Renn oder verlier – 118 km Dalmacija Ultra Trail

| Text: Juliane Ilgert | Fotos: DUT

118 Kilometer mit 5.160 Höhenmetern durch die kroatische Region Dalmatien. Juliane Ilgert hat den 118 Kilometer langen Dalmacija Ultra Trail nicht nur gefinisht, sondern sogar gewonnen. Wir lassen die superfitte Trailrunnerin erzählen, wie sie das Rennen erlebt hat: Über Erschöpfung, Ausraster und ein Happy End.

Freitag, 13. September 2019, 22 Uhr, Echternach in Luxemburg, Start des 113 km UTML
Im Fernsehinterview kurz vor dem Start antworte ich auf die Frage nach meiner Erwartung an das bevorstehende Rennen: „Sieg oder DNF (Did not finish).“ Denn ich bin fit wie nie zuvor, allerdings ist der 267 km Transalpine Run erst fünf Tage her, diese Vorbelastung könnte ein Problem sein. Falsch gedacht. Etwas anderes wird zum Problem. Es kommt zum DNF. Und das, obwohl ich nach 80 km mit 1,5 Stunden Vorsprung auf die zweite Frau laufe: Ich verlaufe mich! Folge? Unbeschreibliches Unverständnis, Wut und der Entschluss, bei einem anderen Rennen zu starten, mit dem ich meine Saison erfolgreich beenden kann. Ersatz ist schnell gefunden: Der 118 km Dalmacija Ultra Trail in Kroatien (DUT) soll mein letztes Rennen werden. Bis dahin bin ich rastlos und voller Ehrgeiz, verursacht durch das Scheitern. Diese Energie wird mich am Ende zum Sieg führen. Das Scheitern hat auch immer eine gute Seite.

Der DUT

Freitag, 18. Oktober 2019, 22 Uhr, Solin in Kroatien, Start des 118 km DUT
Ich bin bereit. Ich will gewinnen. Ich werde all in gehen. Alle 118 km-Starter stehen kampfbereit im Amphitheater in Ancient Salona. Sie stehen aufrecht wie Russel Crowe in „Gladiator“ kurz vor der Schlacht. Nur besser ausgerüstet mit Stirnlampe, Rucksack inklusive Pflichtequipment, Laufstöcken, Kompressionskleidung, Mützen, Handschuhen, Erste-Hilfe-Set. Der Sand knirscht unter den grippy Trailschuhen. Vor uns flackert das Feuer einer Allee aus Fackeln, durch die wir gleich aus der Arena rennen werden. Episch. Das Startsignal – ein Kanonenschuss, ebenso episch. Ab jetzt höre ich nur noch meine Metal Musik, die mindestens genauso episch ist und mich pusht. Ich bin sofort im Tunnel. Gebe Gas. Renne. Immer dem Schein der Stirnlampe nach. Direkt hinter den drei führenden Männern. Einer von ihnen, der Franzose Gilles Klipfel wird das Rennen später in knapp 15 Stunden gewinnen. Ich werde dann noch lange nicht im Ziel sein…

Wir lassen die Fackelallee hinter uns. Statt Feuer erstrahlt der Mond jetzt das sandig-steinige Terrain. Auch die Sterne sind sehr klar zu erkennen. Und das Meer reflektiert den Schein. Es ist warm und wir kämpfen uns schwitzend, keuchend, im Gleichschritt voran. 118 km to go.

Der erste lange Anstieg. Die Dunkelheit verschluckt die DUT-Gladiatoren. Steinig, steil und voller Dornenbüsche. Ständig schneiden die scharfen Spitzen in das Fleisch meiner Beine. Ich könnte ausweichen, aber das würde Zeit kosten. Lieber bluten als verlieren. Der Staub, den die Männer vor mir aufwirbeln, erschwert mir das Atmen und bedeckt mein Gesicht.

