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Start in EM-Saison
Mohamed Abdilaahi will endlich auch in Meisterschaftsrennen glänzen

| von Joël Kruse

Ende März hat Mohamed Abdilaahi den deutschen 10.000-Meter-Rekord von Dieter Baumann geknackt. Mit zwei Rennen in China startet er jetzt in eine Saison, in der er bei der EM glänzen will.

Rennen gegen die Uhr hat er mit Bravour absolviert und dabei eindrucksvoll deutsche Uralt-Rekorde über 5.000 und 10.000 Meter gelöscht. Die Wettkämpfe bei großen Meisterschaften liefen dagegen eher enttäuschend, auch weil er selbst sein größter Gegner war. Das soll jetzt anders werden. Mohamed Abdilaahi ist reifer denn je für die internationale Bühne.

Das will er im August bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham beweisen. Offen ist noch auf welcher Strecke. Von 1500 über 5000 bis 10.000 Meter ist alles möglich. Zum Auftakt der Saison wird er jetzt bei zwei Rennen in der Diamond League antreten, in der sich die großen Stars der Leichtathletik im Mai in China treffen. Hier liest du, wie die Vorbereitungen gelaufen sind und was er sich vorgenommen hat.

Sein letztes Instagram-Video vor dem Abflug nach China aus dem Höhentrainingslager in der Sierra Nevada hat Symbolcharakter: Die Drohnen-Aufnahme zeigt Mohamed Abdilaahi allein auf der Bahn, im Hintergrund das Trainingszentrum vor malerischer Bergkulisse umhüllt von Nebelschwaden. Es ist quasi ein Höhenflug ins Ungewisse.

Der 27-Jährige steht vielleicht an einem entscheidenden Punkt seiner Laufkarriere und sieht sich selbst nach dem vierwöchigen Trainingslager auf 2.300 Metern Höhe mit 696 absolvierten Kilometern „auf einem Level, auf dem ich noch nie war“. Im Gespräch vor seinem Abflug nach China, wo er am 16. Mai in Keqiao im Großraum Shanghai über 3.000 Meter und am 23. Mai in Xiamen über 5.000 Meter zwei Diamond-League-Rennen gegen starke internationale Konkurrenz bestreiten wird, präsentiert sich der gebürtige Mönchengladbacher voller Selbstbewusstsein und Vorfreude.

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Ideale Trainingsbedingungen in der Sierra Nevada

„Ich habe hier ideale Bedingungen vorgefunden, konnte hohe Umfänge absolvieren und hatte keine körperlichen Probleme.“ Er sei absolut konkurrenzfähig, wolle die Rennen mitgestalten, wisse aber nicht genau, was ihn erwarte, nur eines stehe fest: „Ich bin sowohl für ein taktisches als auch ein schnelles Rennen sehr gut vorbereitet.“

Insbesondere bei den schnellen Einheiten habe er festgestellt, dass er auf einem ganz anderen Niveau sei. „Wichtig ist ja, dass ich das Niveau halten und meine Form auch umsetzen kann“, betont er. In China wolle er auf jeden Fall unter die Top 8 laufen, so wie er es auch schon in den vergangenen beiden Jahren mit zwei vierten, einem sechsten und einem siebten Platz geschafft hat. „Alles, was noch besser ist, nehme ich natürlich sehr gern an“, sagt er mit einem Lächeln. „Es wird auf jeden Fall sehr interessant.“

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Trainer-Vater teilt Leidenschaft zum Laufen

Mehr als nur interessant für die Lauf-Szene war sein 10.000-Meter-Rennen am 28. März dieses Jahres, als er in den USA den 29 Jahre alten Deutschen Rekord von Dieter Baumann auf 26:56,58 Minuten um knapp 24 Sekunden verbesserte und als erster Deutscher unter 27 Minuten blieb. Auch da sei er nach einem mehrwöchigen Höhentrainingslager in Flagstaff „sehr, sehr gut drauf gewesen“. Bereits am 11. Juli 2025 hatte er beim Diamond-League-Rennen in Monaco über 5.000 Meter ein dickes Ausrufezeichen gesetzt und den deutschen Uralt-Rekord von Dieter Baumann aus dem Jahr 1997 von 12:54,70 Minuten auf 12:53,63 Minuten verbessert.

