Angebote zu machen, mit denen sie an Laufveranstaltungen herangeführt werden.

Sind virtuelle Rennen, bei denen man die Kilometer, die man sonst bei einer Veranstaltung läuft, einfach zu Hause absolviert und dann per App präsentiert, der richtige Ansatz? Es gibt ja aktuell sehr viele dieser Challenges …
… klar sind die ganz nett für viele Läufer, aber ich glaube nicht, dass solche Aktionen das Erlebnis Laufevent ersetzen können. Die Menschen suchen beim Laufen reale Erlebnisse. Sie wollen ihren Körper spüren, zusammen mit anderen laufen, echte Städte und Landschaften erleben. Viel wichtiger als virtuelle Rennen sind für uns Veranstalter kleine Events, mit denen wir gerade die vielen Einsteiger erreichen. Wir wollen so etwas anbieten, sobald es die Pandemie-Situation wieder zulässt, und erarbeiten schon Konzepte dafür. Das kann eine Chance für die Laufveranstalter in allen Städten sein, auch Sportler zu erreichen, die noch nicht die klassischen Läufer sind. Wenn das gelingt, kann die Laufszene sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen.

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