Sabrina Mockenhaupt beendet Profi-Karriere

| Text & Fotos: Frank Steinseifer

Mit Sabrina Mockenhaupt macht jetzt eine der erfolgreichsten deutschen Langstreckenläuferinnen nach zwei Jahrzenten Schluss mit der Profilaufbahn. Doch die 38-Jährige will dem Laufsport weiter aktiv verbunden bleiben. Ihre neue sportliche Herausforderung: Gewichte schleppen und rennen beim "Hyrox".

Jetzt bei der Kraftausdauer-Challenge Hyrox am Start

Sabrina Mockenhaupt freut sich auch darauf, künftig etwas mehr Zeit für’s Privatleben zu haben. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrem Lebensgefährten in Metzingen auf der Schwäbischen Alb. Und sportlich, wie läuft’s da künftig bei „Mocki“? „Ich fühle mich wieder fit. Bergläufe, Trail-Run, ich will wieder etwas Neues ausprobieren.“

Seit Monaten bereitet sie sich auf eine neue, ganz besonders kraftraubende Herausforderung vor: „Hyrox“, eine bundesweite Kraftausdauer-Fitness-Challenge, mit acht schweißtreibenden Workouts, bei der Gewichte getragen, gezogen Medizinbälle in die Höhe geworfen und zwischendurch acht mal 1000 Meter gelaufen werden müssen. „Das Härteste was ich bisher gemacht habe.“

Am heutigen Samstag, am 15. Dezember 2018, steht „Mocki“ in Stuttgart, ausgerechnet in der Stadt, in der sie vor 17 Jahren ihren ersten Deutschen Meistertitel gewann, an der Startlinie zu dieser Fitness-Challenge. Erstmals seit vielen Jahren geht Deutschlands erfolgreichste Langstreckenläuferin nicht als amtierende Deutsche Meisterin und Favoritin ins Rennen. „Ein ungewohntes Gefühl, aber ich freue mich drauf.“

Das Gefühl ähnelt wohl ein bisschen dem, das sie vor 22 Jahren hatte. Damals schnürte Sabrina Mockenhaupt zum ersten Mal die Rennschuhe bei einem Wettkampf. Es war im Herbst 1996, da lief die zierliche, 15-jährige Schülerin aus Wilgersdorf bei Siegen, deren Lauftalent ihr Realschullehrer bereits in der 5. Klasse entdeckt hatte, beim Volkslauf in Hachenburg (Westerwald) über 6 Kilometer mit. Was als reiner Spaß begann, wurde für Sabrina Mockenhaupt wenig später zum Beruf und zur Passion.

10.000-Meter-Bestzeit bei Olympia 2008 in Peking – Acht Jahre in Folge immer unter 32 Minuten

Es war der Startschuss zu einer fast beispiellosen Karriere als Spitzensportlerin. In zwei Jahrzehnten als Profiläuferin sammelte die Siegerländerin, seit 2001 Sportsoldatin bei der Bundeswehr, 45 Deutsche Meistertitel über 3.000, 5.000, 10.000 Meter sowie im Straßenlauf und Crosslauf, nahm an drei Olympischen Spielen teil (Athen 2004, Peking 2008, London 2012), belegte vordere Platzierungen bei etlichen Europameisterschaften, stand bei über 50 internationalen Einsätzen im Nationaltrikot an der Startlinie und konnte Dank lukrativer Sponsorenverträge gut von ihrer großen Laufleidenschaft leben.

Zehn Jahre lang dominierte Sabrina Mockenhaupt den Langstreckenlauf der Frauen in Deutschland. „Ich habe unter meinem Heimtrainer Heiner Weber so gut trainiert, da konnte man mich nachts wecken, egal ob Deutsche Meisterschaften auf der Bahn, Straße, oder Cross, ob schlecht geschlafen oder müde vom Training - ich konnte jedes Rennen bei Deutschen Meisterschaften gewinnen. Ich bin acht Jahre lang immer unter 32 Minuten über 10.000 Meter gerannt, dass muss mir erst mal eine Läuferin nachmachen“, blickt „Mocki“ stolz und zufrieden auf ihre erfolgreiche Zeit zurück.

Ihr schönstes Wettkampferlebnis? „Ach, da gibt es so viele Rennen. Mein erster Deutscher Meistertitel über 5.000 Meter 2001 in Stuttgart, als ich als 20-Jährige völlig überraschend die große Favoritin Luminita Zaituc im Endspurt geschlagen habe und ich dann zu Hause in Wilgersdorf mit einem Autokorso empfangen worden bin. Schön war auch der zweite Platz bei der Cross-EM 2005 in Tilburg, aber das größte Erlebnis war natürlich der New York Marathon 2013, das war sicher das Rennen meines Lebens, als ich nach 1:16:10 Stunden für die erste Hälfte noch 1:13:00 Stunden draufgelaufen bin, nur mit dem Willen, die Qualifikation für die EM in Zürich 2014 zu packen. Dieser Marathon war mein mentales Meisterstück.“

Während „Mocki“ ihre Karriere auf der Tartanbahn nach Spitzenleistungen über 5.000 (14:59,88 min./Koblenz 2009) und 10.000 Meter (31:14,21 min./Peking 2008) bereits für beendet erklärt hatte, wäre die 38-Jährige noch im besten Marathonalter. Ob sie nach so vielen Jahren auf hohem Niveau nochmals an die Leistungsstärke von vor zehn Jahren – als sie in Berlin den Halbmarathon in 1:08:45 (2009) und den Marathon in 2:26:21 Stunden lief – hätte anknüpfen können, ist unwahrscheinlich.

