Silvesterläufe: Von Bietigheim bis Sao Paulo

| Text: Jörg Wenig | Fotos: imago images, Norbert Wilhelmi

Bunt und fröhlich geht es traditionell bei den Silvesterläufen zu. Während für das Gros der Teilnehmer der Spaß im Vordergrund steht, gab es auch einige Rennen, die spitzensportlich sehr gut besetzt waren. Hier liest du, wie die hochklassigsten Silvesterläufe fanden in Deutschland und der ganzen Welt ausgegangen sind.

Bietigheim (11,1 km): Hanna Klein überrascht Alina Reh

Für eine große Überraschung sorgte zu Silvester Hanna Klein. Die 26-jährige Läuferin der SG Schorndorf gewann das Rennen in Bietigheim über 11,1 km vor der favorisierten Alina Reh (SSV Ulm). Klein, die im Oktober erstmals bei einer WM an Start gegangen und in Doha über 5.000 m als Elfte ihres Vorlaufes ausgeschieden war, siegte mit 36:06 Minuten. Dabei ließ sie die 22-jährige Alina Reh - die EM-Vierte über 10.000 m von 2018 - sogar um eine volle Minute hinter sich. Reh wurde Zweite in 37:06, Rang drei belegte Thurid Gers (SCC Berlin) mit 39:19.
 
Auch im Rennen der Männer gab es in Bietigheim einen unerwarteten Sieger: Der 27-jährige Marcel Fehr (LG Filstal) gewann über die 11,1-km-Distanz in 32:57 Minuten knapp vor dem in Deutschland lebenden Äthiopier Mitku Seboka (LAC Quelle Fürth), der nach 33:02 im Ziel war. Platz drei belegte Thorben Dietz (LG Filstal) in 33:04. Nach seinem überzeugenden Rennen beim New York-Marathon, bei dem Arne Gabius (Therapie Reha Bottwartal) Anfang November Rang elf belegt hatte, war offensichtlich noch nicht wieder genügend Zeit, um in Form zu kommen. Arne Gabius belegte in Bietigheim Rang sieben in 34:01 Minuten. Für den deutschen Marathon-Rekordler (2:08:33 Stunden) geht es im Frühjahr um das Unterbieten der Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden.

Werl - Soest (15 km): Hendrik Pfeiffer siegt, Laura Hottenrott läuft Streckenrekord

Einen perfekten Jahresabschluss gab es für zwei deutsche Top-Athleten beim Silvesterlauf von Werl nach Soest: Über die 15-km-Distanz siegten die Marathon-Spezialisten Hendrik Pfeiffer und Laura Hottenrott, die beide für den TV Wattenscheid starten. Laura Hottenrott gewann das Rennen in 51:01 Minuten und unterbot damit den bereits 26 Jahre alten Streckenrekord von Claudia Metzner, die 1993 mit 51:12 gewonnen hatte. Die 27-jährige Hottenrott zeigte damit gute Form im Hinblick auf das Unterbieten der Marathon-Olympianorm, die bei 2:29:30 Stunden steht. Sie hat bisher eine Marathon-Bestzeit von 2:33:01, konnte aber in diesem Jahr verletzungsbedingt kein Marathon-Ergebnis vorweisen. Im direkten Duell setzte sich Laura Hottenrott auch gegen Fabienne Königstein (MTG Mannheim) durch, die in 52:17 Minuten Zweite wurde. Auch für sie geht es 2020 nach Verletzungsproblemen um die Olympia-Norm im Marathon. Platz drei belegte in Soest mit deutlichem Abstand Julia Kümpers (Aachener TG) in 54:13.
 
Hendrick Pfeiffer ging erstmals nach seinem Sieg beim Köln-Marathon im Oktober (2:15:19 Stunden) wieder an den Start und wurde seiner Favoritenrolle gerecht. Er gewann in 44:28 Minuten mit großem Vorsprung vor Habtom Tedros (TG Neuss/48:21) und Manuel Goerlich (LSF Münster/48:37). Auf für Hendrick Pfeiffer geht es im Frühjahr 2020 um die Olympia-Norm, die bei 2:11:30 Stunden steht. Der Silvesterlauf von Werl nach Soest ist das größte deutsche Rennen dieser Art. Rund 5.500 Läufer hatten gemeldet.

Trier (10 km und 5 km): Katharina Steinruck triumphiert, Amanal Petros Zweiter bei den Männern

Katharina Steinruck und Isaac Kimeli sind die Sieger des Silvesterlaufes in Trier. Während die deutsche Marathon-Spezialistin überraschend zu einem der größten Siege ihrer Karriere lief, verteidigte der kenianische Favorit, der für Belgien startet, seinen Titel.
 
