Mit der Frühlingssonne den Winterspeck loswerden

| Text: Stefan Graf | Foto: iStock

Im Winter haben wir meist etwas mehr auf den Rippen. Dafür gibt es eine Reihe physiologischer und psychologischer Erklärungen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass du dem Winterspeck mit Tageslicht den Kampf ansagen kannst. Unser Experte Dr. Stefan Graf gibt dir Tipps, wie die Sonne beim Abnehmen helfen kann.

Das Team um Professor Peter Light von der Universität Alberta stieß bei Forschungen zur Zuckerkrankheit (Diabetes) mehr oder weniger zufällig auf eine bislang unbekannte Eigenschaft von Fettzellen der Unterhaut: Sie verfügen in ihren Außenmembranen über Lichtrezeptoren, ähnlich denen in der Netzhaut des Auges. Werden diese Rezeptoren durch Licht aktiviert, wird ein Stoffwechselprozess in Gang gesetzt, bei dem das gespeicherte Unterhautfett energieliefernd abgebaut wird.
Aus diesem Unterhautfettgewebe beziehen wir Läufer auf unseren langen aeroben Einheiten das Gros der Energie. Die Sonne hilft uns also bei unseren sommerlichen Läufen, Unterhautfett effizient in Energie umzuwandeln. Dadurch sind wir im Sommerhalbjahr in Sachen Ausdauerbelastung leistungsfähiger. Wir können mehr trainieren, verbrauchen mehr Energie.

Genialer Schachzug der Evolution

Im Umkehrschluss bedeutet das: Im Winter wird Unterhautfett eher zusätzlich gespeichert als abgebaut. Evolutionsbiologisch macht das Sinn. Unsere Vorfahren kannten keine Zentralheizungen, eine stattliche isolierende Unterhautfettschicht sicherte ihnen das Überleben in winterlicher Kälte. Die zusätzliche Energie konnte der frühzeitliche Jäger gut für die im Winter erschwerte Nahrungsbeschaffung gebrauchen. Die abnehmende Lichtintensität als Signal für die verstärkte Fettspeicherung zu nutzen, ist also ein ziemlich genialer Schachzug der Evolution – in der Steinzeit wurden so zum richtigen Zeitpunkt die Energiedepots vergrößert. Heute brauchen wir auch als passionierte Läufer für unsere symbolische Mammut-Jagd keine vergrößerten Fettdepots. Selbst der dünnste Marathoni hat in seinem Unterhautfettgewebe genug Energie für mehrere Ultraläufe gespeichert. Die ständige Nahrungsverfügbarkeit macht größere winterliche Fettspeicher nicht nur überflüssig, sondern stellt uns jetzt eher vor das Problem, das winterliche Wachstum der Fettpolster im Zaum zu halten. Es macht also Sinn, den Abbau des Unterhautfettgewebes durch viel Tageslicht und Bewegung zu unterstützen: Licht treibt die Rekrutierung von Energie aus dem Unterhautfettgewebe an.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum du im Winter möglichst viel Zeit an der frischen Luft verbringen solltest: Schon lange ist nämlich bekannt, dass ein funktionierender Fettstoffwechsel indirekt vom Licht der Sonne abhängt. Dabei geht es um die Vitamin D-Synthese in der Haut. 80 bis 90 Prozent seines täglichen Bedarfs deckt unser Organismus durch die Eigenproduktion von Vitamin D. Doch das funktioniert nur dann, wenn unsere Haut ausreichend Tageslicht abbekommt.

Winterliches Vitamin D-Defizit

Im Sommer, wenn wir „in kurz“ unsere Laufeinheiten absolvieren, „schluckt“ die Haut genug ultraviolette Strahlung. Diese wird für die Vitamin D-Synthese benötigt. Im Winter, wenn die ohnehin weniger intensive Sonne nur kleine unbekleidete Hautareale trifft, wird das schwierig. Vitamin D übernimmt viele Funktionen im Körper, und für den effizienten Fettabbau spielt es eben auch eine Rolle. Wenn der Körper nicht optimal mit Vitamin D versorgt wird, bremst das die Fettverbrennung aus. Gut die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland entwickelt in der kalten Jahreszeit ein moderates Vitamin D-Defizit. In welchem Ausmaß dieses Defizit in die typische winterliche Gewichtszunahme involviert ist, wird in der Forschung seit längerem kontrovers diskutiert.
Unstrittig ist aber, dass der Winterspeck eine erfolgreiche Koproduktion mehrerer Faktoren ist. Neben der Wirkung des Vitamin-D-Defizits und der mangelnden Aktivierung der Lichtrezeptoren des Unterhautfettgewebes treiben die oft deftigen, kalorienreichen Speisen, die wir in den kalten Monaten zu uns zu nehmen pflegen, und das Weniger an Bewegung im Winter das Gewicht nach oben.

Tipps von unserem Experten Dr. Stefan Graf

Damit ist auch klar: Sich nur die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, reicht nicht aus, wenn du den Winterspeck loswerden willst. Abnehmen bleibt ein aktiver Trainings- und Ernährungsprozess. Als Läufer hast du aber in jedem Fall beste Voraussetzungen, die winterlichen Fettpolster zu bekämpfen: Du musst nur deinen inneren Schweinehund überwinden und jede Möglichkeit nutzen, laufender Weise Tageslicht zu tanken. Das ist gesund – und gewichtsregulierend.

Krempel doch mal die Ärmel hoch

Wenn es die Temperaturen zulassen, solltest du im Winter ruhig mal die Ärmel und Hosenbeine der Laufbekleidung nach oben ziehen. Möglichst viel Wintersonne an Unterarme, Waden und Gesicht unterstützt die Haut bei der Vitamin D-Synthese und dem Fettabbau. Sofern möglich, solltest du diesen Lauf in die Mittagspause legen, wenn die Sonne am höchsten steht – so bekommst du das meiste Licht ab und unterstützt auch in der dunklen Jahreszeit die Produktion von Vitamin D und die Fettmobilisation.

Licht hilft nicht gegen Bauchfett

Das gesundheitlich problematische Fett ist nicht in den Energiedepots unter der Haut, sondern im Bauchraum gespeichert. Leider dringt auch die intensivste Sommersonne nicht bis zu diesen Eingeweidefettzellen vor. Dieses Fett sollte man am besten gar nicht erst ansammeln. Das gelingt am besten mit Sport, bedarfsgerechter Ernährung,
sowie dem Verzicht auf Rauchen und Alkohol.

Wusstest du schon, ...

…dass täglich 25 Minuten an der frischen Luft ausreichen, um einem möglichen Vitamin D-Mangel vorzubeugen? Es ist bekannt, dass ein Vitamin D-Mangel gesundheitsschädlich ist. Nach Angaben des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI) kann man bei den meisten Menschen in Deutschland aber nicht von einem Vitamin D-Mangel sprechen. Allerdings weisen dem Robert Koch-Institut zufolge gut die Hälfte der Erwachsenen ein moderates Defizit an Vitamin D auf. Die meisten der Betroffenen könnten dieses Defizit aber leicht ausgleichen, so der BDI: Dafür braucht es täglich gerade einmal 25 Minuten an der frischen Luft, wobei rund ein Drittel des Körpers dem Tageslicht ausgesetzt werden sollte.

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