Ganzheitliche Lauferlebnisse statt Hochleistungssport

Nach zigtausenden Laufkilometern, 180 bis zu 200 in der Woche, zwei mal täglichem harten Training, unzähligen Rennen, Entbehrungen und zuletzt vielen Rückschlägen aufgrund langwieriger Verletzungen, die der 1,55 Meter kleinen und 46 Kilogramm leichten Läuferin den Kampf zurück an die nationale Spitze immer mehr erschwerten, lässt Sabrina Mockenhaupt ihre Karriere als Leistungsläuferin nun auslaufen. Für ihr Leben nach dem Hochleistungssport schmiedet die mittlerweile 38-Jährige jetzt Zukunftspläne – sportlich und beruflich.

Schlagwörter wie „Karriere-Ende“ oder „Rücktritt“ mag sie in diesem Kontext überhaupt nicht in den Mund nehmen. „Das klingt so hart und endgültig. Ich höre ja nicht auf zu laufen. Ein Leben ohne Laufen kann ich mir gar nicht vorstellen. Mocki ohne Laufen, das wird es nicht geben“, erzählt sie lachend im Interview mit laufen.de in ihrer Wohnung in Wilnsdorf-Obersdorf zu ihren Zukunftsplänen, jedoch nicht ohne zu ergänzen, „ich will aber nicht mehr Hochleistungssport betreiben und mit Schmerzen laufen. Ich will ganzheitlich Sport treiben, ohne den ewigen Druck. Ich will künftig viel mehr auf meinen Körper und meine Gesundheit hören, nicht mehr über die Grenzen gehen müssen, Spaß am Laufen haben, Neues ausprobieren, mal Golf spielen, Skifahren lernen, mehr Zeit für mich, meine Freunde und meine Familie haben. Ich war doch fast nie da.“

Ganz „abschreiben“ sollte die viel jüngere nachrückende Konkurrenz Deutschlands erfolgreichste Langstreckenläuferin der letzten zehn Jahre dennoch nicht. „Ich trainiere noch jeden Tag, auch schnelle Tempoläufe. Nicht mehr 180, sondern nur noch 60 Kilometer. Aber wer weiß, vielleicht kommt ja doch noch mal ein Titel dabei heraus.“

Ein Berater hatte ihr für das Jahr 2019 zu einer Abschiedstour geraten, diesen Plan hat sie schnell verworfen. „Gut, da könnte ich nochmal richtig Geld machen. Aber ganz ehrlich, das interessiert mich nicht. Ich hätte wieder knüppelhart trainieren müssen, denn wenn ich diese Tour mache, dann will ich meinen Fans, den Veranstaltern und den Sponsoren ja auch etwas bieten und keine Kirmesveranstaltung daraus machen. Also lasse ich es ganz mit der Abschiedstour.“

Auch ihr letztes große Ziel, den Marathon-Familienrekord von Vater Alfred (2:24:59 Stunden/Hamburg 1988) zu unterbieten, ist längst abgehakt. „Ich bin ja nach all den Jahren schon ziemlich trainingsalt. Da fällt es immer schwerer, neue Reize zu setzen. Ich brauche immer mehr Zeit zur Erholung.“ Ihr Körper streikte aufgrund der hohen körperlichen Belastung in den letzten Jahren immer öfter.

Bereits im Januar 2012, als die damals 31-Jährige in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London einen Ermüdungsbruch im Fuß erlitt und pausieren musste. Oder beim EM-Marathon 2014 in Zürich,  als sie aufgrund der Schmerzen im Fußgelenk sogar aussteigen musste. Doch “Mocki” biss sich wieder durch, lief bereits im März den Halbmarathon in New York in 1:13:07 Stunden und den Hamburg-Marathon im April 2015 in 2:32:41 Stunden. Und wieder wurde sie durch Schmerzen im Fußgelenk gestoppt, im Mai 2015 folgte eine OP am Sprunggelenk. Nach Reha und nur kurzer Pause setzte sie sich mit Olympia 2016 das nächste Ziel.

Ein Fehltritt im Training sorgte kurz vor dem Jahreswechsel 2015/2016 erneut für eine Zwangspause. Diagnose: Fußbruch! Anschließend kämpfte sie sich wieder heran, trainierte hart, um unter Zeitdruck vielleicht doch noch die Qualifikation für Olympia in Rio de Janeiro zu schaffen. Der Traum von Olympia, die Teilnahme an den vierten Olympischen Spielen, zerplatzte dann im Juni 2016.

