Die härtesten 400 Meter meines Lebens

| Magdalena Nellessen | Fotos: Red Bull

Eine Skisprung-Schanze hinaufrennen? Verrückt eigentlich! Immer mehr Läufer haben Lust darauf, sich dieser Herausforderung zu stellen. Was macht die Faszination aus? Wir haben laufen.de Mitarbeiterin Magdalena Nellessen in Titisee-Neustadt ins Rennen geschickt.

Mir ist schlecht. So richtig übel. Ich schließe die Augen. Langsam öffne ich sie wieder und blicke nach vorne. Vor mir erhebt sich die gewaltige Hochfirstschanze – die Großschanze der Skisprunganlage in Titisee-Neustadt. Zum Glück muss ich hier nicht hinunterfliegen, aber hinauflaufen. Was mit in diesem Moment auch nicht viel besser erscheint.

140 Höhenmeter auf einer Strecke von gerade einmal 400 Metern. Ich stehe an der Startlinie des Red Bull 400, es ist der härteste 400-Meter-Lauf der Welt, sagt man… Ich bin gespannt. Die Serie der Red Bull 400 gibt es mittlerweile auf 20 Schanzen, die auf drei Kontinenten stehen.

„Du schaffst das“

Julia, die Läuferin direkt neben mir, schaut mich ein wenig mitleidig an und versucht mich aufzumuntern: „Du schaffst das schon, mach dir keine Sorgen.“ Ich versuche zu lächeln, es muss sehr gequält wirken. Meine Vorbereitung war alles andere als intensiv. Die letzten Wochen haben meine Laufschuhe unbenutzt im Schrank verbracht und so plagen mich die Zweifel, ob ich der vor mir liegenden Herausforderung überhaupt gewachsen bin. Dennoch überwiegen mein Ehrgeiz und meine Neugier genau das herauszufinden. Und so stehe ich jetzt mit 45 Mitstreiterinnen im Auslauf der Skischanze und warte, dass es endlich losgeht.

1350 Teilnehmer aus über 30 Nationen

Es ist ein warmer Tag im Hochschwarzwald und bereits seit zweieinhalb Stunden laufen die insgesamt 13 Vorläufe der Herren. Immer häufiger schiebt sich eine Wolke vor die strahlende Sonne und spendet den rund 1350 Teilnehmern und auch den vielen Helfern einen Moment lang kühlenden Schatten. Aus über 30 Nationen sind Läuferinnen und Läufer nach Titisee-Neustadt gereist, um die fünfte Auflage dieses Spektakels mitzuerleben. Auf der Anlage herrscht eine tolle Stimmung, die von zwei Moderatoren gemeinsam mit zwei DJs zusätzlich angeheizt wird. Überall spürt man die Vorfreude und gleichzeitig den Respekt vor der bevorstehenden körperlichen und mentalen Herausforderung.

In meiner Startgruppe, dem ersten Damen-Vorlauf, ist die Anspannung und Ungeduld greifbar. „Noch drei Minuten bis zum ersten Start der Damen“, dröhnt es durch die Lautsprecher. Ich beginne nervös von einem Bein auf das andere zu hüpfen. „Ich will einfach nur oben ankommen“, sagt Verena, die Läuferin rechts neben mir. So geht es mir auch, Hauptsache nicht mitten auf der Strecke abbrechen müssen, das ist meine größte Sorge.

Aufrecht laufen so lange es geht

„Ihr müsst so lange wie möglich aufrecht Laufen und auf keinen Fall stehen bleiben“, bekommen wir noch letzte Tipps von Sina, die die Strapazen des Red Bull 400 in Titisee-Neustadt bereits zum zweiten Mal auf sich nimmt und heute unbedingt das Finale erreichen will. Ich nehme mir ihre Hinweise zu Herzen. Noch eine Minute. Mein Herz hämmert wie wild. Noch 30 Sekunden. Ich will endlich los. ACDCs „Hells Bells“ schallt durch das Skisprungstadion. Die Nachmittagssonne schiebt sich zwischen den Wolken hervor und taucht die Hochfirstschanze in ein goldgelbes Licht. Noch zehn Sekunden, 3,2,1 und los geht es.

Bis zu 70 Prozent Steigung

Die ersten 100 Meter sind schnell absolviert. Zunächst geht es kurz hinab und dann wieder ein Stück bergan. Obwohl ich mich eigentlich mit dem Tempo eher zurückhalten wollte, finde ich mich nach etwa 120 Metern im Mittelfeld der Gruppe wieder. Ab hier wird der Aufsprunghang der Schanze zunehmend steiler und ich versuche, möglichst entspannt mein Tempo weiterzulaufen. Von den Herrenläufen weiß ich bereits, dass es ab der 200-Meter-Marke richtig hart wird. Bei einer Steigung von 30 bis 35 Grad, was etwa 70% entspricht, kann keiner mehr aufrecht gehen, doch auch auf allen Vieren haben viele Teilnehmer hier an diesem Tag Probleme und rutschen immer wieder ab. Ich bin froh, dass ich mich an den Hinweis des Veranstalters gehalten und meine Trekkingschuhe angezogen habe. So bleibt mir eine unangenehme Rutschpartie zum Glück erspart.