Kilometer und Stunden vergehen auf diesem steinigen Trail, von dem ich einen Blick auf die Stadt habe, die wir eben überstiegen haben – traumhaft schön. Ich verliere die ersten Männer und bin allein. Ich will nirgendwo anders auf der Welt sein als hier, voller Schweiß, Staub, Blut und der Stirnlampe auf meinem Kopf unter Sternenhimmel, das Meer und die Berge im Blick. Das ist mein Abenteuer, mein Kampf, ich fühle mich selbst als kleine Gladiatorin. Statt mit Schwert und Schild bin ich Stirnlampe und Asics Trabuco ausgestattet.

Alle zehn Kilometer erwartet uns Läufer ein voll gedeckter Verpflegungsstand: Mandarinen, Brot, Cola, Wasser, Iso, Schokolade, Chips, Nüsse. Ich greife zu, hamstere Nüsse und Schokolade in meinen Gefrierbeutel, der in meinem Rucksack verschwindet und renne direkt weiter. Keine Zeit verlieren. Bei einer sehr technischen Passage, bei der wir über spitze Steinschluchten balancieren müssen, überholen mich die Kroaten Josip und Marco. Die beiden fliegen über das Terrain und ich hänge mich an sie dran, kopiere ihre sicheren Schritte und bin schneller als alleine unterwegs. Wir werden über 40 km zusammenlaufen, viel zusammen lachen, bluten und irgendwann werden sie mich abhängen. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Jetzt sind sie die besten Pacemaker, die ich mir wünschen kann.

Und so vergeht die Nacht.

Die schleichende Erschöpfung

Nach 60 km ständigen Aufs und Abs auf technischem Untergrund sind acht Stunden vergangen. Ich schicke meinem Kumpel Luke eine WhatsApp-Audio, in der ich noch lachen kann, aber erwähne, wie müde ich bin. Und allein. Mein Laufschritt ist fest und gleichmäßig. So gleichmäßig, dass meine Augen immer wieder zufallen. Nicht einschlafen! Nicht einschlafen! Ich bin noch immer erste Frau und das will ich bleiben. Also gebe ich mir selbst leichte Ohrfeigen, kneife mich in den Arm und singe laut Lieder. Nicht einschlafen!

Endlich geht die Sonne über den kroatischen Bergen auf und der nächste Verpflegungsstand naht. Das Orga-Team jubelt und ich freue mich, wieder hamstern zu können, trinke Suppe, esse Nudeln, lache über die Gags der lustigen Kroaten und ziehe weiter, so zügig ich kann. Denn die Konkurrenz könnte direkt hinter mir lauern – es gibt kein Zeit-Tracking, sodass ich nicht taktieren kann, ich muss all in gehen, wenn ich siegen möchte. 60 km to go.

Der fiese Ausraster

Dass etwas mit mir nicht in Ordnung ist, merke ich, als ich einen Heulkrampf bekomme, nur weil meine Kopfhörer sich am Rucksack verhakt hat und ich das Kabel in unverhältnismäßiger Aggression zerreiße. Ich bin also an der nervlichen Belastungsgrenze angekommen. Schnell stopfe ich mir meine gehamsterten Nüsse und Schokolade in den Mund, um zusätzlichen Unterzucker zu vermeiden. Ich bin inzwischen 102 km ohne Pause gelaufen und die Sonne brennt. Wieder muss ich mich durch Dornengebiet kämpfen und inzwischen ist es mir nicht mehr so egal, dass die Spitzen mein wundes Fleisch aufreißen. Ich heule, schreie, fluche und hasse diesen Sport, den Veranstalter, den Streckenplaner, die Steine, Dornen, meine Kopfhörer und verfluche alles und alle. Ich will nicht mehr! Ich trete – so gar nicht mehr gladiatormäßig – wie ein trotziges Kind gegen einen Stein und tue mir dabei so weh, dass ich noch aggressiver werde. Aber Aggression gibt Kraft, also laufe ich schneller weiter. Allein aus der Motivation heraus, den „Scheiß hier hinter mir lassen zu können“.