Ein Sportarzt in Stuttgart teilte ihr die Hiobsbotschaft mit: „Vorstufe zum Ermüdungsbruch im Becken!“ Erneute wochenlange Ruhe, kein Sport, keinerlei Belastung. Somit Absage der Leichtathletik-EM in Amsterdam und der Olympischen Spiele in Rio, für die sie noch keine Qualifikation hatte. 2017 stoppte ein Gesäß-Abszess der durch zwei Operationen entfernt werden musste die kleine Sportsoldatin, doch wieder zeigte sie Kämpferqualitäten, lief nur wenige Wochen später in Bad Liebenzell über 10 Kilometer zu ihrem 45. DM-Titel.

Nach dem überraschenden Rauswurf aus dem DLV-Bundeskader Ende 2017 folgte im Januar 2018 mit einem erneuten Fußbruch der nächste Rückschlag. Doch wieder rappelte sich „Mocki“ hoch, zeigte ihre Willensstärke, kehrte nach hartem Training zurück an die Deutsche Spitze, unterbot im Juni 2018 im niederländischen Leiden in 32:38,22 Minuten die EM-Norm über 10.000 Meter deutlich. „Nach diesem Rennen habe lange gebraucht, um mich wieder zu erholen. Ich war noch eine Woche später total platt“, erinnert sich die Obersdorferin und als ihr dann auch noch das EM-Ticket von der jungen Konkurrenz aus den Händen gerissen wurde, war der Traum von der fünften Europameisterschaft, vom letzten großen Rennen auf der blauen Bahn im Berliner Olympiastadion geplatzt.

Ende Juni 2018 war Sabrina Mockenhaupt in Regensburg extra an den Start gegangen, um die zu erwartende Attacke des neuen Laufwunders Alina Reh und der anderen „jungen Wilden“ auf der Bahn kontern zu können. Doch am Ende belegte sie nur den fünften Platz in 34:09,95 Minuten – und verlor ihren Startplatz in Berlin als nun Vierte der Jahresbestenliste. „Danach bin ich mental regelrecht in ein Loch gefallen und habe mich gefragt, wie es nun weitergeht.“ Rückblickend sagte sie: „Nach Verletzungen und Operationen habe ich im Training wieder viel zu früh Gas gegeben und meinem Körper wieder alles abverlangt, nur um schnell wieder in Form zu kommen. Das war ein Fehler.“

Auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen

Am 31. Dezember 2018 endet nach 17 Jahren ihre Zeit als Sportsoldatin und damit auch die Unterstützung durch die Bundeswehr. Für den Aufbau ihrer beruflichen Zukunft hat sie nun fünf Jahre Zeit, für diesen Zeitraum erhält sie von der Bundeswehr ein Übergangsgeld, das sie in ihre berufliche Aus- und Weiterbildung investieren kann. „Wenn ich jetzt einfach als Laufprofi weitermachen würde, verliere ich weitere Jahre für den Aufbau meiner beruflichen Zukunft. Das kann ich mir aber nicht leisten. Ich habe mit dem Laufen viel Geld verdient, aber ich bin ja nicht saniert.“

Motivationstrainer, Ernährungscoach, eine neue Herausforderung im Gesundheitsmanagement, Repräsentantin bei einer Sportartikelfirma, oder ein Fernstudium an der AKAD University in Stuttgart mit Schwerpunkt Marketing - es gibt Vieles, was sich Sabrina Mockenhaupt beruflich vorstellen kann. Auch eine Aufgabe als Trainerin und so hat sie sich bereits beim Württembergischen Leichtathletik-Verband für April 2019 zur Trainerausbildung angemeldet.

„Ab 1. Januar 2019 werde ich mit dem langjährigen Schweizer Online-Trainingsanbieter Running.COACH zusammenarbeiten. Mein Trainingswissen, dass ich mir über die vielen Jahre aufgebaut habe, steckt zu einem Teil auch in diesem Programm. Für Deutschland werde ich das neue Aushängeschild sein – sprich, wer sich registriert, trainiert nach der Mocki-Methode“.

Ehrlich, authentisch und unverstellt

Die quirlige Quasselstrippe, die die Welt am Sonntag einst als „Provinznudel mit dem gewissen Etwas“ betitelte, die sich auch in zwei Jahrzehnten im Profigeschäft nicht hat verbiegen lassen und ihr Herz noch auf der Zunge trägt, die im tiefsten Siegerländer Platt „schwätzt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist“, ist mit ihrer ehrlichen, authentischen und unverstellten Art als Gesprächspartner bei den Journalisten und ihren Fans weiterhin äußerst beliebt.

Auch als sympatischer Werbeträger und Influencer auf Facebook, Instagram und Youtube hat sie noch längst nicht ausgedient: Sponsorenverträge mit ihrem Verein LT Haspa Marathon Hamburg, dem Sportartikelhersteller Puma, der Firma Blackroll, dem Brillenhersteller Sziols, dem Laufuhrenhersteller Garmin sowie mit dem Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller Orthomol Sport laufen weiter. Auch einen Auftritt in einem TV-Format wie „Ewige Helden“ oder „Let’s Dance“ kann sich die begeisterte Freizeittänzerin sehr gut vorstellen, „nur das Dschungelcamp käme für mich nie in Frage“.

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