Mit hochrotem Kopf auf den Schanzentisch

Plötzlich befinde ich mich gänzlich entgegen meiner Erwartungen im vorderen Drittel des Feldes. Jetzt wird es richtig hart. Ich sehe nur noch das grüne Gras direkt vor meinen Augen und versuche meine brennenden Waden vom nächsten Schritt zu überzeugen. „Bloß nicht stehen bleiben“, denke ich in Erinnerung an Sinas Tipp. Ich bin nun komplett im Tunnel, von meiner Umwelt bekomme ich nichts mehr mit.

Die Schanze und damit die letzten 100 Meter kommen immer näher. Mit hochrotem Kopf ziehe ich mich die Rampe zum Schanzentisch empor. Im Winter starten hier die Skispringer mit bis zu 90 km/h ihren Flug durch die Luft - nur eben in entgegengesetzter Richtung. Ich überlege, wie langsam man wohl ist, wenn man wie wir die Schanze von unten nach oben bewältigen will.

Nach 7:35 Minuten erschöpft im Ziel

Die Schanze ist jetzt mit Betonplatten versehen auf denen trockene Erde liegt und mich immer wieder fast zum Rutschen bringt. Also ziehe ich mich an dem niedrigen Metallgeländer an der Seite hoch. Alles tut weh. Oberschenkel, Waden, Arme und Lunge brennen. Ich nehme wahr, wie der Sprecher im Ziel bereits die Siegerin des Laufes, Suzy Walsham aus Neuseeland, beglückwünscht.

Die Lücke zu meinen Kontrahentinnen hinter mir scheint derweil immer kleiner zu werden und mich packt nochmal der Ehrgeiz. Ich mobilisiere meine allerletzten Kraftreserven und ziehe mich die finalen Meter in Richtung Ziel empor. Tatsächlich gelingt es mir, meine Verfolgerinnen auf Abstand zu halten. Dann ist es geschafft, nach 7:35 Minuten falle ich völlig erschöpft ins Ziel. Meine Beine wollen mich nicht mehr tragen.

Zeit zum Verschnaufen bleibt keine und auch der Blick ins Tal, auf den ich mich sehr gefreut hatte, muss leider ausfallen, denn die vielen Helfer weisen uns an, das enge Starthaus oben auf der Schanze möglichst schnell zu verlassen. Mit meiner Finisher-Medaille um den Hals schwanke ich unsicher die Treppe hinunter auf die Straße und bin noch nicht wirklich in der Lage zu begreifen, was in den letzten zehn Minuten eigentlich passiert ist.

Anton Palzer stellt neuen Schanzenrekord auf

Nach dem langen Weg zurück den Berg hinunter werde ich unten angekommen von vielen freundlich strahlenden Gesichtern begrüßt. „Super gemacht, du hast es geschafft“, höre ich von allen Seiten und auch die Moderatoren feiern alle Teilnehmer als Helden. Ich setze mich zu den anderen Zuschauern, verfolge die weiteren Rennen, genieße die Stimmung und komme langsam wieder zu Kräften.

In Feuerwehr-Montur auf die Schanze

Nachdem die drei Vorläufe der Damen abgeschlossen sind, folgen die der Herren-Staffeln und Feuerwehr-Leute. Anschließend sind dann wieder die Herren dran und bestreiten ihre Halbfinals. Sie sind die Einzigen, die an diesem Tag im besten Falle drei Mal die Schanze erklimmen müssen.

Gespannt verfolge ich zunächst das Finale der Damen. Auch sie packen nochmal Höchstleistungen aus und in beeindruckenden 4:45 Minuten kommt Vorjahressiegerin Suzy Walsham, die ich schon aus meinem Vorlauf kenne, als erste Frau ins Ziel. Für das letzte Rennen des Tages, das Finale der Herren, kocht die Stimmung nochmal richtig hoch und gemeinsam feuern Teilnehmer, Familien und Freunde die schnellsten Teilnehmer des Tages an.

In einem spannenden Schlussspurt sichert sich der erfahrene Red Bull 400 Starter Anton Palzer seinen ersten Sieg in Titisee-Neustadt. Dem Skibergsteiger, der mit sensationellen 3:24 Minuten einen neuen Streckenrekord aufstellt, kann heute keiner folgen.

Emotional und körperlich erschöpft

Bei der abschließenden Siegerehrung holen mich plötzlich die Emotionen des Tages ein und mir wird bewusst, dass ich nicht nur mein Ziel erreicht habe, die Schanze zu bezwingen, sondern dass ich sogar recht flott unterwegs war. Auf einmal steht Sina aus meinem Vorlauf neben mir. Auch sie hat ihr Ziel, die Finalteilnahme, erreicht und strahlt. „Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Wir können alle stolz auf uns sein“, sagt sie zu mir.

Als „We are the Champions“ von Queen aus den Lautsprechern dröhnt, empfinde nicht nur ich Euphorie und Stolz. Die Erschöpfung weicht ganz langsam aus meinem Körper. Es war eine tolle Erfahrung. Wahrscheinlich würde ich es noch einmal machen. Dann aber etwas besser vorbereitet.

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