Die armen, netten Helfer an der nächsten Verpflegungsstation ahnen ja nicht, was in mir vorgeht, wie fertig ich bin. An dieser Stelle noch einmal Entschuldigung für die folgende Szene: Bei dem Versuch, meine Trinkblase mit Wasser zu füllen, hakt der Verschluss und ich verspüre schon wieder das Bedürfnis, das Ding zu zerreißen und stöhne schon verdächtig aggressiv. Eine Helferin eilt mir zur Unterstützung. Als sie den Verschluss in meinen Augen nicht schnell genug aufbekommt, reiße ich ihr meinen Rucksack samt Trinkblase aus der Hand, schmeiße alles zu Boden und trete heftig dagegen, schlage die Hände über dem Kopf zusammen, heule, fluche und wende mich ab. Statt einer Schelle, die ich verdient hätte, bekomme ich Schokolade gereicht. Danach geht es mir besser und ich entschuldige mich. Du bist nicht du, wenn du im Unterzucker bist…

Beschämt laufe ich weiter. Und schwöre mir, nie mehr einen Wettkampf über 100 km anzutreten. Denn das macht mich offenbar zu einem fiesen Monster.

Der Sieg und das Warum

16 km „nur“ noch to go. In einer weiteren WhatsApp-Audio, die ich meinem Kumpel schicke, frage ich (heulend), wie ich bitte sechzehn (!) Kilometer schaffen soll?! Ich bin völlig am Ende, will mich einfach in Embryostellung an den Streckenrand legen und ewig schlafen. Jetzt wandere ich. Zum Laufen fehlt mir jede Motivation. Zur Aggression fehlt mir jede Kraft. Zum Weinen reicht sie noch. Also laufe ich an dem wunderschönen, türkisklaren Meer und dem hell-blendenden Strand der kroatischen Küste entlang und leide still-heulend vor mich hin. Ich denke an die letzten Wochen und meinen unbedingten Willen zum Sieg nach meinem Scheitern beim UTML. Das halte ich mir immer wieder vor Augen, auch wenn ich aktuell statt siegen schlafen möchte und statt Laufen lieber ein anderes Hobby hätte, eines im Sitzen am besten. Lesen ist doch auch cool?

Nach der Küste folgt wieder Trail. Fiese Steine, abartige Hitze und schmerzende Höhenmeter. „Juliane?“, höre ich hinter mir eine vertraute Stimme rufen. Judith aus dem Asics FrontRunner Team, die die 54 km-Strecke läuft! Ich falle ihr weinend in die Arme und sie weint aus Empathie direkt auch drauf los. Zusammen kämpfen wir uns bis zur letzten Verpflegungsstation weiter. Danach muss ich Judith ziehen lassen, weil ich ihr Tempo nicht mithalten kann. Ich setze einen Schritt vor den anderen, wie in Trance und frage mich, wie verdammt lang vier Kilometer sein können.

Auf einmal treffe ich auf Dane und Sinisa vom Orga-Team, die es sich hier in den Bergen gemütlich gemacht haben, Steak braten, Wein trinken und den Läufern cheeren. Das finde ich dermaßen cool, dass ich ein Glas Wein mit ihnen trinke und sich meine Stimmung extrem hebt. Bis zum nächsten Anstieg, der wieder einen Heulkrampf verursacht, bis zum nächsten Downhill, der mich wieder zum Lächeln bringt, bis kurz vor Ziel, was mich wieder zum Heulen bringt – diesmal aus unfassbarer Freude: SIEG!

In der Kanzlei, in der ich in München als Juristin arbeite, kommen noch Wochen später Kollegen auf mich zu, klopfen mir auf die anerkennend auf die Schulter und gratulieren. Das ist zwar nett, aber deswegen mache ich diesen Sport nicht, nicht für Anerkennung.
Diese Odyssee mit Happy End hat mir wieder einmal gezeigt, dass wir alles schaffen können, wenn wir dranbleiben, nicht aufgeben und unsere Komfortzone sprengen. Mit den netten DUT-Bekanntschaften habe ich schon neue Projekte geplant und die Bilder, diese wunderschönen Bilder von den Bergen unter Sternenhimmel, dem Weitblick über das vom Mond bestrahlte Meer, die bleiben für immer und tragen mich über den grässlich grauen Winter. Deswegen!

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