Emotionale Events erleben
Als Familie den Hamburg-Marathon gemeistert

| Ramona Richter I Bildergalerie: Norbert Wilhelmi
Gemeinsam als Staffel einen Marathon laufen. Das wird immer beliebter. Auch Ramona Richter wollte das erleben und überzeugte ihre Familie, als Staffel bei

Gemeinsam als Staffel einen Marathon laufen. Das wird immer beliebter. Auch Ramona Richter wollte das erleben und überzeugte ihre Familie (Foto), als Staffel beim Haspa Marathon-Hamburg dabei zu sein. Eine Geschichte über Training, Verletzungen und Glücksgefühle.

Bei meinem Debüt-Marathon vergangenes Jahr in Hamburg wollte ich spätestens bei Kilometer 33 mit den Staffel-Läufern tauschen. Ich meine, wie cool ist das denn: Du brauchst nur eine der vier Etappen (16,4 km, 11,2 km, 5,4 km und 9,4 km) zu laufen und darfst trotzdem Marathon-Luft schnuppern, dich bejubeln lassen und durchs Ziel rennen! Nein, natürlich ist das Gefühl, allein die 42,195 Kilometer bezwungen zu haben, mehr als großartig. Aber während des Laufens kann mir keiner erzählen, das ein oder andere Mal nicht neidisch auf die Staffelläufer geschaut zu haben.

Ich weiß gar nicht, wie ich auf die Idee kam, aber für mich stand kurz nach Zieleinlauf fest, nächstes Jahr laufen WIR die Staffel – meine Familie und ich! Normalerweise stehen sie immer am Streckenrand und feuern mich an – eine Riesen-Motivation für mich während eines Wettkampfs. Aber als ich sie 2015 im Ziel sah, lächelte ich nur innerlich und malte mir schon Bilder im Kopf, wie es wäre, zu viert durchs Ziel zu laufen. Außerdem, wenn sie sowieso immer dabei sind, warum nicht auch mal richtig?

So läuft's bei den Richters

Der Vater

Für meinen Papa, der bereits fünf Marathons hinter sich hat, brauchte ich natürlich keine großen Überredenskünste... Alles was unter 42,195 Kilometer fällt, ist laufbar – der volle Marathon an sich zwar auch, aber das ist dann mehr Kopf- als Beinsache. Papa, offiziell als Johannes Richter ausgeschrieben, sollte also die letzten 9,4 Kilometer ins Ziel laufen.

Der Bruder

Mein Bruder, ehemals Hamburger Meister im Sprint, müsste die vorgesehenen 11,2 Kilometer einfach durchrasen. Zwar wird sich seine Muskulatur wundern, warum er nach 11 Sekunden weiter rennt, aber für Langstreckler bzw. besonders Marathonläufer gehört das Ignorieren von nörgelnden Körpersignalen dazu. Auf meine Zwischenfragen, wie es denn wortwörtlich mit dem Training läuft, bekam ich nur ein: „Wann ist die Staffel noch mal?“ Das kann ja heiter werden...

Die Mutter

Und dann noch meine Mama, Alicia. Die noch nie zuvor einen Laufwettkampf bestritten hat und normalerweise nur ein entspannter Samstag-Läufer ist, der seinen Puls nicht höher als 130 scheucht. Sportliche Ziele setzen, sprich schneller oder weiter als die gewohnten vier Kilometer laufen? Neeeee! Dementsprechend war auch die Reaktion, als ich die Idee der Staffel euphorisch präsentierte. Ich versuche mal den Blick meiner Mutter treffend zu beschreiben: Ein dezentes Lächeln. Die Frequenz des Augenblinzelns nimmt zu. Auf dem Gesicht sind skeptische Falten und die Worte MARATHON und große ??? zu lesen... „Ramona, ich laufe keinen Marathon!“ Es brauchte einen Moment, bis ich ihr die Angst nehmen konnte, dass sie ja auch nicht den ganzen laufen muss, sondern lediglich die 5,4 Kilometer.

Die Verletzung

Wobei sich diese drei Wochen vor Start dann doch noch mal auf 9,4 Kilometer erhöhen. Mein Vater hat schon seit Dezember Probleme mit einem Fersensporn – doch da waren wir bereits für die Staffel angemeldet und zu dem Zeitpunkt zuversichtlich, dass es bis April besser werden würde. Leider nicht... Also musste ich meine Mutter, die sich mittlerweile mit der Idee angefreundet hatte, 5,4 Kilometer zu laufen, die vier weiteren Kilometer schönreden. Denn es stand fest, dass mein Vater die Strecke nicht laufen konnte. Selbst 5 Kilometer sind für einen Marathonläufer mit Fersensporn eine schmerzliche Angelegenheit, aber den Start wollte er sich nicht nehmen lassen.

Bedeutete gleichzeitig für meine Mutter: Trainieren! Aber meine Mama darf man nicht Knall auf Fall mit neuen Herausforderungen konfrontieren. Man muss sie unwissentlich einfach hineinlaufen lassen. So wie auch der erste Lauf über 8 Kilometer. „Ramona, das sind mehr als 6,5 Kilometer!“ Klar, sind ja auch acht... aber erzähl ihr das mal vor Trainingsbeginn... „Denk nicht an die Strecke... laufe einfach!“ Und schwupps, waren die acht Kilometer im Kasten und ihre glücklichen und stolz-überraschten Augen ein toller Moment für uns beide! „Nur noch einen knappen Kilometer mehr, dann hast du deine Distanz für die Staffel.“ Also setzte ich in den Laufeinheiten immer paar Hundert Meter drauf und die letzten beiden Läufe beliefen sich auf 10,2 Kilometer. Also Mama, entspann dich!

Das Shirt liegt bereit

HH-Staffel_Richter-Zentrale

Der Samstag vor dem Rennen

Es ist Samstag. Morgen steht der Marathon an. Spätestens am Abend vorher darf natürlich das Carbo-Loading nicht fehlen. Mein Bruder ist mittlerweile auch aus Potsdam angereist und checkt natürlich erst bei uns zu Hause, ob er auch seine Laufschuhe eingepackt hat. Ja, zum Glück - ich verdrehe die Augen.

Die Laufshirts mit dem aufgedruckten Richterzentrale-Logo (so heißt unsere Familiy-Gruppe bei Whatsapp) lagen schon ordentlich gefaltet bei jedem im Zimmer. Papa legt auch schon mal die Vaseline (damit auch nichts scheuert) bereit! "Papa... Du läufst doch nur 5 Kilometer " Aber das überhört er bewusst! Schließlich noch Lagebesprechung: Wo müssen wir wann sein, damit die Staffelübergabe reibungslos und rechtzeitig erfolgt? Plan im Kopf und hoffentlich auch in den Beinen!