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Frau Schmitts Kolumne
Morgen geh ich einen heben

| Text: Heidi Schmitt | Foto: Adobe Stock/Bluesky60

Heidi Schmitt ist Läuferin und Autorin aus Leidenschaft. In ihrer Kolumne auf laufen.de schreibt sie über das, was sie beim Laufen erlebt. Diesmal: Ist Laufen out?

Laufen ist out. Überhaupt Ausdauersport. Sollte man nicht mehr machen. Bringt auch nichts. Das sagen zumindest unzählige Beeinflusser in den sozialen Medien und die wissen schließlich immer, was gerade Sache ist.

Nun gut, die Teilnehmerzahlen bei Marathonveranstaltungen gehen deutlich in die Höhe, aber so eine Marathonstrecke ist angeblich dennoch ein Holzweg. Denn beim Laufen fehle nun mal die Kraftkomponente und ohne Kraft sei alles nichts, sagen die Beeinflusser. Laufen, so posten sie, führe praktisch auf direktem Wege in den Oberschenkelhalsbruch und damit ins Grab.

Dicke Arme statt dünne Laufheringe

Jemand hätte also die Läufer M70, die mich nicht selten bei Volksläufen überholt haben, warnen müssen. „Haltet ein! Euch fehlt die Kraft! Greift nicht nach der Medaille, greift zur Hantel!“ Natürlich tut man als braver Läufer zuhause auch immer etwas für den Rumpf, aber wer will schon Rumpf, wenn er dicke Arme haben kann? Tattoos brauchen Platz! Dünne Laufheringe mit schlackernden Netzhemden können da nicht mitreden.

Wenn überhaupt noch gelaufen werden sollte, dann bestenfalls kurz und schnell, zwischen einem Sled Push und Sandbag-Lunges. So heißen zwei der Disziplinen beim Hyrox, einer Art kompetitivem Zirkeltraining. Beim Hyrox wirft man unter Zeitdruck 100-mal einen Medizinball an die Wand, zieht und schiebt 100-Kilo-Schlitten, springt in den Liegestütz oder schleppt Kettlebells, eine Art bleierne Handtaschen. Und dazwischen fetzt man jeweils 1000 Meter durch eine Halle bis die Lunge brennt. Am Ende darf man eine klumpige Proteinbrühe schlürfen und sich abklatschen.

Laufen mit Bootcamp-Charakter

Die beiden Hamburger Erfinder der Trendsportart haben einfach alles miteinander kombiniert, was ganze Generationen am Schulsport gehasst haben. Und es dann mit überraschungsarmer Musik und einem Lizenzmodell abgerundet. Die Idee läuft wie verrückt, wie kann es anders sein. Nichts ist so rätselhaft wie der Mensch.

Laufen jedenfalls sollte heute wohl einen Bootcamp-Charakter haben. Bei meiner letzten Sonntagsrunde kam mir eine Gruppe laufender Menschen entgegen, angeführt von einem Sonnenbrillen-Model mit Bluetooth-Box und einer Läuferin, die alle Mitlaufenden mit lautem Schreien zu motivieren versuchte, sie sollten wohl ihre „asses off“ getten. Ich war augenblicklich demotiviert.

Selbsttranszendental laufen und dann ein paar Leute stemmen

Die Zeiten, als Menschen wie der spirituelle Lehrer Sri Chinmoy mit stundenlangem schweigendem Laufen als „Self-Transcendence“ warb – sie sind offenbar lange vorbei. Wobei selbst Chinmoy im Alter in den Kraftsport wechselte und statt Hanteln gern auch mal Autos, Yachten oder Elefanten stemmte. Und danach zur Entspannung Prominente wie Nelson Mandela, Yoko Ono oder Richard Gere in die Höhe lupfte.

Aber immerhin: ohne Musik. Darauf könnte ich mich ja einlassen. Meditativ und selbsttranszendental vor mich hinlaufen bis – sagen wir – im Alter von 70, und danach hebe ich ab und zu mein Fahrrad, meinen Hund oder die Enkel von Eckart von Hirschhausen und Lena Meyer-Landrut in die Höhe. Allein der Gedanke daran gibt mir jetzt schon Kraft.