Die 30-jährige Katharina Steinruck (LG Eintracht Frankfurt) gewann auf dem Rundkurs durch die Altstadt in Trier ein spannendes Duell gegen die Titelverteidigerin Elena Burkhard (LG Nordschwarzwald) mit nur einer Sekunde Vorsprung. Über die 5-km-Distanz lief Katharina Steinruck 16:10 Minuten und zeigte damit rund vier Wochen vor ihrem Start beim Osaka-Marathon viel versprechende Form. „Das war für mich ein tolles Rennen, das mir zeigt, dass ich gut drauf bin und mir ein schönes Gefühl Richtung Osaka gibt. Aber heute war es ein 5-km-Rennen und in Osaka wird es ein Marathon - das ist natürlich etwas anderes“, sagte Katharina Steinruck, die am 26. Januar in Osaka versuchen möchte, zum zweiten Mal die Marathon-Olympia-Norm von 2:29:30 möglichst deutlich zu unterbieten. Ende Oktober war sie in Frankfurt bereits 2:27:26 gelaufen.
 
Hinter der 3.000-m-Hindernis-Spezialistin Elena Burkhard, die rund 100 Meter vor dem Ziel von Katharina Steinruck überholt worden war und dann als Zweite 16:11 lief, wurde Sylvia Kiberenge (Kenia) in 16:21 Dritte. Auf Platz vier folgte mit Gesa Krause (Silvesterlauf Tier eV) die WM-Dritte über 3.000 m Hindernis. Sie war nach 16:22 Minuten im Ziel.
 
Ein ganz knappes Rennen gab es auch bei den Männern: Der aus Kenia stammende Belgier Isaac Kimeli setzte sich über 8 km in flotten 22:44 Minuten mit nur einer Sekunde Vorsprung vor Amanal Petros (TV Wattenscheid) durch, der nach 22:45 im Ziel war und einmal mehr eine überzeugende Leistung bot. Auf Rang drei folgte Ilyas Yonis Osman (Somalia) mit 22:48.
 
Auf seinen Start verzichten musste dagegen Richard Ringer (LC Rehlingen) aufgrund eines Achillessehnenproblems. Der 10.000-m-Europacupsieger von 2018 wird seit kurzem von Wolfgang Heinig trainiert, dem Coach von Gesa Krause und Vater von Katharina Steinruck.

Sao Paulo (15 km): Kibiwott Kandie bricht Paul Tergats Streckenrekord

Der Silvesterlauf-Klassiker schlechthin findet jährlich in Sao Paulo statt: Das 15-km-Rennen wurde am Dienstag zum 95. Mal gestartet. Im Rennen der Männer fiel dabei der fast 25 Jahre alte Streckenrekord des früheren kenianischen Superstars Paul Tergat. Er war 1995 in Sao Paulo 43:12 Minuten gelaufen. Sein Nachfolger bezüglich des Kursrekordes heißt Kibiwott Kandie. Der 23-jährige Kenianer gewann den Silvesterlauf in 42:59 nach einem Sprint-Duell mit nur einer Sekunde Vorsprung vor dem Crosslauf-Vize-Weltmeister Jacob Kiplimo (Uganda/43:00). Dritter wurde mit deutlichem Rückstand der Kenianer Titus Ekiru mit 43:54.
 
Im Rennen der Frauen setzte sich die große Favoritin klar durch: Brigid Kosgei, die im Oktober in Chicago den Marathon-Weltrekord auf 2:14:04 Stunden verbessert hatte, siegte in 48:54 Minuten. Die Kenianerin verpasste dabei den Streckenrekord um nur 19 Sekunden. Zweite wurde ihre Landsfrau Sheila Chelangat in 50:10 vor der Äthiopierin Alem Nigussie, die nach 50:10 im Ziel war.

Bozen (10 km und 5 km): Seltener Heimsieg, Tesfaye Achter, Frauen-Kursrekord eingestellt

Der Silvesterlauf in Bozen stand im Zeichen eines italienischen Sieges und eine hochklassigen Rennens bei den Frauen. 31 Jahre nach Salvatore Antibo hat erstmals wieder ein Italiener den BOclassic Südtirol gewonnen. Eyob Faniel, der für die Polizei-Sportgruppe startet, gab dem Top-Favoriten Telahun Haile Bekele auf der 10 Kilometer langen Strecke im Herzen der Bozner Altstadt völlig überraschend das Nachsehen. Der 27-Jährige, der in Eritrea geboren wurde, seit Februar 2004 aber in Italien lebt, lief von Beginn an ein beherztes Rennen.
 
