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Olympia-Marathon: Eliud Kipchoge krönt seine Karriere

| Ulrike John (dpa), Pamela Ruprecht I Foto: imago
Ein Silbermedaillengewinner aus Äthiopien, der auf die politischen Probleme aufmerksam macht, ein ganz überlegener Kenianer und zwei glückliche deutsche

Ein Silbermedaillengewinner aus Äthiopien, der auf die politischen Probleme aufmerksam macht, ein ganz überlegener Kenianer und zwei glückliche deutsche Debütanten: Traditionell ging mit dem Männer-Marathon die olympische Leichtathletik von Rio zu Ende.

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Philipp Pflieger freute sich nach dem kräfteraubenden Marathon-Lauf auf seinen Brasilien-Urlaub. Julian Flügel hatte es nach dem Zieleinlauf besonders eilig. „Ich muss dringend nach Hause, bei mir wartet meine Frau Antonia und nächste Woche das Kind vielleicht. Termin ist der 27. August“, sagte der Läufer aus Großbieber. Die beiden deutschen Olympia-Debütanten rannten am Sonntag beim Klassiker über 42,195 Kilometer auf die Ränge 55 und 71 und zogen trotz der hinteren Plätze mit strahlenden Gesichtern von dannen.

Mit einem Lächeln war weit vor ihnen Eliud Kipchoge angekommen. Der Favorit aus Kenia kürte sich zum Goldmedaillengewinner. Im Sambódromo von Rio de Janeiro sackte der 31-Jährige aber erst mal mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Knie. Kipchoge hatte sich bei gut 30 Kilometern aus dem führenden Trio gelöst und seinen Vorsprung kontinuierlich ausgebaut. Am Ende siegte er in 2:08:44 Stunden vor Feyisa Lilesa aus Äthiopien (2:09:54 h). Der Goldmedaillen-Gewinner von London, Stephen Kiprotich aus Uganda, wurde 14. „Rio de Janeiro ist so wundervoll, das wird in meinen Gedanken bleiben“, sagte Kipchoge.

PK wird zum Protest-Auftritt

Silbermedaillengewinner Lilesa rannte mit hoch erhobenen und gekreuzten Händen ins Ziel und erklärte später in der Pressekonferenz minutenlang, dass dies ein Protest dagegen sei, dass es in seiner Heimat so viele politische Gefangene gebe. „Streikt für Frieden! Sprecht über Demokratie - überall auf der Welt!“, forderte er. Lilesas Englisch reichte allerdings nicht aus, um sich richtig verständlich zu machen.

Der Amerikaner Galen Rupp lief in 2:10:05 Stunden überraschend zu Bronze und lag am Ende seiner weinenden Mutter in den Armen. Der 30-Jährige hatte über 10.000 Meter den fünften Platz belegt und sich bei seinem Marathon-Debüt im Februar in Los Angeles für Rio qualifiziert. Damit feierten die insgesamt überraschend starken US-amerikanischen Läufer einen weiteren großen Erfolg bei den Olympischen Spielen. Vierter wurde der Marathon-Weltmeister Ghirmay Ghebreslassie (Eritrea) in 2:11:04.

Kipchoge hat nun alle Medaillendfarben

Eliud Kipchoge machte indes seinen Medaillensatz komplett: 2004 in Athen holte er Bronze über 5000 Meter, 2008 in Peking über die gleiche Strecke Silber, nun Gold im Marathon. Er gewann mit dem größten Vorsprung seit dem US-Amerikaner Frank Shorter 1972 in München. Und er ist Kenias zweiter Marathon-Olympiasieger nach dem 2011 verstorbenen Samuel Wanjiru, dem Sieger von 2008.

Da eine Woche zuvor in Rio Jemima Sumgong den ersten Frauen-Sieg für Kenias Marathon-Asse bei Olympia herausgelaufen war, feierte das ostafrikanische Land nun das erste Double einer Nation. „Das ist äußerst wichtig für uns“, sagte Kipchoge. „Es war nicht wirklich leicht, aber ich habe mich ganz komfortabel gefühlt. Die letzten fünf Kilometer oder so war ich alleine, da bin ich locker geworden.“

Rennhälften in 65:55 und 62:49 Minuten

Wie stark der Kenianer ist, zeigen auch die beiden Marathonhälften, die er in Rio lief: Die Halbmarathonmarke hatte er in der großen Spitzengruppe nach 65:55 Minuten erreicht, den zweiten Abschnitt lief er gut drei Minuten schneller in 62:49. „Es ist ein Meisterschaftsrennen gewesen, und es war langsam, so dass ich mich entschied, die Initiative zu ergreifen. Jeder will hier natürlich eine Medaille gewinnen - ich kam nach Rio, um Gold zu gewinnen“, sagte Eliud Kipchoge. „Wir haben Geschichte geschrieben, denn erstmals kommen in den olympischen Marathonrennen sowohl die Frauen- als auch der Männersieger aus einem Land. Dies ist der beste Moment in meinem Leben.“

Glücklich im Ziel: Julian Flügel und Philipp Pflieger

Julian_Fluegel_Rio_Marathon

„Es war unfassbar hart. Auf den ersten Blick waren wir gesegnet mit den Bedingungen im Vergleich zum Glutofen vor einer Woche bei den Frauen“, sagte Pflieger.„ Aber die Luftfeuchtigkeit war unglaublich hoch.“ Der Regensburger war nach 2:18:56 Stunden angekommen, Flügel nach 2:20:47. Er war für den verletzten Wattenscheider Hendrik Pfeiffer nachgerückt. Der deutsche Rekordhalter Arne Gabius hatte kurz vor Rio verletzt absagen müssen.

Dem 29 Jahre alten Pflieger hatte es nach 39 Kilometern „den Stecker gezogen“. Flügel räumte ein: „Ich habe schon ungefähr auf der Hälfte der Strecke gelitten. Aber es war ein Riesengefühl hier im Ziel. Das entschädigt für alle Leiden all die Jahre.“ Seine olympische Premiere beendete Flügel übrigens mit einen gewonnenen Zielspurt um Platz 71. Auch das ist Olympia.

Das sagt Philipp Pflieger

„Auf den ersten Blick waren die Bedingungen heute deutlich besser als bei den Frauen, wo es ein Glutofen war. Aber durch den Regen war es, sobald es ein bisschen wärmer geworden war, ein absolutes Dampfbad-Feeling. Man hat extrem viel Flüssigkeit verloren. Deswegen hat man auf der zweiten Hälfte wahnsinnig viele Leute eingeholt, die entweder am Streckenrand gestanden sind oder sich vollkommen übernommen haben und rückwärts gegangen sind.“

Das sagt Julian Flügel

„Es war ein sehr solides Rennen. Die Vorbereitungszeit war mit fünf Wochen natürlich doch ein bisschen kurz. Aber es ist natürlich ein riesen Ding, dass ich hier dabei sein konnte. Auch nochmal ein riesen Kompliment an Hendrik Pfeiffer, der das sportlich fair gemacht hat und gesagt hat, ich bin nicht richtig fit und werde bis Rio nicht mehr auf die Beine kommen.“