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick zurück in seine sportliche Vergangenheit: Mit 16 Jahren spielt Mohamed bei der DJK VfL Willich Fußball und träumt davon eines Tages mal Profi zu werden. Wenig später reift in ihm der Gedanke, es vielleicht mal mit der Leichtathletik zu probieren. „Ich wusste, dass ich Talent habe und konnte das bei Schulwettkämpfen oder Bundesjugendspielen bereits zeigen“, erzählt er. Schnelle Erfolge in der Leichtathletik und die Unterstützung durch seinen Vater Ahmed, der ihn schon immer eher in der Leichtathletik gesehen hatte, halfen bei der Entscheidung, die Sportart zu wechseln.

Nach diversen Vereins- und Trainerwechseln startet er heute für Cologne Athletics und wird seit gut zwei Jahren wieder von seinem Vater betreut. „Mein Vater war schon immer Teil meiner sportlichen Laufbahn und keiner kennt mich besser als er und weiß, was gut für mich ist.“ Sein Vater habe zwar keine klassische Trainer-Ausbildung, teile aber die Leidenschaft zum Laufen und konnte viel Wissen und Erfahrung von anderen Trainern über die Jahre aufsaugen. „Das passt einfach wie die Faust aufs Auge zwischen uns. Wenn wir uns mal in die Haare kriegen, dann nur wegen meines Studiums.“

Mohamed Abdilaahi studiert seit fast drei Jahren Sport-Businessmanagement an der Fernuniversität IST in Düsseldorf und pendelt, wenn er nicht gerade im Höhentrainingslager weilt, zwischen Düsseldorf, seinem Wohnort Dortmund und Willich, wo seine Eltern und seine fünf Geschwister leben. Privat ist er eher ein ruhiger Typ, trifft sich gern mit Freunden, um etwas zu unternehmen.

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Aus Misserfolgen gelernt

Sportlich liebt er es eigentlich eher „unruhig“ und sagt: „In früheren Jahren war es schwer mich zu stoppen, da war ich viel zu hungrig.“ Einige Misserfolge bei internationalen Höhepunkten, wie beispielsweise der Halbfinal-KO bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio oder das Vorlauf-Aus bei den Weltmeisterschaften 2025 jeweils über 5.000 Meter, hätten dazu beigetragen, dass er jetzt ruhiger und bewusster trainiere. „Immer härter trainieren und immer nur ballern, ballern, ballern wie früher macht einfach keinen Sinn.“  

Die Lehren, die er und sein Trainer-Vater aus den vergangenen Jahren gezogen haben und die aktuelle Top-Form, die er aus der Sierra Nevada mitgebracht hat, lassen ihn optimistisch in die Saison blicken. Nach den Starts in China folgt direkt das nächste Höhentrainingslager im französischen Font Romeu auf 1.850 Metern Höhe bis zum Saisonhöhepunkt, den Europameisterschaften in Birmingham. Von dort aus sind Starts auf unterschiedlichen Strecken in Marseille, Nizza, Monaco, London und den Deutschen Meisterschaften Ende Juli in Bochum geplant.

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Marathon ist noch sehr weit weg

Auf welchen Distanzen er bei der EM laufen wird, hänge vom Saisonverlauf ab. Von 1.500 und 5.000 Meter oder 5.000 und 10.000 Meter oder nur eine Distanz sei alles möglich. Und wann sehen wir ihn auf der Straße in einem Halbmarathon- oder Marathonrennen, nachdem er ja am 11. Januar dieses Jahres in Valencia über 10 Kilometer in 27:22 Minuten einen deutschen Rekord aufgestellt hatte? „Das wird natürlich irgendwann mal der Fall sein. Ein Halbmarathon ist natürlich nichts Ungewöhnliches für mich und möglich. Aber der Marathon ist noch sehr weit weg“, sagt er.

Bis dahin wolle er sich auf der Bahn seinen großen Traum erfüllen: „Ich hoffe, dass eines Tages auch für mich bei einer internationalen Meisterschaft der Moment da sein wird und ich ganz oben auf dem Podest stehen werde. Aber ich will es nicht mehr erzwingen. Ich möchte einfach immer mein Bestes geben, so schnell wie möglich laufen und der Rest kommt dann von ganz allein.“ Er wisse, dass er genügend Potenzial besitze, um eines Tages vorne mit dabei sein zu können. „Und dann möchte ich irgendwann mal auf eine Karriere zurückblicken können, auf die ich stolz sein kann.“ Am liebsten mit einer Goldmedaille um den Hals.