Auf der Zielgeraden sah es noch so aus, als könnte sich Top-Favorit Telahun Haile Bekele (Äthiopien) vom „Azzurro“ lösen und absetzen. Doch Faniel ließ sich nicht abschütteln, verschärfte plötzlich selbst das Tempo, ließ Bekele stehen und setzte sich in 28:21 Minuten mit sieben Sekunden Vorsprung auf den WM-Vierten über 5000 m durch. Bekele war nach 28:28 im Ziel. Es war erst der dritte Triumph eines Italieners beim renommierten Bozener Silvesterlauf, nach Alberto Cova (1985) und eben Salvatore Antibo (1988). Platz drei belegte Amos Kipruto, der bei der WM in Doha Bronze über die Marathon-Distanz gewonnen hatte, mit 28:37.
 
Auf Platz acht lief Homiyu Tesfaye (Eintracht Frankfurt) in 29:18. Er lief den Silvesterlauf aus dem Marathontraining heraus. „Unter diesen Umständen ist es ein gutes Ergebnis und eine gute Platzierung“, sagte der aus Äthiopien stammende Läufer. „Wenn ich mich besser auf ein 10-km-Rennen vorbereite, wäre mehr möglich. Aber es hat Spaß gemacht.“
 
Bei den Frauen setzte sich Margaret Chelimo Kipkemboi aus Kenia durch. Die Vize-Weltmeisterin über 5000 m egalisierte mit einer Siegerzeit von 15:30 Minuten den Streckenrekord ihrer Landsfrau Agnes Tirop. Die Entscheidung war dabei wie bei den Männern erst auf den letzten Metern gefallen. Zweite wurde Vorjahressiegerin Netsanet Gudeta (Äthiopien), die nach 15:31 mit nur einer Sekunde Rückstand im Ziel war. Das Podium komplettierte Gloriah Kite (Kenia) mit einer Zeit von 15:32. „Das Rennen war sehr schnell. Den Streckenrekord einzustellen, ist natürlich eine tolle Sache“, sagte Margaret Chelimo Kipkemboi.

Peuerbach (6,8 km und 5,1 km): Eva Cherono vor Caterina Granz, Elzan Bibic überrascht

Gleich beide Streckenrekorde fielen beim Silvesterlauf im österreichischen Peuerbach. Vorjahressieger Davis Kiplangat oder 5.000-m-Star Robert Keter - wer wird gewinnen? Das schien die Frage vor dem Lauf der Asse zu sein. Doch schon nach der ersten Runde war klar: Da läuft noch einer mit. Elzan Bibic aus Serbien ließ die beiden favorisierten Kenianer nicht einfach dahinziehen, sondern blieb ihnen auf den Fersen. Runde für Runde baute das Trio seinen Vorsprung aus, bis nach 6.800 Metern die Sensation perfekt war und Bibic mit neuem Streckenrekord von 18:30 Minuten vor Robert Keter (18:33) und Davis Kiplangat (18:41) gewann.
 
„Das war ein geniales Rennen, ich bin so glücklich, danke danke an das Publikum für diese Mega-Unterstützung“, sagte der Serbe im Ziel. Er unterbot den sieben Jahre alten Streckenrekord von Leonard Komon (Kenia) um zwei Sekunden. „Ich weiß selber nicht genau, wie ich das geschafft habe, die beiden Kenianer haben mich so gepusht und ich habe einfach noch mal alles gegeben“, so der 20-jährige Bibic. Bester deutscher Läufer war Timo Benitz (LG Farbtex Nordschwarzwald) als Achter in 19:27.
 
Titelverteidigerin Eva Cherono gewann zum zweiten Mal in Folge in Peuerbach. Über die 5,1-km-Distanz war die Kenianerin die große Favoritin und wurde dieser Rolle souverän gerecht. Mit einer Zeit von 15:33 Minuten stellte Eva Cherono dabei auch einen Streckenrekord auf, nachdem sie die Marke vor einem Jahr um wenige Sekunden verpasst hatte. Die alte Marke hatte Ruth Jebet (Bahrain) vor zwei Jahren mit 15:38 aufgestellt. „Es war keine leichte Aufgabe, aber jetzt bin ich überglücklich“, sagte Eva Cherono.
 
Die 23-jährige Cherono, die bei der Cross-WM im Frühjahr einen starken achten Platz belegt hatte, löste sich in der dritten von sechs Runden von ihrer einzigen verbliebenen Konkurrentin: Das war die Mittelstrecken-Spezialistin Caterina Granz (LG Nord Berlin), die anfangs mutig ganz vorne mitlief, dann aber das Tempo nicht halten konnte. Sie belegte schließlich einen guten zweiten Platz in 16:04 Minuten vor Bojan Bjeljac (Kroatien/16:18) und Nina Lauwaert (Belgien/16:55). „Es war ein schwieriges Rennen für mich, weil ich ab der zweiten Runde alleine lief. Ich konnte nach zwei Runden leider nicht mehr mit Eva Cherono mithalten, aber das Publikum hat mich getragen“, sagte Caterina Granz.

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